1991: Wie Ayrton Senna fast bei Benetton gelandet wäre

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Redaktion
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1991: Wie Ayrton Senna fast bei Benetton gelandet wäre

Beitrag von Redaktion » So Mär 10, 2019 3:38 pm

Ayrton Senna dachte im Mai 1990 ernsthaft darüber nach, McLaren zu verlassen, und wollte einem alten Bekannten in ein neues Team folgen

Der große Ayrton Senna, das weiß man, wollte seine Karriere eigentlich bei Ferrari beenden. Der gelbe Helm im roten Renner, das wäre der Traum vieler Fans gewesen. Eine andere Episode, zu der es nie kam, ist hingegen weit weniger gut dokumentiert. Nämlich dass Senna ernsthaft über einen Wechsel ins Benetton-Team nachgedacht hat, mit dem Michael Schumacher später so erfolgreich war.

Der Brasilianer, damals 27 Jahre jung und noch kein Weltmeister, hat 1987 einen Dreijahresvertrag bei McLaren unterschrieben, für 1988, 1989 und 1990. Über die letzte halbe Million seiner Gage wurden sich er und Teamchef Ron Dennis nicht einig - also überließen die beiden ihren letzten Verhandlungspunkt dem Schicksal. Dennis gewann den Münzwurf (!) und sparte sich eineinhalb Millionen US-Dollar auf drei Jahre.

Das war aber nicht der Grund, warum Senna 1990, im letzten Jahr seines Vertrags, ernsthaft darüber nachdachte, McLaren zu verlassen. Die goldenen McLaren-Jahre mit dem Höhepunkt von 15 Siegen in 16 Rennen 1988 waren nicht nur ein Verdienst des überlegenen Honda-Motors, sondern auch von Designer John Barnard, sozusagen dem Adrian Newey seiner Zeit. Und Barnard war inzwischen bei Benetton.

Der britische Konstrukteur war ursprünglich Dennis' Partner bei McLaren, trat aber früh seine Anteile ab, um private Schulden loszuwerden. Wenn man bedenkt, zu welchem Unternehmen sich die McLaren-Gruppe später entwickelt hat, war das finanziell gesehen im Nachhinein betrachtet ein schwerer Fehler.



Barnard hatte sich mit Dennis überworfen und im August 1986 einen Vertrag als Technischer Direktor bei Ferrari unterschrieben. Für die Scuderia baute er (von England aus) den legendären (weil in den Augen vieler Fans wunderschönen) Ferrari 640 mit dem ersten semiautomatischen Getriebe im Motorsport. Doch auch bei Ferrari wurde er in politische Grabenkämpfe verwickelt, sodass er im November 1989 hinschmiss, Ferrari den neuen 641 überließ und zu Benetton wechselte.

Was vielen bis heute nicht klar war: Alain Prost kam 1990 von McLaren zu Ferrari - und hatte in seinem Vertrag eine Ausstiegsklausel für den Fall, dass Barnard Ferrari verlassen sollte. Prost machte davon aber nie Gebrauch. Und auch Senna, der Barnard ebenfalls bei McLaren schätzen gelernt hatte, war von den Fähigkeiten des Stardesigners überzeugt. "Il Mago" nannten sie ihn bei Ferrari; den Magier.

Senna war 1990 mit einem Sieg auf dem Stadtkurs in Phoenix in die Saison gestartet. Beim Heimspiel in Interlagos wurde er Dritter, hinter Erzrivale Prost im Barnard-Ferrari und Teamkollege Gerhard Berger. Und beim dritten Rennen in Imola schied er mit einem Radaufhängungsschaden aus. Vor Monte Carlo war seine Stimmung zwar nicht am Tiefpunkt, aber doch so eingetrübt, dass er über einen Teamwechsel für 1991 zumindest nachdachte.

Also rief Senna seinen alten Freund Barnard an und lud ihn am Monaco-Wochenende zum Mittagessen in sein Appartement am Hafen ein. Barnard erinnert sich in der ihm gewidmeten Biografie "The Perfect Car" von Nick Skeens (Sponsored Link: Hier unkompliziert bestellen!): "Er fing an, mich über Benetton auszufragen. 'Jetzt, wo du dort bist, haben die doch Potenzial. Glaubst du, dass ich dorthin wechseln sollte?'"



Barnard fühlte sich geschmeichelt ob des Interesses des Weltmeisters von 1988, schließlich wurden bei Benetton erste Ergebnisse seiner Arbeit sichtbar. Gleichzeitig befand er sich in einem Streit mit Luciano Benetton und Flavio Briatore, der ihn im September 1989 mit Teamanteilen von Ferrari weggelockt hatte. Die Benetton-Familie wollte, so stellt es die Barnard-Biografie dar, im Konzert der Großen mitmischen, aber nicht selbst dafür ins finanzielle Risiko gehen.

Also riet Barnard Senna davon ab, bei Benetton zu unterschreiben: "Nein, Ayrton. Nicht jetzt. Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Wir sind noch nicht bereit für dich." Der Rest ist bekannt: Senna unterschrieb einen neuen Vertrag bei McLaren und wurde sowohl 1990 als auch 1991 Weltmeister. Erst Ende 1993 verließ er das Team in Richtung Williams.

Barnard ist heute "froh, dass ich ihm das so gesagt habe. Das war professionell gesehen das Richtige. Ich konnte seinen Frust vorhersehen, wenn er wirklich gekommen wäre. Das hätte einfach nicht gepasst." Schließlich warf auch er 1991 entnervt das Handtuch, weil die Benetton-Familie ihren Versprechungen nicht nachkam. Doch es war das von Barnard begonnene Fundament, das später Michael Schumacher zu zwei WM-Titeln führen sollte.

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__98
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Re: 1991: Wie Ayrton Senna fast bei Benetton gelandet wäre

Beitrag von __98 » So Mär 10, 2019 5:05 pm

Barnard, der Newey von damals...

Astrein: also erst den Barnard-Ferrari mit Prost darin geschlagen und die WM gewonnen und anschließend noch den Newey-Williams mit Mansell darin geschlagen und die WM geholt. [Prost/Mansell waren übrigens noch dazu zwei der anderen Fab Four, die in den Über-Autos jener Über-Designer saßen und nicht irgendwelche PillePalles, mal so nebenbei gemerkt]

Genial, wer so was hinbekommt.

__98

F1achmann
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Re: 1991: Wie Ayrton Senna fast bei Benetton gelandet wäre

Beitrag von F1achmann » So Mär 10, 2019 6:14 pm

Na ja, 91 war es hauptsächlich, weil der Williams zu oft ausgefallen ist oder Zicken gemacht hat.
Und 90 war es bestenfalls ein geniales Abschußmanöver in Suzuka nach dem Start. Zudem war auch der Ferrari nicht zuverlässig genug.
Zudem war der Ferrari 90 schon kein richtiges Barnard-Auto mehr. Der damalige Nachfolger Enrico Scalabroni hat das 89er-Auto weiterentwickelt. Der hatte übrigens selber gar keinen Führerschein.
Und der 91er Williams war noch kein 100%iges Newey-Auto.
92 hat man dann gesehen, was ein damaliges Newey-Auto wirklich kann.

__98
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Re: 1991: Wie Ayrton Senna fast bei Benetton gelandet wäre

Beitrag von __98 » Mo Mär 11, 2019 11:33 am

F1achmann hat geschrieben:
So Mär 10, 2019 6:14 pm
Na ja, 91 war es hauptsächlich, weil der Williams zu oft ausgefallen ist oder Zicken gemacht hat.
Alle der sechs ersten Poles/Siege-GP-Wochenenden waren in einem dem Williams unterlegenen Auto geholt (USA, Brasilien, Imola, Monaco, Ungarn, Belgien). Unterlegen deshalb, weil jemand (Berger), der gut genug wäre, zumindest reine erste Startreihen und Doppelsiege zu komplettieren meistens weit abgeschlagen war.
Und 90 war es bestenfalls ein geniales Abschußmanöver in Suzuka nach dem Start. Zudem war auch der Ferrari nicht zuverlässig genug.
Ähnlich wie 1991: auch 1990 war der McLaren nicht überlegen (denn auch 1990 hätte "ca. Patrese-Niveau-Kaliber" Berger genau wie z.B. Patrese 1992 in einem tatsächlich weit besseren Auto zumindest andauernd Doppelsiege vervollständigt). War aber 1990 im McLaren nicht der Fall, weil das Auto nicht überlegen war. Abgesehen davon: Senna hatte 1990 (Mexiko, Imola, Australien) auch nicht weniger technisches Pech als Prost.
Zudem war der Ferrari 90 schon kein richtiges Barnard-Auto mehr. Der damalige Nachfolger Enrico Scalabroni hat das 89er-Auto weiterentwickelt. Der hatte übrigens selber gar keinen Führerschein.
Umso genialer. Übrigens bereits 1989 hat sich abgezeichnet, dass Ferrari voll auf dem aufsteigenden Ast war. Bei jedem der Siege 1989 wurde Prost oder Senna mit Abstand auf Platz zwei verwiesen (Brasilien, Ungarn, Portugal). Die Zuverlässigkeit war natürlich unterirdisch. Aber 1990 baute man darauf auf und ging nicht Steve Nichols der 1988er McLaren-Schöpfer mit zu Ferrari?
Und der 91er Williams war noch kein 100%iges Newey-Auto.
92 hat man dann gesehen, was ein damaliges Newey-Auto wirklich kann.
Bereits neben dem 1991er Newey-Williams, aber sogar auch neben dem 1990er Ferrari kam der McLaren altbacken rüber (Getriebe/Schaltung usw.). Und gegen die noch extrem besseren Neweys 1992 und 1993 (in denen nicht jeweils zwei Patreses oder zwei Dhills saßen, sondern Mansell und Prost) sind acht Siege in zwei Saisons überragend genial.

__98

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