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  • 08.10.2015 · 20:35

  • von Dieter Rencken & Dominik Sharaf

"Unfaire" Formel 1: Kleine Teams ziehen alle Register

Während Bernie Ecclestone sich wie gewohnt aufreißend bis unbesorgt präsentiert, schäumt Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn: "Wir hatten nie eine Wahl"

(Motorsport-Total.com) - Die Teilnahme an der Formel-1-WM ist für Sauber und Force India aus sportlicher Sicht Privileg, aus geschäftlicher offenbar nur noch Geißelung. Mit ihrem Schritt vor die EU-Kommission sind die Privatteams den letzten Schritt im Kampf gegen Knebelverträge des Bernie Ecclestone gegangen. Im Vorfeld des Russland-Grand-Prix erklärt Teamchefin Monisha Kaltenborn unumwunden: "Du unterschreibst in dem Wissen, was du da unterschreibst, oder du verlässt die Formel 1, was keine Option ist."

Monisha Kaltenborn, Bernie Ecclestone

Zu lachen gibt es bei Monisha Kaltenborn und Bernie Ecclestone lange nichts mehr Zoom

Denn im Gegensatz zu Mercedes, Ferrari oder Red Bull, die ihre Autos als rollende Litfaßsäulen nutzen, um ihr eigentliches Brot-und-Butter-Geschäft zu bewerben, sind die Privatiers auf den Motorsport angewiesen: "Wir machen nichts anderes", betont Kaltenborn. "Wir betreiben ein Formel-1-Team. Das ist unser Kerngeschäft und wir haben keine andere Wahl als zu akzeptieren." Konkret heißt das: Sauber und Co. müssen schlucken, dass sie bei der Regelgestaltung kaum noch mitwirken.

Die Zeche müssen sie aber dennoch zahlen. Beispiel: die neuen Hybridmotoren. Sie kosten einen Privatier 18 Millionen Euro im Jahr. Die Kritik käme nicht daher, dass Sauber mit Ferrari derzeit nicht den besten Antrieb im Feld nutzt. "Mir geht es nur um die Kosten, um nichts anderes", sagt sie der 'Sport Bild' und schießt gegen die mit finanzstarken Wettbewerbern besetzte Strategiegruppe. "Denn es ist nicht richtig, wenn sechs Teams über den Kopf der anderen hinweg willkürlich Regeln bestimmen."

Bernie Ecclestone sieht EU-Untersuchung gelassen entgegen

"Das hat mit fairem Wettbewerb nichts zu tun", so Kaltenborn weiter. Genau deshalb liegt der Fall in Brüssel. Laut der studierten Juristin dreht sich die EU-Untersuchung um den Knackpunkt, ob es bei der Vergabe von Privilegien an Teams zum Missbrauch einer Machtstellung kam. Unter die Lupe genommen werden der Weg der Regelbeschlüsse und die Verteilung der Gelder aus den Einnahmentöpfen. Kaltenborn spricht von "unfairen Bedingungen, die in den Deal eingeflochten wurden".


Fotos: Großer Preis von Russland, Pre-Events


Während Bernie Ecclestone stets argumentiert, dass niemand mit der Pistole zur Unterschrift gezwungen worden sei, sieht die Sauber-Teamchefin zwei schwerer wiegende Argumente. Erstens Intransparenz: "Wir wussten, dass einige Vorzüge genießen, aber die ganze Bandbreite dieser Privilegien wurde erst bekannt, als sie durch die Medien gingen." Außerdem hätte das eingangs beschriebene Geschäftsmodell des Unternehmens aus Hinwil es gar nicht zugelassen, den Füller fallen zu lassen.

Ecclestone zeigt sich wie gewohnt gelassen bei juristischen Problemen. "Ich betreibe kein Kartell", meint der Formel-1-Boss achselzuckend. Fürchten müssten sich nur "Leute, die Dinge tun, die sie nicht tun sollten". Mit einer zwangsweisen Rückzahlung der Boni, die die großen Teams erhalten haben, rechnet Ecclestone nicht, weil sie auf gültigem Vertragswerk basieren.

Resignation bei den Piloten

Sauber und Force India erhoffen sich ein faireres System, dass es den kleineren Teams erlaubt, in einen Wettbewerb auf Augenhöhe einzutreten. Kaltenborn betont, sich nicht mit den Platzhirschen Mercedes, Ferrari, Red Bull und Co. anlegen zu wollen: "Unsere Beschwerde gilt dem Inhaber der kommerziellen Rechte, nicht einem Team." Vorbild einer neuen Formel 1 soll der Fußball sein: In der englischen Premier League oder der Bundesliga würden TV-Gelder so verteilt, dass auch der Tabellenletzte überleben könne. Auch akzeptierten die Krösusse, dass sie nicht ohne Gegner auf dem Feld stehen könnten.

Fernando Alonso

Wann wird in der Formel 1 wieder auf Augenhöhe miteinander gekämpft? Zoom

Auch Anleihen aus dem US-Sport mit Vorzugsrechten auf dem Transfermarkt bringt Kaltenborn ins Spiel, um die kleinen Teams nicht zu verlieren. Und natürlich die seit der FIA-Präsidentschaft Max Mosleys in der Diskussion befindliche verbindliche Budgetobergrenze von 100 Millionen Euro pro Saison in Kombination mit einer Entwicklungsfreigabe. Es sei ein Rettungsanker für Sauber und die übrigens "Kleinen". Denn - so glaubt Kaltenborn - ohne sie könnte die Formel 1 den Betrieb gleich einstellen. "Haben Sie schon jemanden ohne Rückgrat existieren sehen?", bemerkt sie süffisant.

Bei den Piloten regt sich nicht so viel Widerstand wie in der Chefetage: Valtteri Bottas, der jedoch als Williams-Angestellter von Privilegien profitiert, meint: "Nun, das Leben ist nicht immer fair. Das gilt auch für die Formel 1. Aber ich kann nur für unser Team sprechen." Resignation auch bei Pastor Maldonado von Lotus: "Manchmal hat man einfach keine Chance, um Siege zu kämpfen. Das ist schade und in gewisser Weise seltsam, aber man muss es akzeptieren. Gegen Teams, die das doppelte oder dreifache Budget des Teams haben, für das man selbst fährt, kann man einfach nicht gewinnen."

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