Nathalie McGloin: Kubica wird nicht der letzte behinderte F1-Fahrer bleiben

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Nathalie McGloin: Kubica wird nicht der letzte behinderte F1-Fahrer bleiben

Beitrag von Redaktion » Di Okt 13, 2020 3:00 pm

Nathalie McGloin hat sich als Teenager bei einem Autounfall die Wirbelsäule gebrochen - Heute engagiert sie sich im Motorsport und fährt selbst Rennen

Nathalie McGloin lebt mit einer Behinderung, fährt aber trotzdem gegen ihre Konkurrenten ohne Einschränkungen in Porsche-Rennen. Als Teenager hat sie sich bei einem Autounfall, bei dem sie Beifahrerin war, die Wirbelsäule gebrochen. Heute geben ihr Autos einen neuen Sinn im Leben.

Ihr Einfluss auf die Motorsportwelt geht über ihre eigene Karriere hinaus: McGloin ist Vorsitzende der FIA-Kommission für Behinderung und Barrierefreiheit. Ziel der Kommission ist es, mehr behinderte Menschen in den Motorsport zu bringen. In den vergangenen Jahre hat es einige große Beispiele gegeben wie Alex Zanardi, Billy Monger, Robert Kubica, Nicolas Hamilton (Lewis' Bruder) und Le-Mans-Held Frederic Sausset, die allesamt große Hürden genommen haben.

Für das neuste #ThinkingForward-Interview hat McGloin ihren idealen Zustand formuliert: Ein behindertes Kind sieht einen Formel-1-Grand-Prix und sagt, "das möchte ich eines Tages auch machen" und das ist dann auch möglich.

Frage: "Nathalie, Sie sind die Verkörperung von Willenskraft im Motorsport, aber auch ein Beweis, dass unser Sport einzigartig ist. Wenn ein Rennfahrer im Auto sitzt und den Helm auf hat, erkennt man nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist. Man sieht nicht, ob die Person eine Behinderung hat. Das gibt es in keinem anderen Sport. Wie motivierend ist das für Sie und Ihre Mission, mehr behinderte Menschen in den Motorsport zu bringen?"

Nathalie McGloin: "Wie Sie sagen, Motorsport ist der einzige Sport, wo es keine eigene Wertung für behinderte Sportler gibt. Als behinderte Fahrerin die Bedeutung meiner Einschränkung in der Boxengasse lassen zu können, wenn ich Rennautos fahre, ist der Grund, warum ich mich in diesen Sport verliebt habe. Das ist der Grund, warum er mir so viel gibt. Viele behinderte Fahrer, werden Ihnen dasselbe sagen."

"Die Kontrolle über so etwas Kraftvolles, also ein Rennauto, zu haben, mit dem man auf der Rennstrecke gegen Menschen ohne Behinderungen fährt, das nenne ich Freiheit. Ich bin frei darin, was ich im Auto mache und gebe mein Bestes, was meinen Mut und meine Fähigkeiten angeht. Meine Behinderung ist dabei völlig irrelevant. Und deshalb arbeite ich so hart daran, den Motorsport barrierefreier zu gestalten, damit mehr Menschen erleben, was ich am Rennsport so liebe."

Frage: "Sie haben über das Gefühl, ein Auto zu fahren, gesprochen. In Ihrem Fall war es ein Auto, das Ihnen bei einem Unfall im Straßenverkehr so viel genommen hat. Jetzt ist es ein Auto, dass Ihnen die Chance gibt, so etwas zu machen. Ist das ein merkwürdiges Gefühl?"

McGloin: "Ja, das ist ein merkwürdiger Konflikt, denke ich. Ich verbinde das Rennfahren auf der Strecke nicht mit dem Verkehrsunfall, bei dem ich mir den Hals gebrochen habe, weil ich da nur Beifahrer war. Ich hatte noch keinen Führerschein, als ich in den Unfall verwickelt worden bin. Ich habe kein Problem damit, weil ich auf der Strecke die Kontrolle über das Rennauto habe. Beim Unfall als Beifahrer hatte ich diese Kontrolle nicht."

"Ich bin von der Brust abwärts gelähmt und habe eine Tetraplegie. Deshalb wurden mir viele Dinge genommen. Ich habe aber gespürt, als ich 16 Jahre danach mein erstes Rennen bestritten habe, dass es mir vieles wieder zurückgegeben hat. Es war das Gefühl, als würde man als Kind ein Fahrrad ohne Hände fahren. Es ist diese Sache, sich um nichts kümmern zu müssen und einfach den Moment erleben zu können."

"Der Rennsport gibt mir genau das. Ich habe die volle Kontrolle über die Autos, die ich fahre. Ich habe Kontrolle über das Limit. Ich habe das Selbstbewusstsein, akzeptiere meine Verletzung und fühle, dass ich akzeptiert werde. Das hat mir so viel zurückgegeben, weshalb ich immer dankbar sein werde. Jedes Mal, wenn ich in einem Rennauto sitze, gibt mir das so viel."

Frage: "FIA-Präsident Jean Todt hat Sie im Jahr 2017 zur Vorsitzenden der Kommission für Behinderung und Barrierefreiheit ernannt. Was bringt das mit sich und welche Fortschritte haben Sie auf diesem Gebiet bisher gemacht?"

McGloin: "Jean hat mir sehr klar gemacht, dass die Position, die er mit angeboten hat, nicht nur eine Geste war, um einige Kreuze zu machen. Er möchte, dass wir für behinderte Menschen im Sport Fortschritte machen. Wir haben viel getan, wir müssen aber noch mehr tun. Im ersten Jahr haben wir daran gearbeitet, dass behinderte Rennfahrer Lizenzen für Wettbewerbe bekommen. Obwohl es im internationalen Sporting-Code eine Erleichterung für die Teilnahme behinderter Menschen gab, die vor einigen Jahren eingeführt wurde, wurde sie individuell auf die betroffenen Fahrer angepasst."

"Es gab Klauseln die dafür eingeführt wurden, um Alex Zanardi das Rennfahren nach seinem Unfall zu erlauben. Wir haben eine moderne Legitimierung eingebaut, die es behinderten Rennfahrern erlaubt, an Rennen teilzunehmen, ohne die Sicherheit zu gefährden. Wir schauen auch auf Wege, um mehr Menschen für den Sport zu begeistern. Wir haben behinderten Fahrern Zuschüsse gewährt, um auf Club-Level zu fahren. So haben sie Zugang zur bestmöglichen Sicherheitsausrüstung. Wir wollten zeigen, dass der Rennsport mit behinderten Fahrern sicherer Rennsport ist."

"Wir haben ein Zertifikat für Anpassungen auf den Weg gebracht, damit Autos mit Anpassungen akzeptiert werden. Das war immer eine Grauzone. Homologierte Autos mit Anpassungen sind immer abseits der Homologation gefahren. Sie wurden also in eine separate Klasse eingeschrieben, was nicht der Sinn davon ist, behinderte Fahrer im Wettbewerb teilnehmen zu lassen. Wir wollen, dass alle auf einem Level fahren. Deshalb gibt es das Zertifikat. Jetzt können behinderte Fahrer in der Klasse fahren, in der sie möchten."

Frage: "Fahrer wie Billy Monger sind ein gutes Beispiel: Er hatte in der Formel 4 einen schrecklichen Unfall, kam dann in einer höheren Kategorie zurück und hat ein Formel-3-Rennen gewonnen. Das passiert in keinem anderen Sport. Nach einem Unfall kann man als Rugby-Spieler nur Rugby in einem Rollstuhl spielen. Es nicht nicht so, als würde man dann noch auf höchstem Level spielen. Unser Sport ist da einzigartig, oder?"

McGloin: "Ja, dieses Umfeld gab es auch noch nicht vor der Gründung der Kommission. Es war so, dass behinderte Rennfahrer komplett ignoriert wurden. In den Wettbewerben wurde das einfach so gemacht, obwohl ich nicht verstehe, was dafür die Rechtfertigung war. Die Kommission hat darauf aufmerksam gemacht. Der nächste Schritt ist, dass Menschen mit Behinderungen und Ambitionen einen Platz im Motorsport bekommen - egal ob es ein Fahrer, Ehrenamtler, Offizieller oder Teammitglied ist. Wir wollen ihnen helfen, den richtigen Weg zu finden."

Frage: "Was haben Ihre Arbeit und die von Alex Zanardi, Billy Monger, Nicolas Hamilton und Robert Kubica gebracht, um mehr behinderte Menschen in den Sport zu bringen?"

McGloin: "Eine große Sache war, dass ich Kimi Räikkönen beim Grand Prix von Großbritannien in Silverstone im Jahr 2018 die Trophäe übergeben durfte. Dafür bin ich dem David Richards, dem Vorsitzenden des britischen Motorsports, und Jean Todt sehr dankbar. Diese Sichtbarkeit hat für mehr Interaktionen von behinderten Menschen gesorgt, die nicht in diesem Sport involviert sind. Sie haben sich dann die FIA-Webseite und die Legitimierung von behinderten Menschen im Rennsport angeschaut."

"Sie haben sich deshalb die Geschichten von Billy oder Alex angeschaut und wurden zum Nachdenken angeregt. Sie haben gedacht: 'Da gibt es einen Weg für mich, ich muss mehr darüber erfahren.' Die Kommission hat jetzt ihren eigenen Instagram-Account, wo viele behinderte Fahrer Kontakt aufgebaut haben. Sie haben uns ihre Geschichten erzählt und sich an andere behinderte Menschen gerichtet und gezeigt, was im Motorsport möglich ist. Sie haben Anfragen gestellt, was in ihrem Land möglich ist."

Frage: "Wir haben hauptsächlich über Menschen gesprochen, die aufgrund eines Unfalles eine Einschränkung haben. Es gibt aber auch viele Menschen, die bereits von Geburt an oder seit dem Kindesalter eine Behinderung haben. Glauben Sie, dass Frederic Saussets Absolvieren der kompletten 24 Stunden von Le Mans 2016 der bisher größte Erfolg eines behinderten Rennfahrers war?"

McGloin: "Es war eine unglaubliche Leistung. Aber ich denke, es gibt viele großartige Erfolge von behinderten Fahrern. Was Frederic geschafft hat, war unglaublich, gerade weil er vor Le Mans so wenig Motorsporterfahrung hatte. Die Reichweite war riesig. Wenn man sich aber beispielsweise Nicolas Hamilton anschaut, der eine Zerebralparese hat und trotzdem auf höchstem Level in der BTCC ohne Anpassungen am Auto fährt, ist das großartig. Seine Reichweite im Sport hilft mir, meine Visionen für die Kommission zu erfüllen. Immer wenn ein Kind ein Formel-1-Rennen sieht und den Ehrgeiz entwickelt, Rennfahrer werden zu wollen, sollte das auch Realität werden können."

"Ich hoffe, dass meine Arbeit in der Kommission so weit reichen wird, dass wir das umsetzen können. Aktuell glauben behinderte Kinder nicht, dass sie es im Motorsport weit schaffen können, dass es etwas für sie ist. Wenn sie niemanden sehen, der genauso ist wie sie, dann tauchen solche Ziele nicht auf ihren Radars auf. Frederic Sausset, Nicolas Hamilton und die anderen Fahrer, die vielleicht nicht so sehr auf der Bildfläche erscheinen, verrichten großartige Leistungen. Wenn wir ihnen eine Plattform bieten, wird sich die Botschaft schneller verbreiten. Dann schaffen wir es, die Ziele und Visionen der Kommission umzusetzen."

Frage: "Sie sagen, dass es im Motorsport kein Äquivalent zu den Paralympics gibt, weil man überall mithalten kann. Gibt es, analog zur W-Series für Frauen, Ambitionen, eine auch für behinderte Rennfahrer eine Rennserie zu gründen, um mehr Talente zu entwickeln?"

McGloin: "Ich denke, dass die W-Series für die Gleichberechtigung für Frauen im Sport großartig ist. Ich sehe auch keinen Grund, warum es das nicht auch für behinderte Fahrer geben soll. Was ich wirklich toll finde, ist die Initiative 'Girls on Track' der Kommission für Frauen im Motorsport. Wir müssen also junge behinderte Rennfahrer ansprechen und ihnen in verschiedenen Städten auf der Welt zeigen, was sie erreichen können."

"Wir brauchen einen Wettbewerb, nach dem die besten zwei Fahrer eine Einladung zum 24-Stunden-Kartrennen in Le Mans bekommen. Ich sehe das nicht als kontraproduktiv für die offene Natur des Motorsports an. Es ist wie bei der W-Series für Frauen: Je mehr behinderte Fahrer im Sport aktiv sind, desto mehr wächst er."

Frage: "Der Sport sucht nach Möglichkeiten, mehr als nur Wettbewerb und Unterhaltung zu bieten, einen tieferen Sinn. Glauben Sie, dass der Motorsport die richtige Plattform ist, um Gutes zu tun? Wir sprechen über die guten Dinge, die er bietet. Es gibt aber auch negative Seiten. Was ist wichtig, damit er eine Plattform für gute Zwecke bleibt?"

McGloin: "Ich denke, dass Motorsport eine gute Plattform ist, Gleichberechtigung, Diversität und Inklusion zu promoten - gerade für in diesem Bereich aktive Unternehmen. Wir sind ein für Inklusion offener Sport, der nicht diskriminiert. Männer und Frauen treten gegeneinander an, behinderte und nicht-behinderte Fahrer messen sich direkt."

"Wir spielen für behinderte Fahrer eine größere Rolle in der Gesellschaft, da wir zeigen, dass sie wie nicht-behinderte Menschen gewertet werden. Es gibt nicht viele Gesellschaften, die so proaktiv sind, wenn es darum geht, behinderte Menschen nicht zu diskriminieren. Ich glaube daran, dass wir einen sozialen Einfluss nehmen können, weil wir einen fairen Wettbewerb schaffen. Wir spielen eine wichtigere Rolle, als nur behinderten Fahrern zu helfen, Rennsport betreiben zu können."

Frage: "Als letzte Frage ein breiteres Thema: Wie sehen Sie die Entwicklung von Frauen im Motorsport? Es gibt zahlreiche Initiativen: 'Girls on Track, Dare to be Different', die W-Series. Machen diese den Unterschied? Wie sieht die Zukunft aus?"

McGloin: "Es sieht sehr positiv aus. Ich denke, dass die W-Series ein Instrument für den Wandel ist. Wir brauchen den Wandel, der von der jüngeren Generation ausgeht. Diese Veränderungen werden geschehen, es wird immer vorwärts gehen. Die jüngere Generation braucht Menschen, die es ihnen vormachen. Das 'Girls on Track'-Programm ist einfach fantastisch. Junge Mädchen interessieren sich für Naturwissenschaften und wollen Ingenieurinnen werden. Sie wollen Kartsport betreiben. Das ist großartig. Es gab aber außerhalb dieser Plattform nichts, was ihnen einen Anreiz gegeben hat."

"Schaltet man heute den Fernseher an, haben wir die W-Series. Wir sehen Frauen, die in einer Formelserie gegeneinander fahren. Sie hat auch gezeigt, was diese Fahrerinnen im Bezug auf Rundenzeiten und Fähigkeiten drauf haben. Es sind nicht einfach nur Frauen. Es sind schnelle Rennfahrerinnen. Je mehr wir uns für die Gleichberechtigung von Frauen, behinderten Fahrern und ethnischen Minderheiten im Motorsport einsetzen, desto größer wird der langfristige Erfolg sein."

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