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Kolumne: So war es, bei der NASCAR-Rückkehr dabei gewesen zu sein

Wie das erste NASCAR-Rennen nach zweimonatiger Corona-Zwangspause abgewickelt wurde und was zum totalen Comeback noch fehlt, beschreibt Jim Utter von vor Ort

(Motorsport-Total.com) - Ich habe mehr als 20 Jahre damit verbracht, über NASCAR-Rennen zu berichten und habe viele der dunkelsten Momente dieses Sports miterlebt - nie zuvor aber mit einer Bedienungsanleitung.

Brad Keselowski

Darlington bildete am Sonntag die Bühne für das erste NASCAR-"Geisterrennen" Zoom

Ich habe über mehrere Rennen berichtet, bei denen Fahrer gestorben sind. Ich habe über Rennen berichtet, bei denen Fans durch Trümmer von Autos verletzt wurden. Ich habe über ein Rennen berichtet, bei dem Fans durch einem Blitzschlag getötet wurden. Ich habe über ein Rennen berichtet, bei dem eine Fußgängerbrücke zusammenbrach. Und ich war an der Rennstrecke, als ein Hubschrauber vor dem Eingang zum Infield-Tunnel abstürzte.

Ich habe voriges Jahr am Bristol Motor Speedway gearbeitet, als das Flugzeug von Dale Earnhardt Jr. mit seiner Familie an Bord bei der Landung verunfallte. Ich eilte damals mit zwei Kollegen zu diesem nahegelegenen Flugplatz, ohne zu wissen, was uns dort erwarten würde.

Dale Earnhardt Jun., Flugzeugabsturz

Das Wrack des Privatjets von Dale Earnhardt Jr. im August 2019 Zoom

Ich habe aber bis zum Sonntag noch nie über ein Rennen berichtet, bei dem mir ein über 30-seitiges Handbuch gereicht wurde. Dieses beinhaltete unter anderem die Unterzeichnung von zwei Verzichtserklärungen und schrieb zudem eine medizinische Untersuchung vor, bevor ich das Gelände der Rennstrecke betreten durfte.

Dass das Rennen am Sonntag auf dem Darlington Raceway anders als gewohnt ablaufen würde, stand außer Frage. Es war aber eine Sache, über die Verfahren zu lesen, die erforderlich sind, um eine solche Veranstaltung mitten in einer Pandemie abzuhalten. Es war eine ganz andere Sache, das Ganze persönlich zu erleben.

Ich empfand es als eine große Verantwortung, als einer von vier Journalisten persönlich aus dem Presseraum an der Rennstrecke über das Rennen am Sonntag berichten zu dürfen.

Als Gruppe wären wir nicht unbedingt in der Lage gewesen, mehr Informationen zu erhalten als diejenigen, die aus der Ferne berichteten. Es gab aber eine zusätzliche Pflicht, nicht nur über das Rennen zu berichten, sondern auch über das außerordentliche Unterfangen, das notwendig war, um es durchzuziehen.

Blick aus dem Presseraum in Turn 3 am Darlington Raceway

Blick aus dem Presseraum in Turn 3 am Darlington Raceway Zoom

Zu Beginn des Wochenendes verspürte ich eine ängstliche Erwartung. Einerseits war ich aufgeregt, an meinen Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Andererseits war mein Kopf voller Fragen zu meiner persönlichen Sicherheit und der meiner Umgebung.

Das ähnlichste Erlebnis, an das ich mich erinnern kann war, als ich im Jahr 2001 mit David Poole, meinem verstorbenen Kollegen der Zeitung 'The Charlotte Observer', in den Tagen nach den Terroranschlägen vom 11. September in ein Auto sprang und wir gemeinsam nach New Hampshire aufbrachen. Wir fuhren etwa drei Stunden auf dem Interstate-Highway 81, als NASCAR das Rennen an jenem Wochenende schließlich absagte und es ans Ende der Saison verlegte.

Ich erinnere mich an ein Gefühl der Erleichterung, das mich überkam, als wir umkehrten und zurück nach Charlotte fuhren. Ich war zwar bereit gewesen, meine Arbeit zu tun, aber die Unsicherheit, die unmittelbar nach den Anschlägen herrschte, hatte eine große Besorgnis ausgelöst.

Als wir am Sonntag in Darlington ankamen, war das Gefühl ein ganz ähnliches. Wir betraten die Rennstrecke über einen unbekannten Eingang, mussten eine Maske tragen, mussten unsere Fahrzeuge von Vollzugsbeamten durchsuchen lassen und wurden dann zum Untersuchungsbereich geleitet, wo unsere Körpertemperatur gemessen wurde und wir schließlich Aufkleber erhielten, die es erlaubten, uns auf dem Gelände aufzuhalten.


Fotostrecke: NASCAR in Zeiten des Coronavirus

Wie sich herausstellte, hätte der Prozess nicht reibungsloser ablaufen können. Ich ging zum Presseraum, wo ich mich zu meinen drei Kollegen gesellte. Wir vier richteten uns so ein, dass zwischen uns reichlich Platz blieb. In den folgenden zwei Stunden fragte ich mich, ob etwas schiefgehen würde. Würde jemand mit Fieber auftauchen und abgewiesen werden? Würden ein oder mehrere Teilnehmer die Vorschriften nicht einhalten und hinausbegleitet werden?

Nichts davon geschah. Das größte Problem vor dem Start des Rennens war, dass Kyle Buschs Toyota mit der Startnummer 18 zweimal durch die technische Inspektion gefallen war. Das zwang ihn, das Rennen vom Ende des Feldes aus zu starten. Plötzlich schien es ein viel "normaleres" Rennwochenende zu sein.

Alles andere verlief wie bei einem normalen Rennen - ein Gebet, die Nationalhymne, das Kommando an die Fahrer, ihre Motoren zu starten. Als die Grüne Flagge geschwenkt wurde und die Autos zum ersten Mal seit dem 8. März durch Turn 1 rasten, hatte NASCAR endgültig einen Weg gefunden, zurückzukehren.

Doch je länger die Autos auf der Strecke fuhren, desto mehr schien der Motorenlärm beinahe zu verstummen. Es war die Stille der Tribünen, die die Autos zu umhüllen begann.

Pace-Laps in Darlington vor (fast) leeren Tribünen - links oben nur die Spotter

Pace-Laps in Darlington vor (fast) leeren Tribünen - links oben nur die Spotter Zoom

Ja, NASCAR war zurück, aber die Energie, die die Rennwochenenden zum Leben erweckt - die Fans - fehlte noch immer. Das wird sich noch eine ganze Weile lang nicht ändern. Und auch wenn es Fans vielleicht nicht gefällt, sollten sie sich trösten mit dem Wissen, dass es ihre Hingabe ist, die es NASCAR ermöglicht hat, wieder Rennen zu fahren - sei es auch zunächst nur im Fernsehen.

Unterm Strich schien das Rennen am Sonntag ohne ernsthafte Probleme verlaufen zu sein. Das als solches war schon ein Sieg. Die größere Party - eine mit Tribünen, die von Jubel und Hohn leben - steht noch bevor.

Jim Utter

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