TT-Cup-Tagebuch: Schreck zum Auftakt

18. August 2017 - 18:22 Uhr

'Motorsport-Total.com'-Redakteur Roman Wittemeier als Gaststarter beim Audi Sport TT Cup in Zandvoort: Tagebuch, Tag 1: Freies Training und totale Stille

Roman Wittemeier
Als Gaststarter im Audi-TT-Cup: Motorsport-Total.com-Redakteur Roman Wittemeier
© smg/Wittemeier

(Motorsport-Total.com) - Liebe Freude des rechten Pedals,

ich bin überwältigt, komplett erschöpft und gleichzeitig voller Gedanken. An diesem Wochenende ist es soweit: Ich darf als Gaststarter an den beiden Rennen des Audi Sport TT Cup in Zandvoort teilnehmen. Die beiden Wertungsläufe stehen am Samstag und Sonntag an, heute war "nur" das kurze Freie Training. Es war ein Auf und Ab, das mir rückblickend aber ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Aber der Reihe nach.

Im Frühjahr bekam ich von Audi das nette Angebot, einmal selbst Rennerfahrung zu sammeln. Ich musste keine Zehntelsekunde überlegen und sagte meinen Gaststart sofort zu. In den Tagen nach dieser Zusage gingen mir wilde Ideen durch den Kopf. Man spielt das alles schon mal durch, malt sich einige Szenarien aus. An meinem unbändigen Wunsch, diese Chance wahrnehmen zu wollen, änderte dies jedoch rein gar nichts.

"Es war der Wahnsinn!"

Als man mich fragte, auf welcher Strecke ich denn gern an den Rennen teilnehmen würde, habe ich prompt Zandvoort genannt. Ich liebe diese Strecke seit vielen Jahren. Die Atmosphäre im Seebad, das Layout alter Schule mit nur kleinen Auslaufzonen und die örtliche Nähe - ich lebe in Nordrhein-Westfalen - machten die traditionsreiche Anlage automatisch zur ersten Wahl. Aber ihr glaubt nicht, wie die Reaktion von vielen mir bekannten Profipiloten war ...

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"Du spinnst doch - ausgerechnet Zandvoort", sagte der eine. Ein anderer meinte: "Du hast echt Eier, denn eine schwierigere Strecke wirst du im Kalender niemals finden." Vielen Dank, das hat Mut gemacht! Egal, es stand vor meiner Anreise nach Zandvoort noch ein Lizenzlehrgang und ein Training am Audi-Motorsport-Standort in Neuburg an. Dort habe ich Anfang August die Lizenz (International D) gemacht und erste Runden im Cup-TT gedreht. Es war der Wahnsinn.

Schon bei den Fahrten in Neuburg wurde mir schnell klar, dass frontgetriebene Rennwagen nicht so meins sind. Ich bin in den vergangenen Jahren in einigen Autos gefahren, unter anderem Prototypen oder auch mal einen Tag lang mit einem Formel BMW über die Nordschleife. Das waren tolle Erfahrungen, mit denen ich im Audi TT aber nur noch wenig anfangen kann. Das Heck ist leicht und agil, die Vorderachse muss fast die ganze Arbeit leisten. Nicht ganz einfach - ehrlich!

Bei meiner Anreise am Donnerstagabend nach Zandvoort war mir klar, dass ich am heutigen Freitag viel, viel lernen muss, um auch nur ansatzweise mithalten zu können. Sportliche Ambitionen habe ich natürlich keine, denn ich gehöre nicht zu der Generation eines Fabian Vettel. Diese Jungs und Mädels, die als permanente Starter im TT Cup unterwegs sind, haben im Motorsport noch viel vor. Ich will nur gern weiterhin darüber schreiben.

Der Freitag fing für mich damit an, dass ich - wie nicht anders erwartet - genau zwei Minuten vor dem Wecker wach wurde. 7:28 Uhr war es. Der erste Blick aus dem Fenster: So ein Mist, da ziehen Regenwolken auf, die Straße vor dem Hotel ist nass. Das kann ja heiter werden, oder eben auch nicht. Aber der starke Wind und sonnige Abschnitte sorgten dafür, dass die Piste schnell trocknete. Gefahren durch Nässe erst einmal gebannt.

Gemeinsam mit den permanenten Startern und den weiteren Gaststartern Giedo van der Garde und Daniel Rösner ("Alarm für Cobra 11") und ohne Bernhard von Oranje (kommt erst morgen) gab es zunächst ein Audi-internes Briefing. Marco Werner, Markus Winkelhock und Audi-TT-Cup-Chef Philipp Mondelaers informierten über die Besonderheiten von Zandvoort und nutzten das Meeting, um uns "Aliens der Szene" kurz vorzustellen.

Das Leben als Rennfahrer

Anschließend ging der komplette Tross ins DTM-Fahrerlager. Das wichtige Briefing der Rennleitung stand auf dem Programm. Das war knackig, kurz und lustig zugleich. Renndirektor Niels Wittich erklärte die Abläufe in Zandvoort und redete den Startern bei einem kurzen Rückblick auf das zweite Rennen am Norisring indirekt und humorvoll ins Gewissen. "Wer hier weiß denn, was die gelbe Flagge bedeutet?", so die geschmunzelte Frage des Rennleiters. Betretenes Schweigen im Raum ...

Nach einem ganz kurzen Mittagessen begannen die Vorbereitungen auf das Freie Training. Die einzige Chance, sich an die Piste zu gewöhnen, denn am Samstagmorgen geht es direkt ins Qualifyig für die beiden Rennen. Rund 30 Minuten vor dem Start saß ich im Auto - angeschnallt, in voller Ausrüstung, alle Installationen abgeschlossen. Wahnsinn: Solch eine Stille habe ich noch nie erlebt. Ohrenbetäubend. Ganz allein. Winkende Kids im Paddock nehme ich wie im Film wahr.

Hinter einem Führungsfahrzeug geht es zunächst ein kurzes Stück vom Fahrerlager über die Strecke bis in die Boxengasse. Noch drei Minuten bis zum Start des Trainings. Direkt vor mir am grünen Auto plötzlich Aufregung. Vivien Keszthelyi springt eine Minute vor Sessionstart aus ihrem Auto. Wie soll ich denn hier rauskommen? Ich stehe direkt hinter ihr! Aber alles gut: Mit dem Schalten auf Grün sitzt die Ungarin wieder im Wagen und rollt los - ich auch ...

Motorschaden gleich im ersten Training

"Fahr die Reifen ganz in Ruhe über zwei oder drei Runden warm", lautete die Ansage von Sepp Haider, der mir als "Mentor" unwahrscheinlich viele liebevolle Tipps gibt. Herzlichen Dank an dieser Stelle! Ich halte mich an diese Vorgabe, bewundere die Optik aus Cockpitsicht. Beim "Wedeln" zum Reife anwärmen habe ich ein mulmiges Gefühl. Irgendwie meldet mir das Heck nicht richtig, was es denn vorhat. Aber das sollte wenig später sowieso egal sein.

Nach fünf Runden - ich hatte gerade erstmals den "Push-to-Pass-Knopf" ausprobiert, schalte ich zu Beginn des sechsten Umlaufs ganz normal auf der Zufahrt zur Tarzan-Bocht vom sechsten bis in den dritten Gang herunter, gehe wieder ans Gas. Plötzlich irre Geräusche im Cockpit. Das Auto schaltet ab, ich rolle aufs Gras.

Was für ein Mist, denke ich. Aber die Rettungsstaffel zieht mein Auto schnell in den Paddock, die Session wird unterbrochen. TT-Cup-Technikchef Hans Top kommt mir auf dem Fahrrad entgegen: "Wir machen dir sofort ein Ersatzauto fertig!" Unglaublich: Nach wenigen Minuten saß ich im nächsten TT, hatte meine alten Reifen installiert und durfte aus der Boxengasse wieder auf die Strecke fahren. Das Gefühl ein ganz anderes. Das Heck meldet sich in meine Pobacken, so muss das sein.

Meine beste Rundenzeit hatte ich mit dem alten Auto gefahren, aber das Feedback des "Neuen" war super. So darf es gern weitergehen. Mit zwar enorm wenig Erfahrung geht es morgen für mich ins Qualifying, aber mit riesiger Vorfreude. Ganz wichtig: Lasst uns an dieser Stelle nicht über Rundenzeiten sprechen. Das interessiert mich nur wenig. Ich war heute Letzter, aber meine Kids sind trotzdem extrem stolz auf mich. Morgen gibt Papa wieder Gas!

Bis morgen,

Roman Wittemeier

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