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Rutschbahn, Reifen, Randsteine: Fahrer hadern in Sao Paulo

Das Autodromo Jose Carlos Pace stellt die Formel-1-Piloten am Freitag vor viele Probleme: Aufbröckelnder Asphalt, kein Grip, hoher Reifenabbau, neue Randsteine

(Motorsport-Total.com) - Die erwartete Rekordjagd der Formel 1 beim Großen Preis von Brasilien 2015 blieb zumindest am Freitag aus: Die Bestzeit von Nico Rosberg von 1:12.385 Minuten Alle Ergebnisse aus Interlagos war um exakt 0,262 Sekunden langsamer als seine beste Runde im Vorjahr. Der Grund dafür ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen: Einerseits bröckelt der im Vorjahr neu verlegte Asphalt, andererseits wurden zwei Randsteine verändert. Die Fahrer stöhnten überwiegend über die vielen Probleme.

Valtteri Bottas

In Brasilien bröckelt in mehreren Kurven der Asphalt auf der Ideallinie auf Zoom

Doch auch bei Trockenheit haderten die Fahrer mit dem Streckenbelag. "Ich gebe euch meine Telefonnummer. Wenn ihr den Kerl trefft, der sich Grip nennt, dann gebt sie bitte an ihn weiter", scherzt Sebastian Vettel, der in beiden Sitzungen auf seinen in dieser Saison angestammten dritten Platz fuhr. Der Grund für den geringen Grip ist, dass der Asphalt aufbröckelt. Erinnerungen wurden wach an den Großen Preis von Kanada 2008, als ebenfalls der Asphalt immer wieder aufbrach und Robert Kubica und dem BMW-Sauber-Team den einzigen Grand-Prix-Sieg bescherte.

"Wenn man die Strecke abgeht kann man schon sehen, wie schlecht er aussieht", flucht Sergio Perez. Auf den kleinen Asphaltkügelchen rutschten die Boliden zwar nicht ganz so schlimm wie in Mexiko, aber doch spürbar. Am schlimmsten haderte Felipe Massa mit den Bedingungen. Der Williams-Pilot fuhr in nahezu jeder Kurve quer und hatte Übersteuern in allen Lebenslagen. "Ich hatte große Probleme, auf der Hinterachse den Grip zu bekommen, den ich wollte", gibt der 34-Jährige zu. Teamkollege Bottas hatte weniger Probleme. "Es ist rutschiger als vergangenes Jahr, aber ich habe ich ganz wohl gefühlt."


Fotos: Großer Preis von Brasilien, Freitag


Nico Rosberg führt nach seiner Bestzeit die Probleme auf ein lokales Sportwagenrennen zurück, das vor einigen Monaten in Interlagos stattfand. Der Mercedes-Pilot nimmt die Herausforderung sportlich: "An diesen Stellen ist der Grip natürlich nicht besonders hoch und es gilt, neue Linien zu finden. So gesehen war es ein interessanter Tag." Rosberg meisterte die Bedingungen und schenkte Lewis Hamilton eine halbe Sekunde ein. Der einzige Fahrer, der den Asphalt für befindet, ist Daniel Ricciardo. "Der ist schon gut so", sagt der Australier.

Hoher Verschleiß bereitet Fahrern Sorgen

Der sich auflösende Streckenbelag bringt weitere Probleme mit sich. "Die Strecke setzt den Reifen sehr stark zu", befindet Lewis Hamilton, Vettel stimmt ihm zu, dass alle mit den Reifen ihre Mühe gehabt hätten. "Der Asphalt hat keinen Grip, aber die Reifenabnutzung ist sehr hoch", fügt Drift-König Massa hinzu. "Durch den niedrigen Luftdruck schießen die Reifendrücke durch die Decke. Sobald die Reifen überhitzen, ist man geliefert", stöhnt Jenson Button.

Will Stevens

Der geringe Grip sorgte für eine Reihe von Verbremsern am Freitag Zoom

Der weiterhin grantige Sergio Perez führt Sicherheitsbedenken an: "Man kann sich die Reifen recht heftig dabei beschädigen, das ist nicht gerade ideal." Paul Hembery kündigt an, dass Pirelli die Daten über Nacht genau analysieren werde. "Wenn Grund zur Sorge besteht, werden wir uns mit der FIA in Verbindung setzen, wie immer", so der Pirelli-Motorsportchef, der sich aber sehr gelassen zeigt. "Wir erleben derzeit nichts Außerordentliches aus Reifensicht. Es gab leichtes Graining am Vormittag, aber im zweiten Training war das verschwunden."

Er sieht einen weiteren Grund für den geringen Grip in der Nutzung des Autodromo Jose Carlos Pace. "Es scheint dieses Jahr weniger genutzt worden zu sein als in der Vergangenheit. Deshalb ist die Strecke sehr 'grün' gewesen", erläutert der 49-Jährige. Lewis Hamilton berichtet sogar Positives hinsichtlich der Reifenhaltbarkeit und widerspricht damit der Konkurrenz: "Es ist ein gewisser Abbau vorhanden, aber nicht so stark wie gewöhnlich." Brasilien gilt traditionell als eine der reifenmordendsten Strecken.

Höhere Randsteine polarisieren

Ein dritter Faktor, der die Rundenzeit verlangsamt, sind neue Randsteine in den Kurven zwei und acht. Während in den vergangenen Saisons die Fahrzeuge regelmäßig mit allen vier Reifen über die Randsteine in der Rechtskurve im Senna-S und dem engen Rechtsknick vor der langgezogenen Pinheirinho-Linkskurve im langsamen Teil des Kurses gerattert sind, ist dem mit den neuen Randsteinen ein Riegel vorgeschoben worden. "Da muss man sich erst maldrauf einstellen", bemerkt Rosberg. Es ist ein eher ungewöhnlicher Schritt, schließlich sind historisch betrachtet die Randsteine immer flacher geworden.


Fotostrecke: Fahrer zu Interlagos: Völlig verrückte Völlerei

"In Kurve 2 konnte man früher voll auf dem Gas bleiben. Das geht jetzt nicht mehr, weil der Randstein verändert wurde", erklärt Lewis Hamilton den Unterschied im Senna-S. Vorher konnten wir sie etwas mehr mitnehmen, aber jetzt muss man sie umfahren. Das finde ich gut." Die Kurve wird durch die wegfallende Cutting-Möglichkeit wesentlich enger und treibt so die Rundenzeit wieder nach oben.

Romain Grosjean

Erstes Brasilien-Gebot: Du sollst nicht zu stark auf den Randstein fahren Zoom

Nicht bei allen Fahrern kommt das leicht modifizierte Layout gut an. Dauernörgler Perez meint: "Ich war mir den Randsteinen nicht zufrieden, weil man sie nicht richtig anfahren kann. Man muss so tun, als gäbe es keine." Unterstützung bekommt er von seinem Teamkollegen Nico Hülkenberg. "Ich bin kein großer Fan davon", sagt der Le-Mans-Sieger. "Die alten Randsteine haben mir viel besser gefallen, weil es Spaß gemacht hat, sie anzufahren und es sah auch cool aus. Jetzt sind so hoch und kantig, dass man sie nicht mehr anfahren kann. Aus Fahrersicht ist das ein Schritt zurück."

Ob es noch zu einer Verbesserung der Zeiten aus dem Vorjahr kommen wird, hängt in erster Linie davon ab, ob die Strecke mit mehr Gummiabrieb weiteren Grip aufbaut und die kleinen Asphaltkügelchen verschwinden. 2014 lag die Polezeit von Nico Rosberg bei 1:10.023 Minuten. Der ewige Rekord von Rubens Barrichello, der im Jahre 2004 auf noch deutlich welligerem Asphalt eine Zeit von 1:09.822 Minuten gefahren ist, könnte durchaus ein weiteres Jahr überstehen.