Mercedes 770 (1930-38): Zwischen Gigant und Größenwahn

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Mercedes 770 (1930-38): Zwischen Gigant und Größenwahn

Beitrag von Redaktion » Fr Okt 09, 2020 11:14 am

7,6 Liter Hubraum plus Kompressor und 5,60 Meter Länge: Der erste Mercedes 770 war vor 90 Jahren König der Luxusautos - Wir blicken zurück

Groß, größer, 770: Mit dem Mercedes-Benz 770 "Großer Mercedes" setzte die Marke 1930 - also vor 90 Jahren - ein im wahrsten Wortsinne fettes Statement. Und das kurz nach dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Schon der Blick auf die technischen Daten zeigt, welch ein Gigant der 770 war. 

Achtzylinder-Reihenmotor, 7.655 Kubikzentimeter, Leistung: 110 kW (150 PS) oder mit Kompressor 147 kW (200 PS) bei 2.800 U/min. Kraftstoffverbrauch etwa 28 bis 30 Liter je 100 Kilometer (optimistisch gerechnet), Tankinhalt 120 Liter.

Dazu eine Höchstgeschwindigkeit mit aktiviertem Kompressor etwa 160 km/h, Gewicht des Fahrgestells: 1.950 Kilogramm, Gewicht komplettes Fahrzeug: 2.700 Kilogramm, Radstand: 3.750 Millimeter, Gesamtlänge: 5.600 Millimeter.



Kein Wunder, dass später auch die braunen Machthaber mit dem 770 Eindruck schinden wollten. Doch unabhängig von ihren Passagieren boten diese äußerst repräsentativen Fahrzeuge damals außergewöhnliche Fahrleistungen und einem überragenden Fahrkomfort.

Für den standesgemäßen Antrieb der Baureihe W 07 sorgt ein Achtzylinder-Reihenmotor mit 7,7 Litern Hubraum. Der zwischen 1930 und 1938 gebaute "Große Mercedes" bleibt hochexklusiv, in verschiedenen Ausführungen entstehen lediglich 117 Exemplare. Abgelöst wird er von der Baureihe W 150 mit der identischen Modellbezeichnung 770 "Großer Mercedes", die allerdings noch seltener bleibt. Nach dem Krieg folgt erst 1963 der Mercedes 600 als ideeller Nachfolger. 

Der Mercedes 770 "Großer Mercedes" wird im Oktober 1930 auf dem Salon de l'Automobile in Paris, der seinerzeit weltweit führenden Automobilausstellung, präsentiert. Das größte, schwerste und auch teuerste Modell des Mercedes-Personenwagenprogramms sichert der damaligen Daimler-Benz AG eine Spitzenposition im internationalen Automobilbau.



Ein zeitgenössischer Mercedes-Prospekt lässt keinen Zweifel an diesem Anspruch und spricht vom "stärksten Personenwagen Deutschlands und einem der größten der Welt". Weiter heißt es: "Er ist der Wagen mit der besonderen Note, geschaffen für die verwöhntesten Ansprüche, für den Kreis führender Männer aller Länder, die stets die Forderung nach höchster Leistung und größtem Komfort erheben."

Nach zweijähriger Entwicklungsarbeit beschließt der Vorstand in einer Direktionssitzung am 6. März 1930, den W 07 forciert zur Serienreife zu bringen und die Nürburgring-Erprobung bis Ende Mai des Jahres abzuschließen. Am 6. Juni 1930 resümiert der neue Vorstandsvorsitzende Wilhelm Kissel: Die "Entwicklung eines neuen großen Wagens" sei erforderlich gewesen, um wieder ein aktuelles Luxusklassefahrzeug im Modellprogramm zu haben. 

Anders als mancher Wettbewerber (wie Horch oder Maybach) entscheidet sich das Team um den Leiter des Konstruktionsbüros Dr. Hans Nibel und Motorenentwicklungschef Albert Heeß nicht für ein Triebwerk mit zwölf Zylindern, sondern für einen Achtzylinder-Reihenmotor mit 7,7 Litern Hubraum. Seine Maximaldrehzahl liegt bei 2.800/min.



Dieser M 07 leistet 110 kW (150 PS), wenn der Roots-Kompressor beim vollständigen Durchdrücken des Gaspedals zugeschaltet wird, sind es 147 kW (200 PS). Bei einem Minderpreis von 3.100 Reichsmark (RM) kann der "Große Mercedes" auch ohne Kompressor bestellt werden. Dafür entscheiden sich allerdings nur 13 der 117 Kunden. Von den beiden Zündkerzen pro Zylinder wird eine über Hochspannungsmagnetzündung und eine über Batteriezündung versorgt.

Die Kraftübertragung erfolgt über ein Dreiganggetriebe, das durch ein nahezu geräuschloses Maybach-Schnellganggetriebe ergänzt wird. Es ist zu jedem der drei Vorwärtsgänge zuschaltbar. So stehen in der Praxis sechs Gänge zur Verfügung. Geschaltet wird das Schnellganggetriebe ohne Betätigung der Kupplung über eine halbautomatische Saugluftschaltung, die per Lenkradhebel bedient wird.

Die Handhabung der Vierradbremsen erfolgt mechanisch und wird durch eine Bosch-Dewandre-Servo-Bremse unterstützt. Der "Große Mercedes" verfügt vorne über eine Starrachse aus einem Doppel-T-Profil und hinten über eine Starrachse in Banjoform. Die Zentralschmierung erfolgt vollautomatisch.



Die von der Fachwelt hochgelobte Abstimmung des eher konservativ ausgelegten Fahrwerks führt zu einem Optimum an Sicherheit und Komfort. Das Topmodell von Mercedes wird mit Holzspeichenrädern oder Drahtspeichenrädern geliefert, die für einen schnellen Wechsel mit Rudge-Schnellverschlüssen montiert werden.

Die Karosserien des "Großen Mercedes" werden im Sonderwagenbau im Werk Sindelfingen hergestellt. Die Endmontage und die Übergabe an die Kunden erfolgt in Stuttgart-Untertürkheim. Zunächst wird die insgesamt 42-mal produzierte Pullman-Limousine mit sechs bis sieben Plätzen angeboten.

Die Cabriolets B, C, D und F sowie ein offener Tourenwagen ergänzen die Karosserieauswahl im September 1932. Hinzu kommen Aufbauten einiger privater Karossiers wie beispielsweise Erdmann & Rossi. Das Karosseriedesign ändert sich während der 1930er-Jahre hin zu immer flüssigeren Formen.

Wie deutlich sich der W 07 vom allgemeinen Preisniveau abhebt, zeigt ein Vergleich: Die Pullman-Limousine mit Kompressor wird während der gesamten Produktionszeit von 1930 bis 1938 für 41.000 RM angeboten, der 1931 präsentierte 170 (W 15) dagegen für 4.400 RM. Selbst der 540 K, der während der 1930er-Jahre ebenfalls viel zum Renommee von Mercedes beiträgt, kostet 1936 mit 22.000 RM nur etwas mehr als die Hälfte des 770.



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Das Fachmagazin "Motor und Sport" urteilt in Heft 24/1932: "Im Gegensatz zu den bekannt gewordenen Ausführungen der Konkurrenz ist das Verhalten des Großen Mercedes bei allen Geschwindigkeiten unantastbar. [...] Uns ist kaum ein Fahrzeug bekannt, das ein so gefahrloses Fahren mit schweren Karosserien bei der atemberaubenden Geschwindigkeit von 120 km/h zuließe [... und] spielend das D-Zug-Tempo einzuhalten befähigt ist."

Im Mercedes-Museum in Stuttgart-Untertürkheim sind gleich zwei 770 "Große Mercedes" zu bewundern. Zum einen das 1932 als Sonderanfertigung hergestellte Cabriolet F von Kaiser Wilhelm II., der in jenen Jahren im niederländischen Exil lebt. Den Kühler ziert statt des Mercedes-Sterns das Hohenzollernwappen. Die Außenfarbe Marineblau ist des Kaisers eine Referenz an die deutsche Seeflotte.

Direkt daneben steht die Pullman-Limousine des japanischen Kaisers Hirohito, die 1935 als eines der ersten Automobile überhaupt in beschusssicherer Sonderschutzausführung ausgeliefert wird. Eine mehrschichtige und dicke Verglasung der Seiten- und Heckscheiben sowie eine Panzerung von Dach und Türen sind Teil der Schutzmaßnahmen. Interessantes Detail: Beide Fahrzeuge gehören zu den wenigen W 07, die ohne Kompressor ausgeliefert werden.

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