1989: Ein Australien-Grand-Prix für die Ewigkeit

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Redaktion
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1989: Ein Australien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Beitrag von Redaktion » Di Mär 20, 2018 8:12 am

Die gefährliche Wasserschlacht von Adelaide: Wie sich FISA-Boss Jean-Marie Balestre lächerlich macht und Ayrton Senna den WM-Titel zum zweiten Mal verliert

Nach Suzuka 1989 herrscht in der Formel 1 eine Stimmung wie nach der Detonation eines Sprengsatzes: Die Kollision zwischen Ayrton Senna und Alain Prost hat alle anderen Themen weggefegt, es herrscht Benommenheit. Der Franzose ist durch die Disqualifikation seines brasilianischen Erzfeindes vorerst Weltmeister. Der Verlierer, der eigentlich Siege in Suzuka und beim bevorstehenden Saisonfinale in Adelaide benötigen würde, fühlt sich von der Seilschaft zwischen Prost und FISA-Boss Jean-Marie Balestre (bis 1993 war die FIA-Sportabteilung FISA für die Formel 1 zuständig) verfolgt und gedemütigt.

McLaren hat im Stallduell um den Titel klar Position bezogen: Boss Ron Dennis beruft gegen das Urteil der Rennkommissare, Senna habe nach der Stallkollision, als er von den Streckenposten in der Schikane in den Notausgang geschoben wurde, die Strecke abgekürzt. Kein Wunder, denn Prost verlässt mit Saisonende McLaren und geht ausgerechnet zum großen Rivalen Ferrari. Der Gedanke, dass der Franzose die Nummer 1 mitnimmt, bereitet dem erfolgssüchtigen Dennis große Schmerzen. Vielleicht gibt es ja doch noch einen Weg, Senna zum Weltmeister 1989 zu machen.

Doch das Ergebnis ist niederschmetternd: Bei der Berufungsverhandlung eine Woche nach Suzuka in Paris wird Prosts Titel bestätigt, Senna weiter stigmatisiert. Die FIA verdonnert ihn zu einer bedingten Sperre von sechs Monaten und zu einer Geldstrafe von 100.000 US-Dollar. Außerdem legt man das Sündenregister des McLaren-Superstars vor und lässt dabei kaum eine Möglichkeit aus, Senna zu verunglimpfen.



Selbst die Kollision in Estoril 1989, als ihn der bereits disqualifizierte Nigel Mansell abgeschossen hat, wird angeführt. Und allein in Suzuka zählte man acht Vergehen: Neben dem "Vorteil" durch das Abkürzen, das nur bei Senna als Disqualifikationsgrund ausgelegt wird, nennt man das Anschieben durch die Streckenposten, das Verlassen der Piste sowie überhöhtes Tempo beim umstrittenen Manöver als Vergehen.

"Ich akzeptiere keine Fahrer, die um jeden Preis gewinnen wollen", tönt Balestre. "Und das stört mich an Senna. Ich fühle mich für die Sicherheit der Fahrer verantwortlich - und zwar so, als wären sie meine Kinder. Und ich lasse mir unsere Fortschritte nicht durch einen Fahrer kaputtmachen."

Das Urteil sitzt. "Ich wurde wie ein Krimineller bestraft", fühlt sich Senna als Opfer einer Hexenjagd. "Sie wollten mich unbedingt disqualifizieren, und dafür wäre ihnen jedes Mittel recht gewesen. Jean-Marie will doch nur, dass sein Landsmann Weltmeister wird."



Doch McLaren-Boss Dennis klammert sich an den letzten Strohhalm: Man wolle prüfen, ob es Möglichkeiten gibt, noch einmal gegen das Urteil zu berufen. Damit ist klar: Die WM ist noch nicht endgültig entschieden, auch wenn Senna und McLaren gegen Windmühlen kämpfen. Währenddessen machen sich sogar Gerüchte breit, Senna denke über einen sofortigen Rücktritt aus der Formel 1 nach.

Niemand weiß, ob der 29-Jährige wirklich in Adelaide beim Saisonfinale auftauchen wird. Doch dann lässt sich Senna am Mittwoch doch in "Down Under" blicken und stellt sich bei einer Pressekonferenz den Medienvertretern. "Die letzten Tage waren für mich sehr schwierig", gibt er zu - und offenbart: "Ich dachte wirklich an Rücktritt, wollte nach Hause fahren und nicht in Australien auftauchen."

Doch wie ist es dann zu seinem Sinneswandel gekommen? "Ich glaube daran, dass sich in harten Zeiten die wahre Persönlichkeit zeigt und die eigenen Stärken noch ausgeprägter werden. Der Rennsport liegt mir im Blut, und ich weiß, dass mich dieser Kampf tief in meinem Inneren motiviert, dass ich meine Werte unter Beweis stellen kann. Ich werde mich nicht kampflos zurückziehen, denn mir geht es um Gerechtigkeit."



Die Rücktrittsdrohung bleibt aber aufrecht: "Wenn man mir die Lizenz wegnimmt, dann nimmt man mir auch meine Werte, und dann werde ich nicht mehr weiterfahren." Vor allem die bedingte Sperre von sechs Monaten stößt Senna sauer auf: "Jeder kann sich mal irren, aber ich darf jetzt keinen Fehler mehr machen. Das gilt auch für die anderen Fahrer um mich herum, sonst bin ich dran."

Dennoch werde er auch in Adelaide "so fahren wie in meiner ganzen Karriere". Prost verhält sich lange ruhig, lässt sich dann aber doch zu einer Verbalattacke gegen Senna hinreißen. "Sennas Problem ist sein Glaube an Gott. Deswegen hält er sich für unsterblich", zündelt er. Das sei für alle gefährlich.

Höchste Zeit also, dass die beiden Rivalen wieder auf der Strecke ihre Klasse zeigen, anstatt hinter den Kulissen miteinander zu ringen. Doch auch auf dem Stadtkurs in Adelaide dauert es nicht lange, ehe sich die beiden Erzfeinde wieder in die Quere kommen. Im Freitag-Qualifying überholt Weltmeister Prost gerade den langsam fahrenden Ferrari-Piloten Gerhard Berger, als Senna von hinten heranrast.



Prost reagiert mit einem harten Bremsmanöver und lässt so viel Platz wie möglich, um seinen Stallrivalen vorbeizulassen, doch der lupft und verliert Zeit. Anstatt Prost die Halbzeit-Pole wegzuschnappen, fehlen Senna am Ende der Runde drei Zehntel auf den führenden Franzosen.

Der Superstar ist fuchsteufelswild: Dennis hat alle Hände voll zu tun, Senna davon abzuhalten, Prost bei den Rennkommissaren anzuschwärzen. Der Franzose habe Berger unter Gelb überholt, wirft ihm der Brasilianer vor, der als Reaktion auf die Ereignisse in Suzuka mit allen Mitteln gegen seinen Widersacher kämpfen will. "Er ist verrückt", grummelt Prost.

Der Stadtkurs in Australien erinnert am ersten Trainingtag an einen Eislaufplatz: Die Strecke ist rutschig, was den Pirelli-Teams einen überraschenden Joker zuspielt: Die italienischen Gummis, die von den Underdog-Teams Minardi, Dallara, Osella, Coloni, Brabham, EuroBrun und Zakspeed eingesetzt werden, funktionieren dann besonders gut, wenn es an Grip mangelt.



Das zeigt sich schon am Freitag: Pierluigi Martini wird hinter den beiden McLaren-Piloten und Williams-Pilot Thierry Boutsen sensationell Vierter. Ihm fehlen nur 0,640 Zehntel auf die provisorische Pole-Position. Gleich fünf Pirelli-Piloten schaffen es in die Top 10. Am Samstag legt Martini noch eins drauf: Der Italiener steigert sich um über vier Zehntel und überflügelt Boutsen, an der Spitze dreht Senna das McLaren-Duell und setzt sich vor Prost auf den besten Startplatz. "Schneller ging es nicht mehr", grinst Senna zufrieden.

Währenddessen versinkt Ferrari im Politchaos: Weil Berger längst einen McLaren-Vertrag unterschrieben hat und 1990 mit Prost das Cockpit tauschen wird, erhält er im Team von Cesare Fiorio schlechteres Material als Teamkollege Nigel Mansell, der mit einem deutlich verbesserten Motor und einem optimierten Spritgemisch ausgestattet wird. Die Bevorzugung Mansells zeigt sich an den Trainingstagen in aller Vehemenz: Am Freitag erleidet Berger schon nach wenigen Runden einen Motorenschaden.

Am Samstag-Vormittag geht das bittere Schauspiel weiter: Diesmal ist es das automatische Getriebe, das nach wenigen Runden den Geist aufgibt. Als Berger ins Ersatzauto einsteigen will, legte sich der Teamchef quer: Das dürfe der Österreicher wegen des neuen Supermotors nicht benutzen. Berger muss weiter zuschauen. Sein zukünftiger Teamchef Dennis kann sich einen Scherz nicht verkneifen. "Wir haben vier Autos, willst du eines haben?", flüstert er Berger ins Ohr.



Als im entscheidenden Qualifying nach nur drei Runden auch noch die Elektrik versagt, platzt Berger der Kragen: "Was der Fiorio aufführt, ist lächerlich. Ferrari kämpft mit Williams um die Konstrukteurs-WM hinter McLaren. Wenn man mich jetzt kaltstellt, bringt das nichts." Am Ende erhält er doch noch das Mansell-Ersatzauto mit der neuen Motorenausbaustufe, doch ausgerechnet beim Einsteigen löst ein Mechaniker den Bordfeuerlöscher aus - Berger muss wieder aussteigen.

War das Sabotage? "Das kann natürlich passieren", nimmt Berger, dessen Freitag-Zeit nur für Platz 14 reicht, seinen Mechaniker in Schutz. "Aber es war symptomatisch für einen Tag, an dem nur Politik betrieben wurde." Endgültig reicht es ihm, als er erfährt, was sein Chef nach dem Qualifying im Gespräch mit italienischen Reportern von sich gibt.

"Fiorio erzählt der italienischen Presse, der Berger hätte den Feuerlöscher ausgelöst", kann es Berger im Gespräch mit 'Motorsport-aktuell'-Reporter Helmut Zwickl kaum glauben. "Dabei hat ein Mechaniker den Knopf irrtümlich mit dem Ellbogen betätigt." Es kommt zum Schlagabtausch zwischen dem Piloten und Fiorio. "Ihr dürft mich nicht für blöd verkaufen", schießt er bei seinem vorerst letzten Ferrari-Grand-Prix gegen den ehemaligen Lancia-Rennleiter.



Und wo landet Teamkollege Mansell in der Startaufstellung? Der kann den Materialvorteil nicht nutzen, kollidiert mit Lotus-Pilot und Ex-Stallfeind Nelson Piquet und kommt mit den Goodyear-Qualifying-Reifen nicht zurecht - Startplatz sieben ist die magere Ausbeute. Boutsen, der am Freitag noch als erster Verfolger der McLaren aufzeigt, rutscht am Samstag hinter Martini und den Benetton-Piloten Alessandro Nannini zurück. Er muss wegen eines technischen Problems auf die frühere Ausbaustufe seines Renault-Motors zurückgreifen.

24 Sekunden vor der Zielflagge sorgt Eddie Cheever für große Aufregung, als er seinen Arrows in der Zielkurve beim Herausbeschleunigen in die Reifenstapel wirft. "Ausgangs der letzten Rechtskurve geriet ich über die Randsteine, blieb am Gras und prallte mit dem linken Hinterrad gegen die Mauer", schildert er den Crash, bei dem das Hinterrad abreißt. Als er vor Ärger das Lenkrad aus dem Cockpit wirft, ist klar, dass der US-Amerikaner unverletzt ist.



Das Schlusslicht in der Startaufstellung bildet übrigens Ligier-Routinier Rene Arnoux. Der Franzose, der früher bei Renault und Ferrari Rennen gewann, kündigt bei der Fahrerbesprechnung am Sonntag seinen Rücktritt an und überreicht jedem seiner Kollegen einen Brief mit einer persönlichen Botschaft - auf Französisch - in einem Lederumschlag. Eine Aktion, mit der sich der mit Motivationsschwierigkeiten kämpfende 41-Jährige, der seinen Kollegen vor allem bei Überrundungsmanövern oft im Weg stand, bei vielen rehabilitierte.

Damit geht eine Ära zu Ende: Arnoux ist nach Patrick Tambay, Jean-Piere Jarier, Didier Pironi, Patrick Depailler, Jean-Pierre Jabouille und Jacques Laffite der letzte Fahrer der von Mineralölsponsor elf geförderten goldenen französischen Rennfahrergeneration, der noch Formel 1 fährt. Dass ihm am Sonntag noch ein Höllenritt blüht, ist ihm bei der Fahrerbesprechnung schon klar, denn die Strecke steht nach dem Warm-Up, das Senna für sich entscheidet, durch heftige Niederschläge völlig unter Wasser. Eilig wird ein weiteres, 30-minütiges Training einberufen, damit die Piloten ihre Boliden auf die nasse Strecke abstimmen können.



Doch selbst die Topstars haben beim Blindflug größte Mühe: Während sich Senna einmal um die eigene Achse dreht, ehe er weiterfahren kann, donnern Mansell und Nannini wegen Aquaplanings in die Mauer, auch Prost und Berger können Pirouetten nicht verhindern. Die beiden fordern daraufhin eine Verschiebung des Rennens um einige Stunden, da erst dann ein Nachlassen der Regenfälle prognostiziert wird.

Als die Rennleitung den Start nur um 30 Minuten verschiebt, liegt ein Streik in der Luft. "Wenn es weiter so regnet, fahre ich nicht", droht Berger, der auf der langen Geraden nicht über den zweiten Gang hinausgekommen ist. Hinter dem Österreicher und Weltmeister Prost machen sich auch Mansell, Patrese, Boutsen, Nannini, Emanuele Pirro, Andrea de Cesaris, Alex Caffi und Piercarlo Ghinzani auf den Weg zur Rennleitung, um gegen die aus ihrer Sicht unangemessene Startzeit zu protestieren.



Beim Rennleitungsbüro angelangt, traut Prost seinen Augen nicht: Von den zehn Piloten sind nur noch er, Berger und die beiden Williams-Piloten übrig. "Alle anderen hatten kehrt gemacht", erzählt der McLaren-Pilot. Das Problem? "Die Einigkeit ist zerbrochen", gibt Berger zu. "Es gibt keine Persönlichkeit wie Lauda, die alle unter einen Hut bringt." Der dreimalige Weltmeister hatte 1985 mit seinen Kollegen die Absage des Belgien-Grand-Prix wegen des aufbrechenden Asphalts erwirkt und war darin federführend, den Interessen der Piloten als Chef der Fahrergewerkschaft GPDA eine gewichtige Stimme zu geben.

Wen all das völlig kalt zu lassen scheint? Pole-Setter Senna, der voll konzentriert in seinem McLaren sitzt. Er muss gewinnen, will er sich seine Tür zum Titel doch noch irgendwie offenhalten. Die Rennleitung boxt den Start des Rennens durch: Mit einer halben Stunden Verspätung beginnt die Seeschlacht in Adelaide - und zwar so chaotisch wie das bevorstehende Rennen. Beim Start in die Aufwärmrunde sitzen nicht einmal alle Piloten in ihren Boliden. Berger, Mansell und Piquet müssen daher bei sintflutartigen Bedingungen sogar das Ärzteauto überholen.



Als die Ampel auf grün schaltet, werden die Fans Zeugen des wohl chaotischsten Rennstarts der Formel-1-Neuzeit: Das halbe Feld steht nicht auf dem richten Startplatz. Prost beschleunigt besser als Senna, doch der Brasilianer kommt seinem Widersacher bedrohlich nahe und biegt als Erster in die erste Kurve.

Während die Sicht im Feld gleich Null ist und viele Piloten durch die Gegend kreiseln, kommt der Leader mit einem Vorsprung von 7,9 Sekunden auf Start und Ziel zurück. Verfolger Prost zeigt wie einst Lauda in Fuji 1976 Größe und gibt an der Box wegen der unfahrbaren Bedingungen auf. "Das ist lächerlich", wiederholt er im TV-Interview. "Überall nur Gischt." Kurz darauf wird das Rennen abgebrochen, weil der Onyx von JJ Lehto nach einem Dreher in der ersten Kurve die Strecke blockiert.



Obwohl das McLaren-Team Prosts Boliden zum Restart bereit macht, steigt der Franzose als einziger Fahrer nicht mehr ein. Selbst der Widerstand Bergers ist gebrochen, was diesem peinlich ist. "Ich weiß nicht, was mit uns nicht stimmt", hinterfragt sich der Ferrari-Pilot selbst. "Riccardo, Thierry und ich steigen ins Auto ein, dann wieder aus, dann wieder ein. Alain steigt ein und wieder aus. Warum bin ich wieder eingestiegen?"

Beim zweiten Start sind die Bedingungen kaum besser, und erneut wiederholt sich das Schauspiel: Senna, der nun alleine in der ersten Reihe steht, setzt sich sofort ab, Verfolger Martini fehlen nach einer Runde bereits 8,7 Sekunden. Dahinter folgen die beiden Williams von Boutsen und Patrese, Nannini, Dallara-Pilot de Cesaris und der achtplatzierte Ferrari von Mansell. Während die Boliden wie Billard-Kugeln zwischen den Mauern hin und her pendeln, baut der Brasilianer seinen Vorprung in sieben Runden auf 29 Sekunden aus - eine Machtdemonstration.

Sensationsmann Martini, dessen Pirellis bei Regen nicht so gut funktionieren wie auf trockener Strecke, fällt hinter die Williams-Piloten, Nannini und Mansell auf Rang sechs zurück, hält sich aber wacker. Aussteiger Arnoux und Umsteiger Berger sind zu diesem Zeitpunkt nach Kollisionen nicht mehr im Rennen.



Dafür geht es im Kampf um die Verfolgung von Leader Senna heiß her: Patrese attackiert den zweitplatzierten Boutsen, geht vorbei, rodelt aber wenig später durch die matschige Wiese und ist wieder Dritter. Dann in Runde 11 die erste Schrecksekunde des bis dahin unfehlbar wirkenden Senna: Der Leader dreht sich mehrmals, schlägt aber nicht an und kann wie durch ein Wunder weiterfahren.

Gar so weit kommt er nicht: Nur drei Runden später läuft Senna mit über einer Minute Vosprung auf eine Gruppe von Überrundeten auf. Beim Versuch, Lotus-Pilot Piquet zu überholen, donnert er dem britischen Brabham-Piloten Martin Brundle in der dichten Gischt mit voller Wucht auf der Geraden ins Heck. "Ich habe Martin erst gesehen, als mein linkes Vorderrad wegbrach und mit klar wurde, dass ich ihn getroffen hatte", sagt Senna, der sein Dreirad an die Box schleppt und aufgeben muss. Der Titel ist damit endgültig dahin, eine weitere Berufung gegen das Suzuka-Ergebnis hinfällig.



Und Senna meint plötzlich: "Wenn ich die WM-Chance nicht gehabt hätte, wäre ich wie Prost nicht gefahren." Ein seltener Moment der Einigkeit der beiden McLaren-Streithähne. Damit liegt plötzlich Boutsen in Führung - zwölf Piloten haben sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Rennen verabschiedet. Und es sollte in dieser Tonart weitergehen: Eine Runde nach einem Dreher um die eigene Achse donnert Mansells Ferrari in die Reifenstapeln.

Der Ärger über die Rennleitung ist groß. "Die FISA bestraft uns ständig wegen gefährlicher Manöver", verweist der Brite auf seine Sperre nach Estoril. "Heute setzt man das Leben von 26 Fahrern aufs Spiel."

Auch Ex-Weltmeister Piquet übersteht die Wasserschlacht nicht: Beim Versuch, den zurückfallenden Martini auf der Geraden zu überholen, rammt der Brasilianer den Osella von Ghinzani. Das rechte Hinterrad des italienischen Boliden prallt Piquet auf den Helm, die Gummispuren auf dem Kopfschutz des dreimaligen Weltmeisters sind nicht zu übersehen. Während Piquet unverletzt bleibt, erleidet Ghinzani beim wilden Crash eine Knöchelprellung und hinkt zurück an die Box.



Während die Stars patzen, schlägt die Stunde eines Fahrers, dem es niemand zugetraut hatte: Satoru Nakajima. Der Japaner, dem mangelndes Talent nachgesagt wird und der nur dank der Honda-Gelder im Lotus sitzt, liegt nach Startplatz 23 durch eine tolle Aufholjagd bereits seit der 18. Runde konstant in den Top 5.

Auch ein Dreher in der ersten Runde und eine Berührung mit dem zurückfallenden Martini können Nakajima nicht aufhalten, der völlig entfesselt die schnellste Rennrunde fährt und in der Endphase sogar den nach einem weiteren Ausritt auf Platz drei liegenden Patrese attackiert. Dann muss aber auch er bangen: "Als ich in seiner Gischt fuhr, fing mein Motor an auszusetzen. Ich dachte, lieber Vierter als ausfallen und ließ mich zurückfallen."

Als das Rennen nach Ablauf der zwei Stunden nach 70 von 81 Runden abgewunken wird, darf Nakajima aufatmen: Der Underdog holt ausgerechnet beim schwierigsten Rennen mit Platz vier die einzigen WM-Punkte des Jahres - und das beste Ergebnis seiner Karriere.



Da darf Boutsen bereits über seinen zweiten von insgesamt drei Triumphen in der Formel 1 jubeln: Wie schon in Kanada lässt der Belgier nichts mehr anbrennen und siegt mit 28,658 Sekunden Vorsprung. Verfolger Nannini wird ihm nur einmal gefährlich, als Boutsen von seinem Benetton-Teamkollegen Emanuele Pirro beim Überrunden aufgehalten wird. Patrese wird Dritter und sichert sich diese Platzierung auch im WM-Endklassement.

Qualifying-Überraschung Martini rettet hinter Pirro mit drei Runden Rückstand den letzten Punkt. Insgesamt kommen nur acht von 26 Autos ins Ziel. Kein Wunder, dass nach dem Rennen die gefährlichen Bedingungen das Hauptthema sind. "Ich bin froh, dass alles aus ist", seufzt Berger. "Die FISA hat das zu verantworten", sieht er die Angelegenheit ähnlich wie Teamkollege Mansell.



Und bringt auf den Punkt, was sich viele im Fahrerlager denken. "Was wir hier getan haben, war 100 Mal gefährlicher als das, was Senna in Japan getan hat. Und wer auch immer für den ersten Start verantwortlich war, gehört auf den elektrischen Stuhl", kümmert sich der aufgebrachte Österreicher nicht um eine politisch korrekte Wortwahl.

Er wirft dem Weltverband Scheinheiligkeit vor: "Die FISA sollte aufhören, über die Sicherheit zu sprechen. Es geht doch um das Geschäft. Wenn man so ein Rennen unter diesen Bedingungen durchboxt, dann kann es nur um Geld gehen. Und das beweist, dass die Disqualifikation Sennas in Suzuka eine politische Entscheidung war."

Der Vizweltmeister hadert auch nach dem Rennen mit seinem Schicksal. "Diese Weltmeisterschaft wurde manipuliert", wirft er Balestre vor und zieht sich nach Brasilien zurück, um dort seine Wunden zu lecken. Doch der FISA-Boss fordert Senna ein weiteres Mal heraus: Wenn der Brasilianer sich nicht für seine Aussagen entschuldige, würde er keine Superlizenz für die Saison 1990 erhalten. Erst als Senna Anfang 1990 eine versöhnliche Pressemitteilung verschickt und McLaren die Strafe bezahlt, lenkt der Franzose ein. Der Kampf Senna gegen alle ist damit aber noch lange nicht beendet.

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