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Reifenreglement: Mehr Mut zur Improvisation

23. Dezember 2008 - 13:16 Uhr

Die Prüfungsabsagen in Wales haben gezeigt, dass perfekt ausgefeilte Regeln auch Nachteile haben: Was den Rallyesport ausmacht, geht verloren

Francois Duval
Die Bedingungen in Wales waren auf Schotterreifen alles andere als einfach
© xpb.cc

(Motorsport-Total.com) - Erhitzte Gemüter im kalten Wales: Das Thema Reifenreglement hat beim Saisonfinale in Großbritannien für hitzige Diskussionen gesorgt. Zu Beginn des Jahres wurde festgelegt, welcher Einheitsreifen bei welcher Rallye gefahren werden muss, das Nachschneiden per Hand wurde verboten. Das Problem: In Wales waren die Schotterreifen alles andere als geeignet für die winterlichen Straßenverhältnisse. Nachschneiden oder ein Notfallreifen hätte schon geholfen - doch Ausnahmen lässt das Reglement nicht zu.

Da es mit dem erlaubten Material zu gefährlich geworden wäre, wurden also am Freitag zwei Prüfungen ganz gestrichen, vier weitere massiv gekürzt. Der Sport mache sich lächerlich, hieß es, die Teamchefs forderten lautstark, dass bei extremen Verhältnissen vom starren Reglement abgewichen werden darf. Denn es könne schon im Sinne der Zuschauer nicht sein, dass die Räder aus Sicherheitsgründen stillstehen müssen.

Rallye-Experte Armin Schwarz ist der gleichen Meinung wie die Teamchefs, gibt aber zu bedenken: "Der Einheitsreifen war für alle in Ordnung. Doch immer wenn extreme Wettersituationen sind, dann jammern alle und wollen das Reglement wieder verschoben haben. Man darf keinem Reglement zustimmen, wenn man in Paris schön in seinem Ledersessel im Warmen sitzt. Sondern da musst du dir überlegen, wie es einmal zugehen könnte", sagte er gegenüber 'Motorsport-Total.com'.

"Man darf keinem Reglement zustimmen, wenn man in Paris schön in seinem Ledersessel im Warmen sitzt."
Armin Schwarz

Für Schwarz war Rallye "immer der Sport, der immer stattgefunden hat": "Es wurde noch nie eine Prüfung abgesagt, außer es gab zwei Meter Schnee und du konntest gar nicht fahren oder es hat sintflutartig irgendetwas weggespült. Ansonsten wurde immer gefahren, und das macht den Sport auch aus. 1993 und 1996 bin ich in Wales auch im Schnee gefahren." Damals gab es allerdings noch keinen Einheitsreifen.

Das Problem in der heutigen Zeit ist für Schwarz: "Es wird jetzt alles immer mehr auf die Spitze getrieben. Damit gibt es immer nur die 100-Prozent-Lösung oder keine." Das, was den Sport ausmacht, gehe dadurch verloren, so der Experte: "Rallye hat sehr, sehr lange davon profitiert, dass sie immer mit 50-Prozent-Lösungen leben konnte. Der Rest wurde improvisiert, beim Fahren, beim Reifen, beim Fahrwerk, beim Zuschauen und so weiter. Jetzt aber versucht man, das Ganze so perfekt zu machen wie auf der Rennstrecke - und das funktioniert nicht."

Schwarz fordert deshalb: Mehr Mut zur Improvisation. "Dann könnte man auch sagen: 'Mensch, das Wetter passt nicht, schneidet die Reifen, wir geben es frei.' Man sieht ja den Starrsinn von Reglement, von FIA und vom Reifenhersteller, die sich da gebunden fühlen." Niemand traue sich mehr, ach nur einen Millimeter vom Reglement abzuweichen. "Und damit kannst du nur sagen: Wenn es zu gefährlich wird zum Fahren, muss man es absagen. Nur: Damit ist die Rallye erledigt. Dann gibt es für mich keinen Unterschied mehr zwischen Rundstrecke und Rallyefahren."

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