Robert Wickens im Interview über Alonso, Askew, O'Ward bei McLaren SP

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Robert Wickens im Interview über Alonso, Askew, O'Ward bei McLaren SP

Beitrag von Redaktion » Di Sep 01, 2020 7:21 pm

Als Berater bei McLaren SP spricht Robert Wickens über die beiden Rookies Patricio O'Ward und Oliver Askew sowie den Indy-500-Auftritt von Fernando Alonso

Keinem Fan der IndyCar-Serie ist entgangen, dass McLaren SP in der laufenden Saison 2020 die Position von Andretti Autosport in den "Big Three" der Teams eingenommen hat. Im ersten Jahr der Zusammenarbeit zwischen McLaren Racing und Schmidt Peterson Motorsports ist man zu einer regelmäßigen Bedrohung für Chip Ganassi Racing und das Team Penske geworden.

Wir haben uns schon daran gewöhnt, Patricio 'Pato' O'Ward regelmäßig in den Top 5 zu sehen. Für seinen Teamkollegen Oliver Askew gilt das nahezu genauso oft. O'Ward, der am vergangenen Wochenende in St. Louis sowohl im Samstagsrennen als auch im Sonntagsrennen auf das Podest gefahren ist, ließ am Sonntag mit Überzeugung verlauten: "Unser Sieg wird kommen."

Vorausgesetzt, der für den 12./13. September im Raum stehende Double-Header in Mid-Ohio bekommt von den lokalen Behörden grünes Licht, dann stehen in der IndyCar-Saison 2020 noch fünf Rennen auf dem Programm. McLaren SP hat inzwischen ein Niveau erreicht, dass es ein Schock wäre, die orange-schwarzen Autos in der siebten anstatt in einer der ersten drei Startreihen zu sehen.

Einer, der die Fortschritte bei McLaren SP genauestens verfolgt, ist Robert Wickens. Der Shootingstar der IndyCar-Saison 2018, dessen Karriere aufgrund des Horrorcrashs auf dem Pocono Raceway jäh unterbrochen wurde, ist als Berater für die aktuellen Piloten jenes Teams zuständig, für das er selbst fuhr, bevor es zum Zusammenschluss mit McLaren kam.

Grund genug, im Interview für 'Motorsport-Total.com' mit Wickens sowohl über O'Ward und Askew zu sprechen, als auch über Fernando Alonso, der beim Indy 500 das nur dort eingesetzte dritte Auto des Teams fuhr.



Robert Wickens: "Ich würde sagen, sie haben meine Erwartungen in vielerlei Hinsicht erfüllt und, was noch wichtiger ist, sie haben meine Erwartungen sogar noch übertroffen. Es gab kein Wochenende, an dem sie schlechter abgeschnitten hätten als ich das erwartet hatte. Sie sind einfach zwei äußerst professionelle und aufstrebende Piloten."

"Olivers Leistung im Indy-Grand-Prix-Qualifying (Fünfter) war erstaunlich und die Leistung von 'Pato' im Road-America-Qualifying (Pole-Position) war phänomenal. Die Reds (die rot markierten, weichen Reifen von Firestone; Anm. d. Red.) sind für beide neu, insbesondere für Oliver, aber trotzdem sind beide in den Qualifyings sehr stark."

"Die andere große Herausforderung im Kalender der Saison 2020 ist, dass es auf den kurzen Ovalen kaum Trainingszeit gibt. Trotzdem fuhren sie in beiden Iowa-Rennen um den Sieg mit. Und jetzt war 'Pato' auch im Kampf um den Gateway-Sieg (St. Louis) dabei."

"Das zeigt, dass es kein Risiko mehr ist, auf junge Fahrer zu setzen. Dank der Simulationen lernen in der aktuellen Ära des Motorsports alle auf die gleiche Art und Weise. In gewisser Weise sind unsere Jungs damit nicht im Nachteil."

"Ich finde, sie machen durch die Bank einen phänomenalen Job. Natürlich gibt es hin und wieder Stolpersteine. Das haben wir beispielsweise in Indy gesehen, als Oliver beim Ausweichen eines vor ihm passierten Crashs voll auf die Bremse stieg. Das ist aber etwas, was jedem Routinier im Feld ein- oder zweimal in seiner Karriere passiert ist."

"Das ist einfach Teil der steilen Lernkurve. Momente wie diese können einen in die Realität zurückversetzen und daran erinnern, dass es ihr erstes IndyCar-Jahr ist. Solche Fehler können passieren. Das Wichtigste ist, dass der Speed vorhanden ist. Alles andere lässt sich mit Zeit und Erfahrung ausbügeln."



Wickens: "Ja, ich finde, in Indy hat 'Pato' ein außerordentlich diszipliniertes Rennen gezeigt. Im dritten Viertel der Distanz kam es darauf an, Sprit zu sparen. Jeder hat das gemacht. Dixon und Rossi haben sich an der Spitze abgewechselt, weil keiner der beiden ständig führen wollte und mehr Sprit verbrauchen wollte."

"Wir haben 'Pato' den Verbrauchswert durchgegeben, den er einhalten sollte. Dabei kam ihm zu Gute, dass zwei Autos, die ihn überholten, für ihn ein großes Loch in die Luft schlugen. Ich muss sagen, zu diesem Zeitpunkt des Rennens sahen wir richtig gut aus."

"Der Drang, in Führung zu gehen, ist natürlich ein starker. Sowohl uns am Kommandostand als auch ihm selbst unter dem Helm war klar, dass er um die Führung kämpfen würde, wenn er den Motor höher drehen würde. Wir aber haben ihn angewiesen, es so ruhig angehen zu lassen, dass er mit nur zwei weiteren Boxenstopps über die Distanz kommen würde."

"Das hat er getan und das zeigt, wie vielseitig diese Kids sind. Er ist 21 Jahre alt und ein bisschen erfahrener als Oliver, weil er hatte schon acht IndyCar-Rennen bestritten hat, bevor er zu uns kam. Weil es für 'Pato' jetzt aber die erste volle IndyCar-Saison ist, betrachte ich sie beide als Rookies. Denn mit dem einen oder anderen Einzelrennen fällt es einfach schwer, die Erfahrung zu sammeln, die es braucht, um den gesamten Rhythmus eines Teams zu verstehen."

"Auf Rundkursen hat 'Pato' sicherlich etwas mehr Erfahrung als Oliver mit den rot markierten Reifen. Abgesehen davon fahren sie aber auf Augenhöhe. Sie lernen gemeinsam und sie haben eine erstaunliche Art der Zusammenarbeit entwickelt. Abseits der Strecke sind die Freunde und auf der Strecke arbeiten sie gut zusammen."

"Wenn es darum geht, wie man eine Trainingssitzung angeht, tragen sowohl Oliver als auch 'Pato' einen ganz ruhigen und kühlen Kopf auf ihren Schultern. Sie wissen genau, wie wichtig es ist, ein vorgegebenes Testprogramm genau abzuarbeiten. Wenn man zwei Fahrer hat, die beide Anfang 20 sind, könnten sie beim Blick auf die Zeitenmonitore schnell frustriert sein, wenn sie sehen, dass sie nicht in der Spitzengruppe zu finden sind. Beide haben aber die Gabe, das Gesamtbild zu sehen."

"Während der gesamten Trainings zum Indy 500 beispielsweise haben wir unser Programm durchgezogen und uns nicht darauf konzentriert, die ganz schnellen Runden im Windschatten abzugreifen. Somit lagen wir mit beiden - genauer gesagt, inklusive Fernando Alonso mit allen dreien - außerhalb der Top 20."

"Das hat unsere Pläne und unsere Strategie aber nicht durcheinander gebracht. Im Rennen hat es sich ausgezahlt. 'Pato' kämpfte in einer Strategiegruppe um die Führung. Oliver führte das Rennen in einer Gruppe, die auf einer anderen Strategie unterwegs war, an."



Wickens: "Und das hat mich ehrlich gesagt zu Tode erschreckt! In dritter Spur ganz außen in Turn 1, das war schon ein mutiges Manöver!"



Wickens: "Ja, das ist absolut möglich. Sie sind komplett gegensätzlich und genau das macht sie zu einer guten Paarung. Jeder hat viele Eigenschaften des anderen übernommen. Sie gehen ein Problem unterschiedlich an, finden inzwischen aber den Mittelweg, der beide besser macht. Wenn Oliver mit seinem Auto happy ist, dann kennt sein Selbstvertrauen keine Grenzen. Das haben wir schon ein paar Mal erlebt, wenn es uns gelingt, ihm das Auto hinzustellen, das er will."

"Als unerfahrener Fahrer ist es natürlich oft schwierig zu entscheiden, was genau man an einem bestimmten Tag vom Auto braucht, um schnell zu sein. Das ist einer der entscheidenden Aspekte, den beide noch lernen. Ich aber kann nur sagen: Wenn ich einer der Teamchefs bei McLaren SP wäre, dann wäre ich mit unserer Aufstellung sehr zufrieden. Und das meine ich nicht nur für den Rest dieses Jahres, sondern auch für die weitere Zukunft."



Wickens: "Ich glaube, der Crash gegen Ende des zweiten Tages war ein Rückschlag. Durch so etwas verliert man nicht nur viel Trainingszeit. Denn was noch hinzukommt: Das Auto, das man zu Beginn der Trainingswoche zur Verfügung hat, ist in Bezug auf die Teile einfach das beste."

"Wenn man einen Unfall hat, kann man zwar alles ersetzen, um das Auto auf ein scheinbar gleichwertiges Niveau wie vorher zu bringen. Diese Teile wurden aber im Gegensatz zu den Originalteilen nicht unzählige Stunden lang poliert und mit Liebe behandelt, um sicherzustellen, dass sie absolut perfekt sind und die Passform der Verkleidung absolut makellos ist."

"Die Folge ist, dass der Luftwiderstand dann etwas größer ist und der vom Unterboden produzierte Abtrieb etwas geringer ist. Somit muss man mit etwas mehr Abtrieb von oben entgegenwirken. Das wiederum macht den Luftwiderstand noch größer. Das alles sind Kleinigkeiten, aber die summieren sich. Und in einem Feld, in dem es derart eng zugeht, tut das weh."

"Ich glaube, inklusive Fernando selbst wussten alle, dass wir froh sein müssen, wenn wir sein Auto nach diesem Crash wieder soweit aufbauen können, dass es weniger als eine Meile pro Stunde (Durchschnittsgeschwindigkeit; Anm. d. Red.) langsamer ist als es vorher war. Anhand der Daten haben wir gesehen, dass sein Auto einfach ein bisschen mehr Luftwiderstand hatte als die anderen beiden Autos."

"Im Qualifying hat man einen guten Job gemacht und das erreicht, was möglich war. Dann haben sie sich einfach auf das Rennen konzentriert. Man konnte aber sehen, dass es bei den Bedingungen, wie sie am Renntag vorherrschten, generell sehr schwierig war, auf der Strecke Positionen gutzumachen."

"Und zu allem Überfluss kam dann noch ein Kupplungsproblem hinzu. Das hinderte Fernando daran, nach den Boxenstopps wie gewohnt zu beschleunigen. Er musste jedes Mal angeschoben werden und dann den ersten Gang einlegen. Von da an war es also unmöglich, bei Boxenstopps Positionen gutzumachen."

"Alles in allem war es ein charakterbildendes [Indy] 500 für Fernando. Wie er aber schon selber gesagt hat, war es ihm wichtig, die 500 Meilen zum ersten Mal komplett absolviert zu haben. Er hat gelernt, dass das letzte Viertel des Rennens viel wilder ist als alles vorher. Daran wird er sich erinnern, falls und wann immer er zurückkehrt, um die Triple-Crown erfolgreich zum Abschluss zu bringen."



Wickens: "Es war ein Vergnügen. Er bringt zahlreiche nützliche Erfahrungen im Motorsport mit, sogar welche vom [Indy] 500. Ich selber bin ja ausschließlich für dieses Team gefahren, wohingegen er 2017 ein Auto von Andretti Autosport und 2019 ein Auto von McLaren mit Unterstützung von Carlin pilotiert hatte. All die Autos unterscheiden sich natürlich stark."

"Mit seiner Erfahrung konnte er uns auf gewisse Dinge aufmerksam machen, wie zum Beispiel darauf, wie man dem Fahrer mehr Gefühl vermitteln kann, sodass er im Verlauf eines Stints die sich verändernde Fahrzeugbalance besser einschätzen kann. Was er vorgeschlagen hat, das hat funktioniert. Deshalb haben wir entsprechende Änderungen an der Abstimmung an allen drei Autos vorgenommen. Das war sehr hilfreich und interessant."



Wickens: "Ich glaube, es war ein wechselseitiger Austausch zwischen unseren beiden Vollzeitpiloten und Fernando. Fernando gab viele großartige Einblicke, indem er das diesjährige Auto mit früheren Erfahrungen verglich. Im Gegenzug konnten unsere Stammfahrer Einblicke geben, wie sich dieses Auto mit Aeroscreen verhält.

"Unsere Stammfahrer hatten dieses Auto bereits auf dem Texas Motor Speedway pilotiert. Wenngleich die Reifen, die Abstimmung und auch die Charakteristik der Strecke anders waren, so waren die Eckpunkte in Bezug auf das Handling doch vergleichbar. Damit meine ich den höheren und weiter vorn liegenden Schwerpunkt."

"Dadurch ist das Gefühl für das Heck weniger stark ausgeprägt, obwohl es sich ein bisschen mehr bewegt. Es ist ein unglaublich schmaler Grat zu wissen, wann man Übersteuern hat und wann man genau im richtigen Fenster ist. Ich glaube, die drei Fahrer haben richtig gut zusammengearbeitet, um herauszufinden, wo unter diesen Voraussetzungen das Limit liegt."



Wickens: "Nun, sie haben schon seit langer Zeit großartige Leute im Team. Abgesehen von Craig waren alle hier genannten schon vor zwei Jahren dabei, als ich ins Team gekommen bin. Die Kerntruppe ist schon immer sehr stark, weil die Teambesitzer immer großartige Arbeit geleistet haben, indem Schlüsselpersonen zum richtigen Zeitpunkt engagiert wurden."

"Was für mich das Ermutigendste ist: Das volle Potenzial der technischen Beziehung zu McLaren in Großbritannien haben wir noch gar nicht gesehen und trotzdem sind uns Fortschritte gelungen. Es ist daher wirklich aufregend zu sehen, dass wir diese Fortschritte schon jetzt erreicht haben. 2021 wird aber erst das Jahr sein, in dem wir wirklich alles sehen werden, was McLaren tun kann, um zu helfen. Ich glaube, wir fangen gerade erst an."

"Schon jetzt ist Fakt, dass wir zwei richtig talentierte Fahrer haben und dass wir gute Autos haben. In Bezug darauf, richtig gute Basisabstimmungen für jede einzelne Strecke zu finden, sind uns große Fortschritte gelungen. Es kommt immer häufiger vor, dass wir die Autos schon mit einer Abstimmung aus dem Transporter rollen, die der im Rennen gewünschten schon sehr nahe kommt. Das ist gerade in diesem Jahr mit der knappen Trainingszeit ein immenser Vorteil."

"Denn wenn es beispielsweise vor einem Qualifying auf einem kurzen Oval nur ein 90-minütiges Training gibt, kann man die Abstimmung nicht komplett auf den Kopf stellen. Angesichts der begrenzten Erfahrung unserer Piloten ist es großartig, grundsätzlich gute Autos zu haben, sodass sie sich einfach auf das Fahren konzentrieren können und darauf, das Beste aus dem herauszuholen, was ihnen gegeben wird."

"Ich finde, das Team 'hinter den Kulissen' hat außergewöhnliche Arbeit geleistet. In einer Zeit, in der es so entscheidend ist, schon mit schnellen Autos aus dem Transporter zu kommen, haben wir dank dieser Arbeit im Hintergrund die bestmöglichen Erfolgschancen."



Wickens: "Ich wüsste nicht, was dagegen spricht. In dieser Saison ist Konstanz das A und O. Beide sind schnell und ich glaube, unsere Autos sind auch schnell. Für Mid-Ohio (Termin noch nicht sicher; Anm. d. Red.) haben wir starke Autos und es ist eine Strecke, auf der beide schon [Indy Lights] gefahren sind."

"Dass wir für den Indianapolis-Rundkurs starke Autos haben, wissen wir. Und auch für St. Pete werden wir starke Autos haben. Auch dort sind unsere beiden Jungs in den Aufstiegsklassen schon gefahren. Es gibt also keinen Grund, warum die Ergebnisse, die wir in der ersten Saisonhälfte gezeigt haben, nicht bis zum Ende der Saison fortgesetzt werden können."

"Sie sind heiß auf ihre ersten Siege und sie tun Wochenende für Wochenende das, was sie tun müssen. Denn sie geben sich selbst eine Chance. Ich habe mich dabei ertappt, ihnen das zu sagen, was ich mir selber immer gesagt habe, nämlich sich selbst eine Chance zu geben. Sobald man anfängt, regelmäßig in die Top 5 zu fahren, wird man auf dem Podium landen. Und sobald man anfängt, regelmäßig auf dem Podium zu stehen, steht der erste Sieg vor der Tür."

"Eines unserer Ziele in diesem Jahr war es, die 'Big Three' herauszufordern. Wir hatten nämlich das Gefühl, dass wir das Zeug dazu schon seit ein paar Jahren haben. Ich erinnere mich, wie wir in meiner Saison als Fahrer kurz davor standen, das zu erreichen. Dass wir jetzt diese beiden Youngster haben, die sich gegenseitig anstacheln, ist großartig. Sie können ja gar nicht anders!"

"Eines der Probleme mit sehr erfahrenen Piloten ist, dass das, was man zur Verfügung hat, ständig verglichen wird mit etwas, von dem man meint, dass es besser wäre. Unsere Jungs aber haben nicht viel Erfahrung mit einem IndyCar ohne Aeroscreen. Sie sehen das aktuelle Auto nicht als eines mit einem hohen und nach vorne verschobenen Schwerpunkt, der sie zwingt, ihren Fahrstil zu ändern. Sie machen einfach ihren Job und lernen dabei. Wir sind auf dem richtigen Weg und sie nutzen das voll aus."

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