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NASCAR: Wohin führt die Inflation der Formelstars?

16. Oktober 2007 - 14:16 Uhr

Juan Pablo Montoya, A.J. Allmendinger, Jacques Villeneuve, Dario Franchitti, Scott Speed, Patrick Carpentier, Sam Hornish Jr. - sieben Fremde in der NASCAR

Jacques Villeneuve
Jacques Villeneuve ist nur einer von sieben Formelstars in der NASCAR
© NASCAR

(Motorsport-Total.com) - Altmeister Dale Jarrett hat es relativ einfach. Der 50-Jährige wird in der kommenden Saison nur noch ein paar Sprint-Cup-Rennen bestreiten und sich dann auf seine neue Rolle als TV-Kommentator konzentrieren. Der NASCAR-Champion des Jahres 1999 muss sich also mit einem Problem nicht mehr herum schlagen - nämlich mit der fast überfallartigen Ankunft von vielen Top-Stars aus den internationalen Motorsportserien.

"Es ist ein langer Weg von Monte Carlo bis hierher, oder?", witzelte Jarrett angesichts der neuen Zeitrechnung, die in der NASCAR in den letzten Wochen und Monaten Einzug gehalten hat. Waren es zu Saisonbeginn 2007 nur Juan Pablo Montoya und A.J. Allmendinger, so wird diese Tendenz mit Jacques Villeneuve, Dario Franchitti, Scott Speed, Patrick Carpentier und möglicherweise auch Sam Hornish Jr. geradezu inflationär.


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"Sie haben uns immer als eine Art von Hinterwäldlern angesehen", so Jarrett gegenüber der 'USA Today'. "Aber ich glaube, sie sehen jetzt die Möglichkeiten, um ihre Karrieren zu verlängern." Was er damit wohl ausdrücken will, ist nichts anderes, als eine Art Verdrängungswettbewerb, dem sich die NASCAR-Piloten nun ausgesetzt sehen.

Der Montoya-Effekt wurde unterschätzt

Juan Pablo Montoya
Juan Pablo Montoya fungierte als Türöffner für viele Formelstars
© NASCAR

Denn die Villeneuves und Franchittis dieser Welt können nicht nur höllisch schnell Auto fahren, sie haben noch ganz andere Argumente in die Waagschale zu werfen. So gibt es zum Beispiel im Hause Chip Ganassis angeblich bereits Sponsorenanfragen aus England, Dubai, Spanien, Russland, China und Venezuela, seit man Montoya und Franchitti unter Vertrag hat.

Soll heißen: Ob es die etablierten Altstars nun wahrhaben wollen, oder nicht, NASCAR wird international salonfähig und diese Entwicklung schreitet - typisch amerikanisch - wesentlich schneller voran, als manch einem lieb ist. "Wir haben uns sehr getäuscht, als wir Montoya lediglich als Übergangsfahrer betrachtet haben", denkt etwa Kyle Petty.

Denn der Montoya-Impact sei genau anders herum: "Er hat uns gegenüber dem Formelsport salonfähig gemacht. Sie sehen jetzt, dass da einer aus ihren Reihen gekommen ist, und vorne mitfahren kann. Sie sagen sich jetzt: 'Hey, das können wir auch.' Wir waren immer ziemlich arrogant und haben jedem erzählt, dass wir die 43 besten Fahrer der Welt gehabt haben, und nun nähern wir uns dem jeden Monat an."

Jetzt wird auch Europa erobert

Dario Franchitti Ashley Judd
Dario Franchitti (mit Ehefrau Ashley Judd) bringt die NASCAR näher nach Europa
© IRL

Humpy Wheeler ist einer der legendären NASCAR-Rennpromoter. Sein Palast ist der Lowe's Motor Speedway in Charlotte, mitten im Herzen der NASCAR-Nation, und das StockCar-Urgestein weiß genau, was die Stunde geschlagen hat. "Sie folgen doch nur dem Lockruf des Geldes", sagte er am Wochenende in Charlotte.

Klar, denn neben der Formel 1 ist die NASCAR nun einmal die am besten finanzierte Rennserie der Welt - obwohl, oder gerade weil man in den vergangenen 50 Jahren den Vermarktungsfokus eigentlich nur auf die USA gelegt hatte. Diese Zeiten sind nun jedoch vorbei: "Franchitti wird die Italiener und die Briten bringen - und die Ashley-Judd-Fans. Und das ist wichtig, denn jeder Sport schaut nach Europa."

NASCAR sollte das ebenfalls tun, so Wheeler: "Europa, der Pazifik-Raum, es gibt eine Menge Orte mit einem unglaublichen Potenzial, denn dort sind wir noch überhaupt nicht etabliert." Doch vor allem in Europa gibt es ein großes Problem, denn hierzulande ist der Motorsport in der Massenakzeptanz völlig von der Formel 1 und deren technologischem Ansatz beherrscht.

Unterhaltung geht vor Technlogie

A.J. Allmendinger Sears Point
Auch A.J. Allmendinger hatte größere Anfangsprobleme zu bewältigen
© Red Bull Racing

NASCAR wurde - und wird - hingegen nach wie vor belächelt. Das 'Kicker-Fußballmagazin' versuchte seinen Lesern vor wenigen Wochen das Phänomen NASCAR näherzubringen, in dem man einen. eigentlich gut erklärenden, Artikel mit dem despektierlichen Titel 'Tante Ju im Nudeltopf' überschrieb - was wiederum nichts anderes, als das normale, völlige Unverständnis europäischer Machart ausdrückt.

Denn NASCAR ist deswegen so groß und erfolgreich geworden, weil man eines verstanden, und knallhart umgesetzt hat - wichtig sind die Fans, nicht die Techniker: "Unser Auto war und ist völlig unkompliziert, und das soll auch so sein. Es wurde gemacht, um die Fans zu unterhalten, nicht die Ingenieure. Die Leute sollen verstehen, dass unser Rennsport Unterhaltung ist", erklärte Wheeler.

A.J. Allmendinger kann ein Lied davon singen. "Klar gibt es in diesen Autos sehr wenig Technologie, aber sie sind die härtesten Kisten, die ich in meinem Leben jemals gefahren bin. Das sind richtig schwierige Biester", so der Red-Bull-Pilot, der 2006 fünf von neun ChampCar-Rennen gegen Sébastien Bourdais gewinnen konnte.

Langfristige Akzeptanz der Fans

Jacques Villeneuve
Auch Jacques Villeneuve wurde in Talladega nicht freundlich empfangen
© NASCAR

Und wie wird die eingefleischte amerikanische StockCar-Gemeinde auf diese internationalen Tendenzen reagieren? Jon Ackley, Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Virginia Commonwealth University, macht sich da relativ wenig Sorgen. Er betrachtet die Die-Hard-Protestler lediglich als eine "lautstarke Minderheit."

Zum Beispiel würden jüngste Untersuchungen zeigen, dass 93 Prozent der NASCAR-Fans der Ankunft von Toyota gegenüber "neutral oder positiv" gestimmt seien. Mittelfristig würde ähnliches für die prominenten Neueinsteiger aus den Formelklassen gelten. "Wenn die Formelpiloten gut fahren, dann werden sie von den Menschen akzeptiert werden", glaubt der Professor. "Denn sie personifizieren das, worum es in diesem Sport geht: Gutes, sauberes Rennfahren und Siege."

In Europa ist zumindest eines sicher: Weder Toyota, noch die Herren Montoya, Villeneuve oder Franchitti würden von den Fans derart ausgepfiffen werden, nur weil man die von ihnen ausgehende Bedrohung als Grund ansehen würde, dass die heimischen Platzhirsche und Lieblinge mittelfristig in Probleme geraten könnten.