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Kolumne: Mein "Praktikum" bei der WTCC-Logistik

Mal selbst anpacken beim Transport einer Rennserie in Übersee: Stefan Ziegler schreibt über seine Erlebnisse als "Praktikant" der WTCC-Logistik in China

WTCC, Container, Ziegler

Redakteur Stefan Ziegler rückt der Plombe mit einem Bolzenschneider zu Leibe Zoom

Liebe Leser,

mit der Zieldurchfahrt und der Siegerehrung ist das Rennwochenende vorbei. Zumindest für die Zuschauer. Wir Medienvertreter sind dann aber erst richtig eingespannt. Denn für uns beginnt die Nachberichterstattung. Am meisten beschäftigt sind nach dem Rennen aber die Teams. Und daran denkt fast niemand, wenn er den Fernseher ausmacht. Dabei muss eine Rennserie ja von A nach B.

Wie das geht, das habe ich mir in Peking und Schanghai angesehen. Und mein Blick hinter die Kulissen der WTCC hat sich sehr gelohnt. An dieser Stelle möchte ich meinen beiden deutschen Landsleuten Holger Krätzig und Ralf Weischedel meinen herzlichen Dank aussprechen. Sie haben mir eine einmalige Tour gegeben, bei der ich auch selbst mit anpacken durfte. Ein spannendes Erlebnis!

Die Unbekannten im Hintergrund

Interessant war alleine schon, den Sonntagabend mal nicht im Hotel, sondern an der Rennstrecke zu verbringen. Zu sehen, was vor Ort eigentlich noch alles passiert, wenn die Öffentlichkeit nicht mehr zuschaut. Zu erfahren, wie das "Rennen nach dem Rennen" vonstatten geht. Zu erleben, was es heißt, ein Rennfahrzeug zu verladen. Und zu fühlen, wie müde man zu fortgeschrittener Stunde wird.

WTCC, Container

Im Hintergrund: Was die Crews hinter den Kulissen leisten, ist bemerkenswert Zoom

Man vergisst ja gern, dass die Personen, die am Sonntagabend den Abbau bestreiten und die Container beladen, auch diejenigen sind, die am Rennwochenende von morgens bis tief in die Nacht an den Autos schrauben. Sie haben an einem Sonntag also schon einen langen Tag hinter sich, bis sie noch einmal richtig harte körperliche Arbeit verrichten müssen. Dafür gebührt ihnen mein Respekt!

Ich kann nach meinem "Praktikum" nicht behaupten, zu wissen, wie sie sich am frühen Montagmorgen fühlen. Einen kleinen Eindruck von der Arbeit, die die Crews beim Verladen verrichten, habe ich aber doch gewonnen. Bereits das Auf- und Zuwuchten der Container schlaucht gewaltig, denn die Türen klemmen oft. Und auch für den Einsatz von Brechstange und Druckluftnagler braucht es Kraft und Ausdauer.

Erst ein Gegeneinander, dann ein Miteinander

Natürlich ganz zu schweigen davon, dass die Teams ihre Ausrüstung erst noch verpacken und dann noch in den Container schaffen müssen. Bei Dunkelheit und nur unter spärlicher Beleuchtung. Man ist ohnehin schon geschafft vom Renntag, muss aber trotzdem noch voll konzentriert sein. Denn überall herrscht Gewusel: Alle Teams laden gleichzeitig, hier ein Gabelstapler, dort noch ein Rollwagen.

Da ist Aufmerksamkeit gefragt. Und Rücksicht. Doch gerade in diesen Augenblicken beweisen die Teams, dass eine Rennserie abseits des Wettbewerbs durchaus eine "Familie" sein kann: Schnell mal ein Werkzeug borgen? Kein Problem! Sich absprechen, damit man sich nicht gegenseitig über den Haufen manövriert? Selbstverständlich! Dergleichen ist mir als sehr bemerkenswert aufgefallen.


Fotostrecke: WTCC-Logistik in Übersee (1/2)

Gleiches gilt für die "technischen" Abläufe der Prozedur. Einfach nur rein mit den Kisten in den Container und gut ist - so läuft es eben nicht. Die Plombe, um die Behälter zu versiegeln, ist aber nur ein ganz kleiner Teil davon. Denn mir ist natürlich nicht entgangen, wie viel Koordination Holger und Ralf im Hintergrund zu erledigen haben. Die lokalen Spediteure machen es ihnen wirklich nicht einfach.

Logistik ist kein Wochenend-Job

Und dass es spontan ganz anders kommen kann, als es vorher verabredet wurde, das habe ich mehrfach selbst miterlebt: Um "5:58 Uhr" sollten wir in Schanghai zum Absetzen der Container antreten, doch der erste Container kam erst um 8:04 Uhr auf den Boden. Und weil die bestellten Arbeiter nicht kamen, haben Ralf und ich selbst einen Metallbügel an einer Containertür abgeflext.

Die Tätigkeit von Holger und Ralf an einem Rennwochenende ist übrigens nur der kleinste Teil ihres Aufgabengebiets. Das sei an dieser Stelle nochmals betont. Denn sie sind auch für die Planung des Rennkalenders verantwortlich - und für die Durchführung sämtlicher Transfers von einer Strecke zur nächsten. Wie in China, als die Container per Lastwagen von Peking nach Schanghai gebracht wurden.


Fotostrecke: WTCC-Logistik in Übersee (2/2)

All das ist schon ein gewaltiges Unterfangen. Dessen wurde ich mir erst richtig bewusst, als ich vor Ort die schiere Menge an Fracht gesehen habe. 35 40-Fuß-Highcube-Container - ein durchaus stolzer Anblick! Sie noch am Sonntagabend in Peking stehen und am Mittwochmorgen bereits in Schanghai ankommen zu sehen, das hat mich beeindruckt. So wird der Begriff "Rennlogistik" wirklich greifbar.

Einmalige Einblicke

Da sieht man auch "Back-to-Back"-Veranstaltungen, also Rennwochenenden mit nur einer Woche Abstand zwischen den Renntagen, in einem völlig anderen Licht. Die Formel 1 mag dergleichen mit einem ungleich größeren finanziellen und personellen Aufwand locker stemmen. Aber die WTCC, wo Budget und Personen in weitaus geringerem Maß zur Verfügung stehen, braucht eben ihre Zeit dafür.

WTCC, Container

Steht ein Meisterauto auf dem Hof: Der Citroen von Lopez kurz vor dem Verladen Zoom

Zeit, die ich in Peking und Schanghai mit den unmittelbar Beteiligten verbringen durfte. Für diesen interessanten Einblick hinter die Kulissen bin ich Holger und Ralf sehr dankbar - und natürlich auch den Crews im Fahrerlager, die auf den "Praktikanten" Rücksicht genommen und mich Hand anlegen ließen. So konnte ich Euch davon berichten und Euch diese spezielle Facette des Motorsports aufzeigen.

Ich hoffe, Euch hat diese kleine Tour durch die Container-Welt der WTCC gefallen. Gebt mir gern Rückmeldung dazu - mit einem Kommentar unter dieser Kolumne oder auf Twitter via @MST_StefanZ. Und vielleicht gibt es da ja noch etwas, was Euch an einer Rennserie interessiert, ob auf oder abseits der Rennstrecke. Wenn ja, dann lasst es mich ruhig wissen. Ich bin immer wieder gern "Praktikant"... ;-)

Beste Grüße, vielen Dank an Holger und Ralf & allzeit gute Reise!

Euer


Stefan Ziegler

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