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  • 30.12.2015 · 07:51

Gewagte MotoGP-Thesen 2015: Was die Experten sagen (2/2)

Hat Marquez langfristig nur Vinales als Gegner? Ist Bradl kein Podiumskandidat? Mick Doohan und Kevin Schwantz gehen weiteren MotoGP-Thesen auf den Grund

(Motorsport-Total.com) - Was wäre die MotoGP, wenn alle immer einer Meinung wären? Wie auch König Fußball und (fast) jede andere Sportart bezieht die Königsklasse auf zwei Rädern einen großen Teil ihrer Faszination daraus, dass es zwar am Ende einer Saison nur einen Weltmeister, aber dutzende Meinungen und noch mehr Perspektiven gibt - und meistens auch die eine oder andere Verschwörungstheorie. Und das Allerschönste daran ist, dass sich die Fans darüber in teilweise grenzwertig leidenschaftlich geführten Auseinandersetzungen gegenseitig die Schädel einhauen können (natürlich rein metaphorisch gesprochen). Frei nach dem Motto: Was wäre das Wembley-Tor ohne Schiedsrichter-Fehlentscheidung gewesen?

Jorge Lorenzo, Valentino Rossi

Neben den Topstars gibt es noch weitere MotoGP-Thesen zu besprechen Zoom

Das haben wir uns zum Anlass genommen, im Rahmen unseres Jahresrückblicks 2015 19 Thesen aufzustellen, teilweise sehr provokant formuliert, und wir haben die Motorrad-Legenden Mick Doohan und Kevin Schwantz damit konfrontiert. Diese hatten Gelegenheit, die Thesen mit "Stimmt, weil..." oder "Stimmt nicht, weil..." zu kommentieren - und ihre Meinung kompakt zu begründen. Das Ergebnis ist hochinteressant, bringt teilweise spannende Gedankenansätze zutage und liefert unseren Usern sicher Stoff für weitere Diskussionen. Aber lesen Sie selbst!

Nachdem wir im ersten Teil des Features die kontroversen Geschehnisse rund um Valentino Rossi, Marc Marquez und Jorge Lorenzo besprochen haben, stellen wir heute elf weitere Thesen zur Diskussion. Unsere beiden Experten Doohan (fünffacher 500er-Weltmeister) und Schwantz (Weltmeister 1993) werden unter anderem mit Behauptungen zu Ducati, Suzuki und Stefan Bradl konfrontiert.

These #9: Ducati verfolgt mit der GP15 wieder den richtigen Weg.

Mit der komplett neu entwickelten GP15 überraschte Ducati vor allem in der ersten Saisonhälfte. Andrea Dovizioso eroberte beim Saisonauftakt in Katar die Pole-Position und verpasste beim Nachtrennen den Sieg hauchdünn. Mit zweiten Plätzen in den ersten drei Rennen war der Italiener voll konkurrenzfähig, aber dann brachen die Leistungen ein. Ducati schaffte nicht den ersehnten Sieg. "Vielleicht waren die Fahrer zu Beginn motiviert und haben mehr gepusht", rätselt Schwantz. "Es ist für mich schwierig zu beurteilen."

Andrea Dovizioso, Andrea Iannone

Ist Iannone und nicht Dovizioso das künftige Zugpferd von Ducati? Zoom

"Abgesehen von Iannone zu Saisonende hatte es den Eindruck, dass Dovi das Motorrad nicht so mag. Ich glaube, die neue Version passte besser zu Iannone als zu Dovi", versucht der Weltmeister von 1993 eine Begründung für die unterschiedlichen Formkurven zu finden. Doohan hofft, dass Ducati langfristig wieder eine große Rolle an der Spitze spielen wird: "Auf dem Papier sieht es danach aus, dass sie konkurrenzfähig sein können."

These #10: Andrea Iannone ist ein potenzieller Weltmeister, Andrea Dovizioso ist es nicht.

Der einzige MotoGP-Sieg von Dovizioso (Donington 2009) ist schon eine gefühlte Ewigkeit her. Iannone wirkte 2015 frischer, machte kaum Fehler und griff beherzt an. Ist er für Ducati der Mann der Zukunft? "Iannone hat in diesem Jahr gezeigt, dass er sehr gute Ergebnisse holen kann. Auch Dovizioso ist sehr schnell, aber seine Situation ist ähnlich zu Pedrosa", findet Doohan. "Beide hatten vielleicht nicht das nötige Glück. Dovizioso gehen langsam die Chancen für einen WM-Titel aus, aber er hat sicherlich das Potenzial."

Auch Schwantz attestiert Iannone das Potenzial für den WM-Titel, aber "ich glaube auch, dass er es nicht auf der Ducati ist. Dovi ist schon lange dabei. Im richtigen Team könnte er konstant vorne dabei sein und wäre ein Titelanwärter." Ob Ducati für Dovizioso das richtige Team ist, lässt Schwantz offen. Bei Honda und Yamaha werden sich für den Routinier ohnehin keine Chancen mehr auftun.

These #11: Ohne Luigi Dall'Igna wird Aprilia nie erfolgreich sein.

Luigi Dall'Igna war bei Aprilia der Kopf hinter den Erfolgen in der Superbike-WM. Seit Ende 2013 ist der Mastermind bei Ducati und soll die "Roten" zurück an die Spitze führen. Bei Aprilia hat Romano Albesiano dessen Nachfolge angetreten. Der neue MotoGP-Prototyp wird 2016 zeigen, ob Aprilia auch in der MotoGP erfolgreich sein kann. "Ich habe keine Ahnung. Ich kenne das Team nicht", kann Doohan die Situation nicht einschätzen.


Fotos: MotoGP-Finale in Valencia, Girls


Dagegen glaubt Schwantz, dass sich Aprilia etablieren kann. Dafür muss aber das Umfeld passen: "Wenn Aprilia die richtigen Fahrer und gute Ingenieure bekommt, können sie es schaffen. Sie haben es in der Superbike-WM bewiesen. Jetzt stecken sie alle Ressourcen in die MotoGP und ich glaube, dass sie ein Siegermotorrad bauen können." Der neue Prototyp wird Anfang Februar beim Sepang-Test erstmals auf der Strecke sein.

These #12: Maverick Vinales ist der einzige Fahrer, der Marc Marquez in den nächsten zehn Jahren ernsthaft herausfordern kann.

Dem Rookie des Jahres wird eine große MotoGP-Zukunft vorausgesagt. Die Karrieren von Rossi, Lorenzo und Pedrosa werden nicht mehr ewig dauern. Wird die Szene im kommenden Jahrzehnt von Marquez und Vinales beherrscht? "Das zu sagen ist noch etwas zu früh", drückt Doohan auf die Bremse, ergänzt aber: "Er zeigt, dass er ein brillantes Fahrkönnen hat. Man muss aber abwarten, wie sich die nächsten zwölf Monate entwickeln. Wenn sein Bike konkurrenzfähig ist, dann wird man sehen, wie er in den Rennen agieren wird."

Maverick Vinales

Maverick Vinales wird von vielen als künftiger MotoGP-Champion gesehen Zoom

Und auch Schwantz bescheinigt Vinales das nötige Talent: "Ich stimme zu, dass Vinales Marquez herausfordern kann. Ich glaube aber nicht, dass er der einzige sein wird. Es gibt viele talentierte Fahrer. Vielleicht kommt jemand, den wir noch gar nicht kennen. Niemand weiß, wie sich Moto2-Fahrer auf die großen Maschinen einstellen. Vielleicht ist jemand in der MotoGP besser als in den kleinen Klassen."

These #13: Aleix Espargaro ist ein Qualifyer, aber kein Racer.

Mit der Pole-Position in Barcelona fuhr Espargaro Suzuki ins Rampenlicht. Aber in den Rennen kann er in der Regel nicht an solche Leistungen anknüpfen. Auch andere Fahrer kritisieren, dass Espargaro nur für eine Runde super schnell ist, im Rennen aber wenig konstant ist. "So sieht es aus", stimmt Doohan den Kritikern zu. "Ich glaube aber, dass die Suzuki noch nicht so schnell wie Yamaha und Honda ist. Mit den weichen Reifen hat er die Fähigkeiten, die Suzuki auf Pole zu stellen. Im nächsten Jahr könnte die Suzuki dank der neuen Elektronik etwas besser sein und seine Ergebnisse werden konstanter."

Suzuki-Ikone Schwantz geht dagegen mit Espargaro nicht so hart ins Gericht: "Ich denke schon, dass Aleix ein Racer ist. Vielleicht hat er sich in der zweiten Saisonhälfte zu sehr auf seinen Teamkollegen konzentriert, der den Druck erhöht hat. Aleix muss sich auf die Konstanz im Rennen konzentrieren und nicht auf die eine schnelle Runde. Die Suzuki hatte noch Mühe mit der Elektronik, der Launchkontrolle und so weiter. Maverick hat gezeigt, dass er in den nächsten fünf Jahren der Fahrer ist, auf den sich Suzuki konzentrieren muss."

These #14: Stefan Bradl ist nicht gut genug, um regelmäßig auf das Podium zu fahren.

Eine Pole-Position und ein zweiter Platz in drei Jahren beim Honda-Kundenteam LCR waren zu wenig. Bei Forward-Yamaha und nun bei Aprilia startete 2015 für Stefan Bradl ein neues Kapitel in seiner Karriere. In Internetforen ist oft zu lesen, dass der Deutsche kein Weltklassefahrer ist. Aber stimmt das so? "Ehrlich gesagt ist er enttäuschend", seufzt Doohan. "Stefan sah sehr vielversprechend aus. Aus bestimmten Gründen konnte er es nicht in Ergebnisse umsetzen. Er ist aber noch jung und kann noch viele Jahre fahren. Vielleicht findet er die richtigen Ingredienzien, um erfolgreich zu sein. Für Deutschland und den Sport wäre es wunderbar, wenn er diese kleinen Fortschritte finden würde."

Stefan Bradl

Stefan Bradl erlebte eine turbulente MotoGP-Saison 2015 Zoom

Für die Popularität des Motorradrennsports in Deutschland wäre ein erfolgreiches Aushängeschild wichtig. Schwantz traut Bradl zu, diese Rolle einzunehmen: "Stefan ist talentiert genug, um in der MotoGP um Podestplätze kämpfen zu können. Mit einer Forward-Yamaha wird ihm das natürlich nicht gelingen. Im LCR-Team war es vielleicht schwierig und es war vielleicht zu früh in seiner Karriere."

"Stefan hat sicher das Potenzial und braucht die richtige Möglichkeit", ist der Weltmeister von 1993 überzeugt. "Er ist auch realistisch genug, um die Situation einzuschätzen. Riskiert man alles, um in die Top 15 zu kommen und einen WM-Punkt abzustauben? Das hat keinen Sinn. Aber man riskiert sicherlich mehr, wenn man einige Plätze gutmachen kann. Jeder möchte natürlich in den Top 3 kämpfen. Wenn man nicht das Material dafür hat, dann ist es bestimmt entmutigend."

These #15: Casey Stoner ist wieder bei Ducati, weil er ein Comeback vorbereitet.

Im nächsten Jahr ist der zweifache MotoGP-Champion zurück bei Ducati und nimmt neben Michele Pirro die Rolle des Testfahrers ein. Sofort tauchten Gerüchte auf, dass Stoner auch Rennen fahren wird - zumindest einige Wildcard-Starts. Mick, weißt du mehr über die Pläne deines Landsmanns? "Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass er zurückkehren will", dämpft Doohan die Euphorie. "Er wird nur Tests absolvieren." Schwantz lässt das Stoner-Thema komplett kalt: "Eigentlich ist es mir egal. Wer weiß es, vielleicht gibt er ein Comeback."

Casey Stoner

Wird Casey Stoner mit Ducati wieder Rennen bestreiten? Zoom

Dass es zu keinem Renncomeback kommen wird, dafür gibt es laut Doohan logische Gründe: "Ich denke, dass er schon zu lange weg ist. Wenn er noch ein weiteres Jahr nicht fährt, dann ist die Pause schon zu lang. Vielleicht gibt es 2016 eine Möglichkeit für Renneinsätze. Er hat sicherlich den Grundspeed, aber jede Woche gegen die Topstars zu kämpfen, wird sehr schwierig." Trotzdem hält er es nicht für unmöglich: "Es sind schon seltsamere Dinge passiert..."

These #16: Mit dem Wechsel von Nicky Hayden in die Superbike-WM wird es viele Jahre keinen US-Amerikaner in der MotoGP geben."

In den vergangenen Jahrzehnten spielten die US-Boys eine große Rolle in der Motorrad-WM. Kenny Roberts, Freddie Spencer, Eddie Lawson, Randy Mamola, Kevin Schwantz und Wayne Rainey sind Legenden des Sports. Neue Talente mit diesem Format sind derzeit nicht in Sicht. "Wenn Jack Miller den Sport verlässt, dann könnte es auch jahrelang keinen Australier geben", wirft Doohan ein. "Die USA und Australien hatten in den vergangenen Jahrzehnten eine große Geschichte. Jetzt haben wieder die Europäer das Sagen."

Ein Mitgrund dafür ist vor allem der Niedergang der Superbike-Serie in den USA. AMA/MotoAmerica spielt seit Jahren kaum noch eine Rolle. "Hier in Amerika sucht niemand mehr nach talentierten jungen Fahrern", sagt Schwantz über die bedauernswerte Situation in seiner Heimat. "Kein Hersteller ist involviert. Man braucht die Unterstützung der Hersteller, wie es bei mir, Lawson und Rainey der Fall war. Vielleicht ist die Meisterschaft jetzt mit Wayne Rainey in den richtigen Händen. In dieser Saison habe ich aber keine Verbesserungen gesehen. Es ist ein trauriger Tag für den amerikanischen Rennsport."

These #17: 2016 sind es zehn Jahre, seit zum letzten Mal ein Kundenfahrer gewonnen hat. Die neuen Regeln werden die Situation verändern.

Mick Doohan

Mick Doohan war zwischen 1994 und 1998 fünfmal in Folge 500er-Weltmeister Zoom

"Wer war das? Das ist so lange her, dass ich mich gar nicht erinnern kann", räumt Doohan verwundert ein. Tatsächlich muss man in den Geschichtsbüchern blättern, bis man auf ein denkwürdiges Rennen stößt: In Estoril 2006 schnappte Toni Elias mit der Gresini-Honda Valentino Rossi den Sieg vor der Nase weg. Seither gewannen nur Werksfahrer. Vor allem die Einheitselektronik soll die Chancengleichheit im Feld verbessern und den Privatfahrern entgegenkommen.

"Die ersten Testfahrten haben gezeigt, dass es vielleicht möglich wird", hält Doohan ein ausgeglichenes Feld nicht für ausgeschlossen. "Es ist aber noch zu früh zu sagen, wir müssen die Tests im Februar abwarten." Und auch Schwantz würde sich verschiedene Sieger wünschen: "Ich hoffe, dass die richtigen Entscheidungen getroffen wurden, damit nicht immer die gleichen vier Fahrer vorne sind."

These #19: Weniger Elektronik sorgt für aufregendere Rennen.

"Keine Elektronik wäre großartig", wirft Schwantz schmunzelnd in den Raum. Dazu wird es aber nicht kommen, die neue Einheitselektronik ist dennoch ein Schritt um sieben bis acht Jahre zurück. "Die großen Teams werden nicht so einen großen Vorteil haben", glaubt Doohan. "Die Topfahrer können auch mit eingeschränkter Elektronik fahren. Hoffentlich führt es zu besseren Rennen, damit dem Sport wie jetzt zu Saisonende große Aufmerksamkeit zuteil wird."

These #20: Wer war der beste Fahrer aller Zeiten?

Kevin Schwantz

Kevin Schwantz wurde 1993 mit Suzuki 500er-Weltmeister Zoom

Zum Abschluss unseres Gesprächs haben wir noch jeweils eine Frage gestellt: "War Kevin Schwantz der beste Fahrer aller Zeiten?" "Ich stimme zu", lacht der US-Amerikaner und verweist dann auf seinen damaligen Konkurrenten Wayne Rainey: "Vielleicht war ich der zweitbeste Fahrer aller Zeiten."

Die gleiche Frage ging auch nach Australien: "War Mick Doohan der beste Fahrer aller Zeiten?" "Natürlich", lacht Doohan. "Ich bin aber nicht jemand, der so spricht. Ich hatte eine tolle Zeit. Ich habe nie ein Rennen mit dem Gedanken gestartet, dass ich Zweiter werde. Wer war der Beste aller Zeiten? Ist es Rainey, Rossi, Lawson - es gab so viele großartige Fahrer! Leider können wir nicht alle gemeinsam auf die Rennstrecke schicken. Ich hatte eine tolle Zeit und viel Spaß. Ich bin dem Sport sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, einige WM-Titel zu gewinnen."

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