Analyse: Was die Regel-Kehrtwende der FIA für die WRC bedeutet

Nach Monaten voller Diskussionen vollzieht die FIA beim technischen WRC-Reglement eine Rolle rückwärts: Dennoch ist viel in Bewegung geraten

(Motorsport-Total.com) - Sechs Monate der Ungewissheit und hitziger Debatten über das technische Reglement der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) endeten mit einer Kehrtwende des Automobil-Weltverbands FIA, der das Reglement nun doch bis Ende 2026 unverändert lässt.

Titel-Bild zur News: Sebastien Ogier

Die Rally1-Autos werden bis einschließlich 2026 unverändert in der WRC fahren Zoom

Im vergangenen halben Jahr hat sich die WRC einmal im Kreis bewegt. Es gab ein Konzept, das vorsah, die Rally1-Autos mit Hybridantrieb komplett abzuschaffen und die Rally2 als Spitzenklasse zu installieren. Es gab die Idee, eine Rally2-Plus-Kategorie zu schaffen, indem die Rally1-Autos zurückgestuft und die aktuellen Rally2-Autos aufgewertet werden. Aber unter dem Strich ist ein stabiles technisches Reglement für Rally1 und Rally2 für die nächsten zwei Jahre das vernünftigste und logischste Ergebnis.

Es ist wichtig festzuhalten, dass alle Beteiligten in der WRC grundsätzlich Veränderungen wollen, um die Meisterschaft zu verbessern: von der Beteiligung der Hersteller bis hin zu einer besseren Vermarktung. Aus diesem Grund hat die FIA zunächst eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die zukünftige Ausrichtung des Rallyesports zu evaluieren. Das Ergebnis war eine Reihe von Vorschlägen, darunter eine Änderung des technischen Reglements für 2025, die im Februar bekannt gegeben wurde.

Wie FIA-Straßensportdirektor Andrew Wheatley im April erklärte, gibt es eine Reihe von Gründen, warum die FIA Maßnahmen ergriffen hat, mit der die WRC ihr Potenzial besser auszuschöfen.

"Es gab drei Schlüsselelemente: Das erste war, dass Pirelli sich nicht [auf einen neuen Reifendeal] einlassen wollte", sagt Wheatley. "Das zweite war, dass einige Fahrer nicht die volle Meisterschaft fahren wollten [Weltmeister Kalle Rovanperä und Sebastien Ogier fahren in Teilzeit], und das dritte war die Frage der Hersteller. Wir haben immer diese Diskussion über Ford, ob sie weitermachen oder aufhören. Die Tatsache, dass Hyundai [in der WRC] weitermacht, war eine zusätzliche Ebene. Das hat die Diskussion grundlegend verändert."

Teams und Hersteller sind letztendlich Kunden. Und wenn ein Kunde nicht mag, was ihm angeboten wird, dann kauft er es einfach nicht. Genau das ist in der WRC passiert. Die FIA präsentierte eine radikale Vision, die entschieden abgelehnt wurde. Das zeigten die WRC-Team im april deutlich, als sich zusammenschlossen und einen Brief an die FIA schrieben, in dem sie die Beibehaltung des technischen Reglements forderten.

Verlust eines Herstellers wäre kaum zu verkraften gewesen

Im Nachhinein betrachtet, hätte die Umsetzung der Reformen das Risiko mit sich gebracht, eine der drei aktuellen Rally1-Marken zu verlieren. Denn diese hätten dann für zwei Jahre viel Geld in die Modifikation ihrer aktuellen Autos investieren müssen, ehe dann 2027 ein völlig neues Reglement in Kraft tirtt. Der Verlust eines Herstellers hätte die Meisterschaft in eine viel schwierigere Lage gebracht.

Dies wird als Sieg für die Teams und den WRC-Promoter gewertet, der die Änderung ebenfalls nicht befürwortet hatte. Es war immer unwahrscheinlich, dass die Änderungen für 2025 und 2026 eine neue Marke anziehen würden, und die Verkürzung eines fünfjährigen Homologationszyklus auf drei Jahre hätte das Vertrauen der Hersteller erschüttern können.

Toyotas Prototypentests für 2025 haben zudem gezeigt, dass die angedachte neue Topklasse nicht so aufregend gewesen wäre wie die aktuelle Hybridformel, die in der Saison 2024 bisher fünf verschiedene Sieger in sechs Rallyes hervorgebracht hat. Nach einer solchen Ablehnung durch die Hersteller war die Beibehaltung des technischen Reglements die einzig logische Option.

Ernüchternder Prototypentest von Toyota

Vielleicht folgte die WRC auch dem Beispiel der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC), die nach dem Kollaps der LMP1-Klasse sorgfältig und methodisch ihren Weg zu ihrer jetzt sehr erfolgreichen Hypercar-Formel gegangen ist, anstallt zur schnellen Problemlösung ein Pflaster über eine bestehende Formel zu kleben.


Fotostrecke: Top 10: Die knappsten Rallyes der WRC-Geschichte

Man könnte argumentieren, dass diese Debatte viel Zeit und Energie verschwendet hat, die man hätte nutzen können, um sicherzustellen, dass das Reglement für 2027 so gut wie möglich und für potenzielle Hersteller so attraktiv wie möglich ist.

Aber es gibt auch einen Silberstreif am Horizont. In den letzten sechs Monaten wurde jeder Aspekt der WRC gründlich analysiert, was zu vielen Diskussionen und dringend benötigten Änderungen geführt hat, um die Vermarktung der Serie zu verbessern, was vielleicht nicht passiert wäre, wenn die FIA nicht gehandelt hätte.

WRC-Promoter reagiert auf die Kritik

Der in die Kritik geratene WRC-Promoter hat in Portugal seine Zukunftsvision vorgestellt und damit auf die Bedenken von Fahrern und Teams reagiert. Der Promoter hat nun Investitionen zugesagt, um den lang ersehnten Besuch der WRC in den USA im Jahr 2026 zu ermöglichen, was für die Meisterschaft eine entscheidende Wende bedeuten könnte.

Gleichzeitig wird daran gearbeitet, das Erlebnis für die Fans bei den Veranstaltungen und für die Zuschauer zu Hause zu verbessern, indem ein neues Team-Radio-Paket im Stil der Formel 1 getestet wird. Einige im Servicepark sind der Meinung, dass die FIA-Arbeitsgruppe bei der Verbesserung der Attraktivität der Meisterschaft - und damit der Rentabilität für die Hersteller - größere Fortschritte gemacht hat als je zuvor.

"Bei allem, was in letzter Zeit getan wurde, kann ich nicht behaupten können, dass es der Meisterschaft keinen Schub gegeben hat. Auch wenn vieles davon nicht das war, was die Teams wollten und viele Ressourcen verschwendet wurden", sagt M-Sport-Teamchef Richard Millener gegenüber Autosport, einer Schwesterpublikation von Motorsport-Total.com im Motorsport Network.

Thierry Neuville: "Vielversprechender Zeitplan"

"Es ist viel in Bewegung geraten. Wir haben einige Strategien, einige Ziele und führen viele Gespräche. Wir wissen, was uns erwartet. Der Promoter hat uns seinen Teil gesagt, und die FIA hat uns ihren Teil gesagt. Diesen Schwung müssen wir mitnehmen, und ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn ohne das gehabt hätten, was [von der FIA] besprochen und vorgeschlagen wurde", ergänzt Millener.

Thierry Neuville

Thierry Neuville findet, dass auf seine Kritik gehört wurde Zoom

Interessanterweise wurde neben den Teamvertretern in der Mitteilung der FIA auch Thierry Neuville von Hyundai genannt, der sich am lautesten für ein stabiles technisches Reglement und eine Verbesserung der WRC-Vermarktung eingesetzt hat. Neuville war wohl derjenige, der die technischen Vorschläge der FIA und das Management der Meisterschaft durch den WRC-Promoter am kritischsten beurteilt hat. Nach Einschätzung des Belgiers sind, die Entscheidungen, die nach einer sechsmonatigen Periode der Ungewissheit getroffen wurden, die Früchte dieser Arbeit.

"Wir haben den Zeitplan vor ein paar Wochen erhalten und er sieht interessant und vielversprechend aus", sagt Neuville gegenüber Motorsport.com. "Ich denke, es wird viel gearbeitet, was positiv ist, aber ich denke, die Teams und Fahrer brauchen immer noch unseren Input. Deshalb sind wir sehr froh, dass es zwischen uns und dem Promoter über Julien Ingrassia [den ehemaligen Beifahrer von Sebastien Ogier] eine Kommunikation geben wird."

Nach den Worten müssen nun Taten folgen

"Er wird eine wichtige Rolle spielen, ebenso wie Scott Martin [der Beifahrer von Elfyn Evans], der die Stimme der Fahrer in der WRC-Kommission ist. Ich denke, das ist eine gute Sache, und dank der Kommunikationsmöglichkeiten, die uns Julien bietet, können wir einen großen Beitrag zur besseren Vermarktung leisten", so Neuville.

Aber wie man so schön sagt: Reden ist eine Sache, Handeln eine andere. Wie Millener erklärt, geht es nun darum, den Gesprächen Taten folgen zu lassen: "Wir haben in den letzten vier bis fünf Wochen viel Neues erfahren. Jetzt kommt es darauf an, dies auch umzusetzen. Es ist sehr leicht, darüber zu reden, aber reden ist der erste Schritt. Jetzt müssen wir liefern, und das hängt von allen Beteiligten ab. Wir können nicht nur diesen einen großen Schritt machen und uns dann zurücklehnen."

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