Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

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Redaktion
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Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von Redaktion » Do Mär 26, 2020 9:05 pm

Das virtuelle Formel-1-Rennen auf dem Bahrain International Circuit hat gemischte Gefühle hinterlassen - Wie ein Simracer den Gehversuch bewertet

Heute: Warum das virtuelle Formel-1-Rennen von einem echten Sim-Race so weit entfernt gewesen ist wie Williams im Moment von einem Grand-Prix-Sieg, was die Unterschiede zum "echten" Sim-Racing sind, wie in einer richtigen Sim-Racing-Liga mit einigen kontroversen Szenen aus dem virtuellen Formel-1-Rennen umgegangen wird und warum Nico Hülkenberg mit Fahrhilfen unterwegs gewesen ist.



Nein, absolut nicht. "Verhöhnung des Simracings" hätte da wohl besser gepasst. Ich bin der Meinung, dass die Formel 1 dem "echten" Sim-Racing einen Bärendienst erwiesen hat. Das virtuelle formel-1-Rennen trug mehr Züge von Arcade-Gaming als von einem echten Sim-Race.

Man kann es sich ganz einfach so vorstellen: Das virtuelle Formel-1-Rennen sah nicht aus wie ein "echtes" Formel-1-Rennen. Sim-Racing allerdings kommt extrem nahe an die Realität heran. Man sollte normalerweise keinen Unterschied zum realen Racing erkennen.

Es wäre an sich auch kein Problem gewesen, wenn man das virtuelle Rennen nicht vorher als ernstes Rennen beworben hätte. Geliefert wurde eine Stock-Car-Crash-Challenge. Hätte man das Rennen zuvor als "Spaß-Event" deklariert, wäre es gute Unterhaltung gewesen.

So aber hat man den Begriff "Sim-Racing" eher beschmutzt als positiv bekannt gemacht. Tausende von Menschen werden bei diesem Rennen zugeschaut haben, die noch nie ein Sim-Race gesehen haben. Und die haben nun eine völlig falsche Vorstellung davon. Da blutet mir als Sim-Racer schon das Herz.

Natürlich wird das von Liberty Media nicht beabsichtigt gewesen sein, doch man konnte es alleine schon durch die Wahl des Spiels kommen sehen.



Zunächst einmal in der Wahl des Spiels. F1 2019 ist keine echte Simulation - das gilt auch für alle "F1"-Spiele davor. Deshalb hat übrigens auch Formel-1- und Sim-Racing-Star Max Verstappen abgesagt.

Reinrassige Hardcore-Simulationen (iRacing, rFactor 2, Assetto Corsa etc.) sprechen einen zu kleinen Markt an, um kommerziell große Erfolge zu verbuchen, was die Formel 1 mit ihrem offiziellen Spiel aber natürlich erzielen will.

F1 2019 geht in Richtung des sogenannten Arcade-Gamings, wie man es etwa von Need for Speed kennt: massentauglich, mit Gamepad spielbar und geringen Einstiegshürden. Aber zumindest noch mit einem Anspruch, im Gegensatz zu Need for Speed die Realität irgendwie noch halbwegs abzubilden.

Damit wollte man nun ein Rennen über 14 Runden fahren, also gerade mal ein Viertel der realen Renndistanz, trotzdem mit Boxenstopp. Das zeigte schon, dass es hier nicht mit dem letzten Hauch Simulationsanspruch an den Start ging. Es gibt zahlreiche Sim-Racing-Ligen, in denen die echte Renndistanz gefahren wird.

Und letztlich war die Gangart auf der Strecke einem Sim-Race nicht angemessen. Es wurde eher gefahren wie bei Mario Kart als in einem seriösen Sim-Race. Wie gesagt, das wäre kein Problem gewesen, wenn Liberty Media das Rennen nicht vorher als seriöses Sim-Race deklariert hätte.



Wir müssen zwei Dinge voneinander getrennt betrachten: Zunächst einmal zahlreiche Unfälle, die es im Laufe der ersten paar Kurven gegeben hat. Und dann ein ziemlich kontroverses Abkürzen, sodass ein Fahrer, der von P15 gestartet ist, plötzlich in Führung lag. Letzteres wäre im Sim-Racing indiskutabel.

In jeder auch nur halbwegs professionellen Sim-Racing-Liga gibt es eine Rennleitung. In seltenen Fällen greift sie wie in der Realität auch noch während des Rennens ein und würde für den Verursacher des jeweiligen Unfalls eine Strafe aussprechen, wie es in der Realität auch vorkommt.

Gängiger ist im Sim-Racing eine Rennleitung, die die Unfälle nach dem Rennen bewertet. Im realen Motorsport ist das die berüchtigte "Investigation after the race". Das liegt daran, dass im Simracing in manchen Szenen auch die Perspektive der einzelnen Fahrer betrachtet werden muss.

Beispielsweise können sich durch die Verbindungslatenz Fahrzeuge aus Sicht des neutralen Zuschauers und des jeweiligen Fahrers um Millimeter an verschiedenen Orten befinden. Das kommt zwar äußerst selten vor, ist aber nicht auszuschließen, wenn es im Rad-an-Rad-Duell tatsächlich um jeden Millimeter geht. Außerdem haben Fahrer in der Regel die Gelegenheit, sich zu äußern.

Strafen werden dann entweder für das nächste Event ausgesprochen (zum Beispiel Durchfahrtsstrafe während der ersten drei Runden) oder in Form von Punktabzug in der Meisterschaft geahndet. Straflos davon wie im Formel-1-Event kommt man definitiv nicht. In der Regel muss das Opfer einer Kollision einen formalen Protest nach dem Rennen einlegen, damit die Rennleitung aktiv wird.

Die zweite Situation, die es zu analysieren gilt, ist das heftige Abkürzen (ein sogenannter "Cut") von Johnny Herbert, der mit einem Jahrhundert-Cut in Führung gegangen ist. Das zeigt mir schon, dass er das Rennen nicht wirklich ernst genommen hat.

Ein solcher Move wäre im seriösen Sim-Racing ein absolutes No-Go. Das macht ein Fahrer genau einmal, danach würde er aus der Liga ausgeschlossen werden. Man muss sich einfach mal vorstellen, das würde jemand in der Realität machen. Dieser Fahrer würde auch seine Lizenz verlieren.

Was aus den Bildern nicht hervorgeht, ist, ob er nicht einem Unfall ausweichen musste. Sollte das der Fall sein, wäre sein Cut zunächst vertretbar gewesen. Er hätte aber zumindest Bemühungen zeigen müssen, sich auch nur halbwegs wieder auf einer Position einzusortieren, die seiner Position beim Verlassen der Strecke angemessen gewesen wäre. Das war eindeutig nicht der Fall.



Ein Punkt, an dem sich mein Kollege Christian Nimmervoll in seiner Kolumne sehr gestört hat, war die Tatsache, dass Nico Hülkenberg offen zugab, mit "moderaten" Fahrhilfen zu fahren. Das war in der Übertragung etwas unglücklich kommuniziert. Denn eigentlich geht er damit einen Schritt mehr in Richtung Realität.

Das Sim-Racing wird immer mit einem großen Kompromiss leben müssen: Das "Popometer" ist außer Kraft gesetzt. Zumindest, solange man sich keinen Simulator im Wert von Zehntausenden Euro anschafft, der Fliehkräfte simuliert (ein eigenes Thema, das wir demnächst noch behandeln werden).

Jeder halbwegs talentierte Autofahrer wird bei einem ausbrechenden Heck intuitiv schnell gegenlenken. Das geschieht instinktiv, ohne dass der Fahrer nachdenkt, sobald der Körper merkt, dass "der Hintern weggeht".

Im Sim-Racing ist dieser natürliche Reflex außer Kraft gesetzt. Ohne Fahrhilfen zeigt sich dann bei vielen folgendes Muster: Ein ausbrechendes Heck wird zu spät wahrgenommen und daraufhin zu heftig gegengelenkt. Das sorgt dann häufig dafür, dass man mit dem Gegenpendler abfliegt.

Eine Traktionskontrolle auf leichter Stufe gibt dem Fahrer die Möglichkeit, besser mit der "Sim-Racing-Verzögerung" zu reagieren. Das wiederum sorgt für ein subjektiv realistischeres Fahrerlebnis. So kurios es sich also anhören mag: Eine Traktionskontrolle auf niedriger Stufe sorgt für mehr Realismus.

Das gilt allerdings nur für sehr "zackig" zu fahrende Autos, also Formelfahrzeuge und Le-Mans-Prototypen. Tourenwagen oder GT-Sportwagen lassen sich im Sim-Racing auch ohne Fahrhilfen problemlos bewegen, weil sie träger sind und es nicht auf Tausendstelsekunden bei der Reaktion ankommt.

Übrigens gibt es Sim-Racer, die virtuelle Formelfahrzeuge auch ohne Fahrhilfen am Limit bewegen können. Diese haben jedoch andere Reflexe trainiert als ein Rennfahrer im echten Auto. In der Regel ist es für diese leichter, in einem echten Auto so schnell wie ein professioneller Fahrer zu reagieren als umgekehrt.

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RushOliver
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Re: Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von RushOliver » Fr Mär 27, 2020 8:32 am

Danke!

Ein toller (erster) Artikel der die unsägliche erste Berichterstattung deutlich korrigiert und ins richtige Licht rückt. Hier schrieb Jemand der tatsächlich Ahnung von der Materie hat. :top:

Eine kleine Anmerkung hätte ich aber noch. Die heutigen Simulationen simulieren auch die real vorhandenen Fahrhilfen (Traktionskontrolle oder auch ABS) völlig korrekt und müssen daher auch aktiv beim Simracing eingesetzt werden. Dabei habe ich weniger iRacing im Hinterkopf, welches gerade im Bereich der GT Fahrzeuge davon lebt den Bremsdruck möglichst nur in einem Bereich von 80% zu halten um optimal agieren zu können. Bei neueren Simulationen wie Assetto Corsa Competizione sind die Einstellmöglichkeiten der Traktionskontrolle sehr vielfältig und ein tragender Bestandteil des Setups. Zudem muss man sich durch Wetterwechsel im Rennen auch der jeweiligen Situation anpassen und wie der reale Rennfahrer am Lenkrad oder am Dashboard die Einstellungen aktiv verändern.

Natürlich hängt die stärke der Einstellung dann wie im realen Leben auch vom Talent des Fahrers ab. Aber gerade GT3 Fahrzeuge arbeiten auch in der Realität mit Traktionskontrolle und ABS.

Seppel23
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Re: Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von Seppel23 » Fr Mär 27, 2020 9:25 am

Sehr schöner Artikel bzw. schönes Interview für das Offensichtlich jemanden eingeladen wurde der Ahnung von der Materie hat und sich vernünftig zu den verschiedensten Themen rund um das Sim Racing äußern kann. Hat mir sehr gut gefallen und ist auch ein wenig "Balsam auf die Wunden" die das F1 Event und auch wenn ich die Kolumne dazu nicht als das Problem ansehe (das war halt die Veranstaltung an sich) eben diese bei jemanden der mit Herzblut Sim Racing betreibt hinterlassen haben. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf den zweiten Teil.


Falls jemand der sich nicht so im Sims Racing auskennt mal Interesse hat sich noch was genauer in das Thema und die Details einzuhören, ich war vor ca. einem Jahr beim größten Deutschen Gaming Podcast "The Pod" zu Besuch und habe dort recht Detailliert über das Hobby Sim Racing Auskunft gegeben. https://www.gamespodcast.de/2019/04/09/simracing/

Und wenn jemand hier mit liest und vielleicht Lust bekommt mal in eine richtige Sim Racing Liga mit Formel Wagen rein zu Schnuppern einfach mal hier https://www.virtualracing.org/assetto-c ... ien-infos/ vorbei schauen und sich gerne Informieren oder dort im Forum im FAC Bereich bei möglichen Fragen einfach usw. einfach Fragen dann wird einem auch immer recht schell und Zeitnahe geholfen.

Fuel
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Re: Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von Fuel » Fr Mär 27, 2020 9:27 am

Guter Artikel, der das Thema Sim Racing mal professionell beleuchtet. Leider hat dies MST in so manchem Artikel in der letzten Zeit nicht geschafft. Gerne weiter so mit fundierten Berichten und Artikeln wie diesem hier!

Psypt_aSnat
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Re: Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von Psypt_aSnat » Fr Mär 27, 2020 10:39 am

Vielen Dank für diesen Artikel.
Hier wird schön darauf eingegangen, dass die F1 Spiele nicht diese Art "Realitätsnahe Tiefe" wie etliche Andere, teilweise deutlich Anspruchsvollere, Rennspiele haben.
Es ist tatsächlich schon ein ziemlicher Unterschied, ob hier mehr in Richtung der Arcade / Massentauglichkeit oder der Richtung Realität / Anspruch gegangen wird.
Eine etwas legerere Formulierung des F1 Events hätte sicherlich geholfen.
Schön wäre es, wenn alle, welche dieses Event gesehen hatten, sich auch mal "richtiges" Sim-Racing a la iRacing (in deren höheren Ligen vor allem) zu Gemüte führen würden.
Ich kenne das von Gran Turismo Sport z.B., dort ist in höheren Ligen gleich eine ganz andere Qualität des (miteinander) Fahren. Und durch die Gran Turismo Serie konnten ja auch einige der Online Fahrer auch in die Realität und dank der Serie auch dort ihr teilweise super Können beweisen.

posaunix
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Re: Interview: Das virtuelle F1-Rennen aus Sicht eines Sim-Racers (1/2)

Beitrag von posaunix » Fr Mär 27, 2020 6:21 pm

Chapeau!
Schöner Artikel und für mich beantworten sich da auch einige Fragen in Ansätzen. Aus der Reihe darf man gern mehr bringen. Durch dies Aufeinandertreffen von echten Fahrern und echten "Simulaten" wirds das ganze Thema erst so richtig spannend. Vielleicht konnte man das auch vorher schon genießen. Ich hatte es aber nie auf der Mattscheibe. Cool!

Ich würde gerne mal ein realistischeres Spiel als F1 2019 spielen, aber ich bin leider eh nur mit einer Tastatur ausgestattet. Gamepad finde ich fürchterlich. Und für ein wirklich gutes Lenkrad-Equipment reicht mir der Elan nicht.

Ich finde aber bei F1 2019 oft schon beknackt, wie die Lenkung häufig reagiert, dass die Boxenstopps so deart unrealistisch aussehen (da waren sie schon mal viel weiter - was die Anfahrt an die Pitcrew angeht insbesondere), und die Ausfahrt oft schon ein Kunsstück ist, weil alles irgendwie seltsam reagiert und absolut unnatürlich ist. Auch nicht Arcarde-mäßig, sondern einfach nur unsinnig.

Dann ist auch das Thema Sicht sehr kompliziert. Die Cockpitsicht hat oft keine Sicht auf die Spiegel (je nach Auto) und man bekommt nie ein Gefühl dafür, wo der Gegner wirklich ist. Oder wie schnell er sich, wenn schneller, annähert.

Viele Kuriositäten in diesem Spiel.....

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