Zeitreise: Unterwegs im VW-Porsche 914 von 1972

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Redaktion
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Zeitreise: Unterwegs im VW-Porsche 914 von 1972

Beitrag von Redaktion » Sa Sep 07, 2019 11:37 am

Flach und kantig: Der VW-Porsche 914 irritierte zwischen 1969 und 1975 nicht nur durch seinen Markennamen. Wir sind einen 914 mit Vierzylinder gefahren

Porsche und VW: Die vielleicht wichtigste automobile Verbindung des 20. Jahrhunderts, quasi Yin und Yang auf Rädern. Ohne Porsche gäbe es keinen Volkswagen, ohne VW keine Porsche-Sportwagen. Nicht zu vergessen der im Rückblick größenwahnsinnig anmutende Übernahmeversuch des Volkswagen-Konzerns durch Porsche. Und schließlich als Folge die Integration von Porsche als Marke in eben jenem VW-Konzern.

Ein einziges Auto trug die Markennamen beider Firmen am Heck: Vor 50 Jahren debütierte der VW-Porsche 914. Wir hatten nun die Gelegenheit, im Rahmen der PS.Speicher-Rallye des gleichnamigen Museums in Einbeck einen 914 zu fahren und blicken zurück. Ist der 914 weder Fisch noch Fleisch?

Wie bereits erwähnt, sind Volkswagen und Porsche seit der Entwicklung des Käfers durch Ferdinand Porsche eng miteinander verknüpft: Lizenzgebühren vom Käfer und einige seiner technischen Komponenten ermöglichen den Aufstieg Porsches als eigene Marke.

Sogar familiär sind die Unternehmen verbunden: 1959 heiratet Ernst Piëch, Bruder von Ferdinand Piëch und ein Enkel von Ferdinand Porsche, die jüngste Tochter des berühmten VW-Generaldirektors Heinz Nordhoff. Louise, die Mutter von Ernst und Ferdinand, leitet bis 1971 den Generalimport von VW-Fahrzeugen nach Österreich.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Nun, es erklärt, warum ein Mischwesen wie der VW-Porsche 914 überhaupt entstehen konnte. Mitte der 1960er-Jahre sucht VW nach einem Nachfolger für den Typ 34, dem großen Bruder des Karmann-Ghia.

Porsche hingegen sucht eine Erweiterung nach unten, um die 356-Kunden bei der Stange zu halten, denen der damals neue 911 zu teuer ist. Deshalb wird zunächst unter dem Namen 912 der 356-Vierzylinder in die 911-Karosserie gepackt. Doch auf Dauer ist das auch keine Lösung, schließlich möchte man dem Elfer nicht schaden.

Und so einigen sich Ferry Porsche und Heinz Nordhoff per Handschlag auf ein gemeinsames Sportwagen-Projekt, den späteren 914. Leider stirbt Nordhoff im April 1968, sein Nachfolger Kurt Lotz hat mit Handschlägen und der Familie Porsche nicht viel am Hut. Das Problem: Die meisten Rechte am 914 liegen bei VW, selbst ein VW 914/6 mit 911-Motor zum günstigen Preis wäre möglich.

Solch eine Konkurrenz zum Elfer will Porsche natürlich nicht, zudem brauchen die Stuttgarter den 914 als Einstiegsmodell. Und so rauft man sich zur VW-Porsche-Vertriebsgesellschaft zusammen. Bei der Vorstellung des 914 auf dem Genfer Salon prangt tatsächlich "VW-Porsche" am Heck. 

Das bleibt nicht das einzig Ungewöhnliche am knapp vier Meter langen 914. Seine Form ist kantig, breit und sachlich. Hinzu kommen Klappscheinwerfer und ein Targadach, welches im hinteren Kofferraum verstaut wird. Vorne befindet sich ein weiteres Gepäckabteil, da sich hinter den Insassen ein Mittelmotor versteckt. Der Gesamtauftritt des 914: Maximal rational wie ein Wecker von Braun.

Unser Fotomodell stammt aus dem 1972 und peppt die äußere Gestaltung mittels einer knallgelben Lackierung auf. Ich steige ein und sinke tief in den Sitz. Neben mir befinden sich eine große Türablage und links neben dem Sitz die Handbremse. Mit absenkbarem Hebel, um nicht mit dem Beinkleid hängenzubleiben.

Auffallend breit geht es im Inneren des 914 zu. Zwischen Faher- und Beifahrersitz gibt es noch ein Sitzpolster für ein Kind. Passive Sicherheit? Das Armaturenbrett mit zentralem Drehzahlmesser ist gepolstert, das muss reichen.

Einer der Vorbesitzer hat ein Porsche-Wappen auf das große Lenkrad geklebt. Durchaus nachvollziehbar, schließlich glaubten viele 914-Käufer, sie hätten ob des Kürzels am Heck nun einen Porsche erworben. Kurios: In den USA war das immer der Fall, dort gab es den Wagen ausschließlich unter dem Namen Porsche 914.

Doch auf den Varianten mit Vierzylinder, wie auch unser Auto, gab es in Europa nie Porsche-Wappen. Das "Volkswagenwerk" ist als Hersteller eingetragen, gebaut wurde der 914 bei Karmann in Osnabrück. Nur der 914/6 mit dem 911-Sechszylinder lief knapp über 3.000-mal bei Porsche in Zuffenhausen vom Band, Karmann lieferte die Rohkarosserie.

Und nur hier prangte das Porsche-Wappen auf der vorderen Haube sowie der Name Porsche auf dem Lüftungsgitter des Motors. Der Knackpunkt: Als 914/6 war der Wagen preislich zu dicht am 911, bot aber optisch nicht dessen Prestige, schließlich war er kaum von der profanen VW-Variante zu unterscheiden.

Wesentlich beliebter waren die 914-Vierzylinder, Grundpreis anfangs 11.955 DM. Wie auch unser Auto trugen sie lange einen 1,7-Liter-Vierzylinder mit Einspritzung und 80 PS Leistung unter der schmalen Haube. Ich drehe den Zündschlüssel (rechts!) um: Das Laufgeräusch erinnert frappant an einen alten VW Bus. Tatsächlich gab 1972 die Maschine dort auch, jedoch mit Vergasern. Gestiftet hatte das Aggregat aber 1969 der unglückliche VW 411 E.

Mit einer Mischung aus Kraft und Präzision lege ich den unten links gelegenen ersten Gang ein und trete auf Gas. Außer immer mehr Lautstärke passiert wenig, erst ab etwa 3.000 Umdrehungen packt der 914 zu. In 13 Sekunden soll der Wagen offiziell auf 100 km/h beschleunigen, was ich kaum glauben kann.

Tatsächlich bin ich nicht alleine: Schon vor 50 Jahren mäkelten US-Tester an der Leistung herum. "Der langsamste Sportwagen über 2.500 Dollar, den wir seit Jahren getestet haben. Bei niedrigen Drehzahlen ist der Motor erschreckend schwach und man will immer einen Gang herunter schalten", moserte damals die "Car & Driver".

Absolut richtig, doch ebenso ist die Straßenlage dank der Mittelmotor-Anordnung briliant. Nicht umsonst fuhren die Sechszylinder-914 im Rennsport einige Erfolge ein und holten 1970 sogar den Klassensieg in Le Mans. Aber ob man dort auch so ein hakeliges und unpräzises Getriebe wie ich im gelben 914 hatte? Genau dieser Punkt wurde ab dem Modelljahr 1973 verbessert, ebenso die Leistung. Sie stieg auf 100 PS.

Mehr Leistung konnte der 914 problemlos vertragen: Selbst einen wilden 914 S mit 260 PS starkem Achtzylinder entwickelte Ferdinand Piëch während seiner Zeit bei Porsche. Das 250 km/h schnelle Auto bekam Ferry Porsche zu seinem 60. Geburtstag. Private Umbauten packten auch einen Wankelmotor oder einen 350-PS-V8 aus dem 928 GTS in den 914.

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Obwohl der VW-Porsche 914 kraft seines Namens und seiner Motoren ein Zwitter blieb, war er durchaus erfolgreich: 115.631 Exemplare der Vierzylinder-Version liefen zwischen 1969 und 1975 vom Band. Vielleicht auch deswegen hätte sich die Geschichte des VW-Porsche beinahe wiederholt. Unter dem Kürzel EA 425 entwickelten VW und Porsche einen 914-Nachfolger. Doch dieses Mal wurde das Sorgerecht klar entschieden: Der EA 425 kam als Porsche 924 auf die Welt.

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