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Kolumne: Rennfahren in Macao - Fluch oder Segen?

Ein Rennwochenende zwischen Faszination und Wahnsinn: Redakteur Stefan Ziegler schildert, wie er Macao erlebt und was er von der dortigen Veranstaltung hält

WTCC Start in Macao

WTCC in Macao: Die Rennen dort sind der Saisonhöhepunkt der Weltmeisterschaft Zoom

Liebe Leser,

irgendwo über Ostasien. Da befinde ich mich, wenn Ihr diese Zeilen lest. Denn ich bin wieder einmal unterwegs an die Rennstrecke und warte darauf, dass mich mein Flieger in Hongkong absetzt. Eine Stunde bringe ich anschließend an Bord einer Fähre zu, dann erreiche ich mein Reiseziel: Macao. Es ist bereits mein siebter Besuch dort. Dennoch ist Macao jedes Mal aufs Neue etwas ganz Besonderes.

Von allen Stadtkursen, die es gibt, ist der Guia Circuit der wohl verrückteste. In der Mandarin-Kurve sind die WTCC-Fahrzeuge so schnell wie nirgendwo sonst, in der Melco-Haarnadel so langsam wie nirgendwo sonst. Auslaufzonen gibt es so gut wie keine, dafür sehr eng stehende, schwarz-gelbe Leitplanken und einen krassen Gegensatz zwischen Topspeed-Passagen und Kurvengeschlängel.

Und all das vor der einmaligen Kulisse der umsatzstärksten Kasinostadt der Welt. Ja, ganz genau: Las Vegas ist nur die Nummer zwei hinter Macao. Ich leiste alljährlich einen kleinen, bescheidenen Beitrag dazu. Mit dem Maximalbudget von 50 Euro spaziere ich, meist am Sonntagabend nach Siegerehrung und WM-Party, in eine der Spielhöllen und versuche mich am Roulette. Glücksspiel gehört hier einfach dazu.

Glück und Pech in der Spielerstadt

So ist es auch auf der Strecke. Du bist gerade auf deiner schnellen Qualifying-Runde, aber plötzlich siehst du gelbe Flaggen? Pech gehabt! In Macao ist das besonders bitter, denn ein Umlauf dauert etwa 2:30 Minuten. Und irgendwo eckt immer einer an. Der Guia Circuit ist einfach zu fordernd, als dass eine komplett fehlerfreie Runde gelingt. Die Kratzer an den Rückspiegeln der Autos sprechen Bände.

Rote Ampeln

Rote Ampeln in Macao: Unfälle gibt es dort oft, leider auch immer wieder Verletzte... Zoom

Für die Piloten ist es gerade dieser Reiz, das Spiel mit der Gefahr, was Macao ausmacht. Das Fahren am absoluten Limit. Immer in dem Bewusstsein, dass es richtig wehtun kann, wenn es mal schiefgeht. Und klar ist in Macao eigentlich nur: Früher oder später wird es am Wochenende heftig krachen. Aus diesem Grund reise ich nicht nur mit Vorfreude, sondern auch mit gemischten Gefühlen dorthin.

Am meisten gefährdet sind in Macao natürlich die Motorrad-Fahrer. Ohne Knautschzone und ohne Reifenstapel bedeutet ein Unfall meist eine sehr harte Landung inklusive Transfer ins Krankenhaus. Wir Reporter fürchten daher die Momente, in denen es leise wird am Guia Circuit. Das heißt dann nämlich nichts anderes als: rote Flaggen. Es hat wieder mal einen erwischt. Hoffentlich nicht schwer.

Die Angst vor dem nächsten Unglück

Wie es ausgegangen ist, erfahren wir Pressevertreter spätestens, wenn das komplette Grand-Prix-Komitee im Media Center vorstellig wird. Das habe ich in meinen sieben Macao-Jahren leider schon einige Male miterlebt. Zu sehen, wie Rennchef Joao Antunes sein Statement vor sich zurechtlegt. Zu hören, wie er mit Bedauern den Tod eines Piloten verkündet. Aber: The show must go on. Gerade in Macao.


Fotostrecke: WTCC Backstage: Macao

Und das geht so: Kaum hat sich wieder ein schrecklicher Unfall ereignet, schon wird der Guia Circuit als "nicht mehr zeitgemäß" abgestempelt. Woraufhin die Verantwortlichen ihrerseits traditionell zu bedenken geben, dass die Strecke offiziell abgenommen worden und dass sich jeder Teilnehmer des großen Risikos bewusst sei. Dabei sind in Macao nicht nur die Zweirad-Fahrer einer Gefahr ausgesetzt.

2012 starb Tourenwagen-Pilot Phillip Yau bei einem vergleichsweise harmlos aussehenden Crash in der schnellen Mandarin-Kurve - in einem Chevrolet Cruze, der Jahre zuvor als WTCC-Werksauto am Start gewesen war. Und schneller als die WTCC sind in Macao noch die GT3-Autos und natürlich die Formel 3. Für alle ist es ein Ritt auf der Rasierklinge, ein Rennfahren an der Schwelle zur Tragödie.

Muss das wirklich sein?

Muss das sein? Das ist eine berechtigte Frage. Ich stelle sie mir jedes Mal, wenn ich nach Macao reise. Zu diesem schieren Wahnsinn auf zwei und vier Rädern. Zu diesem sicherheitstechnischen Albtraum. Zu dieser verrückten Rennveranstaltung, die überhaupt keine gute Idee zu sein scheint. Und dennoch: Ich liebe den Macao-Grand-Prix, diese einmalige Atmosphäre, diese spezielle Faszination.

Jordi Gene

Immer wieder Macao: Die WTCC zog es bisher in jedem Jahr ins Spielerparadies Zoom

Wie kann ich das erklären? Gar nicht so einfach! Man muss es wohl einfach erlebt haben. Wie dich das Geräusch der Motorrad-Motoren am frühen Morgen aus dem Hotelbett wirft. Wie die Fahrzeuge im Meterabstand hinter den Leitplanken an deinem Gehweg vorbeipfeifen. Wie die Piloten nach einer Session mit leuchtenden Augen ab- oder aussteigen. Und wie die Rennsaison langsam zu Ende geht.

Irgendwo in Asien. Wo die Chinesen ihre Hongkong-Dollar-Scheine gleich im Bündel loswerden. Wo in jedem Jahr größere Hotelkomplexe gebaut werden, noch mehr schillernde Lichter blinken und immer gewaltigere Kasinoburgen stehen. Und wo sich einmal pro Saison eine Gruppe von Rennfahrern einfindet, um sich auf dem ultimativen Stadtkurs zu beweisen. Willkommen in Macao, wo der Wahnsinn zuhause ist.

Beste Grüße & - trotz allem - viel Freude mit dem WTCC-Saisonfinale!

Euer


Stefan Ziegler

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