Der tödliche Unfall von Henri Toivonen: Die ungeklärte Tragö

Hier diskutieren Fans über News und aktuelle Themen rund um den Rallye-Sport wie WRC, WRX, ERC, DRM oder die Rallye Dakar
Antworten
Redaktion
Beiträge: 17113
Registriert: Do Nov 08, 2001 1:01 am

Der tödliche Unfall von Henri Toivonen: Die ungeklärte Tragö

Beitrag von Redaktion » Mi Apr 03, 2019 5:42 pm

Vor fast 33 Jahren starben Henri Toivonen und Beifahrer Sergio Cresto bei der Rallye Krosika: Bis heute ist nicht geklärt, wie genau es zu dieser Tragödie kam

Eine unscheinbare Straße in den Bergen Korsikas, wie es sie dort zuhauf gibt. Nur ein kleines Denkmal am Straßenrand erinnert heute daran, welche Tragödie sich dort am 2. Mai 1986 abgespielt hat. An jenem Tag verloren dort nicht nur Henri Toivonen und sein Beifahrer Sergio Cresto ihr Leben. Der Unfall des finnischen Rallyestars war gleichzeitig auch der endgültige Todesstoß für die gleichermaßen spektakuläre und gefährliche Gruppe-B-Ära der Rallye-WM.

Bis heute ranken sich Mythen um den Unfall bei der Rallye Korsika, der weder von Augenzeugen beobachtet wurde noch gefilmt oder fotografiert wurde. Lediglich die Spuren an der Unfallstelle in der Wertungsprüfung "Corte" lassen Schlüsse auf den Hergang zu. Reifenspuren auf dem Asphalt deuten darauf hin, dass Toivonen in der zumachenden Linkskurve die Kontrolle über seinen Lancia Delta S4 verlor.

Während die Außenseite der Kurve heute durch eine Steinmauer begrenzt ist, hielt 1986 nichts das Auto vor dem Sturz in eine Schlucht auf. Dort zerschellte der 600 PS starke Lancia an den Bäumen, die den unter dem Fahrersitz angebrachten Tank aufschlitzten. Im Gegensatz zu Schotterrallyes war dieser bei der Asphaltrallye auf Korsika nicht durch eine zusätzliche Stahlplatte geschützt. Das sollte für Toivonen und Cresto fatal sein.



Das auslaufende Benzin entzündet sich an heißen Motorteilen und verwandelte das Auto in eine Fackel. Da der Unfall zunächst von niemandem bemerkt wurde, gab es für Toivonen und Cresto keine Chance auf Rettung. Das Auto brannte bis auf den Stahlrahmen aus. Die sterbliche Überreste der beiden Insassen wurden dort gefunden, wo sich die Sitze befanden.

Peugeot-Pilot Bruno Saby, der nach Toivonen in die Prüfung gestartet war, bemerkte an der Unfallstelle ein Feuer in der Schlucht, erkannte aber erst auf der anderen Seite derselben, dass es sich um ein Rallyeauto handelt. Damit war ihm klar, dass es sich um seinen Rivale Toivonen handeln musste.

Schockiert von dem Anblick, machte Saby etwas, was für jeden Rallyefahrer ein absolutes No-go sein sollte: Er wendete seinen Peugeot und fuhr zur Unfallstelle zurück. Dort traf er auf Toivonens Teamkollegen Miki Biasion, der ebenfalls anhielt und feststellen musste, um wessen Auto es sich handelt. Biasions Beifahrer Tiziano Siviero funkte noch verzweifelt an sein Team "Sie brennen, sie brennen", doch helfen konnte Toivonen und Cresto niemand mehr.



Der Unfall schickte Schockwellen durch die Rallye- und Motorsport-Welt. Der damals 29-jährige Toivonen galt als neuer Superstar der Rallye-WM und kommender Weltmeister. Wieso, so fragten sich nach dem Unfall viele, kommt einer der besten Rallyefahrer dieser Ära an einer so harmlosen Stelle von der Straße ab?

War am brachiale Lancia Delta S4 etwas kaputtgegangen? Diese Frage konnte nie geklärt werden, da das Auto vollständig ausgebrannt war. Fest steht heute hingegen, dass Toivonen bei der Rallye Korsika nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Eine Grippe mit Fieber schwächte ihn. Laut Aussagen einiger damalige Wegbegleiter nahm Toivonen Medikamente dagegen ein. Solche Mittel können die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.

Krank an den Start zu gehen, war seinerzeit aus zwei Gründen wenig ratsam. Zum einen waren die Gruppe-B-Boliden extrem heikel zu fahren. Volle Konzentration und schnelle Reflexe waren unabdingbar, um die Fahrzeuge am Limit zu bewegen.



Außerdem waren die WRC-Rallyes damals im Vergleich zu heute wahre Marathon-Veranstaltungen. Insgesamt waren 1986 bei den Wertungsprüfungen der Rallye Korsika 1017 Kilometer zu fahren. Damit mussten die Fahrer pro Tag so viele Kilometer fahren, wie heute bei einer gesamten Rallye.

Letztlich wird die Suche nach der Ursache von Toivonen tragischem Unfall ein ungelöstes Rätsel bleiben. Doch der zweite schwere Zwischenfall binnen weniger Wochen - bei der Rallye Portugal war Joaquim Santos mit seinem Ford RS200 in eine Zuschauergruppe gerast und hatte drei Menschen getötet und mehr als 30 verletzt - hatte Folgen.

Wenige Tage später verkündete Jean-Maria Balestre, der Chef des damaligen Motorsport-Weltverbands FISA, das Ende der Gruppe B nach der Saison. Auch die geplante Gruppe S, die noch spektakuläre Autos ermöglicht hätte, wurde beerdigt. Damit endete das wildeste und auch gefährlichste Zeitalter der Rallye-WM. Den Namen Henri Toivonen haben Rallyefans in aller Welt aber bis heute nicht vergessen.

Original-News aufrufen

859
Beiträge: 2
Registriert: Do Jan 11, 2018 6:43 pm

Re: Der tödliche Unfall von Henri Toivonen: Die ungeklärte Tragö

Beitrag von 859 » Mi Apr 03, 2019 9:44 pm

Ich halte zwei Varianten für wahrscheinlich.

Die eine war schlicht ein Geschwindigkeitsrausch, das Gefühl der Unbesiegbarkeit. Henri hatte Ende 1985 Anfang 1986 eine unglaublich starke Phase und den Peugeot 205 turbo 16 in der WM gewaltig eingeheizt. Er kannte absolut keine Angst, war in der Beziehung ein Verwandter von Vatanen und McRae.

Die zweite ist Toluol. Es ist definitiv überliefert dass Henri sich vor dem Unfall über Benzindämpfe im Delta S4 beklagt hatte. In der Gruppe B fuhr man genau wie in der Formel 1 mit Toluol als Zusatz für das Rennbenzin. So kann man die Klopfgrenze sehr weit hinauf schieben und mit höherem Ladedruck fahren. Literleistungen von mehr als 350 PS wurden so möglich. In der Formel 1 fuhr man bei den Qualifikationsmotoren von BMW Ladedrücke von 5-6 bar und hatte Literleistungen um die 1000 PS, allerdings hielt der Motor nur eine Runde. Für eine Rallye nicht ganz geeignet. Toluoldämpfe, da zitiere ich Wikipedia, führen zu Symptomen wie Müdigkeit, Unwohlsein, Empfindungsstörungen, Störungen der Bewegungskoordination bis hin zu Bewusstseinsverlust.

Ich vermisse die Gruppe B so sehr. Jedes Jahr pilgere ich zum Eifel Rallye Festival nach Daun und zur Rallylegend nach San Marino nur um diese wahnwitzigen Maschinen noch einmal sehen, riechen und hören zu können. Und um ihren in Ehren ergrauten Bändigern huldigen zu können.

Benutzeravatar
B#2K
Beiträge: 89
Registriert: Mi Okt 29, 2014 1:01 am
Wohnort: Eisenach
Kontaktdaten:

Re: Der tödliche Unfall von Henri Toivonen: Die ungeklärte Tragö

Beitrag von B#2K » Do Apr 11, 2019 3:12 pm

859 hat geschrieben:
Mi Apr 03, 2019 9:44 pm
Die zweite ist Toluol. Es ist definitiv überliefert dass Henri sich vor dem Unfall über Benzindämpfe im Delta S4 beklagt hatte. In der Gruppe B fuhr man genau wie in der Formel 1 mit Toluol als Zusatz für das Rennbenzin. So kann man die Klopfgrenze sehr weit hinauf schieben und mit höherem Ladedruck fahren. Literleistungen von mehr als 350 PS wurden so möglich. In der Formel 1 fuhr man bei den Qualifikationsmotoren von BMW Ladedrücke von 5-6 bar und hatte Literleistungen um die 1000 PS, allerdings hielt der Motor nur eine Runde. Für eine Rallye nicht ganz geeignet. Toluoldämpfe, da zitiere ich Wikipedia, führen zu Symptomen wie Müdigkeit, Unwohlsein, Empfindungsstörungen, Störungen der Bewegungskoordination bis hin zu Bewusstseinsverlust.
Vielen Dank für die Info, war mir neu.
LG Marcel

Let's go racing Penske-Boys! :naughty: :green:
#2 #12 #22 #21

2CV
Beiträge: 831
Registriert: Fr Jan 19, 2018 1:02 pm

Re: Der tödliche Unfall von Henri Toivonen: Die ungeklärte Tragö

Beitrag von 2CV » Fr Apr 19, 2019 8:31 am

Es gibt noch weitere Gründe:

- Die Rallyes damals waren lang, kein Vergleich zu den Sprintveranstaltungen heute. Die Fahrer nahmen nicht selten Drogen, um das schaffen zu können. Welche, wissen wir nicht, aber schon von Sterling Moss gibt es konkrete Aussagen dazu. Im Jargon hieß das "Koffeintabletten nehmen". Das war Normalzustand.

- Toivonen hatte in diesen Tagen ne Grippeattacke, nahm zusätzlich Medikamente.

- Toivonen hatte ein paar Wochen vorher einen üblen Unfall mit Wirbelsäulenverletzung. Lancia teilte er nichts von seinen diesbezüglichen Beschwerden mit, weil er Angst um seinen Fahrersitz hatte, aber anderen Fahrern hat er von den Symptomen erzählt: Er hatte Schwindelanfälle bis hin zu kurzzeitigen Bewusstseinsaussetzern (stelle mir das so vor wie beim total übermüdet Autofahren: kurz ist alles aus, dann wieder alles an, und man darf, falls es nicht zu spät ist, ne Wahnsinnsharakiriaktion bringen, um nicht zu verunfallen).

Niemand von uns wird es je genau wissen, aber es gab angeblich keine Bremsspuren, nichts. Wahrscheinlich ist dem übermüdeten, vergrippten Toivonen kurzzeitig das Bewusstsein ausgegangen und heiassa. RIP

Was die Gruppe B-Autos anbetrifft, ... ihr Verschwinden hat auch mein Motorsportherz gebrochen. Es lag nicht an den Autos: Man hätte die Benzinanlage verbessern müssen (der Tank des Lancias saß unter dem Fahrersitz und war bei dieser Asphaltrallye - Korsika - im Gegensatz zu den Schotterrallyes nicht durch eine Zusatzplatte geschützt worden! Diese Platte hätte wohl verhindert, daß die Äste der Bäume während des Sturzes den Tank aufschlitzten und das Feuer entstand. Sie hätten es wohl beide überlebt.

Das Andere, was man damals schon so hätte regeln müssen wie es heute Standard ist: Die Zuschauer von der Strecke kriegen. Denn es war nicht Toivonens Tod der das Aus dieser Autos bedeutete, sondern der Unfall des Portugiesen in Portugal ein paar Wochen vorher, bei dem er mit dem Auto in die direkt an der Strecke stehenden Leute schleuderte (~30 Verletzte und 2 oder 3 Tote). Balestre, der damalige FISA-Präsi, beschnitt aber die Fahrzeuge, es war für ihn einfacher, sich mit den Herstellern anzulegen als mit den Veranstaltern.

Die Autos waren faszinierend. Die waren wie F1 bei Rallyes und Rallye war damals auch so populär wie die F1. Unglaubliche Beschleunigungen, Wahnsinnskurvenfahrten, das reine Skifahren auf 4 Rädern. IMHO eine Fehlentscheidung Balestres, sie zu verbieten statt die Rallyeveranstalter zu zwingen, die Zuschauersache anders zu organisieren. Der Rallyesport hat seitdem verloren.
Halo ist nicht Sicherheits- od.Schönheits-,sondern Prinzipfrage: F1 sind offene Monoposti, der einzigartige Mix v.Mopped&Auto: Ungefährlicher als Mopped, gefährlicher als Auto; wem's zu gefährlich ist, ab zu Sport-&Tourenwagen. Nein zu Halo i.d.F1

Antworten