DTM-Rückkehrer Auer wie Kubica: "Muss das Formelauto wegkriegen"

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DTM-Rückkehrer Auer wie Kubica: "Muss das Formelauto wegkriegen"

Beitrag von Redaktion » Do Jul 30, 2020 8:38 am

Rückkehrer Lucas Auer erkennt die DTM kaum wieder: Warum er seinen BMW beim Nürburgring-Test "maßlos überfuhr" und wie er sich an die Spitze herantasten will

Es ist eines der spannendsten Comebacks der DTM: Lucas Auer, der bereits in Mercedes-Zeiten um den Titel mitfuhr und vier Saisons auf dem Konto hat, kehrt nach fast zwei Jahren Pause in die Traditionsserie zurück. Und erkennt diese kaum wieder: Denn die V8-Triebwerke sind den Vierzylinder-Turbos gewichen - und sein Bolide ist kein Mercedes C63 mehr, sondern ein BMW M4.

"Es ist brutal", beschreibt der 25-jährige Österreicher im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' die Herausforderung. "Die Fahrbarkeit ist anders, das Gewicht ist anders, du hast weniger Aero. Die Reifen sind in etwa gleich, aber auch nicht zu 100 Prozent. Aber durch den Motor ändert sich das Reifenbild komplett. Du brauchst einen anderen Fahrstil - vom Bremsen bis zum Gas geben. Das musst du dir neu antrainieren."

Was erschwerend hinzukommt: Auer fuhr im Vorjahr in Japan Super-Formula - sein Kopf ist noch auf die schnellen Formel-Boliden programmiert. Das wurde ihm bei seinen zwei DTM-Testtagen auf dem Nürburgring in voller Härte vor Augen geführt.



"Da ich im Vorjahr Super Formula gefahren bin - und die Autos extrem leicht und nur ein paar Sekunden langsamer als die Formel 1 sind - habe ich das DTM-Auto am ersten Tag maßlos überfahren", gibt er zu. "Ich habe viel zu spät gebremst. Und das ist schwer zu regulieren. Es ist einfacher, fünf Meter später zu bremsen, aber sich zurückzuhalten, das bin ich nicht gewohnt."

Daher fordert er von sich selbst: "Ich muss das DTM-Limit wieder finden und das Formelauto wegkriegen. Es ist eine ähnliche Situation wie bei Robert Kubica. Nur dass es für ihn etwas extremer ist, weil ich DTM-Erfahrung habe."

Doch die DTM-Autos des Jahres 2018 hatten um rund 100 PS weniger Leistung - und weniger Drehmoment, was sie berechenbarer machte. "Jetzt hast du richtig Power unterm Arsch", frohlockt Auer. "Wenn du im ersten, zweiten oder dritten Gang irgendwo herausbeschleunigst - und du fährst so wie mit dem V8 -, dann würde es dich gleich wegdrehen oder du würdest wo einschlagen."



Obwohl Auer der Nürburgring durch die zahlreichen DTM- und Formel-3-Rennen seiner Karriere bestens vertraut ist, musste er die Strecke gewissermaßen neu lernen. "Ich bin ja nicht der Fahrer, der sich alle Bremspunkte merkt und aufschreibt, sondern fahre mehr nach Gefühl", erklärt Auer.

"Ich dachte, das ist vielleicht eh nicht schlecht, weil dann startest du mit einem weißen Blatt Papier. Aber als ich dann aus der Box fuhr, kannte ich plötzlich jede Bodenwelle, jeden Bremspunkt. Speziell weil ich den Nürburgring gut kenne. Aber das kannst du alles über Bord werfen. Mit dem Motor, mit dieser Gewichtsverteilung ist alles anders."

Und wenn man - so wie Auer am ersten Tag - ständig zu spät bremst, dann ist es auch schwierig, Fortschritte zu machen. "Das Problem fängt beim Bremsen an. Wenn der Bremspunkt über dem Limit ist, dann ist alles danach im Eimer. Plus: Du stimmst dein Auto dann auch falsch ab, weil du Sachen machst, die nicht realistisch sind."



Auer weiß aber, dass es vor allem Zeit braucht, ehe er die neuen Parameter automatisiert hat: "Am Anfang ging es einfach darum, dass ich Runden fahre. Aber am zweiten Tag habe ich dann einen Riesenschritt gemacht, war immer innerhalb des Limits, auch wenn es noch Kleinigkeiten gibt. Wenn ich noch so einen Schritt mache, dann passt es, aber es dauert seine Zeit."

Die Fortschritte waren auch bei den Test-Rundenzeiten unübersehbar: Am Premierentag kam Auer nicht unter die 1:20er-Marke, während er am zweiten Tag eine persönliche Bestmarke von 1:19.476 fuhr. Auch den Abstand auf die Bestzeit verringerte er von sieben Zehntel auf vier Zehntel.

Doch Auer muss sich nicht nur einen neuen Fahrstil aneignen, sondern auch die Abläufe automatisieren - wie Boxenstopps und vor allem die Starts. "Das ist total schwierig", gibt er zu. "Früher konnten wir wie die Verrückten mit der Handbremse preloaden", verweist er auf das Verbot der Handbremse im Vorjahr. "Es ist echt eine Challenge, dass man den Punkt genau trifft."

Und auch sein Team, die RMG-Truppe von Stefan Reinhold, muss Auer neu kennenlernen: Als Renningenieur fungiert Christian Kunke, der früher mit seinem Vorgänger Bruno Spengler gearbeitet hat.



Wie der Vergleich mit HWA und Mercedes ausfällt? "Es gibt ein paar Unterschiede, wie man Meetings führt, über was man spricht, aber generell ist es sehr ähnlich", sagt der Kufsteiner. "Beide sind auf dem höchsten Niveau. Der größte Unterschied ist, wie man das Auto jetzt fährt. Und, dass am Ende meiner Zeit bei Mercedes alles komplett eingespielt war, obwohl ich mich bei RMG irrsinnig wohlfühle. Die machen das mega, dass man schnell Vertrauen aufbaut, sich zuhause fühlt und zielorientiert arbeitet. Alles ist harmonisch, und jeder spielt mit offenen Karten."

Beste Voraussetzungen also, um rasch wieder in den DTM-Rhythmus zu kommen. Auers Ziele für die bevorstehende Saison? "Ich will so schnell wie möglich wieder dort hinkommen, wo ich aufgehört habe", sagt er. "Und dann möchte ich mich weiterentwickeln. Das wird eine große Challenge - weiter denke ich noch gar nicht."

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