Hermann Tilke: So kontert er auf die Kritik der Fans

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Redaktion
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Hermann Tilke: So kontert er auf die Kritik der Fans

Beitrag von Redaktion » Mi Mai 16, 2018 6:50 am

Zu weite Auslaufzonen, zu wenig Überhol-Action? Hier erklärt der Formel-1-Streckendesigner exklusiv, warum das nicht stimmt und wie er Abhilfe schafft ...

Malaysia, Bahrain, Schanghai, Abu Dhabi, Austin, Sotschi oder Baku: Wann immer in den vergangenen 20 Jahren eine neue Strecke im Formel-1-Kalender auftauchte, konnte man davon ausgehen, dass Hermann Tilke für das Design des Kurses verantwortlich zeichnete. Der 63-jährige "Streckenpapst" besitzt Erfahrung und Know-how wie kein Zweiter in dem Business. 1983, vor 35 Jahren, baute der rennbegeisterte Diplom-Bauingenieur zum ersten Mal an einer Rennstrecke.

Für 600 Deutsche Mark bekam er damals einen kleinen Auftrag für einen Rettungsweg am Nürburgring. Es war die Wiege für sein Unternehmen, das heute aus dem Rennsport nicht mehr wegzudenken ist. Sobald Planungen für einen Kurs der Zukunft konkreter werden, ist Tilke involviert - wie zuletzt in Baku, als er sich am Rande des Aserbaidschan-Rennens mit den Organisatoren eines möglichen Dänemark-Grands-Prix traf und erste Möglichkeiten auslotete.

Durch seine immense Erfahrung mache sein Team die wenigsten Fehler und bekomme deshalb die meisten Aufträge, umschrieb der Streckendesigner im vergangenen Jahr sein Erfolgsrezept. Doch es ist kein Geheimnis, dass nicht alle Fans und Experten mit den Tilke-Kursen im Formel-1-Rennkalender hundertprozentig zufrieden sind. Sie böten zu wenige Überholmöglichkeiten, dafür aber Auslaufzonen wie Supermarkt-Parkplätze, lautet eine oft gehörte Kritik.



Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' nimmt der Nordrhein-Westfale jetzt Stellung und sagt: "Es ist nicht richtig, dass man auf meinen Kursen nicht überholen kann. Schaut euch Schanghai dieses Jahr an, schaut auf den Bahrain-Grand-Prix. Da gab es Überholmanöver, sogar mit diesen Autos, die das Überholen sehr schwierig machen." Gleiches sei auch immer auf der Strecke in Austin/Texas der Fall, wo es seiner Meinung nach viele aufregende Rad-an-Rad-Kämpfe gebe.

Genauso wie es manch langweiliges Fußballspiel geben würde, müsse man auch immer mal wieder mit einem wenig aufregenden Formel-1-Rennen rechnen. "Wenn das schnellste Auto vor dem langsameren vorneweg fährt, dann passiert eben nichts", stellt Tilke fest, warum nicht jeder Grand Prix das Zeug zum Klassiker hat. Dennoch hat er als Streckenplaner eine Möglichkeit, in diese Gegebenheiten einzugreifen, wie er am Beispiel des Nürburgrings erläutert.

"Dort gab es früher nach dem Start das alte Castrol-S", erinnert Tilke an die ehemalige Schikane. "Nach dem Start war immer Action geboten, aber nur in der ersten Runde. Danach war das Feld meist weit auseinander gezogen." Der Grund: "Durch das Castrol-S passte nur einer durch. Wenn zwei Autos nebeneinander durchwollten, hat einer den Kürzeren gezogen. Das Feld hat sich voneinander entfernt. So kann man ein Rennen schon unmittelbar beim Start verderben", weiß der Experte.



Als die Formel 1 Mitte der 1990er-Jahre an den Nürburgring zurückkehrte, bekamen Tilke und seine Streckenplaner den Auftrag, den neuen Abschnitt Mercedes-Arena zu bauen, auf dem 2002 erstmals gefahren wurde. "Wir haben diese scharfe Kurve gezogen, die gleichzeitig sehr breit ist. Und gleich danach eine langsame Kurve. Das bringt das Feld wieder zusammen - wie ein Akkordeon. Das funktioniert in 70 bis 80 Prozent der Fälle. Dann liegen die Autos in den ersten Runden nach dem Start eng zusammen - und dann kann man auch überholen", erklärt er eines seiner Konzepte, das in ähnlicher Form auch auf dem Shanghai International Circuit in den ersten Kurven seine Anwendung fand.

Eine andere, oft gehörte Kritik an seinen Kursen entzündet sich an den großen asphaltierten Auslaufzonen, die den Piloten sogar eklatante Fehler verzeihen. "Wir wollen nicht auf Strecken fahren, die wie Supermarkt-Parkplätze aussehen", hatte etwa Mercedes-Teamchef Toto Wolff im vergangenen Jahr geätzt. "Hast du in der Vergangenheit eine Kurve verpasst, dann warst du tot oder verletzt. Heute verpasst du eine Kurve, du kommst ein bisschen raus und fährst dann wieder auf die Strecke zurück", so seine Anklage.

Doch auch das will Tilke nicht so stehen lassen und verweist auf die Stadtkurse in Baku und Singapur, an deren Streckenlayout er ebenfalls beteiligt war. "Wenn wir nur für die Formel 1 planen, dann hast du viele Möglichkeiten. Schaut auf die engen Auslaufzonen in Baku." Für permanente Rennstrecken, die im Rennkalender in der Überzahl sind, würden aber andere Vorbedingungen gelten. "Wenn man eine echte Rennstrecke baut, dann will der Eigentümer alles haben. Er will Motorradrennen, Privatfahrer, Testfahrten, Trackdays und er will die Formel 1. Und so müssen wir allen Anforderungen gerecht werden", erklärt Tilke die Zwänge.



"Motorradrennen brauchen weite Auslaufzonen. Wenn da ein Fahrer mit 60 km/h in die Schutzplanke donnert, ist er schlimmer verletzt. Wir haben überall Rennen auf dem höchsten Niveau, aber mit unterschiedlichen Anforderungen", so der 63-Jährige, der auf das oberste Gebot Sicherheit setzt. Und auch aus wirtschaftlichen Gründen sei es den Streckenbetreibern und ihren Kunden lieber, wenn sie große Auslaufzonen vorfinden. "Nehmt die Vorstellungen von neuen Automodellen auf diversen Strecken. Porsche geht nicht auf einen Kurs ohne Auslaufzonen, wenn es sein neues Modell vorstellt. Wenn da die Leitplanke getroffen wird, kostet das jedes Mal 5.000 Euro Minimum. Das hat keinen Sinn."

Der gelernte Bauingenieur, der oft nicht ganz korrekt als Strecken-Architekt bezeichnet wird, erteilt deshalb auch Forderungen nach Formel-1-spezifischen Umbaumaßnahmen an seinen Kursen eine Absage. Seine Forderung: Vielmehr müssten sich die Formel-1-Regeln ändern, wenn manchen die Spannung in der Königsklasse nicht ausreiche.

"Eine Strecke ist wie ein Gebäude. Und Gebäude baut man für mindestens 50 Jahre. Man kann kleinere Änderungen machen, aber der Kern ist nun mal da. Und den kann man nicht mit jeder neuen Generation von Autos ändern", sagt der Kursplaner. Also müsste man bessere Überhol-Action durch ein anderes Regelwerk generieren. "Schaut doch mal auf die Formel 2. Da klappt es. Schaut auf die MotoGP. Es klappt. Auch bei den GT3-Rennen - die fahren auch mit Abtrieb, aber dennoch haben wir überall enge Kämpfe, Seite an Seite", so Tilkes abschließendes Fazit gegen die Kritik an seinen Strecken.

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Matra01
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Re: Hermann Tilke: So kontert er auf die Kritik der Fans

Beitrag von Matra01 » Mi Mai 16, 2018 8:40 am

Hermann Tilke handelt hier nur im Auftrag der Formel 1 und selbstverständlich auch unter dem wachsamen Auge der FIA. Er hat die Layouts sogar noch durchwegs so gestaltet (Haarnadel folgt langer Geraden), dass Überholmanöver gelingen können, aber das größte Problem sind 1) die unendlichen Asphaltauslaufzonen und 2) die ultraglatten neuen Asphaltbeläge.

ad 2) Es wurde schon viel diskutiert. Während früher jemand im Reifenstapel oder im Kiesbett stand, kann sich die heutige Fahrergeneration von 120 Prozent Risiko dem Limit nähern. Man verpassst den Bremspunkt rollt über den "Supermarktparkplatz" und probiert es noch einmal. Es sind Strecken, die für die Generation Verstappen gebaut sind, wobei man auf Stadtkursen dann oft sieht, dass dieser "Playstation Approach" auch sehr schnell in die Hose gehen kann.

Ein zweiter Aspekt, den ich hier unbedingt einbringen möchte: Durch die Aspaltauslaufzonen entstand auch die leidige Diskussion um Track Limits, denn in der Praxis ist die Frage, ob jemand noch mit 2 Rädern innerhalb der weißen Linie unterwegs ist, eine reine Tatsachenentscheidung der Rennleitung und in (unterbesetzten) Nachwuchsklassen eine Ungerechtigkeit per se. Ok, die meisten Zuschauer bekommen das gar nicht mit, aber glauben sie mir, dass so manches Qualifying (und damit Rennen) schon entschieden wurde, weil jemand da oder dort ein Auge zugedrückt hat.

ad 3) Wer vor 20 Jahren und mehr einmal einen Grand Prix live erlebt hat, oder noch heute Rennen in den USA verfolgt, weiß wie man "spektakulär" buchstabiert. Die Autos werden aufgrund der unzähligen Bodenwellen und Asphaltwechsel durchgebeutelt und stehen quer. Außerdem können sich die Fahrer nicht direkt aus dem Simulator ins Rennauto setzen und alles 1 zu 1 transformieren.

Nachdem die Straßen dieser Welt nicht mit mikrofeinem Asphalt geteert sind, macht es für mich auch überhaupt keinen Sinn, dies auf den Rennstrecken so umzusetzen.

Lange Schreibe, kurzer Sinn. Auch wenn es nicht direkt mit dem (Auftragnehmer) Hermann Tilke zu tun hat, ist die Kritik der Fahrer und Fans an den modernen F1 Rennstrecken mehr als gerechtfertigt.

2CV
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Re: Hermann Tilke: So kontert er auf die Kritik der Fans

Beitrag von 2CV » Mi Mai 16, 2018 9:33 am

Wen interessiert denn Porsche? Porsche hat eigene Rennstrecken (z.B. in Sachsen ihre Testrennstrecke oder auch den GP-Kurs Kyalami): Wenn Leitplanken so teuer sind, dann ist es für Porsche natürlich billiger, ihre Fahrzeuge dort zu präsentieren.

Was den F1-Rennbetrieb anbetrifft, ist das Problem für die Rennstreckenbetreiber ja nicht der dort verlangte Streckensicherheitsstandard, welcher sich nebenbei bemerkt sowieso selbst widerspricht wenn man z.B. Baku oder Monaco mit Austin oder Silverstone vergleicht, sondern daß sie wegen der Gebühren an die F1 ohne Zuschüsse aus privater oder öffentlicher Hand so gut wie nichts daran verdienen können: Würden sie was dran verdienen, wären temporäre Spezialumbauten für den F1-Zirkus das kleinere Problem. Viele echte Rennstrecken werfen Gewinne ab solange sie die F1 nicht drauflassen, nicht wegen der verlangten Umbauten, sondern wegen der von der F1 verlangten Antrittsgebühren.

Tilke macht, was von ihm verlangt wird, wenn er es nicht machte, machte es jemand Anderes. Von daher ist nicht er der wahre Schuldige. Wenn die F1 von ihm eine Stadtrundfahrt streckenmäßig organisiert haben will, ist das Ergebnis kaum zu kritisieren, wenn er im Auftrag der F1 für irgendwelche Despoten Rennpisten designed, schon eher für die dann schon recht langweiligen Strecken, aber das große Problem ist, wenn die F1 ihn an altehrwürdige Rennstrecken schickt, um dort einen völlig überzogenen Sicherheitsstandard herzustellen. Kartsport ist gefährlicher als F1; die FIA setzt völlig falsche Prioritäten - die Nachwuchsklassen sollten sicher sein, aber bestimmt nicht die Königsklasse sicherer als die Nachwuchsklassen -. ...Es ist mittlerweile gefährlicher, Profifußballer zu werden als F1-Fahrer.

Auch ich komme zum selben Schluß wie mein Vorredner (dem ich in Allem zustimme): Auch wenn es nicht direkt mit dem (Auftragnehmer) Hermann Tilke zu tun hat, ist die Kritik der Fahrer und Fans an den modernen F1 Rennstrecken mehr als gerechtfertigt.
Halo ist nicht Sicherheits- od.Schönheits-,sondern Prinzipfrage: F1 sind offene Monoposti, der einzigartige Mix v.Mopped&Auto: Ungefährlicher als Mopped, gefährlicher als Auto; wem's zu gefährlich ist, ab zu Sport-&Tourenwagen. Nein zu Halo i.d.F1

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