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Tony Stewart: "Alles, woran du denkst, ist: Warum?"

30. September 2014 - 12:00 Uhr

Auf einer ebenso ausführlichen wie emotionalen Pressekonferenz gibt Tony Stewart infolge des Dramas rund um Kevin Ward Jr. Einblick in sein Seelenleben

Tony Stewart
Tony Stewart äußert sich ausführlich zum Sprint-Car-Drama rund um Kevin Ward Jr.
© NASCAR

(Motorsport-Total.com) - Seit dem 29. August, dem ersten Tag des Atlanta-Wochenendes, sitzt Tony Stewart wieder in seinem NASCAR-Boliden mit der Startnummer 14. Von Normalität kann bezogen auf den Tagesablauf des dreimaligen NASCAR-Champions aber bis heute keine Rede sein und Stewart selbst hat Zweifel, ob er das Leben jemals wieder so genießen wird können wie vor dem 9. August 2014.

An jenem Samstagabend trug sich auf dem Dirt-Track des Canandaigua Motorsports Park im US-Bundesstaat New York die seither die Schlagzeilen beherrschende Tragödie zu, bei der Kevin Ward Jr. sein Leben ließ. Stewarts Sprint-Car war es, das den unter Gelb auf die Strecke gelaufenen 20-jährigen Nachwuchspiloten erfasst und zu Boden gerissen hatte. Medizinisches Personal war sofort zur Stelle, doch für Kevin Ward Jr. gab es keine Rettung mehr.

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Bei der Ankunft im Krankenhaus war Ward Jr. bereits tot. Als Ursache wurde ein schweres Schädeltrauma infolge des Kontakts mit dem Sprint-Car von Stewart angegeben. Während Ward Jr. Stammfahrer in der Sprint-Car-Szene war, weilte der dreimalige NASCAR-Champion Stewart an jenem Wochenende in Watkins Glen, um seiner Hauptaufgabe nachzugehen. Das nur ein paar Kilometer weiter in Canandaigua stattfindende Sprint-Car-Rennen bestritt er - wie er es bei vergleichbaren Gaststarts in den Jahren zuvor unzählige Male getan hatte - um sich etwas abzulenken, um Spaß zu haben.

Emotionale Pressekonferenz in Kannapolis

Am vergangenen Mittwoch wurde Tony Stewart von einem Geschworenengericht (Grand Jury) freigesprochen. Kriminelles Handeln im Zusammenhang mit dem Tod von Kevin Ward Jr. konnte dem NASCAR-Star in keinster Weise nachgewiesen werden. Unabhängig davon hat die Familie des tödlich Verunglückten bereits anklingen lassen, eine Zivilklage gegen Stewart einzureichen. Man werde trotz Grand-Jury-Urteil "mit allen Mitteln kämpfen, um Gerechtigkeit für Kevin zu erlangen", so das Statement der Familie Ward.

Am Atlanta-Freitag äußerte sich Tony Stewart auf einer kurzen Pressekonferenz erstmals zum Drama vom 9. August. Damals las der 43-Jährige eine von ihm vorbereitete Stellungnahme vor, beantwortete vor dem Hintergrund der noch laufenden Ermittlungen aber keinerlei Fragen. Das ist nun einen Monat her.

Inzwischen ist Stewart bei den NASCAR-Rennen in Atlanta (Platz 41), Richmond (15.), Chicago (18.), Loudon (30.) und Dover (14.) am Start gewesen. Am Montag dieser Woche gab er am Stewart/Haas-Headquarter in Kannapolis, North Carolina eine ebenso ausführliche wie emotionale Pressekonferenz, bei der er sich den Fragen der zahlreich erschienenen Medienvertreter stellte.

In der 38-minütigen Fragerunde antwortet der sonst so gerade heraus schießende Stewart mit leiser, ruhiger Stimme. Er nimmt sich die Zeit, sämtliche Fragen ausführlich zu beantworten, wählt seine Worte mit Bedacht. Die Erleichterung, nach der Entscheidung der Grand Jury endlich reden zu können, ist dem so arg gebeutelten 43-Jährigen anzusehen. Ein Lächeln kommt ihm verständlicherweise aber nicht über die Lippen. Detailfragen zum Unfallgeschehen sind angesichts der im Raum stehenden Zivilklage tabu.

Immer diese eine Frage im Kopf

"Ich wäre an jenem Abend in Watkins Glen geblieben", so Stewart auf die Frage, ob er aus heutiger Sicht beim Blick zurück auf die vergangenen siebeneinhalb Wochen irgendetwas anders machen würde. "Ich wollte einfach nur einen netten Sprint-Car-Abend verbringen, wollte Rennen fahren, um Spaß zu haben. Doch an jenem Abend war es kein Spaß."

"Ich wollte einfach nur einen netten Sprint-Car-Abend verbringen, wollte Rennen fahren, um Spaß zu haben. Doch an jenem Abend war es kein Spaß."
Tony Stewart

Von dem Moment an, als die ersten Meldungen des Unfalls im Canandaigua Motorsports Park die Runde machten, sah sich Stewart großer Unterstützung und Anteilnahme, aber auch extrem heftiger Vorwürfe gegenübergestellt. Spurlos vorübergezogen ist das Ganze am dreimaligen NASCAR-Champion nicht, wie dieser offen bekennt: "Alles, woran du denkst, ist: Warum? Was ist passiert und warum ist es passiert? So bringt man Tage damit zu, sich immer wieder die gleiche Frage zu stellen."

"Am vergangenen Mittwoch kamen die Fakten auf den Tisch, doch auch jetzt haben einige Leute noch immer die Meinung, die sie schon vorher hatten", sagt Stewart und fügt hinzu: "Ich finde, es ist wertlos, sich auf eine Seite zu stellen. Ein junger Mann hat sein Leben verloren. Mich kümmert es nicht, auf welcher Seite die Leute stehen, denn es ändert nichts. Die Familie von ihm (Kevin Ward Jr.; Anm. d. Red.) trauert. Ich trauere. Meine Familie trauert."

"Es war zu 100 Prozent ein Unfall"

"Doch anstatt einen jungen Mann zu ehren, der eine vielversprechende Rennfahrerkarriere vor sich hatte, stellen sich die Leute auf eine der beiden Seiten. Es ist so, als würden sie mit Dartpfeilen aufeinander werfen. Ganz ehrlich: Ich finde das enttäuschend. Sich auf eine Seite zu stellen, bringt nichts. Es ist Zeitverschwendung", erklärt der sichtlich mitgenommene NASCAR-Star.

"Die Leute müssen sich im Klaren darüber sein, dass es viel mehr Fakten gibt, die sie nicht kennen."
Tony Stewart

"Die Leute müssen sich im Klaren darüber sein, dass es viel mehr Fakten gibt, die sie nicht kennen", so Stewart weiter. Die vom Geschworenengericht zutage gebrachte Erkenntnis, dass Kevin Ward Jr. zum Zeitpunkt seines Todes unter dem Einfluss von Marihuana stand, sei indes kein relevanter Fakt, wie Stewart klar zu verstehen gibt: "Ganz ehrlich, das ändert für mich überhaupt nichts an der ganzen Sache. Ein junger Rennfahrer hat sein Leben verloren. Da spielt es keine Rolle, was warum wie passiert ist. Das Endergebnis ändert sich dadurch nicht. Es spielt keine Rolle, was gesagt und geschrieben wurde. Unterm Strich war es ein tragischer Unfall. In meinem Herzen weiß ich, dass es zu 100 Prozent ein Unfall war."

An eine Unterhaltung mit Ward Jr. kann sich Stewart nicht erinnern, auch bei einem seiner vorherigen Gaststarts in der Sprint-Car-Szene nicht: "Ganz ehrlich, ich kannte Kevin nicht. Ich weiß nicht einmal, wie oft ich gegen ihn gefahren bin. Ich war mit dieser Gruppe von Rennfahrern ein paarmal pro Saison unterwegs. Es war immer eine tolle Truppe, aber ich kannte ihn nicht. Nach dem Unfall habe ich natürlich viel über ihn gelesen. Ausgehend davon glaube ich, dass er eine große Karriere als Sprint-Car-Pilot vor sich hatte. Er war offenbar gut unterwegs. Ich glaube, es gab viel, auf das er sich freuen durfte."

Stewart bietet das Gespräch mit Familie Ward an

Sucht Stewart nun das Gespräch mit der Familie des ums Leben gekommenen Nachwuchspiloten? "Wenn sie darüber sprechen wollen, bin ich da. Dabei geht es nicht darum, mit etwas abzuschließen. Ich weiß, was passiert ist und ich weiß, dass es ein Unfall war. Ich biete ihnen aber an, darüber zu reden, um ihnen zu helfen. Das habe ich bereits in Atlanta gesagt und dazu stehe ich. Wenn sie jemals mit mir sprechen wollen, möchte ich da sein."

Die Karriere von Tony Stewart

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1996-2016
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1996: Der junge Tony Stewart fährt sein erstes Indy 500 in einem Lola-Buick von Team Menard, damals schon mit der Startnummer 20. Er wird 24.
1996: Der junge Tony Stewart fährt sein erstes Indy 500 in einem Lola-Buick von Team Menard, damals schon mit der Startnummer 20. Er wird 24.

Ob es zu einem persönlichen Gespräch zwischen Stewart und der Familie Ward kommen wird, ist derzeit komplett offen. So muss sich der NASCAR-Champion der Jahre 2002, 2005 und 2011 und Besitzer seines eigenen Teams Stewart/Haas Racing mit Dingen auseinandersetzen, die ihm vor dem tragischen 9. August 2014 völlig fremd waren.

"Ich weiß ja, wie ein normaler Tag für mich aussah. Es gab bestimmte Dinge, die ich immer in einer bestimmten Reihenfolge tat. Es gab einen gewissen Rhythmus. Das hat sich natürlich komplett geändert. Alles, woran man vorher noch dachte oder arbeitete, stand auf einmal still, weil es nur noch diesen einen Gedanken gab", bezieht sich Stewart auf die schwierige Aufgabe, mit der seelischen Belastung infolge des Unfalls fertig zu werden.

Ein Superstar, der plötzlich ganz allein ist

Die ersten Tage nach dem Canandaigua-Drama beschreibt der 43-jährige, allein lebende NASCAR-Star wie folgt: "Ganz ehrlich, viel habe ich nicht auf die Reihe bekommen. Die ersten drei Tage verbrachte ich zu Hause, ohne irgendetwas zu tun. Ich verließ das Bett nicht. Es kümmerte mich nicht, ob ich geduscht bin oder nicht. Mein Zimmer verließ ich nur, um zu essen und selbst dazu musste ich mich beinahe zwingen. An den ersten drei oder vier Tagen wollte ich mit niemandem reden. Ich wollte niemanden sehen. Ich wollte einfach allein sein."

Die Frage nach dem Warum war dabei allgegenwärtig. Auch sein Zeitgefühl ist seit dem Abend des 9. August ein völlig anderes, wie Stewart betont: "Vor dem Unfall, verging ein Tag wie im Flug. Jetzt kommt mir ein Tag so vor, als wäre er zwei oder drei Tage lang. Es ist, als ob die Batterien der Uhr langsam ihren Geist aufgeben würden."

Doch Stewart glaubt daran, dass die Zeit Wunden heilen wird. "Ich glaube fest daran, dass es mit der Zeit besser und einfacher wird, sowohl für mich als auch für Kevins Familie. Ich weiß nicht, ob es jemals wieder ein normales Leben sein wird. Ich denke tagtäglich darüber nach. Jetzt wieder im Rennwagen zu sitzen, hilft mir. Doch das Traurige ist, dass es niemals komplett vergehen wird. Diese Sache wird mich den Rest meines Lebens begleiten so wie sie den Rest des Lebens von Kevins Familie begleiten wird. Für niemanden von uns wird das Ganze jemals komplett vergehen, aber hoffentlich wird es irgendwann für uns alle einfacher."

Rücktritt war nie ein Thema

An weitere Sprint-Car-Einsätze abseits seiner NASCAR-Verpflichtungen denkt Stewart derzeit überhaupt nicht, wie er klar zu verstehen gibt: "Ich sage nicht, dass ich niemals wieder in einen solchen Boliden einsteigen werde, aber im Moment habe ich nicht die geringste Ahnung, ob und wann es soweit sein wird. Fest steht, dass es so schnell nicht passieren wird."

"Es gab niemals den Gedanken, mit dem Rennsport aufzuhören, denn das würde mir das Leben nehmen."
Tony Stewart

An einem kompletten Rücktritt vom Rennsport denkt der 43-Jährige, der es in seiner Karriere sowohl zum IndyCar-Champion als auch zum NASCAR-Champion gebracht hat, ebenso wenig. "Woche für Woche kommen Fahrer auf mich zu, gegen die ich seit Monaten nicht gefahren bin. Sie alle sagen das Gleiche zu mir. 'Lass dir durch diese Sache nicht das nehmen, was du liebst'".

"Und genau so ist es", fährt Stewart fort. "Der Rennsport ist alles, was ich mein Leben lang gemacht habe. Seit 36 Jahren tue ich nichts anderes. Ich will nicht, dass sich daran etwas ändert. Ich liebe das, was ich tue. Ich liebe es, Rennen zu fahren. Vielleicht ändert sich etwas bezogen auf die Anzahl meiner Einsätze und bezogen darauf, welche Rennen ich fahre. Es gab aber niemals den Gedanken, mit dem Rennsport aufzuhören, denn das würde mir das Leben nehmen."

Der unvergessliche Moment in Atlanta

Die eigene Leidenschaft, aber auch die Unterstützung seiner Familie, seiner Freunde, seiner zahlreichen Fans rund um den Globus sowie die Unterstützung seiner NASCAR-Kollegen sind es, die Tony Stewart im Gefühl bestärken, das Richtige zu tun. Besonders gern erinnert sich der so gebeutelte und teilweise gescholtene Sympathieträger an den Moment, als er drei Wochen nach dem Canandaigua-Drama anlässlich der Fahrervorstellung in Atlanta vor die vollbesetzte Haupttribüne trat.

"Im ersten Moment dachte ich, ich sei an Dale Juniors Stelle hinausgegangen. Es war ein überwältigendes Gefühl. Es war der wohl ergreifendste Moment meiner Karriere. Zum Glück hatte ich eine Sonnenbrille auf. Als ich auf der Ladefläche des Trucks die eine Runde um die Strecke fuhr, sah ich wie mir die Leute auf den Rängen zujubelten. Sie alle jubelten, ganz gleich, ob sie ein Jeff-Gordon-T-Shirt, ein Carl-Edwards-T-Shirt, ein Matt-Kenseth-T-Shirt oder was auch immer trugen. Das spielte in dem Moment einfach keine Rolle", zeigt sich Stewart gerührt und versichert: "Das werde ich nie vergessen." So wie er Kevin Ward Jr. nie vergessen wird...

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