2012: Ein China-Grand-Prix für die Ewigkeit

Hier diskutieren Fans über News und aktuelle Themen rund um die Formel 1
Antworten
Redaktion
Beiträge: 9246
Registriert: Do Nov 08, 2001 1:01 am

2012: Ein China-Grand-Prix für die Ewigkeit

Beitrag von Redaktion » Di Apr 10, 2018 8:31 am

Der wundersame Mercedes-Durchbruch: Wie Nico Rosberg seinen Siegfluch brach, wieso man 2012 nur in China dominierte und in einem Fast-Food-Restaurant feierte

Die Dominanz von Mercedes in den vergangenen Jahren ist beispiellos. Da gerät es in Vergessenheit, dass die Silberpfeile nach der Übernahme des Brawn-Teams 2010 mit Superstar Michael Schumacher Jahr für Jahr an den eigenen Ansprüchen scheiterten, ehe Nico Rosberg sich und das Team 2012 in Schanghai mit dem Debüttriumph in seinem 111. Rennen erlöste - 111 Jahre nach dem ersten Sieg eines Mercedes in einem Autorennen, 57 Jahre nach dem bis dahin letzten Triumph durch Juan Manuel Fangio.

"Vielleicht ist dieser Sieg - nunmehr fast sechs Jahre später betrachtet - noch wichtiger, als wir alle im Team das damals erahnen konnten", sagt Norbert Haug heute gegenüber 'Motorsport-Total.com'. Seitdem hat Mercedes 67 der 120 Grands Prix gewonnen und je vier Fahrer- und Konstrukteurs-Titel geholt. Wir blicken zurück auf das denkwürdige China-Wochenende 2012, als der Grundstein gelegt dafür wurde.

Als die Formel 1 zum dritten WM-Lauf anreiste, rechnete niemand mit einem Silberpfeil-Sieg. Vor allem Rosberg schien bei einem seltsamen Saisonstart ein Schatten seiner selbst. Mercedes erwies sich in Melbourne und Sepang in den Qualifyings vor allem durch Superstar Michael Schumacher mit den Positionen vier und drei als schnell, doch in den beiden Rennen holte er gerade Mal ein Pünktchen, während Rosberg überhaupt leer ausging.



"In beiden Rennen hatten wir Probleme, die Reifen ins richtige Fenster zu bekommen, allerdings jeweils an den entgegengesetzten Enden der Skala", offenbart Teamchef Brawn. Die Sieger in Melbourne und Sepang: McLaren-Pilot Button und Ferrari-Ass Fernando Alonso, der den schwachen Ferrari in Malaysia wie durch ein Wunder übers Wasser trug.

Bei Mercedes schien Schumacher endlich die Oberhand gegenüber Rosberg zu gewinnen. Niki Lauda, damals noch nicht in Diensten der Silberpfeile, stellte die Theorie auf, wonach Rosbergs sauberer Fahrstil für den neuen, endlich berechenbaren Mercedes nicht schnell genug sei. Auch als Spätbremser habe er einen Nachteil, meinten Experten, nachdem Rosberg gegen Schumacher in beiden Qualifyings wegen Verbremsern den Kürzeren gezogen hatte.



Doch Teamchef Ross Brawn beruhigte: "Nicht Nico muss etwas verändern, sondern wir müssen die Bremsen an seinen Fahrstil anpassen. Sobald wir das Problem gelöst haben, werden wir etwas ganz Spezielles von Nico sehen, denn er hat im Qualifying die Fähigkeit, auch dieses letzte Quäntchen Performance aus dem Fahrzeug raus zu quetschen."

Auch der Wiesbadener gab sich betont cool, obwohl er drauf und dran war, seinem Landsmann Nick Heidfeld als längstdienender Pilot ohne Grand-Prix-Sieg Konkurrenz zu machen. "Das ist sehr komisch, ja", kommentierte er seine Durststrecke. "Aber ich habe Geduld. Ich glaube daran, dass meine Zeit bald kommt. Ich freue mich schon darauf. Der Sieg zählt, wir werden gewinnen, das spürt man im Team."

Freund und Kindheitsidol Mika Häkkinen, der 97 Rennen und damit sieben Saisons auf den ersten Sieg hatte warten müssen, bestärkte Rosberg, übrigens ebenfalls in Saison Nummer 7: "Es fühlt sich stets wie eine Ewigkeit an, bis du deinen ersten Sieg in der Formel 1 erzielst. Das war ganz besonders bei mir der Fall - aber sobald du es geschafft hast, ist das Gefühl einfach unglaublich."



Doch Mercedes drohte in Schanghai Ungemach: Nach den Diskussionen in Melbourne und Sepang legte Lotus gegen den Mercedes-Frontflügel offiziell Protest ein, weil man einen illegalen F-Schacht vermutete. Tatsächlich leitete Mercedes bei geöffnetem DRS Luft durch zwei Öffnungen in den Heckflügel-Endplatten über Kanäle im Auto nach vorne zum Frontflügel, wo diese über vier Schlitze im Hauptblatt wieder austrat und für einen Strömungsabriss sorgte. Der Vorteil: ein um zehn km/h höherer Topspeed auf den Geraden.

"Ein vom Fahrer gesteuertes und deswegen illegales aerodynamisches Hilfsmittel", schimpfte die Konkurrenz. "Es passiert doch genau das, was wir unter DRS verstehen", konterte Brawn gewitzt. "Es wird der Luftwiderstand reduziert." Die FIA gab Mercedes recht und argumentierte, dass das System nicht direkt vom Fahrer aktiviert werde, sondern es sich dabei nur um einen Nebeneffekt handle - und ließ die Mercedes-Granden damit aufatmen.

Denn: In Schanghai gibt es die längste Gerade im Grand-Prix-Kalender. Insgesamt holte das Team mit Sitz in Brackley dort eine halbe Sekunde auf die Konkurrenz heraus. Das nutzte man schon am ersten Trainingstag: Schumacher fuhr Bestzeit und war damit über eine halbe Sekunde schneller als der Teamkollege.



Die starke Mercedes-Leistung wurde von Experten jedoch vorschnell als nur bedingt repräsentativ abgetan. Denn kaum jemand traute es Mercedes wirklich zu, die Pneus über die Distanz zu bringen. Bei den Longruns erwiesen sich McLaren und Red Bull als schneller, obwohl selbst dort nicht alles nach Wunsch lief: Hamilton war durch einen Getriebewechsel eine Rückversetzung in der Startaufstellung um fünf Platze gewiss, während Vettel im Gegensatz zu Teamkollege Mark Webber mit dem neuen Auspuffsystem nicht zurecht kam und die alte Version einbauen ließ.

Im Mercedes-Lager herrschte schon am Freitag Zuversicht. "Die Streckenführung passte zu unserer Auto-Philosophie", erinnert sich Haug. "Die Vorderachse bestimmt dort das Limit, und die Abstimmung muss so sein, dass man kein Übersteuern provoziert." Eine Charakteristik, die kaum eine andere Strecke im Grand-Prix-Kalender aufweist. Und die dem Mercedes, dessen Schwachstelle die Hinterachse war, besonders entgegenkam. "Unser Team und unsere Fahrer hatten diese Abstimmung gefunden", blickt der damalige Mercedes-Motorsportchef zurück.

Am Samstag-Vormittag schien aber McLaren die besten Karten zu haben: Hamilton fuhr vor Teamkollege Button die Bestzeit, dahinter reihen sich mit über einer halben Sekunde Rückstand Rosberg und Schumacher ein.



Im Qualifying zeigte sich aber ein ganz anderes Bild: Wie von Brawn angekündigt stellte Rosberg seine enormen Qualitäten auf eine schnelle Runde unter Beweis und demolierte mit nur einem Versuch in Q3 die Konkurrenz. Rosberg war längst ausgestiegen und spazierte durch die Boxengasse, als seine Rivalen sich an der Zeit noch immer die Zähne ausbissen.

"Das hätten wir so oder so gemacht, auch wenn die Zeit nicht gut genug gewesen wäre", meinte der Pole-Setter, der sich unbedingt einen frischen Reifensatz für das Rennen aufsparen wollte. Hamilton war als erster Verfolger eine halbe Sekunde zurück. Durch dessen Strafversetzung rückte Schumacher als Dritter mit 0,570 Sekunden Rückstand in die erste Startreihe vor. Dadurch standen zwei Silberpfeile in der ersten Reihe - zum ersten Mal seit Monza 1955, als die Legenden Juan Manuel Fangio und Stirling Moss dominiert hatten.

"Wenn ich ehrlich bin, ist das einfach wieder der Nico aus dem Vorjahr", klopfte Teamchef Brawn seinem Schützling auf die Schulter und gab damit seine Erklärung ab, warum Schumachers Zwischenhoch vorbei schien. "Nico war immer in der Lage, im Qualifying etwas aus dem Hut zu zaubern, aber bis jetzt haben wir ihm in dieser Saison einfach nicht das Auto dafür gegeben. Das war wirklich eine tolle Runde, vor allem im Mittelsektor, der dem Auto eigentlich nicht so liegt."

Intern habe Rosberg ohnehin einen guten Stand, meinte Brawn: "Wir haben Nico gezeigt, dass er die gleichen Chancen wie Michael bekommt. Inzwischen regeln sie ihr Verhältnis untereinander so, dass nichts, was sie machen, zerstörerisch auf das Team wirken könnte."



Während die Silberpfeile also brillierten, schwächelten die Favoriten: Button, der nach seinem Melbourne-Sieg und Hamiltons Strafe eigentlich beste Voraussetzungen gehabt hätte, stand nur auf Startplatz fünf. Ihm fehlte eine ganze Sekunde auf Rosberg. In der zweiten Reihe: Sensationsmann Kobayashi im Sauber und Lotus-Pilot Kimi Räikkönen, bei dem das umfangreiche Update direkt in die Mülltonne gewandert war. "Wir unterschätzen die beiden im Rennen nicht", meinte Brawn, der Sergio Perez' Beinahe-Sieg in Sepang nicht vergessen hatte.

Und der beste Red-Bull-Pilot? Mark Webber auf Platz sechs. Vettel, der der alten Auspuffvariante treu geblieben war, weil er sich von ihr mehr Stabilität am Kurveneingang versprach, war als Elfter der große Geschlagene. Zum ersten Mal seit Brasilien 2009 hatte er es nicht ins Q3 geschafft. Der Auspuff sei nicht schuld gewesen, verteidigte Vettel seinen technischen Alleingang, der bei Red Bull nicht gerade auf Begeisterung stieß: "Mark war einfach schneller als ich. Punkt." Aber auch Sepang-Sieger Alonso stand nur auf Platz neun.



Trotz der günstigen Ausgangssituation für Mercedes deutete wenig auf einen Silberpfeil-Alleingang am Rennsonntag hin. Denn während der DRS-Trick im Rennen nur in den DRS-Zonen bei der Verfolgung genutzt werden durfte, war die Nutzung im Qualifying damals komplett freigegeben, wodurch man mit einem schwächeren Renntempo rechnen musste.

"Im Qualifying profitieren wir maximal davon, im Rennen nutzen wir es nur zum Überholen. Das ist ein Faktor", bestätigte Brawn, der auf niedrige Temperaturen hoffte. "Bei dem kleinen Arbeitsfenster der Pirelli-Reifen müssen wir im Rennen voll ins Schwarze treffen. Wir haben uns aber im Training voll auf das Rennen konzentriert."

Rosberg wusste warum. Denn schon 2010 und 2011 hatte er in Schanghai insgesamt 31 Führungsrunden gesammelt. 2011 durfte er sich gute Podestchancen ausrechnen, ehe er am Ende mit Platz fünf vorliebnehmen musste. "Nico ging der Sieg durch die Lappen, weil wir noch nicht gut genug über die Gesamtdistanz waren", blickt Haug zurück. Und Rosberg fürchtete: "Es wird nicht einfach, denn im Rennen haben wir immer noch Probleme."



Kein Wunder, dass der Blick Rosbergs am Sonntag immer wieder auf die Temperaturanzeige gerichtet war. Die Quecksilbersäule kletterte bis auf 22 Grad. Da aber der Himmel wolkenverhangen war, blieb auch die Asphalttemperatur im niedrigen 20-Grad-Bereich. Im Lager der Silberpfeile witterte man eine Chance. Das galt auch für Schumacher, der in Schanghai 2006 im Ferrari zum letzten Mal gewonnen hatte. Es war sein 91. Sieg. Sollte der 92. folgen?

Beiden war klar: Der Start wird für eine Vorentscheidung sorgen. Als die roten Lichter der Ampel ausgingen, katapultierte sich Pole-Setter Rosberg sofort um einige Wagenlängen in Front, ehe sein Teamkollege links und rechts von Button und Räikkönen attackiert wurde, aber die Mercedes-Doppelführung verteidigte. Sein Ziel, sich im DRS-Fenster von Rosberg zu halten, misslang. Bei der Freigabe in Runde 3 hatte Rosberg bereits einen Vorsprung von 1,1 Sekunden.

Besonders schlecht kamen Überraschungsmann Kobayashi, der einige Plätze verloren hatte, und Titelverteidiger Vettel in die Gänge. Der Red-Bull-Pilot fiel durch einen konservativen Start, bei dem er seinen Boliden auf keinen Fall beschädigen wollte, bis auf Platz 15 zurück. Schon in Runde sechs wurde die erste Boxenstoppphase eingeleitet: Allerdings nicht - wie von manchen erwartet - durch Mercedes, sondern durch Red-Bull-Pilot Webber.



Der Undercut-Versuch misslang: Erst in der elften Runde kam Schumacher-Schatten Button als zweiter Fahrer an die Box. Das zwang die Mercedes-Mannschaft zum Handeln, denn man wollte unbedingt verhindern, dass der McLaren mit den frischeren Reifen am Rekord-Weltmeister vorbeiging. Schumacher, der bereits einige Sekunden hinter Leader Rosberg lag, kam nur eine Runde später herein - eine Entscheidung mit bösen Folgen.

Das rechte Vorderrad war noch nicht festgeschraubt, als Schumacher zurück auf die Strecke geschickt wurde. Nur wenige Meter nach der Boxenausfahrt musste er seinen Mercedes abstellen - ein möglicher Spitzenplatz war dahin. "Michael war bis zum Boxenstopp ein ernsthafter Sieganwärter, aber als es dann beim Radwechsel das Problem mit einer vorderen Radmutter gab, war er kurz danach zur Aufgabe gezwungen", spricht Haug Schumacher heute von jeglicher Schuld frei.

Der Kerpener nahm es sportlich. "Tut mir leid für die Jungs, aber das gehört dazu", sagte er. "Jetzt drücke ich Nico die Daumen." Nur eine Runde nach der Panne flatterten bei Mercedes die Nerven, als Rosberg in Führung liegend seinen ersten Stopp absolvierte, doch diesmal ging alles glatt. Der Mercedes-Pilot wurde mit den härteren Medium-Reifen ausgestattet und kam vor Button auf die Strecke zurück, der auf Soft-Reifen herannahte.



Und dann legte er den Grundstein für die spätere Sensation: Trotz der härteren Reifen überholte er zuerst Ferrari-Pilot Felipe Massa, der noch nicht an der Box gewesen war, und setzte sich dann von Button ab, der trotz der Reifenwahl nicht mithalten konnte und rund zehn Runden vor dem Mercedes zum zweiten Mal hereinkam.

Damit war klar: Mercedes-Superhirn Brawn wollte Rosberg mit nur zwei Stopps über die Distanz bringen, während es bei der Konkurrenz nicht danach aussah. Die Schlussphase entwickelte sich also zu einem Pokerspiel: Nach dem Stopp in der 34. von 56. Runden fiel Rosberg hinter den McLaren-Piloten zurück, der sich nun mit um zwei Sekunden schnelleren Runden auf Medium-Reifen an der Spitze für die Schlussattacke in eine gute Position bringen wollte.



Und so wurde das Rennen für Haug, der mit seinem Piloten mitzitterte, zu einem Marathon: "Bist du der Verfolger mit Chancen, Plätze gutzumachen oder gar den Sieg zu holen, sagst du dir: 'Wir haben noch 30 Runden'. Liegst du aber vorne, denkst du: 'Oh Mann, es dauert noch ewige 30 Runden'", schildert er, in welcher Stimmungslage er sich damals befand.

Den Glauben an den Sieg hatte er aber laut eigenen Angaben nie verloren: "Ich erinnere mich, dass ich während des Rennens in den Boxen mindestens ein Dutzend Flaschen stilles Wasser getrunken habe und mir immer dachte: 'Das ziehen wir uns heute rein, das MUSS klappen ...'"

Beim dritten und letzten Stopp von Rivale Button, der erneut Medium-Reifen aufziehen ließ, bekam Mercedes unerwartete Hilfe: Der McLaren stand fast zehn Sekunden still - der Sieg des Briten rückte damit in weite Ferne. "Eine Radmutter hat geklemmt", offenbarte Teamchef Martin Whitmarsh. Erinnerungen an Schumachers Ausfall wurden wach.



Whitmarsh zeigte sich von Brawn überrascht: "Wir hätten nicht gedacht, dass sie nur zweimal stoppen. Wir haben erst nach und nach realisiert, dass der Medium-Reifen so haltbar ist, dass man auch mit zwei Stopps durchkommen könnte."

Somit lag Rosberg unangefochten an der Spitze, während Button auf Platz vier zurückfiel. Vor ihm: Räikkönen und der nach vorne gerutschte Vettel, die das Unmögliche wagten, wie Rosberg mit zwei Stopps durchzukommen. Der Zug, den der bereits 23 Sekunden hinter Rosberg liegende Finne hinter sich herzog, wurde länger und länger. Und seine Medium-Reifen waren bereits komplett am Ende.

Der Einbruch kam acht Runden vor Schluss: Zuerst überholte Vettel, dann war der Bann endgültig gebrochen: Räikkönen fiel bis auf Platz 14 zurück. Aber auch der Red-Bull-Pilot durfte sich nur kurz über einen Podestplatz freuen: Vettels Medium-Reifen knickten vier Runden vor Schluss ebenfalls ein, und die McLaren-Piloten Button und Hamilton sowie ausgerechnet Erzfeind Webber verdrängten Vettel in den Schlussrunden noch auf Platz fünf.



Damit war Hamilton zum dritten Mal in Serie Dritter und übernahm die WM-Führung. Der große Sieger hieß aber Nico Rosberg. Und wie - sein Vorsprung auf Verfolger Button betrug bei der Zieldurchfahrt über 20 Sekunden. "Dieses Rennen ist mir vorgekommen wie die 24 Stunden von Le Mans", beschrieb er das lange Warten auf die Zielflagge. "Es ist der Hammer, und ich habe nicht geglaubt, dass es schon heute passiert."

Auch Haug war völlig überwältigt, wie er heute offenbart: "Zu siegen war einfach der Hammer, das Größte und Allerbeste - was man 24 Stunden zuvor zwar insgeheim gehofft, aber nicht ausgesprochen hatte. Dieses Gefühl beim Fallen der Zielflagge ist mit nichts zu vergleichen, was man in einem Beruf erleben kann, jedenfalls nicht für mich und nicht für ein einziges Teammitglied, das ich in über 22 Jahren professionellem Motorsport kennengelernt habe."

Haug lobt die Cleverness seines Schützlings, der sich das Rennen perfekt eingeteilt hatte: "Das war ein Null-Fehler-Job! Nico fuhr so schnell, wie er musste, und nicht so schnell, wie er konnte. Auch gerade daran erkennt man einen Champion."



Nicht nur für Rosberg, sondern auch für Haug war es eine wahre Sternstunde: Nach dem WM-Titel mit Brawn im Jahr 2009 und der Übernahme des Rennstalls hatte man als Werksteam 2010 und 2011 eine Durststrecke hinter sich. Und endlich durfte der Schwabe wieder jubeln: Nicht nur mit Sieger Rosberg, sondern auch mit Button und Hamilton, die ebenfalls mit Mercedes-Triebwerken unterwegs waren.

"Ich hetzte wie in Trance - strahlend und übermannt von Emotionen - zum Parc Ferme, nachdem Ross zu mir sagte: 'Hol den Pokal für das Team!'", schildert Haug die Momente des Triumphs. "Ich umarmte Nico, der musste zum Wiegen, ich war umringt von Medienvertretern, Kameras und Fotografen."

In all dem Trubel hatte Haug Mühe, den Weg zur Siegerehrung zu finden und tauchte mit Verspätung auf dem Podest auf. "Ich war noch nie zuvor auf dem Siegerpodest in Schanghai", erklärt er. "Als Pfadfinder hätte ich Zeit meines Lebens sicherlich nie einen Pokal bekommen." Ein Replika des Pokals, der heute in Brackley steht, ließ er nicht anfertigen, obwohl er noch scherzhaft gemeint hatte, er werde den Pokal nicht mehr hergeben: "Wichtig ist, dass es das Original gibt und immer geben wird."



Den Jubel nach der Pokalübergabe wird der Mercedes-Motorsportchef aber nie vergessen: Zuerst schüttet ihm Rosberg beinahe den ganzen Inhalt seiner Champagner-Flasche über den Kopf, dann beteiligte sich auch Button tatkräftig.

Haugs Blackberry stand währenddessen unter Dauerbelastung: Nach der Siegerehrung trudelten unzählige Glückwunsch-SMS ein, Haug kam mit dem Beantworten gar nicht nach und zeigt sich heute noch "tief berührt". Aber wie erlebte Schumacher den Moment, als sein junger Teamkollege den Triumph einfuhr, für den eigentlich er vorgesehen gewesen wäre? "Ich bin happy über diesen Sieg von Nico und Mercedes, denn das zeigt, wie hart wir gearbeitet haben", gratulierte er höflich.

Auf die Frage, ob der Teamkollege nun, nachdem der Knoten geplatzt war, noch stärker fahren werde, antwortete er schmunzelnd: "Es gibt viele Leute, die behaupten, dass man nach dem ersten Sieg besser wird und nach dem ersten Kind langsamer. Das zweite stimmt nicht - und das erste, glaube ich, auch nicht."



Dass Schumacher so etwas wie Neid verspürte, glaubt Haug nicht: "So ist Michael nicht, er war voller echter und ehrlicher Freude für Nico und das Team. Und sein Selbstbewusstsein war zurecht groß genug, um zu wissen: Wenn Nico gewinnen kann, kann ich das auch." Rosberg fühlte sich währenddessen in seinem Chef bestätigt: "Ross und die Jungs sagten mir, dass der erste Sieg kommen würde. Ich müsste nur Geduld beweisen und meine Chance nutzen."

So richtig auskosten konnte die Truppe den ersten Triumph dann aber doch nicht: Denn schon in der darauffolgenden Woche stand in Bahrain der vierte WM-Lauf auf dem Programm. Der Flug am Abend war längst gebucht. Doch das Mercedes-Team bewies Flexibilität und machte kurzerhand ein Fast-Food-Restaurant am Flughafen der chinesischen Metropole zur Party-Location.

Das war offenbar erst der Anfang. "Wir sind abends noch zurückgeflogen, aber im Flieger kann man auch feiern", stellt Haug heute klar. "Und danach schläft man viel besser und tiefer als nach einer Niederlage. Friedlich und grinsend wie ein frisch gefüttertes Baby - einfach herrlich."



Doch meist folgt auf einen Sieg der Hunger nach mehr Triumphen. Bereits in Bahrain wurde Rosberg scherzhaft gefragt, ob er mit einem Sieg nun sein Soll erfüllt habe, da sein Vater Keke Rosberg mit einem einzigen Sieg 1982 den Titel holte. Die Antwort: "Mein Vater hat mir gesagt, dass das Gefühl des Erfolgs nicht lange anhält."

In Bahrain kollidierte er schon im ersten Training mit einem Vogel, blieb aber unverletzt, um dann im zweiten und dritten Training die Bestzeit zu holen. War Mercedes damit kaum noch aufzuhalten? Fehlanzeige, denn im Rennen, das Rosberg als Fünfter beendete, wurde das Team von den Überhitzungsproblemen bei den Hinterreifen wieder eingeholt.

"Ganz bestimmt" habe der Sieg in Schanghai Rosberg einen Energieschub verliehen, glaubt Haug. "Aber wir hatten kein Siegerauto in der Folge des Jahres, außer in Monaco." Ein Rennen, bei dem Schumacher die schnellste Qualifying-Zeit fuhr, aber wegen einer Kollision beim vorangegangenen Rennen nur von Startplatz sechs losfahren durfte. Für Haug der Grund, warum Schumacher der Triumph im letzten Jahr seiner Formel-1-Karriere nicht vergönnt war. "Nichts hätte ich mehr gewünscht als einen Sieg für Michael in seinem letzten Jahr", gibt er zu. "Sein Podiumsplatz in Valencia war dafür nicht der passende Ersatz."



Dafür wurde das Team für den langen Atem belohnt. "Auf den höchsten Gipfel zu klettern ist sehr schwierig, dort zu bleiben aber viel, viel schwieriger", weiß Haug, der nur noch bis zum Saisonende als Motorsportchef von Mercedes fungierte. "Diese Aufgabe hat das Team gelöst wie vor ihm kein anderes. Es war damals im Vergleich zu heute noch sehr klein und mit knappem Budgetrahmen unterwegs, an kompetenten Mitarbeitern fehlte es aber nicht. Der überwiegende Teil der Mannschaft, die für den ersten Sieg verantwortlich war, ist heute noch in Brackley aktiv."

Auch seinem Nachfolger Toto Wolff spricht er ein Kompliment aus: "Ohne exzellenten Leader gibt's kein exzellentes Team - und schon gar nicht über vier Jahre exzellente Ergebnisse." Ob er stolz darauf sei, dass der Durchbruch noch in seiner Ära gelang?"Schämen tue ich mich bestimmt nicht dafür", antwortet er. "Ich möchte diesen Premierensieg allerdings auch nicht überbewerten. Wir lieferten 2012 den ersten Baustein, das solide Gemäuer wurde ab 2013 aufgebaut und steht seit 2014 als Festung. Und ich denke, diese wird auch künftig von den Rivalen nur sehr schwer zu stürmen sein."

Original-News aufrufen

Antworten