Williams: Erfolge 2014/15 haben Probleme überstrahlt

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Redaktion
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Williams: Erfolge 2014/15 haben Probleme überstrahlt

Beitrag von Redaktion » Di Sep 11, 2018 11:57 am

Die sportliche Krise des Williams-Teams hat ihre Wurzeln tiefer in der Vergangenheit als viele glauben, meint die stellvertretende Teamchefin Claire Williams

Wann begann der sportliche Abstieg des Williams-Teams wirklich? Das ist eine der Kernfragen, mit denen sich die Chefetage des britischen Traditionsrennstalls derzeit vorrangig beschäftigt. Denn so viel hat man in Grove inzwischen erkannt: Der aktuelle FW41 von Sergei Sirotkin und Lance Stroll ist nicht einfach nur ein nicht konkurrenzfähiges Formel-1-Auto, sondern die Folge von internen Fehlern. Laut der stellvertretenden Teamchefin Claire Williams liegen die Wurzeln des aktuellen Übels sogar schon einige Jahre zurück.

Im exklusiven Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' sagt Williams, ihr Team habe es verpasst, Strukturen und Arbeitsbedingungen anzupassen, als es nötig gewesen wäre. "Wahrscheinlich, weil uns damals die Zeit gefehlt hat", meint sie und verweist auf die letzte große Neuausrichtung des Teams im Jahr 2013. In dieser Zeit stieß mit Martini ein neuer Hauptsponsor dazu und Williams sicherte sich für 2014 die starken Mercedes-Antriebe. Aus dem Stand heraus etablierte sich das damalige Mittelfeld-Team - zwischen 2008 und 2013 hatte Williams die Konstrukteurswertung nie besser als auf Rang sechs abgeschlossen - als dritte Kraft im Feld.

So sehr sie den sportlichen Aufschwung der Jahre 2014 und 2015 mit insgesamt 13 Podestplätzen durch Valtteri Bottas und Felipe Massa schätzt, so kritisch betrachtet Williams heute diese Zeit. "Diese raschen Erfolge haben uns wahrscheinlich ein bisschen geblendet", erklärt sie. "Das hat unsere internen Probleme überstrahlt." Doch inzwischen habe man den Fehler - oder vielmehr: die Fehler - erkannt und arbeite daran, sie zu beheben.



Aber was genau ist schiefgelaufen bei Williams? Nach zwei dritten Plätzen 2014 und 2015 rutschte das Team erst auf Platz fünf ab, ehe es 2018 zum Absturz auf den letzten Platz kam. Das einst so stolze und erfolgreiche Williams-Team präsentiert sich in dieser Saison so schlecht wie nie. Kritiker sehen in den Werkshallen in Grove bereits endgültig die Lichter ausgehen. Nicht so Claire Williams. Sie versichert: "Das ist definitiv nicht das Ende. Jede Sportmannschaft macht mal Phasen durch, wie wir sie in diesem Jahr erleben. Das ist nichts Ungewöhnliches."

An einem solchen Tiefpunkt zu stehen, das sei allerdings "extrem unglücklich und schwierig", meint Williams weiter. "Natürlich fragt man sich, wie es weitergeht. Ich will aber nicht die Formulierung 'vorsichtig optimistisch' verwenden. Denn ich bin absolut optimistisch, dass wir alles richtig machen und dass wir diese Phase hinter uns lassen können. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, müssen aber auch realistisch sein: Ein Absturz von Platz fünf auf Platz zehn liegt nicht an ein paar Problemen. Es liegt daran, dass du viele Probleme hast."

Über viele Wochen und Monate hinweg habe man analysiert, warum der FW41 nicht schnell genug sei. "Wir haben uns angeschaut, was schiefgelaufen ist", sagt Williams und räumt ein: "Dabei sind weitere Baustellen zutage getreten." Und immer wieder sei man zu dem Schluss gekommen, dass die Firmenkultur über die Jahre gelitten habe - ohne, dass die Führungsetage eingegriffen hätte. Das wollen Claire Williams und ihre Mitstreiter nun nachholen. Die stellvertretende Teamchefin sagt: "Wir sind dabei, das Team völlig umzukrempeln, damit wir 2019 eine viel bessere Ausgangslage vorfinden."



Williams bezieht sich mit dieser Aussage rein auf die personelle Ebene. Denn in anderen Bereichen des Rennstalls müssen Abstriche gemacht werden: Hauptsponsor Martini springt am Jahresende ab, auch der Stroll-Clan und dessen Millionen fallen zur Saison 2019 weg. Claire Williams glaubt dennoch an eine Trendwende im Team: "Wir müssen sicherstellen, dass Williams ein guter Arbeitsplatz ist. Die Mitarbeiter brauchen genügend Freiraum, damit sie sich entfalten können. Denn ich glaube fest daran, dass die Fähigkeiten deiner Mitarbeiter direkten Einfluss auf den Erfolg haben. Und dieses Thema haben wir im vergangenen Jahr vernachlässigt."

Die Fehler, betont die stellvertretende Teamchefin, seien intern gemacht worden. Was aber nicht bedeute, dass nur eine Lösung von außen Abhilfe schaffen werde. Williams erklärt: "Wenn es nicht läuft, dann ist immer die Verlockung da, Außenstehende neu dazu zu holen, um für frischen Wind zu sorgen. Aber in der Formel 1 funktioniert das nicht. Deshalb befassen wir uns mit unserem Personalstamm, damit jeder so arbeiten kann, wie es erforderlich ist." Konkrete Maßnahmen aber nennt Williams nicht. Auch einen Zeitplan will sie nicht aufstellen, meint nur: "Es wird Zeit brauchen."

"Wir werden nicht auf einmal im nächsten Jahr wieder Siege einfahren. Das ist nicht realistisch", sagt die Tochter von Teamgründer Frank Williams. "Es dauert sehr lange, ein Formel-1-Team umzustrukturieren - schon alleine, wenn man den Umfang unseres Rennprojekts bedenkt. Daher: Wir arbeiten daran. Und ich bleibe einhundert Prozent optimistisch für die Zukunft."

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Sebastian89
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Re: Williams: Erfolge 2014/15 haben Probleme überstrahlt

Beitrag von Sebastian89 » Mi Sep 12, 2018 9:43 am

die haben sich vor allen Dingen von dem viel zu überlegendem Mercedes-Motor blenden lassen. Der war da so dermaßen überlegen, Williams hatte wahrscheinlich auch da schon eines der schwächsten Chasis im Feld, dass deren damaligen Kurvengeschwindigkeiten vermuten lassen, aber durch den Motor war man halt trotzdem 2. bis 3. Kraft. War klar, das sich das deutlich ändern wird, sobald die anderen Motoren aufholen. Vielleicht haben die den Motorfaktor einfach etwas unterschätzt

desl
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Re: Williams: Erfolge 2014/15 haben Probleme überstrahlt

Beitrag von desl » Do Sep 13, 2018 10:23 am

Sebastian89 hat geschrieben:
Mi Sep 12, 2018 9:43 am
Der war da so dermaßen überlegen, Williams hatte wahrscheinlich auch da schon eines der schwächsten Chasis im Feld, dass deren damaligen Kurvengeschwindigkeiten vermuten lassen, aber durch den Motor war man halt trotzdem 2. bis 3. Kraft.
Nah ... so schlecht wird das Chassis von Williams 2014 nun auch nicht gewesen sein.
In Österreich fuhr man zur Doppel-Pole und auf manch anderen Kursen (Hockenheim z.B.) war man nicht weit von Mercedes entfernt.

Zudem hatte man die anderen Mercedes-Kunden McLaren und Force India locker in der Tasche. Mit einem der schwächsten Chassis im Feld gelingt das nicht.

Williams' Problem war halt, dass die anderen Teams ihre Boliden besser weiterentwickeln konnten. Vergleicht man die Qualifying-Zeiten von 2014 mit denen von 2015, dann hatte Williams sich nur wenig gesteigert, während z.B. Ferrari und Red Bull deutlich zulegten.

Williams' low-drag-Design stieß halt irgendwann an seine Grenzen. Andere Teams kamen irgendwann mit den veränderten 2014-Regeln klar. Das Packaging wurde besser, die Boliden waren nicht mehr so übergewichtig (der Williams galt 2014 als einer der leichteren Wagen, und nahm auch häufig weniger Sprit mit als die Konkurrenz), Diffusoren wurden effizienter und kompensierten nach und nach den Verlust des beam wings.

Die Konkurrenz fand zunehmend Abtrieb auf der Hinterachse ... Williams jedoch nicht.
Das Chassis war 2014 nicht schlecht ... aber Williams gelang es 2014 nicht es "bedarfsgerecht" weiterzuentwickeln. Das Low-Drag-Design hatte halt irgendwo seine Grenzen.

Daher holte Williams Dirk de Beer von Ferrari, um Ed Wood zu ersetzen. De Beer änderte die Design-Philosophie, der FW41 unterscheidet sich in der Aerodynamik klar vom Vorgänger. Aber man hat das Gesamtkonzept (noch) nicht zum funktionieren gebracht ... und de Beer ist seinen Job bereits wieder los.

Nun hat man Doug McKierman als Chefdesigner von McLaren geholt, welcher dort gut 15 Jahre mit für die Aerodynamik zuständig war.
Und Dave Wheater ist mittlerweile Chefaerodynamiker bei Williams. Bis 2013 war er in Enstone angestellt (schon zu Renault-Zeiten), bevor Genii kaum noch Geld in das Team steckte und die Kassen klamm wurden.

Claire Williams sagt, dass es nur begrenzt etwas bringt, wenn man Außenstehende reinholt, um für frischen Wind zu sorgen. In Sachen Doug McKierman ist das ein klarer Widerspruch.


Übrigens ... der Fall Williams ist mit Force India vergleichbar.
2008 unterschied sich der Force India kaum vom vorherjährigen Spyker. durch den Verkauf wurde wenig entwickelt und der Bolide war quasi veraltet.
2009 kam die große Regeländerung und Force India setzte auf einen langen Boliden mit low-drag-Design. Auch ohne KERS war man damals bei den Top Speeds gut dabei und dementsprechend konnte der Wagen auf Power-Strecken wie Spa und Monza Eindruck schinden ... während man sonst häufig stark unterlegen war.

Force India änderte die Marschrichtung ... man wollte hin zu einem Boliden "der überall funktioniert".
Über die Jahre wurde der Radstand kürzer, man holte Aero-Leute von Milton Keynes rüber nach Silverstone, der Force India war irgendwann einer der am stärksten angestellten Boiliden im Feld.
Die Abkehr vom Low-Drag-Design hat Force India konkurrenzfähig gemacht und als 4te Kraft etabliert.

Das 2014-Williams-Chassis war nicht schlecht, nein ... aber sein Design hatte nicht das Potential der Konkurrenz-Boliden. Das hat man bei Williams zu spät erkannt.

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