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Kolumne: Ist Chevrolet zu schnell für die WTCC?

17. April 2012 - 02:04 Uhr

Chevrolet fuhr die Konkurrenz in Marokko in Grund und Boden: Redakteur Stefan Ziegler schreibt über die aktuelle Situation und mögliche Lösungsansätze

Yvan Muller
Und am Ende siegt Chevrolet: In Marokko hatte die Konkurrenz keinerlei Chancen
© xpbimages.com

(Motorsport-Total.com) - Liebe WTCC-Fans,

dass Chevrolet in der WTCC das Tempo vorgibt, ist nicht neu. Doch die Art und Weise, wie das im zweiten Rennen von Marrakesch geschehen ist, sorgte für hochgezogene Augenbrauen. Auch bei mir, denn für meinen Geschmack war das ein bisschen zu viel des Guten. Die drei Chevrolet-Werksfahrer pflügten durch das Feld, als gebe es kein Morgen. Und die Konkurrenz sah dabei ganz schön alt aus.

Selbst gestandene Rennfahrer und erklärte Stadtkurs-Spezialisten wie Franz Engstler oder Stefano D'Aste hatten in Marrakesch nicht den Hauch einer Chance. Mehr noch: Chevrolet deklassierte die Rivalen regelrecht. Oder wie es Engstler während des Rennens via Funk ausdrückte: "Die fahren vorbei wie ein Schnellzug." Mit einer bestechenden Rudeltaktik. Ein Spaziergang für Chevrolet.

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Binnen sechs Runden oder etwa 27 Kilometern hatten Huff, Menu und Muller die Fahrer kassiert, die weit vor ihnen ins Rennen gegangen waren. Danach zog der Chevrolet-Express auf und davon, ehe die Verfolger kurz vor dem Fallen der Zielflagge nochmals aufschließen durften. Chevrolet hatte längst Geschwindigkeit herausgenommen. Die Arbeit war ja bereits getan. Und es war wirklich ganze Arbeit.

So sehr Chevrolet das herausragende Abschneiden in Marrakesch bejubelte, so sehr schüttelten einige Beteiligte im Fahrerlager mit ihren Köpfen. Von einer "schallenden Ohrfeige" war die Rede, auch von einem hohen Frustpotenzial und geringem Spaßfaktor. Außerdem ist mir natürlich nicht entgangen, dass in den Kommentaren bei 'Motorsport-Total.com' ebenfalls kräftig diskutiert wurde.

Das Kompensationsgewicht ist keine Hilfe

Daran möchte ich anknüpfen und die Frage in den Raum werfen: "Ist Chevrolet zu schnell für die WTCC?" Nun ja, im zweiten Rennen von Marrakesch waren sie es definitiv. Die Situation beim dritten Rennwochenende war aber auch kurios. Erstmals in dieser Saison kamen dort die Ballastgewichte ins Spiel, die das Feld balancieren sollen. Eigentlich hätte Chevrolet dadurch im Nachteil sein müssen.

Der Chevrolet Cruze 1,6T war 2012 schließlich bisher klar das Referenzmodell, das durch eine neue Regelung - eine Folge des überlegenen Titelgewinns 2011 - von Anfang an mit + 40 Kilogramm an den Start gehen musste. Bis Marrakesch. Dann übernahm das Kompensationsgewicht. Das "WM-Handicap" durfte wieder raus, die 40 Kilogramm für das schnellste Fahrzeug mussten neu hinein.

Unterm Strich hatte sich für Chevrolet also nichts verändert. Bei der Konkurrenz hingegen sehr wohl: BMW und SEAT wurden aufgrund der Rundenzeiten-Berechnung mit Ballast versehen, einzig Ford erfuhr eine Erleichterung. Und das Ende vom Lied: Chevrolet hatte noch leichteres Spiel, weil ja die Rivalen im direkten Vergleich an Gewicht zulegten, Chevrolet als Klassenprimus aber stehen blieb.

Ein Teufelskreis für die Verfolger

An dieser Stelle muss man natürlich fragen: "Läuft das nicht irgendwie verkehrt?" Im Prinzip schon, denn der Sinn und Zweck des Kompensationsgewichts ist es ja, die Verfolger näher an die Spitze heranzuführen. Das ging in Marrakesch aufgrund der Umstände - siehe oben - gründlich in die Hose. Und schon mehren sich die Stimmen, die sagen: "Das Kompensationsgewicht ist total für den Eimer."

Ja, beim Erfolgsballast, den die WTCC bis einschließlich 2008 in ihrem Programm hatte, war die ganze Sache noch etwas durchschaubarer. Ein erfolgreicher Fahrer bekam ein Handicap-Gewicht ins Auto, wer weniger gut abschnitt, durfte Ballast herausnehmen. Jetzt ist alles viel kniffliger, weil schon ein paar schnelle Runden eines Piloten reichen, um alle Autos eines Modells schwer zu machen.

Wenn also beispielsweise ein BMW oder ein SEAT tatsächlich einmal in die Phalanx von Chevrolet vordringen und schnelle Zeiten hinlegen kann, büßen das am darauf folgenden Wochenende die Markenkollegen, weil das Fahrzeug dann mehr Gewicht mit sich herumschleppen muss. Die Chancen werden also nicht größer. Eine wirklich kuriose Situation. Was also soll unternommen werden?

Bekommt Chevrolet einen Sonderballast?

Eine naheliegende Antwort lautet: "Chevrolet braucht ein zusätzliches Handicap-Gewicht." Das könnte funktionieren. Schön und gut. Der Haken: So einfach ist das nicht zu bewerkstelligen, denn die Regeln geben einen solchen Schritt nicht her. Und außerdem: Wieso sollte Chevrolet für zu schnelles Fahren bestraft werden? Wir sind doch hier im Rennsport, auch wenn es am Sonntag nicht immer so aussah.

Ich muss hier und jetzt eine Lanze für Chevrolet brechen: Während andere Hersteller ausgestiegen sind, blieben Eric Neve und seine Mannschaft am Ball. Das verdient großen Respekt, denn wer weiß, wie sich die Rennserie ohne Chevrolet entwickelt hätte? Jetzt ist man das einzige Werksteam, aber wo sollte Chevrolet denn stehen, wenn nicht ganz vorn? Das liegt doch in der Natur der Sache.

Das größte Budget, die schnellste Entwicklung, das beste Auto, sehr gute Fahrer - all dies mündet nun einmal in regelmäßige Toppositionen. Oder in sechs Siegen aus sechs Rennen, wie 2012 seit dem Saisonauftakt. Alles andere wäre schon fast peinlich für Chevrolet. Würden sie gegen die mit Privatteams antretende Konkurrenz verlieren, Chevrolet würde ja glatt zur Lachnummer verkommen.

Nur bei Chevrolet floriert die Entwicklung

Doch wie man's macht, macht man's falsch: Selbst als Seriensieger steht Chevrolet massiv in der Kritik. Dabei sind es vielleicht andere Nasen, an die man fassen sollte. Der Chevrolet Cruze 1,6T ist ein vergleichsweise junges Auto, das konsequent weiterentwickelt und verbessert wurde. In dieser Liga spielt sonst keiner. BMW nicht und SEAT nicht. Von Ford brauche ich noch nicht zu sprechen.

Tatsache ist: Der BMW 320 TC fährt in leicht veränderter Form schon seit 2005 in der WTCC, der SEAT Leon - ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen - seit 2006. Und die Fahrer und ihre Teamchefs betonen es immer wieder: Da ist nicht mehr viel zu holen, diese Autos sind ausgereift. Chevrolet findet beim 2009 eingeführten Cruze indes immer noch etwas, auch dank der Entwicklung.

Eine solche gibt es bei BMW derzeit offenbar nicht. Die Kundenteams des bayerischen Herstellers müssen selbst schauen, wie sie ihr Auto flotter machen können. Hinter den Kulissen sucht man nach Hundertsteln, während Chevrolet weitere Zehntel auftut. SEAT kümmert sich jetzt wenigstens etwas intensiver um seine Privatfahrer, doch trotzdem sind auch vom Leon keine Wunderdinge zu erwarten.

Die "Waiver" als Retter in der Not?

Tja, und was heißt das nun konkret? Ganz einfach: Chevrolet wird weiterhin vorn sein und das WTCC-Geschehen von der Spitze kontrollieren. Vielleicht weht dank des Ford Focus' und des Honda Civics auf absehbare Zeit ein etwas anderer Wind, doch erst einmal sind beide Marken nur Neueinsteiger im Kampf gegen Platzhirsch Chevrolet. Es steht zu befürchten: Marrakesch könnte sich wiederholen.

Es sei denn, die Verantwortlichen finden eine Lösung für dieses "Problem". Einen sehr interessanten Ansatz erläuterte mir Engstler-Teammanager Kurt Treml noch am Sonntagabend: Was wäre, wenn Chevrolet einige "Waiver" verlieren würde, die sie über die Jahre erhalten haben? Mit solchen technischen Zugeständnissen versucht die FIA, eine Marke an die anderen Marken heranzuführen.

Mit Erfolg, was ja auch das Beispiel Chevrolet zeigt. Mission erfüllt. Nur: Jetzt ist das Team einsame Spitze. Deshalb könnte man darüber nachdenken, Chevrolet ein paar "Waiver" wieder zu entziehen. Das würde Chevrolet ein bisschen einbremsen, ohne dass es als "Strafe" aufzufassen wäre. Die WM-Titel würde das Team sicher trotzdem holen, aber vielleicht nicht jeden einzelnen Rennerfolg.

Die Verantwortlichen sind gefragt

Wie klingt das für Euch? Ich denke: Das wäre eine gute Maßnahme, um die Wogen zu glätten und dem Wettbewerb wieder neues Leben einzuhauchen, ohne Chevrolet als einziges Werksteam vor den Kopf zu stoßen. Etwas mehr Gegenwind täte sicherlich gut, denn sonst droht die Meisterschaft zu einem "Chevrolet-Cup" zu mutieren. Ob sich das auch bei den Zuschauerzahlen bemerkbar macht?

Stefan Ziegler
Ich war in Marrakesch vor Ort und glaube: Jetzt muss sich dringend was tun!
© MST / C. Aster

Nicht falsch verstehen: Im Motorsport sucht man nach dem Schnellsten. Und der soll dann natürlich auch gewinnen. Die WTCC ist aber eine Rennserie, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, ein konkurrenzfähiges Starterfeld zu haben, in dem möglichst viele Marken siegfähig sind - obwohl die einzelnen Fahrzeugkonzepte (Stichwort: Frontantrieb, Heckantrieb) durchaus unterschiedlich sind.

Dann muss man jetzt aber auch den Mut haben, bei Chevrolet den "umgekehrten" Weg zu gehen. Zum Wohle der Meisterschaft. Und mal ehrlich: Wer solche Kreise um seine Gegner fahren kann, wie Chevrolet im zweiten Rennen von Marrakesch, der wünscht sich doch sicher auch ein bisschen mehr Action. Da wiederum sitzen wir alle in einem Boot. Und das muss jetzt dringend zurück auf Kurs!

Beste Grüße & auf hoffentlich wieder spannendere Rennen!

Euer

Stefan Ziegler

PS: Noch enger am Ball bleiben? Folgt mir bei Twitter unter @MST_StefanZ!

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