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VLN-Chaos: Mit Sicherheit ins Verderben?

Kolumne zum VLN-Chaos: 'Motorsport-Total.com'-Redakteur Roman Wittemeier sieht bei doppelt Gelb manchmal Rot - Die "Kirmesveranstaltung" und ihre Folgen

Start Gruppe 1

Nicht der BMW von Uwe Alzen, sondern der Ford von Jürgen Alzen startete von P1 Zoom

Liebe Freunde der Fuchsröhre,

was macht die VLN gerade? Merkt jemand in den Führungsetagen, dass die gesamte Szene ins Wanken gerät? Bekommt jemand die latente Gefahr mit, dass einige Teams nicht nur mit ihrem Rückzug aus der Langstreckenmeisterschaft drohen, sondern diesen schon ganz konkret vorbereiten? Ist den VLN-Bossen dies egal? Liebe Herren, so geht man doch nicht mit der Kundschaft um. Was am vergangenen Samstag passiert ist, war zwar auf Grundlage des Reglements erforderlich, aber vielleicht doch nicht ganz richtig.

Ein kurzer Rückblick auf den fünften Saisonlauf in der Eifel: Bei schwierigen Bedingungen jagen knapp 150 Autos am Samstagvormittag im Qualifying über die Strecke. Nach einem Unfall am Flugplatz wird doppelt Gelb geschwenkt. Für die Piloten kommen die Flaggen urplötzlich, kaum jemand schafft es, den Anker so hart zu werfen, sodass in der Gefahrenzone die maximal erlaubten 60 km/h anliegen. Die Rennleitung will ein Exempel statuieren, bestraft noch vor dem Rennen 58 Teilnehmer! Ohne jedoch alle anzuhören.

"Dieser Prozess hat weit mehr Zeit in Anspruch genommen, als zwischen dem Ende des Trainings und dem geplanten Start des Rennens zur Verfügung stand", erklärt VLN-Geschäftsführer Karl Mauer jene Abläufe, die das Rennen zum Sprint werden ließen und die Szene in Aufruhr versetzten. Mit über zwei Stunden Verspätung gingen die VLN-Autos am Samstag auf die Reise, weil 58 Teams bis dorthin mit der Rennleitung in Diskussionen verstrickt waren und die Organisatoren das Feld neu sortieren mussten.

58 Autos waren offenbar zu schnell

Am Ende der endlosen Prüfungen schrieb die VLN nüchtern in ihr Rennprotokoll: "Strafen nach dem Zeittraining - Streichung aller Trainingszeiten: 2, 30, 64, 99, 122, 135, 230, 503 - Nichtwertung der schnellsten Runden: 69, 87, 90, 96, 108, 136, 144, 154, 179, 186, 200, 204, 284, 309, 310, 340, 344, 347, 357, 360, 363, 395, 414, 419, 430, 432, 444, 460, 475, 480, 500, 510, 511, 512, 517, 529, 532, 534, 540, 549, 555, 565, 593, 642, 654, 666, 680, 687, 688, 694."

Uwe Alzen

Kritisiert die Abläufe vom vergangenen Samstag sehr scharf: Uwe Alzen Zoom

Mit einem geordneten Ablauf eines Rennwochenendes hatte dies nichts mehr zu tun. Allgemeines Kopfschütteln im Fahrerlager und ein wütender Uwe Alzen. Der BMW-Pilot, dessen Team sich ursprünglich für die Pole qualifiziert hatte, packte noch vor dem Rennstart seine Sachen und verließ den Schauplatz. "Ganz ehrlich: Diese Entscheidung ist mir wirklich nicht leicht gefallen. Wenn man eigentlich auf Pole steht, ein schnelles Paket und beste Aussichten auf einen Rennsieg hat, dann haut man nicht einfach so ab. Aber ich musste ein Zeichen setzen", so Alzen.

"Die VLN verkommt zu einer Kirmesveranstaltung. Die Teams und Piloten sind in den vergangenen Jahren immer professioneller geworden, gleichzeitig fehlt es in der Organisation aber an der entsprechenden Professionalität", sagt der Betzdorfer im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. Ein Beispiel war am vergangenen Wochenende, dass die Rennleitung in der Fahrerbesprechung plötzlich die Schnapsidee hatte, bei Regen eine "Full Course Yellow" auszurufen - auf der Nordschleife völlig undenkbar, wenn nicht einmal die Streckenposten untereinander vernetzt sind, sondern einzeln angerufen werden müssen.

Wenn sich in einem Feld von rund 150 Fahrzeugen nach einem Qualifying 58 Sünder befinden, dann könne doch etwas nicht stimmen, meint Alzen. Unter diesen Voraussetzungen werde spätestens klar, dass die aktuell angewandten Systeme nicht funktionieren. "Das GPS macht nur Ärger, funktioniert nie zu 100 Prozent. Die Streckenposten sind nicht anständig vernetzt, manchmal wartet man vergeblich auf grüne Flaggen und muss einfach raten, wann man wieder Vollgas geben darf. Und Code 60 geht vielleicht in Dubai, aber nicht auf der unübersichtlichen Nordschleife", meint der erfahrene GT3-Pilot.

GPS und Code-60 als ultimative Lösung?

Jene Situation, die am Samstag zum Strafenhagel führte, war symptomatisch für die Probleme im Umgang mit Zwischenfällen. "Bei Posten 80 sehe ich Gelb, nur 70 Meter später doppelt Gelb. Mir bleiben also 70 Meter, um ein GT3-Auto von 250 km/h um 190 Stundenkilometer zu verlangsamen. Wie soll das denn gehen? Das schafft höchstens die Formel 1", meint Alzen. Die Schäden, die durch Auffahrunfälle in solchen Situationen entstanden sind, erreichen mittlerweile ein enormes Ausmaß. Vermeidbarer Schrott, der Unsummen kostet.

Noch viel teurer sind die sekundären Konsequenzen für die VLN, die durch den "Sprint" am Samstag entstanden sein könnten. Das Rennen ging schließlich nur über 2:45 Stunden. Da ein normaler Stint rund 80 Minuten dauert, reicht in einem solchen Fall ein normaler Stopp mit Tanken, Reifen- und Fahrerwechsel, später folgt höchstens noch ein Splash-and-Dash und man ist im Ziel. Dies bedeutet, dass viele Teams gar nicht alle Piloten zum Einsatz bringen konnten - das sind aber diejenigen, die die Fuhre bezahlen.


Fotos: 54. Reinoldus-Langstreckenrennen


Erfahrene Piloten wie Mike Jäger verlieren langsam die Lust an der VLN, andere reisen für die Rennen in der Eifel extra aus den USA an und kommen womöglich gar nicht zum Einsatz. Haben sich die Verantwortlichen mal Gedanken darüber gemacht? Man bringt hiermit die Basis ganz gewaltig ins Wanken. VLN-Geschäftsführer Mauer nennt die Verkürzung des Rennens ganz lapidar einen "Kollateralschaden". Man habe keine vier Stunden mehr fahren können, weil auf der Grand-Prix-Strecke andere Events gebucht waren: ein Kartrennen und ein Wettbewerb mit Motorrollern.

"Ich mag die VLN und die Nordschleife, aber es muss etwas passieren", stellt Alzen klar. Er droht ebenso wie einige andere Teamchefs: "Es gibt auch Alternativen!" Einige namhafte VLN-Mannschaften blicken schon jetzt mit Interesse auf die Blancpain-Serien oder auf die Creventic-Veranstaltungen mit ihren Rennen über 24 oder zwölf Stunden. Alzen hat einen Brief an den DMSB formuliert, der auch 'Motorsport-Total.com' vorliegt. Darin werden die Abläufe vom vergangenen Samstag infrage gestellt und konkrete Konsequenzen für 2015 in Aussicht gestellt, die eine Abkehr von der VLN beinhalten.

Strafen wie auf dem Fußballplatz als Idee

Ganz so drastisch reagieren natürlich nicht alle Mannschaften. Vor allem wird infrage gestellt, warum ausgerechnet Uwe Alzen nun der Frontmann der Anti-VLN-Bewegung ist. Immerhin habe sein Pilot Yelmer Buurman beim Unfall von Jürgen Nett (Bonk-Opel) den Fuß ganz schön auf dem Pin gelassen. Alzen erklärt, er habe nach Auslesen der Daten erkennen können, dass sein Pilot zu den fraglichen Zeitpunkten "nur" mit 61,3 km/h beziehungsweise mit 67 km/h unterwegs gewesen sei. Die Messungen der VLN hatten etwas anderes ergeben: 118 km/h und 126 km/h.

Messung Alzen Buurman

Messungen der VLN: Yelmer Buurman im Alzen-BMW zu schnell unterwegs Zoom

Natürlich kann man darüber streiten, ob Uwe Alzen, der für teils lautstarke Ansagen bekannt ist, der richtige Mann ist, um die VLN-Verantwortlichen wachzurütteln. Die Frage ist aber, ob leise Kritik überhaupt jemals ankommen würde. "Ja, es wurden Fehler gemacht. Ja, uns wurde auch Schaden zugefügt, weil wir einige Fahrer nicht einsetzen konnten und somit die Einnahmen nicht hatten", sagt Mathol-Rennleiter Matthias Holle. "Aber Fehler können passieren. Es darf nur kein zweites Mal so laufen."

Für eine Verbesserung der Situation müssen die VLN-Verantwortlichen über ihren Schatten springen. Die Code-60-Regelung und das GPS-System sind nicht immer optimale Grundlage für Entscheidungen. Man muss den Einsatz dieser Mittel noch einmal überdenken und Code-60 wirklich nur in äußersten Gefahrenlagen ausrufen. Natürlich muss die Sicherheit im Vordergrund stehen. Dafür braucht es für alle Teilnehmer aber eine berechenbare Grundlage. Und diese gibt es nur, wenn - trotz des stets wechselnden Veranstalters - eine permanente Rennleitung in der Serie aktiv wird.

Ob der Appell an die Vernunft der Piloten immer ausreichend Sicherheit wird bieten können, ist aufgrund der Entwicklungen der vergangenen Monate und Erfahrungen aus den Vorjahren fraglich. Da war nicht immer überall ausreichend Hirn im Spiel. Also muss man ein konsequentes Strafensystem finden. Ein Teamchef schlägt beispielsweise vor: "Lasst es uns wie im Fußball machen. Wer überführt ist, bekommt Gelb. Macht er es nochmal, gibt es Gelb-Rot und er ist für ein Rennen gesperrt. Wenn einer eine ganz harte Nummer macht, dann bekommt er Rot und ist für eine Saison gesperrt."

Hoffentlich werden die Zeichen erkannt und Eitelkeiten beiseite gelassen.

Viele Grüße

Roman Wittemeier

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