WEC-Performance-Analyse 2025 nach BoP: Alpine

Was die Einstufungen der Hypercars über die Leistung in der WEC-Saison 2025 verraten - Heute: Alpine A424, das Fahrzeug von Mick Schumacher

(Motorsport-Total.com) - Am Ende bringt der Sieg die Saison in Ordnung. Alpine hat auf dem Fuji Speedway mit einer cleveren Strategie den Durchbruch mit seinem LMDh-Boliden geschafft. Die Freude darüber wich aber schon bald der erschütternden Erkenntnis, dass das Alpine-Programm in der Langstrecken-Weltmeisterschaft (WEC) vor dem Aus stehen dürfte.

Titel-Bild zur News: Die WEC-Saison 2026 war für Alpine eine Achterbahnfahrt

Die WEC-Saison 2026 war für Alpine eine Achterbahnfahrt Zoom

Insofern ist sogar die ketzerische Frage berechtigt, ob der Renault-Führungsetage der Sieg bei den 6 Stunden von Fuji überhaupt ins Konzept gepasst hat. Vielleicht war es dieser Sieg, der einen Überraschungsausstieg schon nach 2025 verhindert hat, der laut entsprechender Medienberichte über das bevorstehende Ende des Programms durchaus möglich gewesen ist.

Wenn wir die Balance of Performance (BoP) des Alpine A424 untersuchen, müssen wir einen Aspekt stets im Hinterkopf behalten: Das Auto ist auf extrem geringen Luftwiderstand ausgelegt. Es gibt ein Fenster, in das alle Hypercars passen müssen. Aber innerhalb dieses Fensters gibt es Spielraum. Und Alpine hat, soweit es das Fenster erlaubte, auf die Karte Topspeed gesetzt.

Offenbar hatte die Renault-Tochter vor, mit einem speziellen "Le-Mans-Auto" die Gegner auf dem Circuit de la Sarthe komplett zu überrumpeln. Doch das Spiel war schnell durchschaut und so wurde noch vor den 24 Stunden von Le Mans 2024 die zweistufige BoP eingeführt. Obendrein stolperte Alpine in Le Mans 2024 auch noch über Motorprobleme und sah das Ziel ohnehin nicht.

Mit der zweistufigen BoP war dem A424 der Zahn sofort gezogen. Für 2026 gibt es ein Update, mit dem das Fahrzeug mehr Abtrieb generieren wird. 2025 war er aber in seiner ursprünglichen Konfiguration unterwegs. Und das bedeutet, dass er aufgrund seiner Charakteristik unter 250 km/h stets eine besonders günstige, über 250 km/h eine ausgesprochen schlechte Einstufung hatte.

Vor diesem Hintergrund war die Einstufung bei den 1.812 Kilometern von Katar bis 250 km/h beim Saisonauftakt 2025 mit 2,055 kg/kW überraschend schlecht. BMW M Hybrid V8 und Cadillac V-Series.R waren besser eingestuft. Auf dem Lusail International Circuit, auf dem Abtrieb zählt, standen die blauen Boliden daher auf verlorenem Posten und verzeichneten eine Nullrunde.

Verpasste Chance in Spa

In Imola änderte sich das Bild bereits deutlich. Mit einem Leistungsgewicht von nur noch 2,008 kg/kW konnte Alpine mit der Konkurrenz, deren Einstufung sich gegenüber Katar wesentlich geringfügiger änderte, mithalten.

Das einzige Pech war, dass die Ferrari-Fortschritte über den Winter sich in der BoP noch nicht manifestiert hatten. Der Vorteil gegenüber dem 499P betrug damit lediglich 0,049 kg/kW, was sich in einer Überlegenheit Ferraris manifestierte. Mit einer cleveren Strategie aber brachte Alpine die #36 auf das Podest.

Mick Schumacher ließ durchblicken, dass er an jenem Wochenende ein neues Chassis gehabt habe, weil das alte Probleme hatte. Wie Motorsport-Total.com später erfuhr, gab es jedoch lediglich einen Pool aus sechs Chassis, der immer wieder rotiert wurde, von denen eines bei Testfahrten nach dem Rennen in Katar bei Reifentests zerstört wurde. So "neu" war das Chassis, das die #36 erhielt, also nicht.

Dennoch war zu Beginn der Saison eine Diskrepanz zwischen der #36 und der #35 sichtbar. Die #35 erhielt nämlich das alte Chassis der #36 und war zunächst nicht konkurrenzfähig. Das galt auch für Spa-Francorchamps, als der Alpine A424 nominell wie auch im Verhältnis zur Konkurrenz mit 2,006 kg/kW unter 250 km/h seine beste Einstufung der Saison erhielt.

Prompt mischte die #36 um den Sieg mit, bis ein bitterer Reifenschaden bei Mick Schumacher den Traum vom Sieg platzen ließ. Teamchef Philippe Sinault rechnete nach dem Rennen vor, dass die #36 ohne den Reifenschaden das Rennen gewonnen hätte.

In der WEC ist es sehr ärgerlich, wenn man den Speed nicht in ein Resultat ummünzt, denn die Punkte fehlen, die BoP schlägt aber für die nächsten Rennen aufgrund des gezeigten Tempos trotzdem zu.

Drei zähe Rennen ab Le Mans

Zuvor aber stand die Sonder-BoP in Le Mans auf dem Programm. Erstaunlicherweise erhielt Alpine im Bereich über 250 km/h, der in Le Mans einmalig in der Saison wirklich wichtig ist, mit 2,044 kg/kW die viertbeste Einstufung, war also im Mittelfeld angesiedelt, wenn auch deutlich schlechter als 2024. Zum Vergleich: Bei den regulären Rennen bewegte sich das Leistungsgewicht über 250 km/h im Bereich von 2,1 bis 2,7 kg/kW.

Dafür verschwand der Vorteil im unteren Geschwindigkeitsbereich. 2,010 kg/kW waren zwar nominell das drittbeste Leistungsgewicht, die anderen Fahrzeuge wurden jedoch im Verhältnis sehr viel besser eingestuft als bei den anderen WEC-Rennen. Der Vorteil lag nur noch bei 0,02 bis 0,04 kg/kW, während bei anderen Rennen vor allem Toyota und Ferrari um bis zu 0,15 kg/kW mehr zu schleppen hatten.

Das Ergebnis: Alpine war völlig chancenlos. Philippe Sinault sagte nach dem Rennen, dass mit einem Null-Fehler-Job ein Ergebnis um den fünften oder sechsten Platz möglich gewesen wäre. Perfekt war aber das Rennen beider Fahrzeuge nicht. Die Analyse der 60 Prozent schnellsten Runden zeigte die A424 auf den Plätzen elf und 16. Von den WEC-Autos waren nur Peugeot und Aston Martin langsamer.

In Sao Paulo begann dann die Leistung in Spa-Francorchamps zu wirken. Das Leistungsgewicht verschlechterte sich unter 250 km/h auf 2,053 kg/kW, also fast 0,05 kg/kW schlechter als in Belgien. Zwei kümmerliche Punkte durch die #36 waren ein dürftiges Ergebnis, hinzu kam ein technisch bedingter Ausfall der #35.

Im verregneten Austin kam Alpine mit dem Low-Drag-Konzept überhaupt nicht auf Touren und fing sich die zweite Nullrunde der Saison ein. Ein positiver Nebeneffekt dieser Misserfolge war, dass es damit für Fuji wieder eine bessere Einstufung gab.

Der Sieg in Fuji

Mit 2,055 kg/kW war sie nominell auf dem Niveau von Sao Paulo, allerdings hatten die meisten anderen Hypercars zwischenzeitlich ebenfalls ein höheres Leistungsgewicht erhalten, wodurch die Situation relativ gesehen nahezu auf Spa-Niveau war.

Während die #36 sich durch Fehler und Strafen um Punkte brachte, schlug die Stunde der bis dahin stark gescholtenen #35. Mit der genialen Strategie, beim letzten Tankstopp nur zwei statt vier Reifen zu wechseln, überholte die #35 den Peugeot #93 und den Porsche #6 und holte den ersehnten ersten Sieg für das A424-Programm.

Für Bahrain gab es dann gleich mit 2,095 kg/kW die schlechteste Einstufung, die das Fahrzeug in der gesamten Saison hatte, entsprechend hagelte es die dritte Nullrunde der Saison beim Finale.

Diese Achterbahnfahrt an Ergebnissen zeigt, wie schwierig die Low-Drag-Philosophie die Einstufung des Alpine A424 machte, selbst in einem fest vorgegebenen Performance-Fenster. Daher dürften die Regelhüter froh sein, dass das Fahrzeug im Performance-Fenster ab 2026 näher an die Gegner heranrückt. Es wird voraussichtlich die letzte Gelegenheit für Alpine sein, in der WEC noch den Stempel aufzudrücken.

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