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Zu extrem: Konkurrenz kritisiert Ducatis Scheibenrad

31. August 2017 - 15:32 Uhr

Ducati sucht an allen Enden und Ecken nach Verbesserungen - Der Konkurrenz in der Superbike-WM ist der Erfindergeist der Italiener aber ein Dorn im Auge

Chaz Davies
Die Konkurrenz von Honda bezeichnet das Scheibenrad als "radikale Entwicklung"
© Ducati

(Motorsport-Total.com) - Ducati überraschte beim WSBK-Rennwochenende in Misano mit einer neuen Entwicklung. Die Italiener rüsteten Chaz Davies' Werks-Panigale mit einem voll verkleideten Hinterrad aus. Die Carbon-Verkleidung der Hinterradfelge soll die Aerodynamik der Maschine verbessern und damit den Topspeed steigern. Die Konkurrenz stuft Ducatis Streben nach Fortschritt aber sehr kritisch ein. Solange die Italiener solche Entwicklungen nicht in der Serie verwenden, sind sie in der Superbike-WM unerwünscht, lautet das Urteil einiger Gegner.

"Es entspricht sicher nicht dem Geist der WSBK-Regeln, solange es keine Hersteller gibt, die solche Entwicklungen an einer Straßenmaschine einsetzen", kommentiert Milwaukee-Aprilia-Teammanager Mick Shanley im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' und fügt hinzu: "Ich bin der Meinung, dass man diese Experimente in der MotoGP machen sollte, denn dort wird mit Prototypen gefahren."

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"Die Winglets zeigen, dass sie sich bereits intensiv mit dem Thema Aerodynamik beschäftigt haben. Das Scheibenrad gehört meiner Meinung nach klar in die MotoGP. In der Superbike-WM sollten wir den Geist der Regeln beachten", beanstandet Shanley, der nicht der einzige Kritiker von Ducatis Streben nach Fortschritt ist.

Scheinwerfer-Sticker vs. Aero-Wettrüsten

Chaz Davies
Die Kritiker behaupten, das Scheibenrad entspricht nicht dem Gedanken der WSBK
© Ducati

Auch Honda-Teammanager Ronald ten Kate stört sich an der Verkleidung des Hinterrads. "Es war neu für uns. Es ist eine ziemlich radikale Entwicklung", bemerkt der Holländer, als wir ihn auf das Thema ansprechen. Diplomatisch fügt ten Kate hinzu: "In einer Meisterschaft, in der wir Scheinwerfer-Sticker auf die Verkleidungen kleben müssen, um das Motorrad wie eine Straßenmaschine aussehen zu lassen, sollten wir vielleicht auch andere Bereiche in Betracht ziehen, die aussehen sollten wie bei den Straßenablegern."

"Wenn Ducati nicht plant, dieses Scheibenrad bei einer Serienmaschine zu verwenden, sollten wir vielleicht festlegen, diesen Weg nicht einzuschlagen", schlägt das Superbike-WM-Urgestein vor und bestätigt damit die Aussagen von Aprilia. Im Honda-Lager gibt es trotz intensiver Aerodynamik-Entwicklungen momentan keine Pläne, ein ähnliches Projekt zu starten. Die konventionelle Zweiarm-Schwinge der Fireblade bietet Honda ohnehin nicht so viel Spielraum für aerodynamische Experimente wie die Einarmschwinge der Ducati Panigale.

Davies testet, Melandri hat kein Interesse

Chaz Davies, Marco Melandri
Bisher fuhr lediglich Chaz Davies (7) mit dem voll verkleideten Hinterrad
© Ducati

Chaz Davies war bisher der einzige Ducati-Pilot, der mit dem Scheibenrad fuhr. Wird es weitere Einsätze damit geben? "Ich weiß es nicht", kommentiert der Brite, der andeutet, dass die Ingenieure vorgeben, wann das Scheibenrad verwendet wird: "Es ging bisher nur darum, Daten zu sammeln für die Ingenieure." Und welchen Eindruck vermittelte das voll verkleidete Hinterrad beim Fahren? "Ich kann nicht genau beschreiben, wie es sich angefühlt", gesteht Davies.

Teamkollege Marco Melandri hat aktuell kein Interesse daran, die Neuentwicklung zu testen. Der Italiener hat genug Arbeit vor sich, um das Motorrad an seinen Fahrstil anzupassen und möchte sich nicht ablenken lassen: "Ich habe es nicht probiert. Im Moment plane ich nicht, es zu verwenden. Für meine Probleme ist es keine Hilfe", ist Melandri überzeugt und stellt klar: "Es ist mir nicht besonders wichtig, es zu probieren. Chaz wird dieses Projekt sicher voranbringen."

Auch Ducatis Auspuff stand in der Kritik

Chaz Davies
Ducati Panigale: Das Auspuff-Layout fand den Weg aus der WSBK in die Serie
© Ducati

Ducati-Superbike-Projektleiter Ernesto Marinelli hat großes Interesse an technischen Neuentwicklungen. Als wir ihn auf das Scheibenrad ansprechen, werden seine Augen groß. "Wir wollten auf der Strecke bestätigen, dass die Berechnungen richtig sind", bemerkt der erfahrene Italiener und nennt die Vorteile: "Man hat einen kleinen Vorteil bei der Aerodynamik. Es sollte sich positiv auf den Topspeed auswirken. Das Thema ist ziemlich komplex. Ich kann noch nicht sagen, ob wir es in der Zukunft öfters sehen oder ob wir es überhaupt nicht verwenden. Das müssen wir noch entscheiden."

Die Kritik der Konkurrenz kann Marinelli nicht verstehen: "Unsere Gegner nutzen ebenfalls alle Freiheiten aus, die sich mit Blick in das Regelbuch ergeben", betont er und äußert sich auch zum Auspuff der WSBK-Panigale, der sich von der Straßenversion deutlich unterscheidet: "Unser Auspuff ist aber ziemlich auffällig, das gebe ich zu. Im Vergleich zur Straßenmaschine ist der Auspuff die optisch auffälligste Änderung. Man muss aber festhalten, dass der Under-Engine-Auspuff beim Einsatz auf der Straße sehr gut funktioniert. Mit dem WSBK-Auspuff nutzen wir lediglich die kleinen Freiheiten des Reglements, um die finalen zwei bis drei PS zu finden."

Beim Thema Auspuff hat Ducati das in der Superbike-WM Gelernte bereits in der Serie umgesetzt. Aktuell verwenden zwei Sonderserien der Panigale das Layout des auffälligen WM-Auspuffs, der seit Aragon 2016 verwendet wird. "Sicher ist der Rennsport gut für das Know-How eines Herstellers. Einige Dinge können gefiltert angewandt werden", bemerkt der Superbike-Projektleiter von Ducati und nennt damit einen der Gründe, warum sich Hersteller in den diversen Rennserien engagieren.

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