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Armin Schwarz analysiert die Deutschland-Rallye

Stallorder und Stallduell bei Citroen, Probleme bei Ford und der erste Podestplatz von MINI - Die große Analyse der Rallye Deutschland mit Armin Schwarz

(Motorsport-Total.com) - Die Deutschland-Rallye lockte wieder tausende Zuschauer an die Straßenränder und ins Zentrum von Trier. Geboten bekamen sie ein Spektakel von Sebastien Loeb, Sebastien, Ogier, Dani Sordo und Co. Bei Citroen wurde trotz der Stallorder weiter intern gekämpft, bis sich nach Loebs-Reifenschaden Ogier zum Sieger krönte. Während bei Ford nicht viel zusammenlief, sorgte Dani Sordo für die große Überraschung. Bei der erst dritten Rallye für den neuen MINI kletterte der Spanier erstmals auf das Podium. 'Motorsport-Total.com'-Experte Armin Schwarz analysiert im Gespräch die Hintergründe der Deutschland-Rallye.

Armin Schwarz verfolgt das Rallyegeschehen aus nächster Nähe Zoom

Frage: "Wie sieht dein allgemeines Fazit von der Deutschland-Rallye aus?"
Armin Schwarz: "Die Veranstaltung war wie immer perfekt vorbereitet. Ich schätze dennoch, dass diesmal etwas weniger Fans dabei waren als die letzten Jahre. Das könnte daran liegen, dass in ein paar Wochen ein Lauf in Frankreich stattfindet. Vielleicht überlegen sich dann die Fans, ob sie die Rallye Deutschland, oder Frankreich besuchen sollen."

Frage: "Kurz vor Rallye-Start wurde die Vertragsverlängerung von Sebastien Loeb bei Citroen bekanntgegeben. Es sollen auch Gespräche mit Volkswagen stattgefunden haben."
Schwarz: "Ich glaube nicht, dass es da viele Gespräche gegeben hat. Ich schätze, dass man sich unterhalten hat, ob eine Zusammenarbeit gehen könnte und ob es gemeinsame Ansatzpunkte gibt. Ich glaube aber nicht, dass es da große Verhandlungen gegeben hat. Seit Jahresbeginn stand bei Sebastien im Raum, ob er bei Citroen bleibt oder nicht, und ob er weiterfährt oder nicht."

Frage: "Interessant war, dass kurz nach der Vertragsverlängerung am zweiten Tag der Rallye eine Stallorder ausgesprochen wurde. Böse Zungen behaupten, dass sich Loeb eine 'Schumacher-Klausel' in den Vertrag schreiben hat lassen. Was hältst du davon, oder ist die Stallorder rein vom Rallyeverlauf gekommen?"
Schwarz: "Das kann ich nicht beurteilen. Ganz ehrlich, wenn man sich ansieht, wie sie am zweiten Tag gefahren sind, dann kannst du aussprechen was du willst. Sie sind volles Programm gefahren. Das deutet darauf hin, dass Ogier überhaupt nicht auf die Stallorder eingegangen ist. Interessant ist im Nachhinein, dass man erst einmal intern klärt, wer jetzt wirklich welchen Vertrag hat."


Fotos: WRC: Rallye Deutschland


"Loeb hat sicher einen wasserdichten Vertrag mit dem Vorstand, während jener von Ogier, nach meinem Wissensstand, mit Quesnel geschlossen wurde. Das wäre interessant zu sehen, wer welchen Paragraphen im Vertrag hat, oder auch nicht." (Ogier wurde mittlerweile auch vom Vorstand zu einer Aussprache eingeladen; Anm. d. Red.)

Frage: "Wie beurteilst du die Stallorder generell? Auf der einen Seite war Citroen zwei Minuten vor der Konkurrenz, auf der anderen Seite war die Rallye für die Fans zu Beginn des zweiten von drei Tagen prinzipiell entschieden."
Schwarz: "Ich sehe das ganz nüchtern. Das Werk fährt in erste Linie nicht zwingend für die Fans, sondern der Fahrer- und der Markentitel soll gewonnen werden. Wenn aus Citroen-Sicht die Piloten um mehr als eine Minute vorne liegen, sich dabei auf so dünnem Eis bewegen und die Gefahr eines Ausfalls da ist, dann ist es zweckmäßig, dass der Teamchef entscheidet. Sonst besteht das Risiko, dass du mit null Punkten nach Hause fährst."

Sebastien Ogier

Sebastien Ogier hat die Siegesserie von Sebastien Loeb in Deutschland beendet Zoom

Frage: "Nach Loebs Reifenschaden hat Ogier seinen Vorsprung am dritten Tag schön verwaltet. Es das ein Zeichen dafür, dass er reifer geworden ist?"
Schwarz: "Für mich ist Ogier sowieso schon extrem reif. Die Fehler, die er sich am Anfang des Jahres geleistet hat, als er den Sieg weggeworfen hat, werden sicher weniger werden. Wenn er das im Griff hat, dann sehe ich Loeb und Ogier auf gleichem Niveau fahren."

"Ich bin gespannt, wie es da weitergeht, denn trotz der momentanen Dominanz müssen sie intern sicher einiges aufarbeiten. Ob es jetzt die Krampfhaltung zwischen den Fahrern ist, oder auch welche Rolle der Sportchef spielt. Und wer führt bei einem technischen Topteam die Regie, bezüglich der Fahrer und der Strategien? Das wird eine spannende Geschichte, wer die beiden kontrolliert und in Schach hält."

"Vielleicht sollte man Ogier's Management etwas zur Besinnung bewegen, denn Ogier hat schließlich einen Dreijahresvertrag mit Citroen. Ich glaube nicht, dass Loeb zum Vorstand geht und dann bekommt was er will. Ich schätze, dass der Vorstand aus beiden Fahrern das Maximale herausholen will. Dem Vorstand ist es letztlich egal wer gewinnt. Die Hauptsache ist der Gewinn der Fahrer- und der Markenweltmeisterschaft."

Ford nicht so clever wie Citroen

Frage: "Ein Mitgrund für die Citroen-Überlegenheit war das schwache Abschneiden von Ford. Es gab unzählige Probleme."
Schwarz: "Eigentlich ist da gar nichts gegangen. Ich würde jetzt gar nicht soweit gehen, dass die Technik verantwortlich war. Verwunderlich ist, dass immer bei Witterungsänderungen, wo man das Auto, die Reifen und so weiter anpassen muss, Ford gründlich daneben greift. Citroen weiß dagegen, wo sie den Hebel ansetzen müssen. Sie haben eine wesentlich bessere Analyse. Somit können sie auch ihre Fahrer wesentlich besser präpariert hinausschicken. Deshalb hinkt für mich der ganze Aufwand bei Ford hinterher. Vom Engineering her sind sie zu schwach, sie bringen es einfach nicht auf den Punkt."

Frage: "Am ersten Tag ist Citroen in den verregneten Prüfungen gleichzeitig mit der harten und der weichen Reifenmischung gefahren. Kam das für dich überraschend, oder drückt das genau diesen Vorteil aus?"
Schwarz: "Das war schon ein genialer Schachzug. Man muss das aber im Vorfeld überprüft haben und man muss wissen, wie man das macht. Die Fahrer müssen auch wissen, wie sie damit umgehen müssen. Wenn man das vorher noch nicht getestet hat, dann braucht man solche Experimente gar nicht wagen. Ich behaupte einmal, dass Citroen auch bei den Tests keine Möglichkeit auslässt, um für spätere Eventualitäten gerüstet zu sein. Ich glaube, dass das bei Ford nicht in dieser Weise stattfindet."

Mikko Hirvonen

Mikko Hirvonen verlor auf den nassen Prüfungen viel Zeit auf das Citroen-Duo Zoom

Frage: "Kann man den Speed von Ford auf Asphalt beurteilen?"
Schwarz: "Wenn Ford es auf den Punkt bringt und die Bedingungen so sind, wie sie bei den Testfahrten waren, dann sind sie relativ nahe dran. Ich würde aber schätzen, dass ihnen fünf bis sieben Prozent auf Citroen fehlen. Wenn dann eine Unwägbarkeit auftritt, dann weitet sich das gleich aus und Ford ist 20 bis 30 Prozent dahinter. Genau so kommt eine Zeit wie auf der zweiten Prüfung zustande, wo sie gleich 30, 40 Sekunden kassiert haben. Das ist über eine Sekunde pro Kilometer. Das ist tödlich, damit kommt man nirgendwo hin."

Frage: "Sehr viele Fahrer wurden von Reifenschäden heimgesucht. Wie schätzt du den neuen Asphalt-Reifen von Michelin ein?"
Schwarz: "Ich glaube, dass Michelin noch nachlegen kann und auch wird. Es gab sicherlich viele Schäden. Neben Ogier hatte auch Sordo keinen Reifendefekt. Da gehört natürlich auch eine Portion Glück dazu. Wenn in Baumholder alle einen Platten haben und du nicht, dann hast du wirklich das Glück auf deiner Seite. Ich glaube, dass die meisten Piloten mit dem Reifen zufrieden sind, weil er eine gute Performance liefert. Die Schäden waren überwiegend auf der Lauffläche zu finden. Also wenn zum Beispiel ein Stein durchgeschlagen hat, dann ist die Lauffläche beschädigt worden und nicht die Flanke. Das kann man sicher beheben."

Dem MINI fehlt es noch an Drehmoment

Frage: "Du hast gerade Sordo angesprochen. MINI ist mit dem neuen Auto bei der erst dritten Rallye auf das Podest gefahren. Es war auch die erste Asphaltrallye. Eigentlich eine große Überraschung?"
Schwarz: "Es war schon überraschend, weil ich nicht gedacht hätte, dass sie es auf Asphalt gleich auf den Nenner bringen. Auf Asphalt fahren nur die perfekten Autos vorne mit. Eine Bastelbude hat eigentlich keine Chance ganz vorne hineinzufahren. Sie haben es sehr gut auf den Punkt gebracht. Es war ja nicht nur der Sordo vorne, sondern auch Kris Meeke gut mit dabei. Er hatte leider letztendlich Probleme mit der Elektronik und ist ausgefallen."

Daniel Sordo

Bei der erst dritten Rallye fuhr Dani Sordo mit neuen MINI aufs Podium Zoom

"Der Dani ist für mich seit langem seine beste und sauberste Rallye gefahren. Überall wo ich ihn gesehen habe, ist er in der Straßenmitte gefahren. Er ist mit dem Auto sorgfältig umgegangen, hat kaum die Kurven geschnitten und ist wenig gedriftet. Das Auto ist aber noch weit weg von einem fertigen Auto. Wenn man am Straßenrand steht, dann hört man, dass der MINI noch keine Kraft, und wenig Drehmoment hat. Man muss kurz schalten, weil er ein schmales Leistungsband hat. Das ist natürlich ein Nachteil gegenüber Citroen und Ford."

Frage: "Die Platzierung war sehr stark, aber von der Gesamtzeit hat schon noch einiges auf Sieger Ogier gefehlt. Liegt der Hauptgrund dafür bei diesem Motornachteil?"
Schwarz: "Man sieht und hört einfach, dass der MINI nicht diese Kraft und das Drehzahlband wie die Konkurrenz hat. Das kann man von außen beurteilen. Dann gibt es natürlich noch viele Details, wie die Spurlänge, Spurbreite und so weiter. Der MINI ist eigentlich recht konventionell gebaut."

"Wenn man unter die Ford oder Citroen blickt, dann haben die extrem schräg stehende Stoßdämpfer, damit sie mehr Federweg haben. Sie haben auch kleinere, beziehungsweise leichtere Federn, wo der MINI noch größere hat. Die Aerodynamik ist bei Citroen und Ford sicher wesentlich besser. Der MINI hat eine gerade Front und ist damit weniger gut. Er hat auch eine aufrechtere Scheibe. Das spricht jetzt alles nicht fürs Auto, aber die Performance ist trotzdem überraschend gut."

Frage: "Petter Solberg hat nach der Power Stage gemeint, dass der Unterschied zwischen Werks- und Kundenautos immer größer geworden ist. Er hat jetzt zwei Rallyes in Folge keine einzige Prüfung gewonnen."
Schwarz: "Ich glaube, da hat er nicht unrecht. Da gab es vielleicht auch intern Schwierigkeiten. Citroen hat zwei Werksautos vorne. Auf die Kundenautos versteift man sich gar nicht groß. Vor allem macht Citroen ein großes Geheimnis daraus, welche Fahrzeuge ihre Kunden fahren. Da gehört der Petter dazu, aber auch der Kimi. Ich glaube, das wurmt den Petter derzeit furchtbar, weil er keine Chance sieht, ohne Citroen-Hilfe vorne hineinzufahren."

"Citroen hat sicher anders im Kopf, als Petter ein Update zu geben. Sie laufen natürlich auch Gefahr, sollte Petter im kommenden Jahr für einen anderen Hersteller fahren - ob VW, MINI oder auch Ford - dass er Wissen mitnimmt.

Kimi Räikkönen

Rallye, Nascar oder Le Mans? Was macht Kimi Räikkönen am meisten Spaß? Zoom

Frage: "Kimi Räikkönen hat seine Teilnahme in Australien abgesagt, er hat den Peugeot Prototypen für Le Mans getestet, dazu hat er in diesem Jahr schon die Nascar ausprobiert. Wie ernst kann man sein Rallye-Abenteuer nehmen?"
Schwarz: "Es ist sein Rallye-Abenteuer und ich nehme es nicht sehr ernst. Ich glaube, der Kimi fährt und will Spaß haben. Aber so richtig ernsthaft und so zielstrebig wie Petter - das sehe ich bei Kimi nicht. Er lotet immer noch aus, was ihm den meisten Spaß bereitet und was ihm am besten passt. Ich glaube nicht, dass er ganz verbissen Rallye fahren will."

Frage: "Wie haben dir die deutschen Piloten bei ihrem Heimspiel gefallen?"
Schwarz: "Wichtig waren Hermann Gassner, Christian Riedemann und Felix Herbold. Dieses Trio fährt auf einem relativ ähnlichen Niveau. Gassner hatte ein paar gute Zeiten, aber auch Fehler und Reifenschäden. Er hatte natürlich auch etwas Pech. Mehr war leider nicht drin, dennoch schätze ich seine Leistungsmöglichkeiten höher ein als er gezeigt hat."

"Herbold ist am Anfang ganz gut mitgefahren, hat sich dann aber auch Probleme gemacht. Riedemann ist vernünftig durchgefahren und ist am Schluss Dritter geworden. Das war sicher die beste Möglichkeit, um zu lernen und zu zeigen: Hier bin ich! Wenn man unsere Talente jetzt vergleicht mit einem Ott Tänak, dann geht die Schere schon etwas auseinander, aber Potenzial ist da."