"Vollgas oder nichts": Wie brutal die Dakar für die Motorräder geworden ist

Die Rallye Dakar ist zwar ein Marathon, aber das Rennen entwickelt sich zu einem Sprint - Die Motorradfahrer blicken auf die Gründe dieser Veränderung

(Motorsport-Total.com) - Jahrelang ging es bei der Rallye Dakar darum, Risiken zu vermeiden, um die Siegchancen zu maximieren, doch das ist nicht mehr der Fall: "Jetzt ist es ein Motocross-Rennen, kein Langstreckenrennen."

Titel-Bild zur News: Daniel Sanders

Von den Spitzenfahrern zog sich Daniel Sanders Verletzungen zu Zoom

Seit ihrer ersten Ausgabe im Jahr 1979 ist die Rallye Dakar als echter Härtetest bekannt. Allein das Erreichen des Ziels ist bereits eine Herausforderung, ganz zu schweigen vom Kampf um den Gesamtsieg in einer der Wertungen.

Über viele Jahre lautete die Devise daher, sowohl Fahrer als auch Maschine so gut wie möglich zu schonen, um Missgeschicke oder Stürze zu vermeiden. Schließlich kann man eine zweiwöchige Rallye nicht in den ersten Tagen gewinnen, aber dort durchaus verlieren.

Das sind Worte, die sich Adrien van Beveren zu Herzen nahm, als er 2016 erstmals bei der Dakar antrat: "Ich habe von Helder Rodrigues, Alessandro Botturi, auch von Cyril Despres und Stephane Peterhansel gelernt."

"Der erste Ratschlag, den ich bekam, war: Mach dir keine Sorgen, leg einfach los, komm rein, mach keine Fehler; wenn du ein gutes Tempo hast und gut navigierst, bekommst du ein Top-Ergebnis", sagt der Honda-Fahrer, der in diesem Jahr seine elfte Dakar bestreitet.

Laut van Beveren gilt diese Philosophie heute nicht mehr: "Heute stimmt das nicht mehr. Wenn du ein gutes Tempo hast und gut navigierst, wirst du Zehnter. Um vorne dabei zu sein, musst du Vollgas fahren und keine Navigationsfehler machen. Dann kannst du vielleicht vorne landen."

Damit weist van Beveren darauf hin, dass sich die erforderliche Herangehensweise - zumindest für die Motorradfahrer - um erfolgreich zu sein, in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verändert hat. Die Zeiten, in denen Risikovermeidung als Grundlage einer Dakar-Strategie galten, sind vorbei.

Keine Risiken bedeutet keine Top 10

Diese Ansicht teilen mehrere andere erfahrene Fahrer. "Ja, ich denke, das stimmt", bestätigt Jose Ignacio Cornejo gegenüber Motorsport.com Niederlande, einer Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network.

"Ja, ich denke, das ist zutreffend. Ich glaube, es ist wirklich schwer, in den Top 10 zu sein, wenn man nicht jeden Tag alles gibt, Vollgas. Wir haben jeden Tag gepusht. Sie kämpfen, aber wenn du nicht Tag für Tag Risiken eingehst, dann ist es schwer, in die Top 10 zu kommen, denke ich."

"Ich habe in den vergangenen Jahren viele, viele Top-Fahrer gesehen und wie der Rhythmus und alles war", ergänzt Luciano Benavides, der seine neunte Dakar bestreitet. Der argentinische KTM-Fahrer sieht darin eine natürliche Entwicklung.

Tosha Schareina

Tosha Schareina unmittelbar vor einem Sturz von seiner Honda Zoom

"Aber wie in jedem Sport wird der Rhythmus, denke ich, jedes Mal besser und besser. Und jetzt ist es ein Rennen, bei dem man jeden Tag alles geben muss, wenn man auf der Top-Position sein will. Denn alle Top-Jungs fahren super schnell und es gibt keinen Spielraum für Fehler. Es verändert sich also enorm."

Auch der zweimalige Sieger Ricky Brabec stimmt der Beobachtung zu, dass die Art und Weise, wie man die Dakar angehen muss, heute anders ist als bei seinem ersten Antritt 2016: "Wir fahren definitiv richtig schnell."

"Weißt du, Daniel, Luciano, ich selbst, Tosha, das ganze Team, wir fahren da draußen so schnell", vergleicht er die aktuelle Situation. "Als ich mit Rallye angefangen habe, waren es viele strategische Züge. Und jetzt habe ich das Gefühl, dass die Rallye einfach jeden einzelnen Tag Sprintrennen sind."

Mehrere Faktoren hinter der Veränderung

Aber wie kam es zu dieser Veränderung? Van Beveren nennt mehrere Faktoren. Er hebt die Art und Weise hervor, wie Roadbooks heute erstellt werden, wobei Präzision eine weitaus prominentere Rolle spielt, sowie die Professionalisierung des Rallye-Raids.

Seiner Ansicht nach hat auch die neue Generation von Fahrern zu dieser Verschiebung beigetragen. Ein Produkt dieser Generation ist Edgar Canet, der 20-jährige Spanier, der in diesem Jahr an seiner zweiten Dakar teilnimmt.

Skyler Howes

Die Fahrer müssen an jedem Tag angreifen und riskieren Zoom

Im Gespräch mit Motorsport.com Niederlande betont er, dass die Dakar kein Marathon mehr ist, sondern im Wesentlichen eine Serie von dreizehn Sprints: "Bei den Motorrädern pushen wir jeden Tag wie verrückt, um die Schnellsten zu sein."

"Wir nehmen an keinem Tag das Tempo raus, um das Bike zu schonen. Vielleicht am zweiten Tag der Marathon-Etappe, als ich einen Platten hatte, wäre ein Moment gewesen, etwas zurückzustecken", bezieht sich Canet auf seinen Reifenschaden, der ihm alle Chancen kostete.

Gut oder schlecht?

Die Meinungen gehen auseinander, ob diese Veränderung eine gute Sache ist. Van Beveren hat eine sehr klare Haltung: Er ist alles andere als glücklich darüber, vom allerersten Tag an Vollgas geben zu müssen, nur um eine Chance auf einen Top-10-Platz zu haben.

"Ich bin wie ein Dieselmotor. Ich tue mich schwer damit, gleich von Anfang an in den Rhythmus zu kommen. Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass sie es übertreiben, große Risiken direkt vom Start des Rennens an eingehen, obwohl es sich um eine zweiwöchige Ultra-Langstreckenveranstaltung handelt. Es stört mich, das tun zu müssen."

Am anderen Ende des Spektrums stehen Fahrer wie Canet, der als einer der jüngsten Teilnehmer nie etwas anderes gekannt hat, als jeden Tag Vollgas zu geben. Auch sein Teamkollege Benavides sieht den veränderten Kampf um den Dakar-Sieg nicht automatisch als negative Entwicklung.

"Es verändert sich enorm, aber ich freue mich darauf, dieses Tempo, diesen Rhythmus weiterzugehen und hoffentlich eines Tages zu gewinnen", sagt Benavides. Von den Spitzenfahrern verletzte sich Daniel Sanders in der zehnten Etappe bei einem Sturz, fuhr aber weiter.

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