Vor 125 Jahren: Die Fernfahrt des Baron von Liebieg

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Vor 125 Jahren: Die Fernfahrt des Baron von Liebieg

Beitrag von Redaktion » Mi Sep 11, 2019 11:14 am

Einige hundert Kilometer Auto fahren ist heute Alltag. Als Baron Theodor von Liebieg im Benz Victoria 939 Kilometer von Böhmen an die Mosel reiste, war das ganz anders

Fernreisen mit dem Auto sind heutzutage Alltag. Doch vor 125 Jahren, in der Frühzeit des Automobils war es eine Pioniertat, als Baron Theodor von Liebieg mit seinem Benz Victoria von Reichenberg (heute Liberec) in Böhmen nach Gondorf an der Mosel reist. Sieben Tage dauert die Fernfahrt, vom 16. bis 22. Juli 1894. Wir erinnern an die Pioniertat aus der Mercedes-Historie.

Im Oktober 1893 stattet der erst 21-jährige böhmische Fabrikantensohn von Liebieg dem Auto-Erfinder Benz einen Besuch ab und interessiert sich für den Victoria. Der Wagen ist eine Weiterentwicklung des Benz Patent-Motorwagens Nummer 3, mit dem Bertha Benz im Jahr 1888 ihre berühmte Fahrt absolvierte.

Anders als dieser hat der Victoria aber als erstes Benz-Modell vier Räder. Der Automobilpionier gewährt Liebieg eine kurze Testfahrt, und dieser bestellt spontan ein Fahrzeug. Es wird im folgenden Frühjahr per Eisenbahn ausgeliefert. Angetrieben wird es von einem drei PS starken Einzylindermotor. 

Mit diesem Fahrzeug will er im Sommer 1894 auf eigener Achse Carl Benz besuchen und von Mannheim aus weiter an die Mosel fahren, zum Wohnort seiner Mutter in Gondorf. Nach Probefahrten sind von Liebieg und sein Freund, der Arzt Franz Stransky, zuversichtlich: Das Automobil wird trotz schlechter Straßen, der schwierigen Versorgung mit Treibstoff und dem hohen Verbrauch an Kühlwasser die Fernfahrt schaffen.

Frühmorgens am 16. Juli 1894 geht es los, über Bautzen und Dresden erreichen die beiden Waldheim (rund 50 Kilometer westlich von Dresden). Am nächsten Tag geht die Etappe bis Eisenberg (etwa zwischen Jena und Gera), am 18. Juli fahren sie über Jena, Weimar, Erfurt und Gotha bis nach Eisenach.

Darauf folgt eine Fahrt über zwei Tage ohne Übernachtung, bei der unter anderem Fulda, Offenbach, Frankfurt und Darmstadt durchquert werden. Das Ziel nach 26 Fahrstunden ist Mannheim, wo die beiden Autopioniere Carl Benz besuchen. An den zwei folgenden Tagen geht es den Rhein entlang nach Norden und schließlich am 22. Juli die Mosel hinauf nach Gondorf - das Abenteuer ist geglückt.

Auch den heutigen Autobahnen würde man für die Strecke von Liberec nach Gondorf etwas mehr als sieben Stunden brauchen. Doch vor 125 Jahren benötigen Liebieg und Stransky für ihre 939 Kilometer insgesamt 69 Stunden. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 13,6 km/h, angesichts der schlechten Straßen sehr respektabel.

Getankt wird an Apotheken oder Drogerien. Schon Bertha Benz hat sich auf ihrer Fahrt im August 1888 von Mannheim nach Pforzheim in einer Apotheke mit Ligroin (Leichtbenzin, hauptsächlich Pentan, Hexan und Heptan) als Treibstoff versorgt.

Der Benz Victoria verbraucht etwa 21 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Erheblich höher ist der Bedarf an Kühlwasser, weil der Motor mit einer offenen Verdampfungskühlung ausgestattet ist, die auf 100 Kilometer bis zu 150 Liter Wasser benötigt. Erst Erfindungen wie die von Wilhelm Maybach erdachten Kühler senken den Kühlwasserbedarf erheblich.

In Gondorf bleibt Liebieg vier Wochen lang und unternimmt in dieser Zeit Ausfahrten bis nach Frankreich. Im August tritt er mit Stransky die Rückreise an. Auf dem Weg macht das Duo wieder in Mannheim Station, um den Victoria bei Benz & Cie. einer gründlichen Werkswartung unterziehen zu lassen. Zurück im heimatlichen Reichenbach haben die beiden insgesamt rund 2.500 Kilometer hinter sich gebracht.

Carl Benz erinnerte sich noch fast 30 Jahre später an Liebieg: "Mein Viktoriawagen und der Baron - das waren Freunde, die einander verstanden und aufeinander abgestimmt waren wie zwei Stimmgabeln. Auf großen und weiten Reisen haben diese beiden Freunde ihren Viktoriaruf hinausgeknattert in die aufhorchende Welt und trugen sehr viel zur Popularisierung des Kraftwagens bei."

Theodor von Liebieg unternimmt 1895 eine zweite Fernreise mit dem Victoria. Er tritt für Benz auch bei Automobilwettfahrten an. Durch diese Aktivitäten wird er zum Botschafter für das Automobil. Später ist Liebieg als Teilhaber der Nesselsdorfer Wagenbau-Fabriks-Gesellschaft selbst Automobilproduzent.

Aus dem Unternehmen geht später die Marke Tatra hervor. Doch Liebieg bleibt als Kunde dem Unternehmen Benz & Cie. treu - auch nach dem Zusammenschluss mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft: Das letzte Automobil des 1939 verstorbenen Industriellen ist ein exklusives Mercedes-Benz 540 K Cabriolet A.

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