Hinter den Kulissen der Recce: Wie der Aufschrieb eines Rallyefahrers entsteht

Hier diskutieren Fans über News und aktuelle Themen rund um den Rallye-Sport wie WRC, WRX, ERC, DRM oder die Rallye Dakar
Antworten
Redaktion
Beiträge: 29039
Registriert: Do Nov 08, 2001 1:01 am

Hinter den Kulissen der Recce: Wie der Aufschrieb eines Rallyefahrers entsteht

Beitrag von Redaktion » Sa Mär 21, 2020 9:59 am

Wie das "Gebetbuch" der Rallyefahrer entsteht: Wir haben bei der Rallye Großbritannien 2019 hinter die Kulissen der Recce geblickt

Es ist mitten in Betws-y-Coed, spät an einem Mittwochmorgen in der Woche der Rallye Großbritannien 2019, und Sebastien Ogier wartet geduldig im Verkehr. Kurioserweise bewegt sich der sechsfache Rallye-Weltmeister völlig unbehelligt durch diese schönste aller walisischen Städte.

Niemand schenkt ihm oder seinem Auto besondere Aufmerksamkeit. Seien wir ehrlich, in diesem Rallye-freundlichen Teil der Welt ist es nichts besonders Ungewöhnliches, wenn ein Typ im Citroen-T-Shirt einen schmutzig-weißen Subaru WRX STI fährt. Und warum sollte man mit Ogier rechnen? Die Rallye hat ja noch nicht begonnen, man erwartet ihn erst Ende der Woche.

Was hier gerade passiert, ist der Teil der Rallye, von dem normalerweise kaum jemand etwas mitbekommt. Es ist die Recce, Kurzform von "reconnaissance", oder auf gut Deutsch: Erkundungsfahrten.



Während der zweitägigen Recce haben die Crews die Gelegenheit, sich vor dem Start der Rallye mit den Wertungsprüfungen vertraut zu machen. Bei den WRC-Läufen findet die Recce typischerweise am Dienstag und Mittwoch statt, ehe am Donnerstag der Shakedown und der zeremonielle Start stattfindet. Während dieser zwei Tage, können die Crews jede WP zweimal durchfahren.

In Wales beträgt das Tempolimit dabei 80 km/h. Anderswo, vor allem wenn die WP durch Ortschaften führt, können es auch nur 50 km/h sein. Führt die Route über öffentliche Straßen, so sind diese während der Recce für den normalen Verkehr geöffnet. Allerdings werden die anderen Verkehrsteilnehmer vielerorts gebeten, während der Recce auf andere Straßen auszuweichen.

In Wales hingegen führt ein großer Teil der Route durch Waldgebiete im Staatsbesitz, die bereits während der Recce abgesperrt werden. Die Prüfungen werden im Endeffekt zu Einbahnstraßen, was am Tempolimit aber nichts ändert.



Im Grund ist der Ablauf bei der Recce relativ simpel. Handelt es sich um eine völlig oder in Teilen neue WP, diktiert der Fahrer beim ersten Durchgang seinem Beifahrer den sogenannten Aufschrieb, den dieser im "Gebetbuch" notiert. Dabei wird ein festgelegter Code verwendet. Bei den meisten Crews entspricht die Zahl, welche das Tempo einer Kurve angibt, dem Gang, in dem sie gefahren werden kann. "Sechs rechts" ist also normalerweise eine sehr schnelle Rechtskurve.

Im Aufschrieb ist alles enthalten, was der Fahrer wissen muss: Die Länge der Geraden, Kuppen, Sprünge, welche Kurven man schneiden kann und welche man lieber nicht schneiden sollte. Beim zweiten Durchgang liest der Beifahrer seinem Piloten den Aufschrieb vor, der dann sofern nötig Anpassungen vornimmt. Ist die WP im Vergleich zum Vorjahr unverändert, überprüft die Crew den Aufschrieb nur und passt ihn an, sollte sich an den Straßen etwas verändert haben.

So läuft das Ganze also ab. Aber warum sitzt Ogier in einem Subaru? Einfach deshalb, weil Citroen kein Auto baut, welches für die Recce geeignet ist. Auch Toyota verwendet den WRX, während Hyundai seit der Rückkehr in die WRC im Jahr 2014 auf BMW 120d xDrive setzt.



Einen geradezu legendären Ruf hatte die Recce-Flotte von M-Sport-Ford, die 15 Jahre lang bis Ende der Saison 2018 aus Volvo S60 bestand. Sie waren in einer Zeit angeschafft worden, als Volvo zu Ford gehörte. Mittlerweile nutzt das Team den Ford Focus RS.

"Der Subaru ist für uns ein gutes Auto", sagt Toyota-Fahrer Jari-Matti Latvala, nachdem er aus seinem WRX gestiegen ist. Der Finne kennt das Auto, denn er fuhr es zwischen 2004 und 2006 in der seriennahen Gruppe-N-Version.

"Es ist kein vollwertiges Gruppe-N-Auto, aber wir haben eine Käfig, ein gutes Fahrwerk und gute Bremsen. Wichtig ist bei den Bremsen, dass das ABS abgeschaltet ist. Auch die Traktionskontrolle wird deaktiviert. Und natürlich muss es ein Allrad-Auto sein. Der Radstand ist etwas größer als bei unserem Yaris, aber das ist nicht so wichtig."



In seinen Jahren bei M-Sport fuhr Latvala mit den in die Jahre gekommenen S60, die einen gewissen Kultstatus hatten und dem Team zur Überraschung von Teamchef Richard Millener beim Verkauf noch eine Menge Geld einbrachten.

"Wir haben einige der saubereren und neueren Autos genommen und dachten, wir würden ein gewisses Interesse bei den Leuten wecken, die sie zur Recce benutzen wollen", sagt er.

Wer sich aber wirklich dafür interessierte, waren vor allem Sammler. "Man darf nicht vergessen, dass im Laufe der Jahre Fahrer wie Colin [McRae], Carlos [Sainz], Marcus Grönholm und viele andere mit diesen Autos gefahren sind. Die Leute sind aus ganz Europa gekommen, um diese Autos zu kaufen."

War es also ein Abschied mit gemischten Gefühlen? "Im Focus haben wir auf jeden Fall weniger Pannen", lacht Elfyn Evans. "Gleichzeitig muss man aber sagen, dass die Volvos über Jahre unverwüstlich waren. Sie waren sehr robust, was gerade bei schlechten Straßen gut war. Wenn man mit ihnen über etwas gefahren ist, hatte man eine gute Vorstellung davon, wie es sich im Rallyeauto anfühlt."

"Da sich die Volvos sehr ähnlich wie ein Rallyeauto angefühlt haben, war man am Ende des Tages bei der Recce auch ziemlich durchgeschüttelt. Im Focus ist die Recce daher deutlich angenehmer."

Während Evans über Recce-Autos spricht, lässt er sich im Restaurant des Waterloo Hotels zum Mittagessen eine Portion "Boeuf bourguignon" schmecken.



Einige Kilometer entfernt, auf dem Weg in Richtung der WP "Penmachno", entladen rivalisierende Teams gasbetriebene Grills, um ähnliche Köstlichkeiten zuzubereiten. Auf Gartenstühlen unter dem Dach eines Pavillons können sie an diesem sonnigen Tag den wunderbaren Ausblick auf das Conwy-Tal genießen. Bei -20 Grad Celsius in Schweden oder 40 Grad in der Türkei ist das allerdings weniger angenehm.

Bei M-Sport ist Mick Maunder für die Organisation der Recce verantwortlich. Und damit beginnt er schon eine Woche, bevor die Rallye startet. "Ich bin immer schon am Freitag vorher da", sagt er.

"Als wir uns beim Mittagessen nach selbst verpflegt haben, gab es immer Sachen, die man schnell am Straßenrand zubereiten konnte. Jetzt greifen wir auf externe Lieferdienste zurück oder suchen ein Restaurant, wo die Crews essen können."



Die Atmosphäre bei der Recce ist auch eine völlig andere als bei der Rallye. Es sind in der Regel keine Medienvertreter dabei, es gibt keinen Stress, keine Eile. Wenn das Recce-Auto eine Panne hat - und das kommt oft vor - wird es am Straßenrand von einer mobilen Mechaniker-Crew repariert.

Hayden Paddons Beifahrer John Kennard gefällt dieser Teil des Sports. "Es ist wie früher bei den Rallyes", sagt er. "Ich habe bei Prodrive für das Subaru-Team zu Zeiten gearbeitet, als es noch keinen zentralen Servicepark gab. Damals sind wir in der Gegend herum gefahren und haben uns einen Platz gesucht, wo wir Mittagspause machen können. So ist es heute noch bei der Recce."

"Wir haben zwar ein Roadbook, das uns sagt, wie wir bei der Recce von einer Prüfung zur nächsten kommen, aber man ist doch etwas flexibler - so wie früher bei den Rallyes."



Kennards Ausführungen werden unterbrochen, denn Paddon ist bereit zur Abfahrt. Sie sind heute die ersten auf der Strecke. Zwar gibt es keine exakten Startzeiten bei die Recce, aber die Crews müssen in einem festgelegten Zeitfenster losfahren.

"Als Erster zu fahren, ist kein Vorteil", sagt Paddon. "Im Gegenteil, es ist meistens besser, wenn man weiter hinten fährt, denn dann kann man bereits die Fahrspuren erkennen. Das Timing ist bei der Recce recht wichtig. Wenn man zu früh dran ist, muss man vor der nächsten Prüfung waren, bis sich das Zeitfenster öffnet."

Und wenn man einmal gestartet ist, geht es darum, den Aufschrieb richtig hinzubekommen.



"Einer der wichtigsten Aspekte bei der Recce ist die Konstanz", sagt Paddon, der nun im Auto hinter dem Lenkrad sitzt, welches mit Klebestreifen versehen ist. Paddon zeigt auf diese Streifen und sagt: "Deshalb benutze ich die hier. Dieses System hat 'Possum' Bourne [der neuseeländische Rallyepilot Peter Bourne, einer von Paddons Helden] eingeführt, und ich habe es von ihm übernommen."

"Die Klebestreifen sind nummeriert, und wenn ich in einer Kurve lenke, bestimmt die Zahl oben am Lenkrad den Aufschrieb. Ich mache das schon meine ganze Karriere lang so und bin wirklich überrascht, wie viele andere das jetzt auch machen."

"Heute schaue ich aber nicht mehr so oft auf die Streifen wie zu Beginn meiner Karriere. Man bekommt ein Gefühl für den Lenkeinschlag und was das für den Aufschrieb bedeutet. Aber es ist dennoch gut, das als Rückversicherung zu haben", so Paddon.



"Dadurch wird der Aufschrieb verlässlicher. Wenn eine zwei oben ist, dann wird der Lenkeinschlag immer der gleiche sein - egal ob Links- oder Rechtskurve."

Der beste Weg zu einem verlässlichen Aufschrieb ist ein guter Rhythmus im Auto während der Recce. "Das Tempolimit von 80 km/h passt fast überall", erklärt Evans. "In den langsameren Abschnitten reicht das aus um zu spüren, wie das Auto zu rutschen beginnt. Allerdings lassen wir es bei der Recce nicht fliegen. Es geht darum, die richtige Linie zu finden und einen flüssigen Aufschrieb hinzubekommen."

Für Verwirrung können unterschiedliche Tempolimits sorgen. "Bei einigen Rallyes geht es von 50 hinauf auf 60 und 80, und dann wieder zurück auf 50", erklärt Latvala. "Das kann frustrierend sein, vor allem wenn man mit der falschen Geschwindigkeit erwischt wird."



"Das Tempo der Autos wird von den Organisatoren via Tracking überwacht. Im Auto bekommen wir einen Alarm, wenn wir zu schnell fahren. Wir haben dann drei Sekunden, um unter das Limit zu kommen. Andernfalls gibt es eine Strafe."

"Es kann auch schwierig werden, wenn einem Autos entgegenkommen. Ich erinnere mich da an einen Vorfall vor vielen Jahren, es war bei der Ulster-Rallye 2003", so Latvala. "Ich fuhr schnell, aber nicht zu schnell, durch eine enge Passage, und plötzlich war da ein anderes Auto auf der Straße. Wir haben angehalten, es gab kein Problem oder irgendwelche Schäden. Aber als ich an ihr vorbeifahren wollte, war die gute Dame ziemlich wütend."

"Sie hat das Fenster heruntergekurbelt und fing an zu schreien: 'Was zum Teufel machst du da?' Ich fuhr das Recce-Auto mit dem Lenkrad auf der linken Seite, und sie saß in einem Rechtslenker. Sie schrie also Miikka [Anttila, Beifahrer] an. Miikka ließ das Fenster herunter und sagte: 'Was schreien Sie mich so an? Der Fahrer sitzt dort drüben!' Dann habe ich zum Glück den ersten Gang gefunden."

An diesen beiden Tagen vor dem Start, wenn die Fahrer in Freizeithosen und T-Shirts durch die Gegend fahren, wird die Grundlage für das Ergebnis am Sonntagnachmittag gelegt. Für einen Fehler hier kann man Tage später teuer bezahlen ...

Original-News aufrufen

Antworten