"Wird nicht passieren": Sind Solofluchten in der DTM Geschichte?

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"Wird nicht passieren": Sind Solofluchten in der DTM Geschichte?

Beitrag von Redaktion » Mi Jul 29, 2020 10:25 am

Wie sich die Aufwertung der Überholhilfen in der DTM auf die Rennstrategie auswirken wird und wieso die Fahrer im Qualifying mit mehr Fehlern rechnen

Im Vorjahr wurde die Überholhilfe Push-to-pass in der DTM eingeführt, diese Saison werden der sogenannte Überholknopf und das DRS (Drag-Reduction-System) deutlich aufgewertet. Doch wie wird sich das auf die Rennen auswirken? DTM-Titelverteidiger Rene Rast fürchtet, dass Solofluchten - wie es sie in der Vergangenheit immer wieder gab - der Geschichte angehören.

"Das Idealszenario für einen Rennfahrer ist natürlich immer, auf Pole zu stehen und vorne weg zu fahren und einen schönen Abstand nach hinten zu haben", erklärt der 33-jährige Audi-Pilot im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Das wird aber glaube ich dieses Jahr durch die Hilfsmittel nicht wirklich passieren, die man jetzt noch mehr hat als im Vorjahr."

Denn während der Leader die Überholhilfen nie nutzen darf, darf das restliche Feld nicht nur Push-to-pass - wie im Vorjahr - unabhängig vom Abstand zum Vordermann einsetzen, sondern von nun an auch DRS. Und das auch noch mit deutlich mehr Wirkung: Der P2P-Knopf steigert die Motorleistung für fünf Sekunden pro Runde nicht mehr um 30, sondern um satte 60 PS auf 640 PS. Und er darf in 24 statt zwölf Runden gedrückt werden.



Und der Heckflügel darf in 50 Prozent aller Runden je dreimal flachgestellt werden - bislang waren es zwölf Runden. "Wenn wir jetzt also hinter einem Kontrahenten herfahren, haben wir auf einmal 60 PS mehr als der Vordermann", sagt Rast. "Und das ist wirklich eine große Menge. Man fühlt wirklich, wie das Auto auf einmal anfängt, mehr zu beschleunigen."

Welchen Auswirkungen er erwartet? "Damit werden wir auch auf Strecken, auf denen wir bislang keine Überholmanöver gesehen haben, Überholmanöver sehen. Und viel mehr Autos, die nebeneinander herfahren und versuchen, ihre Position zu verteidigen. Ich erwarte einfach, dass es auch im Rennen viel mehr Action geben wird, viel mehr Überholmanöver, viel mehr Leute, die Push-to-pass nutzen, um am Vordermann vorbeizukommen."



Das werde "für alle ziemlich cool - bis auf den Führenden, denn der darf es gar nicht benutzen. Das wird ziemlich schwierig." Ob man durch die neue Regelung vielleicht sogar besser beraten ist, bis kurz vor Schluss auf Platz zwei zu liegen, eventuell die Reifen zu schonen und dann am Ende Attacke zu machen?

"Das ist Theorie", antwortet Rast. "Wenn das so einfach wäre, dann würde das wahrscheinlich jeder machen." Die neue Ausgangslage wird sich aber definitiv auf die Strategie auswirken. Das glaubt auch Rasts großer Rivale aus dem eigenen Lager: Nico Müller.



Vor allem die Abschaffung des DRS-Fensters, das erst im Vorjahr von einer Sekunde auf drei Sekunden vergrößert worden war, könnte laut dem Schweizer dafür sorgen, dass das Heckflügelsystem 2020 "zu einem taktischen Tool" werde und nun keine reine Überholhilfe mehr ist.

"Das Drei-Sekunden-Fenster, was es vorher war, war auch schon relativ viel", holt Müller aus. "Da warst du noch öfter im Fenster drin, sagen wir es mal so. Wenn du gar kein Fenster mehr hast, dann kannst du es natürlich auch vor oder nach einem Boxenstopp nutzen und es dir als Tool für taktische Spielchen zugutekommen lassen."

"Im Sinne von: eine Hilfe für einen anderen oder ein Overcut und so weiter. Darüber wird man sich natürlich auch vorab Gedanken machen, wo es am besten eingesetzt wird."



Man könnte auch einen frühen Boxenstopp einlegen und dann alleinfahrend beide Überholhilfen nutzen, um sich gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil zu verschaffen und so nach den Stopps der Rivalen an die Spitze zu gelangen. Spätestens dann könnte man aber den Vorteil nicht mehr nutzen, da DRS und Push-to-pass für den Leader nicht freigegeben sind. Und durch die älteren Reifen hätte man vor allem gegen Rennende vermutlich Schwierigkeiten, die Konkurrenz abzublocken.

Auch Müller rechnet übrigens damit, dass die Aufwertung von DRS und Push-to-pass für mehr Action sorgen werden. "Wenn du gerade beim Rausbeschleunigen noch diese 60 PS extra aktivierst, kannst du sicher von noch weiter hinten eine Lücke zufahren und einen Angriff starten. Das wird sicher von dem her noch mehr Spannung reinbringen in das Ganze."

Und auch das Qualifying, in dem die Überholhilfen bislang nicht genutzt werden durften, wird nun deutlich anspruchsvoller: DRS darf dreimal pro Runde aktiviert werden, Push-to-pass einmal. "Das bringt zusätzliche Würze ins Qualifying", ist BMW-Pilot Philipp Eng im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' überzeugt. "Jeder wird diesbezüglich ans Limit gehen. Und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere Fehler mehr passieren wird."



Dadurch bekommt die eine perfekte Qualifying-Runde laut dem Österreicher noch mehr Bedeutung. "Bisher bist du aus der Box und dann um dein Leben gefahren. Jetzt musst du um dein Leben fahren - und auch noch DRS und Push-to-pass benutzen. Da muss jeder noch herausfinden, wie er das am besten einsetzt."

Auch wenn es nur um einen Knopf geht, "den du dreimal pro Runde drückst, und einen anderen, den du einmal pro Runde drückst, ist das trotzdem mehr Work-Load", betont er. "Das hört sich vielleicht etwas banal an, aber du hast noch eine zusätzliche Variable in dem großen Ganzen."

Wird es unterschiedliche Herangehensweisen im Qualifying geben? Müller schüttelt den Kopf: "Es läuft meistens darauf hinaus, dass alle das Gleiche machen, weil es eigentlich immer nur eine, maximal zwei sinnvolle Optionen gibt. Ich glaube nicht, dass wir tagelang im Simulator viele Optionen durchgehen. Das kann man vorher alles schon relativ genau berechnen."

Bleibt die Frage, welchem Fahrer die Änderung besonders in die Hände spielt. "Der Fahrer, der die meiste Kapazität im Hirn frei hat, um sich auf andere Dinge zu konzentrieren, wird am meisten profitieren", ist BMW-Pilot Eng überzeugt.

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