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Medizinische Infrastruktur bei der Rallye Dakar: Interview mit der Chefärztin

Ahad Al Saud leitet den medizinischen Bereich für Motorsportveranstaltungen in Saudi-Arabien - Im Interview spricht die Ärztin über die Challenge Rallye Dakar

(Motorsport-Total.com) - Um eine Veranstaltung wie die Rallye Dakar durchführen zu können, ist im Hintergrund eine umfassende Logistik notwendig. Ein sehr wichtiges Element ist dabei die medizinische Betreuung. Im Falle eines Unfalls muss auch in der Wüste rasche Hilfe gewährleistet sein.

Dr. Ahad Al Saud

Dr. Ahad Al Saud leitet den medizinischen Bereich für alle Motorsportveranstaltungen Zoom

Doktor Ahad Al Saud leitet in Saudi-Arabien bei allen Motorsportveranstaltungen den medizinischen Bereich. Sie ist Chief Medical Officer der Saudi Motorsport Company (SMC). In ihren Aufgabenbereich fallen unter anderem die Formel 1, die Formel E, die Rallye Dakar und die Extreme E.

Al Saud leitet bei der Rallye Dakar ein medizinisches Team mit rund 150 Personen. Sie ist auch dafür zuständig, Notfallsanitäter an kritische Stellen der Route zu platzieren. In Notfällen kommen Rettungshelikopter zum Einsatz.

Frage: "Wie sind Sie zu dieser Rolle gekommen, in der Sie Ihren medizinischen Beruf mit der Verantwortung für alle Motorsportaktivitäten in Saudi-Arabien vereinen?"

Doktor Ahad Al Saud: "Zunächst habe ich eine Ausbildung zur Ärztin absolviert. Ich habe dann in der Notfallambulanz gearbeitet und diese Erfahrung sehr interessant gefunden. Patienten in der Notaufnahme sind oft in sehr schlechter Verfassung."

"Man versucht ihnen zu helfen, die Schmerzen zu lindern und Leben zu retten. Ich habe realisiert, dass ich ein Adrenalin-Junkie bin und das Umfeld der Notfallambulanz geliebt habe. Es ist wirklich unglaublich."

"Vor rund fünf Jahren habe ich begonnen, für den Bahrain-International-Circuit zu arbeiten. Motorsport hat mich sofort fasziniert. Es war wie eine Droge! Ich liebe den Nervenkitzel und die Spannung des Sports."

"Ich war auch von der unglaublichen Organisation des medizinischen Teams an der Strecke beeindruckt. Wie sie sich auf Szenarios vorbereiten, welche Aufmerksamkeit sie für Details haben und wie viel Bemühungen ins Training des medizinischen Teams einfließen."

"Heute arbeite ich für die FIA. Ich bin Präsidentin des Marshals-Clubs (Verband der Sportwarte; Anm. d. Red.) und arbeite für alle Motorsportveranstaltungen in Saudi-Arabien - von der Formel 1 bis zur Rallye Dakar."

Umfassende Vorbereitung notwendig

Frage: "Wie sieht die Vorbereitung auf eine für die Logistik so herausfordernde Motorsportveranstaltung wie die Dakar aus? Innerhalb von zwei Wochen werden tausende Kilometer zurückgelegt."

Al Saud: "Zunächst muss ich die medizinische Geschichte von jedem Rallye-Teilnehmer kennen, damit wir im Falle eines Zwischenfalls entsprechend reagieren können. Wir haben unser medizinisches Zentrum im Biwak."

"Oft beginnt unser Tag um vier Uhr morgens. Von da an beobachten wir die Etappe vom Start bis zum Ziel. In der Regel checke ich die Etappe selbst und platziere medizinisches Personal oder Equipment an den riskantesten Stellen."

"Insgesamt haben wir 150 Mediziner vor Ort - von Rettungssanitätern bis Ärzten. Sie werden entweder in Krankenwägen platziert oder in einigen Helikoptern, damit wir rasch reagieren können, wenn ein Teilnehmer medizinische Hilfe benötigt."

Medical Center Dakar

Im Biwak gibt es ein Zelt, von wo aus alle Hilfskräfte koordiniert werden Zoom

Frage: "Wie sieht der Ablauf aus, wenn ein Unfall bei der Rallye Dakar passiert?"

Al Saud: "Im Hauptquartier der Rallye können wir jeden Fahrer tracken und stehen in konstanter Kommunikation mit ihnen. Sollte jemand in der Etappe stehenbleiben, können wir anrufen, um eine Rückmeldung zu erhalten."

"Kommt keine Antwort, schicken wir ein Team hin, um die Situation zu bewerten. Oft stecken sie in einer Sanddüne fest, oder es gibt ein technisches Problem. Sollte es ernst sein, schicken wir den Helikopter - wenn es dort einen sicheren Landeplatz gibt."

"Glücklicherweise sind die Sicherheitsausstattungen der Fahrzeuge exzellent. Das Roadbook enthält auch Warnungen vor Gefahrenstellen. In den Autos gibt es Überrollkäfige, Sicherheitsgurte, die Overalls, die Helme, Feuerlöscher und so weiter, die allen FIA-Standards entsprechen müssen. Die Motorradfahrer tragen Airbags."

Dr. Ahad Al Saud

Dr. Ahad Al Saud hier im Einsatz im Rahmen des Formel 1 Grand Prix Zoom

Frage: "Da die Rallye Dakar über viele Stunden in der heißen Wüste stattfindet, ist Dehydrierung die häufigste Sache, die medizinisch behandelt werden muss? Welche anderen Verletzungen passieren oft?"

Al Saud: "Weil die Rallye Dakar ein Ausdauertest ist, fahren die Motorradfahrer oft über Stunden im Stehen. Erschöpfung und Dehydrierung kommen häufig vor. Wir haben mineralisiertes Wasser, um die verlorenen Salze wieder aufzufüllen. Wir haben diese Flaschen in den Ärzteautos. Wir bitten die Fahrer aber auch, dass sie Wasser mitnehmen."

"Motorradfahrer benötigen auch Physiotherapie, wenn sie ins Biwak zurückkehren. Sie brauchen kalte Tücher und Massagen, die ihnen helfen, am nächsten Tag weiterzufahren. Bei Motorradfahrern treten häufiger Verletzungen auf, weil sie weniger Schutz als Autos haben."

"Wenn sie stürzen, dann kann ein Knöchel, ein Bein oder ein Knie schnell gebrochen sein. Sollten sie nach vorne fallen, dann könnten sie sich Verletzungen vom Lenker zuziehen. Bei Autos sind Stauchungen der Wirbelsäule verbreitete Verletzungen, oder wenn sich eine Hand im Lenkrad verfängt, können Finger ausgerenkt werden."


Fotostrecke: Rallye Dakar: Die Sehenswürdigkeiten entlang der Route in Saudi-Arabien

Frage: "Können Sie uns die Bedeutung der Rallye Dakar für das Königreich Saudi-Arabien beschreiben? Und welchen Stellenwert sie für die Vision 2030 hat und was Ihnen persönlich an der Rallye gefällt?"

Al Saud: "Wenn ich den richtigen Begriff finde, dann würde ich sagen, dass sie der Weltcup der Rallyes ist. Das Terrain der Dakar ist unglaublich. Sie ist der größte Ausdauertest der Welt."

"Sie erinnert mich daran als meine Großmutter meine Familie in die Wüste mitgenommen hat, als ich jung war. Wir haben unter den Sternen gecampt. Ich habe diese Erfahrung geliebt. Der Nachthimmel und die Szenerie von Saudi-Arabien sind wunderschön."

"Veranstaltungen wie die Rallye Dakar, die Formel E, die Formel 1 in Dschidda und die Extreme E bieten wertvolle Möglichkeiten der Welt zu zeigen, wie offen unser Land ist. In meiner Funktion habe ich viele weibliche Sportwarte getroffen, die Mechaniker sind."

"Sie lieben die Möglichkeiten, die ihnen diese Motorsportveranstaltungen bieten. Ich sage ihnen, dass nichts unmöglich ist. Nicht nur im Motorsport, sondern auch im Berufsleben. Ich bin sehr stolz, wie sich das Fenster der Möglichkeiten erweitert hat, weil wir diese prestigeträchtigen Rennserien veranstalten."

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