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Die "Neue Deutsche Welle" will an die Spitze

Sepp Wiegand und Hermann Gassner jr. vertreten 2012 in der IRC die deutschen Farben - Beide wissen, dass sie noch viel lernen müssen

(Motorsport-Total.com) - In dieser Saison sind gleich zwei junge deutsche Fahrer in der Intercontinental Rally Challenge (IRC) am Start. Sepp Wiegand und Hermann Gassner jun. überzeugten dort bei den ersten beiden Saisonrennen mit guten Ergebnissen und schnellen Zeiten. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' sprechen die beiden über ihren Saisonstart und die Lernprozess in der IRC. Auch das Duell der beiden schnellsten Vertreter der "neuen deutschen Welle" im Rallyesport und der Einstieg von Volkswagen werden thematisiert.

Sepp Wiegand

Sepp Wiegand fährt 2012 seine erste IRC-Saison Zoom

Frage: "Sepp und Hermann, lasst uns über das neue Rennjahr sprechen. Ging es gut für euch los?"
Sepp Wiegand: "Auf jeden Fall! Wir sind selbst überrascht, dass es so gut gelaufen ist. Ich habe wenig oder besser gesagt fast gar keine Erfahrung mit dem Auto. Auch die Untergründe sind neu für mich. Auf den Azoren fuhr ich erst meine zweite Rallye auf Schotter. Auf den Kanaren hatte ich schon etwas mehr Erfahrung auf Asphalt durch die Rallyes in Deutschland. Aber das ist mit einem Allrad-Autos, speziell mit einem S2000, noch mal etwas ganz anderes als mit einem Suzuki Swift mit 130 PS. Zwei Mal der vierte Platz, damit sind wir eigentlich vollkommen zufrieden."

Hermann Gassner jun.: "Bei uns ist es leider nicht so gut gelaufen. Es hat mit einem fünften Platz auf den Azoren recht gut angefangen. Auf Gran Canaria habe ich dann beim Angriff auf den dritten Platz leider einen kleinen Fehler gemacht. Ich bin in die Leitplanke gerutscht und musste leider aufgeben. Es war kein guter Auftakt, aber wir bestreiten ja noch ein paar Läufe, da werden wir schon noch zeigen, was in uns steckt."

Frage: "Ihr habt es beide angesprochen, der Saisonstart war recht gut. Das muss doch zuversichtlich stimmen für das gesamte Jahr ..."
Gassner jun.: "Ja, ich denke schon. Wir haben beide nicht schlecht angefangen, wenn man auf die Zeiten blickt. Das ist gut für den Rallyesport in Deutschland, dass wieder zwei jungen Fahrer international mitfahren. Darauf kann man aufbauen."

Wer ist der schnellste Deutsche?

Hermann Gassner Jun.

Hermann Gassner jr. gehört zum Fahrerkader von Red Bull Zoom

Frage: "Wir werden später noch einmal über die 'neue deutsche Welle' im Rallyesport sprechen. Ist das etwas, über das man nachdenkt, wenn man in der IRC aktiv ist, und dort die zwei jungen Deutschen darstellt?"
Wiegand: "Es ist schon etwas Besonderes, Deutschland in der internationalen Szene zu vertreten. Ich finde es auch gut, dass wir beide uns auf den Strecken recht nahe kommen, um uns zu duellieren. Ich denke, dass wir dadurch automatisch schneller werden und so näher an die Spitze herankommen. Hermann will schnellster Deutscher sein, ich will das auch. Jeder will der Erste sein. Das ist ganz normal. Da ist es gut, dass man so sehr kämpft, um dann am Ende auch an die Topjungs heranzukommen."

Frage: "Ihr seid nicht nur Landsmänner, sondern auch Markenkollegen. Ist deswegen der Wunsch besonders groß, den anderen hinter sich zu lassen?"
Gassner jun.: "Das ist nicht vom Auto abhängig. Ich will auch andere Fahrer hinter mir lassen, die ein anderes Auto fahren. Aber es macht es natürlich interessanter, weil wir direkt vergleichen können. Wir wissen mehr oder weniger, was der andere im Auto hat und wissen, dass es nicht am Auto liegt, sondern an uns."

Frage: "Ist es dann nicht ein wenig schade, dass ihr nacheinander fahrt und nicht gegeneinander wie auf der Rundstrecke?"
Gassner jun.: "Nein, ich bin absolut kein Rundstreckenfan. Ich mag es nicht, wenn jemand anderes einen Fehler macht und du deshalb abfliegst. Daher bin ich schon froh, dass wir im Minutenabstand fahren. Man bekommt es im Ziel ohnehin gleich mit, da sieht man die Zeiten und weiß, wo man steht."

Frage: "Sagt man sich dann eigentlich 'Mensch, der Hermann war jetzt gerade fünf Sekunden schneller als ich', oder wie läuft das im Cockpit?"
Wiegand: "Man schaut natürlich auf die Zeiten, aber ich bin ein Typ, der im Rallye-Auto sehr ruhig ist. Wenn Hermann schneller ist als ich, sage ich nicht 'Oh verdammt, jetzt war er schneller'. Ich sehe das eigentlich relativ gelassen. Ich bin 21 Jahre alt, bin drei Rallyes mit dem S2000 gefahren. Ich denke, dass ich noch ein bisschen Zeit habe, um schneller zu werden. Das Wichtigste ist ja nicht, dass wir uns gegenseitig duellieren. Wir müssen uns an den Großen messen. Und da ist noch viel, viel Luft."

"Ich achte zwar auf Hermanns Zeit, aber dann schaue ich hoch zum Mikkelsen oder Kopecky. Da ist der Abstand noch viel größer. Da denkt man dann schon mal 'Warum ist der so schnell, warum ist das so?'. Leute wie Timo (Gottschalk, Copilot; Anm. d. Red.) wissen halt, wo die Zeit liegen bleibt. Der Aufschrieb macht einen großen Zeitunterschied aus, aber das wird von Rallye zu Rallye spürbar besser. Das ist auch das Schöne, dass ich von Rallye zu Rallye merke, dass es wirklich besser klappt. Das ist echt interessant, weil man immer wieder etwas Neues lernt."

Aufschrieb ist das größte Manko

Sepp Wiegand

Für Sepp Wiegand sind die Schotter-Rallyes Neuland Zoom

Frage: "Wie ist es bei dir, hast du den Kollegen auch im Rückspiegel?"
Gassner jun.: "Ja, man schaut natürlich drauf, aber wie der Sepp schon gesagt hat, man orientiert sich an den ganz Schnellen, und die sind noch einmal ein bisschen schneller. Da muss man sich schon fragen: 'Wo ist das jetzt alles liegen geblieben?' Aber wenn man dann die Daten analysiert, merkt man, dass andere einfach voll draufhalten, wo du selbst noch etwas unsicher bist."

"Da liegt dann die Zeit, vor allem bei diesen Autos, bei denen im fünften oder sechsten Gang kaum Drehmoment vorhanden ist. Jedes Mal wenn man an einer Stelle lupft, wo ein andere voll fährt, verliert man gleich ein bis zwei Sekunden. Das läppert sich dann zusammen. Im Endeffekt fahren wir um Bruchteile von Sekunden, man muss also perfekt fahren, obwohl man die Strecken nur zwei Mal gesehen hat und dann nach dem Aufschrieb attackieren muss."

Frage: "Was genau fehlt euch denn noch zu den Topjungs?"
Wiegand: "Bei mir ist es vor allem der Aufschrieb. Ich musste meinen Aufschrieb umstellen von dynamisch auf statisch. Jetzt habe ich einen Aufschrieb, der nach Kurvenradien geht, vorher hatte ich einen Aufschrieb, der nach Geschwindigkeit ging. Wenn ich beispielsweise unmittelbar nach dem Start eine enge Kurve hatte, war das bei mit trotzdem eine 'rechts Fünf' die voll ging, obwohl sie eigentlich eine enge Kurve war. Ich hatte das beim Training schon einberechnet, wie schnell ich dort fahren muss."

"Jetzt ist es durch die Umstellung manchmal schwierig, denn ich höre 'rechts Drei', was bei mir eigentlich eine 'rechts Fünf' wäre, die auch voll geht. Ich muss im Prinzip während der Rallye umdenken und die Geschwindigkeit umsetzen, was ich früher schon im Training gemacht habe. So kommt es halt vor, dass ich um die Kurve fahre und denke: 'Toll, da hättest du jetzt locker 30 km/h schneller fahren können'. Es gibt viele solcher Stellen, aber es wird immer besser. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen."

"Das Wissen über die perfekte Abstimmung des Autos für jede Rallye fehlt mir auch noch. Dazu muss man das Auto wirklich gut kennen und unter allen Bedingungen viel Erfahrung haben, um das Auto genau auf deine Bedürfnisse einzustellen. Ich kenne das Auto aber kaum, daher ist es sehr schwierig, während der Veranstaltung das richtige Setup zu finden. Wir haben in unserem Team derzeit leider noch keinen Ingenieur, somit bleibt die Abstimmungsarbeit komplett an Timo und mir hängen. Das ist nicht einfach. Das sind für mich die beiden Hauptpunkte: Aufschrieb und richtiges Setup des Autos. Wenn wir das optimieren können, wird es interessant."

VW noch keine realistische Option

Hermann Gassner Jun.

Hermann Gassner jr. sieht sich noch nicht reif für die WRC Zoom

Gassner jun.: "Aufschrieb und Setup sind zwei wichtige Dinge, vor allem der Aufschrieb. Dann kommt natürlich auch noch die Erfahrung dazu. Die anderen fahren größtenteils schon sehr viel länger Rallye und waren schon in den höchsten Ligen. Außerdem sitzen sie fast an jedem Wochenende im Auto. Die Werksteams testen sehr viel. Wir hingegen haben zwischendurch zwei oder drei Wochen Pause. Dann dauert es ein paar Kilometer, bis man wieder richtig drin ist, aber da verliert man dann schon wieder Zeit."

"Aber der Hauptpunkt ist bei uns beiden der Aufschrieb. In Deutschland kann man sich viel mehr merken, weil die Prüfungen kürzer sind. International gibt es viele Prüfungen, die 20 Kilometer oder länger sind. Da kann man sich nicht jede Kurve merken. Wenn es dann heißt 'recht Drei', dann muss das auch eine 'rechts Drei' sein. Wenn es dann doch schneller gegangen wäre, verliert man gleich wieder einige Sekunden."

Frage: "Du hast die höheren Klassen angesprochen. Zur 'neuen deutschen Welle' passt ja auch der Einstieg von Volkswagen in die Rallye-WM. Könntet ihr euch vorstellen, für VW in der WRC zu fahren? Denkt ihr über so etwas nach?"
Wiegand: "Für jeden Nachwuchsfahrer in Deutschland ist es ein großer Traum, in einem Werksteam in der WRC zu fahren. Ich persönlich denke aber gar nicht darüber nach. Ich habe mit der IRC ein Programm, auf das ich mich hundertprozentig konzentrieren muss. Ich konzentriere mich auf das, was jetzt ist, bevor ich anfange zu träumen, was später einmal kommen könnte. Das wird sich ergeben oder nicht ergeben, je nachdem, wie erfolgreich meine nächsten Saisons verlaufen."

Gassner jun.: "Das muss für jeden das Ziel sein, dass er in ein Werksteam kommt. Vor allem in dem Bereich, in dem wir jetzt fahren. Aber der Weg dorthin ist noch lange und steinig. Ich sehe mich noch nicht in einem Werksteam. Die wollen die besten Fahrer, und das sind wir im Moment nicht. Das muss man knallhart so sehen. Aber dort wollen wir hin. Dafür werden wir hart an uns arbeiten. Jetzt schon davon zu träumen, 2013 WRC zu fahren, wäre verfrüht."

Frage: "Aber wenn der Weg lang und steinig ist, muss das für einen Rallye-Fahrer doch eigentlich ein Traum sein ..."
Wiegand: "Ja, genau (lacht; Anm. d. Red.). Man muss sich nur zu helfen wissen. Man muss die Steine so schnell wie möglich überqueren und aus den Fehlern lernen."