Alex Tagliani: Alex Zanardi "hat mir mit einem Satz gezeigt, wie stark er ist"

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Alex Tagliani: Alex Zanardi "hat mir mit einem Satz gezeigt, wie stark er ist"

Beitrag von Redaktion » Di Jun 23, 2020 6:58 pm

Alex Zanardis unglücklicher Unfallgegner vom Lausitz-Rennen 2001, Alex Tagliani, erzählt, wie es Zanardi war, der ihm nach dem Horrorunfall wieder Mut gemacht hat

Der 15. September 2001 war nicht nur für Alex Zanardi ein Tag, an dem sich schlagartig alles änderte. Auch für Alex Tagliani stellte der Tag - nicht körperlich, aber seelisch - einen Einschnitt dar. Der Kanadier war der unglücklich Beteiligte am Horrorunfall beim damaligen CART-Rennen auf dem Ovalkurs des Lausitzrings (EuroSpeedway Lausitz), bei dem Zanardi beide Beine verlor.

Aufgrund der aktuellen Entwicklungen, die Zanardi nach dem schweren Verkehrsunfall vom Freitag in Italien nun abermals um sein Leben kämpfen sehen, muss Tagliani zwangsläufig an 2001 zurückdenken. Er erinnert sich daran, wie es Zanardi war, der ihn nach dem Albtraumszenario wieder auf Kurs brachte.

"Von Alex' Handbike-Unfalll habe ich von meiner Tante erfahren. Sie lebt in Italien. Als es in den Nachrichten kam, hat sie meiner Mutter eine WhatsApp-Nachricht geschickt", sagt Tagliani, der nach wie vor in Kanada lebt, gegenüber der italienischen Tageszeitung 'Corriere della Sera'.

Und Tagliani hofft inständig, dass Zanardi auch den neuerlichen Schicksalsschlag mit jener Entschlossenheit meistern wird, für die der Italiener spätestens seit dem fürchterlichen Lausitz-Unfall bekannt ist: "Ich hoffe, dass er es einmal mehr schafft, aus dieser Misere herauszukommen. Er ist ein ganz besonderer Mensch."

"Ich habe viel von ihm gelernt", so der Kanadier weiter. Was er damit meint? "Mit seiner Art zu denken hat er mir geholfen, mit der Last des Unfalls fertig zu werden." Zu dieser Erkenntnis kam Tagliani im Juli 2002. Damals stattete Zanardi dem CART-Rennen in Toronto, bei dem Tagliani am Start war, einen Besuch ab (Titelfoto). Für den Italiener war es der erste Vor-Ort-Besuch in der US-Rennserie, die ihm zwei Titel eingebracht, aber auch zwei Beine gekostet hat.

"Ich werde mich immer an diesen Tag in Toronto erinnern", bekennt Tagliani, "denn in diesen Minuten wurde mir klar, dass ich ein neues Kapitel aufschlagen kann. Mit nur einem einzigen Satz hat mir Alex gezeigt, wie stark er ist." Was hat Zanardi damals zu ihm gesagt?

"Er kam zu mir und wir unterhielten uns ein wenig. Er sagte: 'Weißt du, was der Vorteil meiner neuen Beine ist? Ich bin jetzt acht Zentimeter größer'", so Tagliani und weiter: "Er war ganz entspannt und machte Witze. Und er verriet mir, dass er daran arbeitet, wieder Rennen zu fahren. Er sprach von einem Lenkrad, mit dem er per Hand Gas geben kann. In diesem Moment änderte sich auch für mich alles."

In den Monaten zuvor hatte Tagliani, der nach dem Lausitz-Unfall selber kurze Zeit im Krankenhaus verbringen musste, massive Zweifel gehabt. Wenngleich er nicht die geringste Chance hatte, den brutalen Zusammenstoß mit Zanardi in Turn 1 des EuroSpeedway Lausitz zu vermeiden, machte er sich anschließend große Vorwürfe.

"Ich musste mich auf das nächste Rennen in England vorbereiten. Aber alles, woran ich denken konnte, war der Unfall", blickt Tagliani auf den September 2001 zurück. Damals stand auf dem Rockingham Speedway in Großbritannien nur eine Woche nach dem Lausitz-Rennen das zweite Europa-Rennen der CART-Serie an.

"Ich aber hatte ständig die Bilder des Unfalls vor Augen", gesteht der Kanadier. "Wenn ich den Fernseher eingeschaltet hatte, wusste ich überhaupt nicht, welcher Sender lief. Auch beim Essen konnte ich an nichts anderes denken. Ganz egal, was ich tat, nach fünf Minuten waren die Bilder jedes Mal wieder da. Es war ein schreckliches Gefühl und ich wollte mit dem Rennsport aufhören."

Ein paar Monate später aber kam es zur Begegnung mit Zanardi in Toronto, die für Tagliani im positiven Sinne alles änderte. Der Kanadier fuhr in der CART-Serie, die 2004 zur ChampCar-Serie wurde, noch bis Ende 2007 auf Vollzeitbasis weiter. Nachdem es 2008 zum Zusammenschluss zwischen ChampCar und IRL gekommen war, woraus die heutige IndyCar-Serie entstanden ist, fuhr Tagliani noch drei volle Jahre.

Anschließend ging er sporadisch an den Start. Sein letztes IndyCar-Rennen war das Indy 500 des Jahres 2016. Beendet hat Tagliani seine Rennfahrerkarriere aber bis heute nicht. So geht er jährlich in Mosport beim Kanada-Rennen der NASCAR Truck-Serie an den Start. Zudem fährt er auf Vollzeitbasis in der lokalen NASCAR-Meisterschaft seines Heimatlandes Kanada. Dort wurde er 2018 Vizemeister.

Was Zanardi betrifft, so hofft Tagliani inständig, dass der Italiener den Handbike-Unfall überleben wird: "Ich hoffe, er kommt durch. Ich hoffe es für ihn und seine wunderbare Familie. Er hat einfach diese Gabe, außergewöhnliche Dinge gewöhnlich erscheinen zu lassen."

Inzwischen hat Zanardi im Krankenhaus in Siena mehrere Tage und Nächte im künstlichen Koma verbracht. Ehefrau Daniela, Sohn Niccolo und Mutter Anna sind bei ihm. Sie dürfen den schwer Verletzten zeitweise sehen, aufgrund der Corona-Regeln aber stets einzeln.

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