Ner-a-Car (1921): "Beinahe-Auto" mit Radnabenlenkung

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Ner-a-Car (1921): "Beinahe-Auto" mit Radnabenlenkung

Beitrag von Redaktion » So Aug 04, 2019 9:00 am

Das ab 1921 angebotene Ner-a-Car mit seiner ungewöhnlichen Radnabenlenkung war so beliebt, dass es beinahe die Geschichte des Motorrads verändert hätte

Motorräder haben zwei Räder und einen Rahmen, vorne einen Lenker und eine damit verbundene Gabel, die nach unten zeigt und das Vorderrad hält. Es gibt jedoch Ausnahmen. Eine von ihnen ist das Ner-a-Car, ein etwa 100 Jahre altes Bike mit einer so genannten Radnabenlenkung. Es wurde von 1921 bis 1926 angeboten und hätte beinahe die Geschichte des Motorrads verändert.

Vater des Ner-a-Car (ausgesprochen "NEAR-a-car", also "Beinahe-Auto") war ein gewisser Carl Neracher, der für die Bezeichnung die Buchstaben seines Nachnamens neu arrangiert hat. Ausgangspunkt für das "autoähnliche Motorrad" war das Detroit Bi-Car von 1911.

Neracher hatte eine Lizent erworben und entwickelte die Konstruktion weiter. Abgesehen von der ungewöhnlichen Lenkung verwendete Neracher auch noch einen Stahltunnel für den Rahmen, was das Design weiter vereinfachte. Der 221-ccm-Zweitaktmotor brachte satte zweieinviertel PS, das Reibradgetriebe funktionierte ähnlich wie eine moderne CVT-Automatik.



Von sehr einfachen Anfängen in einer Fabrik in Syracuse im Bundesstaat New York ausgehend, wurde aus dem Ner-a-Car das bis heute erfolgreichste Motorrad mit Radnabenlenkung. Kein geringerer als der berühmte Motorradrennfahrer Erwin "Cannonball" Baker fuhr mit einem Ner-a-Car von Staten Island im Staat New York nach Los Angeles, eine Strecke von 5414,5 Kilometer, für die er 174 Stunden und eine Minute brauchte.

Für heutige Verhältnisse ist das langsam, aber damals, als die meisten Straßen außerhalb der Großstädte weder gepflastert noch instand gehalten wurden, war es eine beeindruckende Leistung.

Der Erfolg des Ner-a-Car war nicht auf die USA beschränkt. Sheffield-Simplex erwarb eine Lizenz für die Produktion in Großbritannien. Ab 1925 wurden britische Modelle mit einem Blackburne-Viertakt-Motor mit 348 ccm ausgerüstet.



Die Briten waren auch in anderen Bereichen innovativ, und führten eine Hinterradaufhängung ein (die meisten Bikes damals hatten hinten keine Federung), eine Luftfederung für den Sitz und eine Verkleidung mit verstellbarer Windschutzscheibe: heute alltäglich, aber vor fast 100 Jahren noch ziemlich neu.

Frauen, die erst seit 1918 (in Großbritannien) beziehungsweise 1920 (in den USA) Motorrad fahren durften, fanden Gefallen am Ner-a-Car. Anders als konventionelle Motorräder konnte man sie mit den langen Kleidern jener Zeit fahren. So richtete sich die meiste Werbung für das Ner-a-Car an Frauen.

Wirtschaftliche Probleme bei Sheffield-Simplex führten dazu, dass das Unternehmen an Hawker Engineering verkauft wurde, und diese Firma stellte die Motorradproduktion ein, um sich auf den Flugzeugbau zu konzentrieren. Insgesamt wurden etwa 10.000 Ner-a-Cars in den USA gebaut, weitere 6.500 in Großbritannien.

Das Ner-a-Car ähnelt von der Fahrposition her einem modernen Cruiser: Der Fahrer hat seine Füße vorne und sitzt in einer bequemen, niedrigen Position. Wie bei einer Harley-Davidson. Was wäre passiert, wenn Harley-Davidson in Anbetracht der Beliebtheit des Ner-a-Car die Radnabenlenkung und den Stahltunnel-Rahmen übernommen hätte? Vielleicht würde eine Harley Street Glide dann heute wie ein modernes Ner-a-Car mit Satteltaschen aussehen.

Quellen: Bonhams, Silodrome



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