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Lehrgang in Mugello: Lizenz zum Rennfahren

29. Dezember 2012 - 14:05 Uhr

'Motorsport-Total.com'-Redakteur Roman Wittemeier auf dem Weg in Richtung VLN und Co.: Lizenzlehrgang mit der Audi race experience in Mugello

Vollgas in Mugello: Die Fahrten im Audi R8 brachten viel Freude
© Audi

(Motorsport-Total.com) - Und plötzlich darf ich VLN fahren! Diese Erkenntnis trifft mich wie ein harter Schlag. Gerade eben noch habe ich mich als sportlich ambitionierter Hobbypilot gefühlt, der ab und zu mal in einem schnellen Kart die Sau herauslässt - und jetzt lässt man mich tatsächlich auf die versammelte Nordschleifenszene los. Der Weg dorthin war extrem kurz: Flug nach Florenz, halber Tag Theorie, ganzer Tag Praxis, Urkundenverleihung, Rückflug in die Heimat.

Ein schmuddeliger Herbsttag in Nordrhein-Westfalen. Die Temperaturen locken zum Kaminofen, der Regen draußen schreckt vor Spaziergängen oder -fahrten ab. Aber die Toskana lockt. Über Hannover und Frankfurt geht es für mich nach Florenz, wo die Fachleute der Audi race experience etwas Besonderes mit mir vorhaben. Ein straffes Programm in eineinhalb Tagen, das aus mir einen lizensierten Rennfahrer machen soll. Ob das gut geht?

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Nach der Ankunft in Florenz bringt mich ein Auto in ein wundervoll gelegenes Hotel nahe dem bekannten L'Autodromo del Mugello, wo am Folgetag die Praxis auf dem Programm stehen wird. Doch bevor der rechte Fuß aktiv werden darf, gibt es zunächst einen theoretischen Teil zu bewältigen. Im Konferenzraum des toskanischen Hotels ist alles vorbereitet: Getränke, Namenskarten, Schreibwerkzeug auf dem Tisch, der Beamer rennt und die Instruktoren und Trainer begrüßen die Teilnehmer.

Audi hat sich beim Aufgebot nicht lumpen lassen. Drei Fachleute sorgen für Schulung: GT1-Weltmeister Markus Winkelhock, der dreimalige Le-Mans-Sieger Marco Werner und der erfahrene Ex-Rallye-WM-Pilot Wilfried Wiedner. Es gibt kaum Vorgeplänkel, es geht sofort zur Sache, weil die Zeit drängt. "In solch kurzer Zeit haben wir so etwas auch noch nie durchgezogen", sagt Wiedner und drückt prompt verbal auf die Tube.

Prüfung am Abend des ersten Tages

Mit Hilfe von Schaubildern und kurzen Videos werden alle Teilnehmer in die Geheimnisse von Kurventechniken, Fahrzeugdynamik, Verhalten auf der Strecke, Flaggensignale und Strukturen des Motorsportverbandes DMSB, der die Lizenzen in Deutschland erteilt, eingeweiht. Am Ende des Tages der große Test: Unzählige Fragen gilt es bei der Multiple-Choice-Prüfung zu beantworten. Auch wenn ich mir bei einigen Fragen plötzlich nicht mehr ganz sicher bin, so geht doch alles gut.

Am Abend ein gemeinsames Essen, intensive Benzingespräche und frühe Nachtruhe. In Vorbereitung auf den kommenden Tag verschwinden alle Teilnehmer rechtzeitig in die Betten, denn es gilt für den praktischen Teil des Lehrgangs fit zu sein - und ein wenig Aufregung mischt sich zusätzlich in die große Vorfreude. Die penibel vorbereiteten Audi R8 und TT-RS am Mugello Circuit warten nur auf die Gasfüße der Gäste, die sich vom Spaßfahrer zum Rennpiloten ausbilden lassen möchten.

Am Morgen des großen Tages will mein Magen beim Frühstück nicht so wirklich schlemmen. Ein flaues Gefühl verhindert ausgiebige Nahrungsaufnahme. Bei all der Action des Tages kommt ein richtiges Hungergefühl ohnehin nicht auf. Außerdem: Zu viel Essen wäre unnötiger Ballast, der langsam macht! Diese Blöße möchte auch ich mir nicht geben. Allerdings geht es in der Praxis weniger um Speed als vielmehr um Vernunft und Beherrschung.

Nach dem kurzen Transfer zur Rennstrecke legt sich sofort ein breites Grinsen auf mein Gesicht, das bis zum Abend nicht mehr verschwinden will. Ordentlich aufgereiht stehen die Fahrzeuge hinter den Boxen des renommierten italienischen Rennkurses. Mir wird ein Audi R8 V10 FSI in Anthrazit zugeteilt, mit dessen gut 500 PS ich mich schnell anfreunde. Start ist auf einem Handlingskurs im Infield. Wilfried Wiedner wartet schon auf seine Schüler.

Driften will gelernt sein

Auf einer großen Asphaltfläche ist mit Pylonen eine Gasse abgesteckt, in der ein kräftiger Versatz ist. "Wir üben das Ausweichen bei hohem Tempo", erklärt der Österreicher. Mit reichlich Anlauf wird auf ca. Tempo 160 km/h beschleunigt. Sobald der Eingang der Pylonengasse erreicht ist, nur vom Gas und dem Versatz in der Gasse folgen - ohne zu bremsen. Der erste Versuch kostet etwas Überwindung. Das Herz will auf die Bremse, der Kopf wehrt sich schließlich erfolgreich dagegen.

Die konstruierten Ausweichmanöver gelingen gut. "Der Trick ist, immer dorthin zu schauen, wo man hinfahren möchte", sagt Wiedner. Dies gelingt bestens - zumindest deutlich besser als die Übung an der zweiten Station. Nach einer halben Stunde ist der erste Part abgeschlossen. Auf einer stark bewässerten Fläche direkt hinter dem Mugello-Boxengebäude wartet bereits Marco Werner auf mich. "Jetzt lernst du Übersteuern mal richtig kennen", sagt er schmunzelnd.

Mit Hütchen ist auf der Driftfläche ein recht großer Kreis abgesteckt. "Du nimmst Anlauf, lenkst kräftig ein, tippst die Bremse an und regulierst dann einen filmreifen Slide nur mit dem Gaspedal", so die Ansage des dreimaligen Le-Mans-Champions. Leichter gesagt als getan. Bei meinem ersten Versuch möchte der R8 mit mir statt einer stilvollen Pirouette einen misslungenen dreifachen Rittberger auf das Parkett legen - sehr unschön und ziemlich peinlich!

Erst nach vier oder fünf Versuchen ist mein Gasfuß passend justiert. Der Sportwagen geht wundervoll quer durch das Halbrund, die Freude ist riesig, die Befriedigung groß. Allerdings gibt es nur wenige Momente später den nächsten kleinen Rückschlag. An der dritten Station steige ich kurz in einen knallroten TT-RS um. Markus Winkelhock nennt den Auftrag: "Schön Gas geben, dann ruckartig einlenken, um das Untersteuern zu provozieren. Dann fängst du die Vorderachse wieder ein, indem du die Lenkung öffnest und Gas wegnimmst." Aha...

Bei meinen ersten Proberuns halte ich den Wagen immer auf Linie, die Vorderachse bleibt stabil in der Bahn wie meine Slotcars beim Cruisen. "Noch zackiger Einlenken, noch mehr Gas in der Anfahrt", sagt der ehemalige (und zukünftige?) DTM-Pilot. Ich brauche noch viele weitere Anläufe, bis sich endlich mein Kopf gegen den Hintern durchsetzt. Das Untersteuern wird prompt viel zu heftig, mein Tempo ist zu hoch und ich verpasse die Zielgasse und einige Meter. Schön ist etwas anderes. Egal, "Winky" nickt dennoch zufrieden.

Startprozedere bringt Spaß und Spannung

Die Maßnahmen zum Erfahren des Handlings sind abgeschlossen, endlich geht es auf die Strecke. In zwei Gruppen mit jeweils sechs Fahrzeugen geht es auf geführte Runden über den 5,2 Kilometer langen Kurs, der im Besitz von Ferrari ist. Ich fahre hinter dem R8 von Marco Werner, über Funk gibt der gebürtige Dortmunder immer wieder Hinweise zu Bremspunkten und Linienwahl. Das Tempo ist deutlich höher als erwartet, gebummelt wird hier keinesfalls.

Nach einigen Runden melden sich meine Schultern, die Anspannung und der - unnötige - Kampf mit der Lenkung des Audi R8 haben erste Spuren hinterlassen. Den fälligen Muskelkater werde ich genießen - wer schnell sein will, muss leiden! Eine kurze Pause und eine schnelle Erfrischung kommen dennoch gerade recht. Erste Eindrücke werden ausgetauscht, dann geht es schnell weiter. Nun steht das Thema Überholen auf dem Programm.

Die Start-Ziel-Gerade jage ich mit meinem R8 hinter dem baugleichen Fahrzeug von Marco Werner her. Kurz vor der Anbremszone der ersten Kurve ist eine lästige Bodenwelle, die mir von Anfang an Respekt einflößt. Wenige Sekunden vor dem Werfen des Ankers bei etwa Tempo 280 km/h meldet sich Werner per Funk: "Roman, du überholst mich mal in der ersten Ecke!" Wie soll das denn gehen? Ich kneife die Popacken zusammen, steige spät und heftig in die Eisen und setze mich neben den Le-Mans-Helden.

Marco Werner hält dagegen, er bleibt außen mit etwas größerem Radius und etwas höherem Tempo neben mir. Jetzt muss ich es auch durchziehen, denke ich mir und bleibe auf Angriff gepolt. Nach der San-Donato-Rechtskurve, die im dritten Gang genommen wird, folgt eine Rechts-Links-Kombination, die mir so gar nicht gefällt. "Ich muss ihn jetzt schnappen, sonst hat er gleich die bessere Linie", schießt mir durch den Kopf. Ein kurzer Blick nach links. Ich lasse mich etwas aus der Kurve tragen und zwinge Marco, sich hinter mir einzureihen - geschafft! Ein geiles Gefühl!

Als nächste Disziplin folgt der Start. Immer wieder spielen wir das komplette Prozedere durch. Beim Schild "1 Minute" starten wir den Motor, dann folgt der weitere Countdown, die Freigabe der Einführungsrunde, das Anwärmen von Reifen und Bremsen, das Rollen auf die Startposition und schließlich der große Moment. Die Ampeln schalten nach und nach auf Rot, dann schalten sie ab: Start! Meine Paradedisziplin: Bei allen Versuchen schieße ich mit meinem 525-PS-Schätzchen nach vorne. Ein herrlicher Spaß.

Natürlich ist ein gelungener Start längst nicht alles, aber die Freude über den Sprint vom Grid bis zur ersten Kurve ist kaum zu überbieten. Schnell werde ich aber unsanft von Wolke Sieben geholt. Zum Abschluss der Praxis setzt sich Markus Winkelhock auf den Beifahrersitz und begutachtet meine Fahrt über eine Runde in Mugello. Start-Ziel-Gerade Vollgas, Anbremsen knapp hinter der Bodenwelle, sicher durch Turn 1 und dann die Variante Luco/Poggio Secco. Die hat persönlich etwas gegen mich...

Es gibt immer verschiedene Linien...

Die Linkskurve fahre ich außen an. Ich will möglichst viel Tempo mitnehmen und die folgende Rechtskurve kurz und schmerzlos satt anbremsen. Allerdings habe ich mich am Eingang der Variante verschätzt. Auf heißen Reifen gibt es jenes Untersteuern, das ich im TT-RS kaum provozieren konnte. Der R8 gleitet nahezu geräuschlos an den rechten Streckenrand, ich wirbele etwas Gras und Staub auf. "Ich hab ihn", rufe ich "Winky" zu und rette mich gerade eben durch den folgenden Rechtsknick.

"Das war es dann wohl mit meiner Lizenz", schießt es mir durch alle Glieder. Aber Winkelhock bleibt gelassen grinsend auf dem Beifahrersitz erstaunlich locker. Den Rest der Runde meistere ich ohne zu viel Spektakel, die Konzentration ist rechtzeitig zurück. Am Ende des Runs parke ich in der Boxengasse, sammele mich kurz und trinke das wohlverdiente Mineralwasser, das zum Abkühlen von Körper und Gemüt dringend nötig ist.

Rund eine Viertelstunde später sind alle Lehrgangs-Teilnehmer mit ihren Fahrzeugen wieder zurück. Es folgt die Abschlusszeremonie mit der Übergabe der Urkunden. Plötzlich rufen die drei Instruktoren meinen Namen auf, schütteln mir die Hände und überreichen mir ein Zertifikat, mit dem ich innerhalb von neun Monaten beim DMSB um Erteilung der Lizenz (gesundheitliche Eignung vorausgesetzt!) bitten darf. Jetzt darf ich Bergrennen fahren, Slalom, oder sogar VLN auf der Nürburgring-Nordschleife. Unfassbar!

Im Rahmen der Audi driving experience und Audi race experience werden jährlich zahlreiche Lizenzlehrgänge und Fahrsicherheits-Trainings veranstaltet. Über die race experience haben es in den vergangenen Jahren mehrere Piloten bis zum Einsatz beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring geschafft. Allein 2012 konnten sich auf den zwei Audi R8 LMS ultra drei Amateurfahrer einen Start beim Klassiker in der Eifel erfüllen.

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