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Kolumne: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Warum sich Danilo Petrucci trotz tollem zweiten Platz beim Heimrennen in Misano ärgern wird und Jorge Lorenzo einer verpassten Siegchance nachtrauert

Marc Marquez, Danilo Petrucci, Andrea Dovizioso

Eine Prise Enttäuschung schwang bei Danilo Petrucci mit

Liebe Leser,

der Regen hat uns beim Grand Prix von Misano drei abwechslungsreiche und unterhaltsame Rennen beschert. Für die Teams war es aber eine teure Angelegenheit. In allen drei Klassen wurden am Sonntag zusammengerechnet 80 Stürze gezählt. Am gesamten Rennwochenende waren es 140! So viele Ausrutscher gab es in diesem Jahr auf keiner anderen Strecke. Erfreulich war dagegen die Zuschauerzahl. 158.000 Fans waren an allen drei Tagen vor Ort. Trotz Abwesenheit von Superstar Valentino Rossi und Regen am Sonntag kamen nur 4.000 weniger als im Vorjahr.

In unserer Montagskolumne wollen wir auf das Rennwochenende zurückblicken und einen Fahrer auswählen, der im übertragenen Sinne schlecht geschlafen hat. Bei so vielen Stürzen gibt es viele Kandidaten. Dazu zählt sicherlich Aprilia-Rennleiter Romano Albesiano. Sam Lowes lag bis zum Crash auf dem guten zehnten Platz und Aleix Espargaro war vor seinem Sturz Neunter. Die zweite Nullrunde in Folge sorgt dafür, dass KTM in der Herstellerwertung nur noch fünf Punkte hinter Aprilia liegt! In der Teamwertung sind die Österreicher mit den Italienern schon punktgleich.

Weitere Kandidaten wären Andrea Iannone oder Cal Crutchlow. Dass Iannone einen zu engen Regenanzug verwendet und deswegen Armpump bekommt, zeugt nicht gerade für die beste Vorbereitung. Ihn haben wir aber schon genug kritisiert in diesem Jahr. Crutchlow war zwar im Trockenen gut dabei, aber ein Sturz verhagelte jede Chance auf ein Ergebnis in den Top 5. Insgesamt ist der Brite nicht ganz auf dem bärenstarken Level von der zweiten Saisonhälfte 2016. Zu oft vergibt er seine Chancen leichtfertig.


Fotos: MotoGP in Misano, Rennen


Unsere Wahl fällt heute auf Danilo Petrucci. Nicht falsch verstehen, er ist ein super Rennen gefahren. Dafür kann man dem Pramac-Piloten nur gratulieren! Aber wer sein Gesicht nach dem Rennen gesehen hat, der hat eine Mischung aus Freude und Enttäuschung gesehen. Wenn man so knapp seinen ersten Grand-Prix-Sieg verpasst, dann denkt man in der Nacht darüber nach. Hätte man noch etwas anders machen können? Deswegen wird Petrucci bestimmt nicht die schönsten Träume gehabt haben.

Danilo Petrucci, Marc Marquez

21 Runden führte der Mann aus Terni sein Heimrennen souverän sn

Er selbst sprach in der Pressekonferenz davon, alles gegeben zu haben: "Ich bereue nichts. Ich bin etwas traurig, weil ich mein erstes Rennen gewinnen hätte können. Dennoch war Marc stärker, er hat den Sieg verdient." Und genau dieses perfekt vorbereitete Manöver von Marquez und seine fehlerfreie letzte Runde (schnellste Rennrunde!) werden Petrucci eine schlechte Nacht bereitet haben. Diese Kaltschnäuzigkeit ist es, die Marquez so erfolgreich macht. Trotzdem ist der zweite Platz beim Heimrennen stark. Dazu müssen wir Petrucci selbstverständlich gratulieren.

In den verbleibenden Rennen wird spannend, ob Petrucci noch eine weitere Siegchance vorfinden wird. Zuzutrauen ist es ihm. Außerdem könnte er eine vielleicht mitentscheidende Rolle im WM-Kampf spielen. Am Donnerstag hat er angekündigt, dass er Andrea Dovizioso unterstützen will. Am Sonntag ging er aber nicht vom Gas und lies seinen Landsmann nicht vorbei. "Ich muss ehrlich sein, ich habe darüber nachgedacht. Ich denke aber nicht, dass es eine schöne Optik für die Meisterschaft haben würde, wenn ich die Position in der letzten Runde hergebe." Chapeau für diese Sportlichkeit!

Jorge Lorenzo wirft möglichen Sieg früh weg

Und damit sind wir beim zweiten Fahrer, der sich nach dem Rennen über sich selbst geärgert hat: Jorge Lorenzo. Bis zu seinem Sturz in der siebten Runde hatte er schon fast fünf Sekunden Vorsprung. Lorenzo fuhr in der Anfangsphase bis zu einer Sekunde schneller als seine Verfolger. "Das ist sein Stil", merkte Dovizioso an, "in den ersten Runden sehr schnell zu sein. Er hat nichts Verrücktes gemacht." Der Sturz passierte in Kurve 6, einer Stelle mit viel Wasser. Der Grip soll dort am niedrigsten gewesen sein.

Jorge Lorenzo

Bis zum Sturz hatte Jorge Lorenzo schon fast fünf Sekunden Vorsprung

Das Gesicht von Lorenzo anschließend in der Box sprach auch Bände. Er weiß, dass er dieses Rennen gewinnen hätte können. Als er das Motormapping ändern wollte, verlor der dreifache Misano-Sieger für einen Moment die Konzentration. "Das System der Ducati ist komplexer als bei Yamaha. Es ist nicht natürlich. Ich habe mich noch nicht komplett darauf eingestellt und denke über alle Möglichkeiten nach. Deswegen habe ich die Konzentration verloren. Es heißt nicht, dass ich nicht fahren konnte."

Auch wenn Kritiker Lorenzo vorwerfen, dass er es im Regen einfach nicht kann, so muss man doch festhalten, dass seine ersten Runden wirklich stark waren. Wie sich das Rennen für ihn ohne Sturz weiterentwickelt hätte, ist schwer zu sagen. Trotzdem ist ganz klar, dass Lorenzo insgesamt Fortschritte macht. Viel fehlt ihm auch im Trockenen nicht mehr auf die Spitze. Wenn er diesen Trend fortsetzt und ihm dann bei den Wintertests noch Fortschritte gelingen, dann kann Lorenzo im nächsten Jahr ein Titelkandidat sein.

Gerald Dirnbeck

Ihr

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