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Rennfahrer für einen Tag: Selbstversuch Formel BMW

28. Dezember 2012 - 16:36 Uhr

Auf den Spuren von Sebastian Vettel im "überdimensionierten Go-Kart": Chefredakteur Christian Nimmervoll durfte in Valencia Formel BMW fahren

Christian Nimmervoll
Vorfreude, endlich geht's los: Im Cockpit des Formel BMW FB02 in Valencia
© ZF/Detlef Majer

(Motorsport-Total.com) - Es muss ungefähr im September 2000 gewesen sein, und ich glaube, auf der B258 in Richtung Koblenz. Ich sitze im weißen Opel Astra meiner damaligen Freundin Silke (dessen halbwegs männlicher Kosename "Einstein" sicher nichts mit den rosaroten Aufklebern auf den Türen zu tun hatte), lasse mich im Sitz entspannt zusammensacken und gleite mit meinen Gedanken kurz ab, schließlich habe ich gerade einen besonders aufregenden Tag erlebt. Ich "wache auf" durch einen Blick auf den Tacho, der mir das Adrenalin schlagartig in den Körper pumpt: Tempo 170, ohne es auch nur im Ansatz zu merken. Hoppla.

Eine halbe Stunde davor bin ich noch in einem Formel Renault von Zakspeed gesessen und habe diesen einen Tag lang auf der Kurzanbindung des Nürburgring-Grand-Prix-Kurses getestet. An allzu viel von jenem Tag kann ich mich nicht mehr erinnern, aber drei Dinge sind hängen geblieben.

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Erstens, dass die Einladung von Reifenhersteller Michelin kam. Zweitens, dass es regnete und der Spaßfaktor deswegen stark getrübt war (schließlich steigt man nicht als geborener Regenkünstler a la Schumacher zum ersten Mal in seinem Leben in ein Formelauto). Und drittens, dass ich mich in der Dunlop-Kurve am Beginn des Tages stümperhaft gedreht habe, weil ich auf der nassen Strecke ohne jedes Gefühl runtergeschaltet habe.

Geschwindigkeit ist ein subjektiver Eindruck

Jedenfalls stellt man sich im Laufe des Tages dann nicht mehr ganz so ungeschickt an, und als ich mich gegen 17:00 Uhr von den Michelin-Leuten verabschieden muss, steige ich direkt im Nürburgring-Infield in den Astra, quasi gedanklich noch im Rennoverall, um den siebenstündigen Nachhauseweg anzutreten.

Was ich mit der Tempo-170-Geschichte ausdrücken will: Man hat sich nach einem Tag im Formelauto an die Geschwindigkeit gewöhnt, sie kommt einem selbstverständlich vor - so, als würde man stundenlang ohne Speedlimit auf deutschen Autobahnen dahinbrettern und von da aus direkt in eine österreichische 70er-Zone kommen.

Wie dem auch sei, diese Erfahrung war zwölf Jahre her, als ich diesen Sommer von der ZF Friedrichshafen AG, einem deutschen Automobilzulieferer, an den Circuit Ricardo Tormo nach Valencia (nicht zu verwechseln mit dem Formel-1-Stadtkurs) eingeladen wurde.

Von null auf 100 in 3,5 Sekunden

Ziel der Reise: "Rennfahrer für einen Tag" sein, wie es BMW nennt (Kostenpunkt: schlappe 55.000 Euro pro Tag und Zehnergruppe), und zwar im Formel BMW FB02 (Zur Fotostrecke: Selbstversuch im Formel BMW). Der schafft den Sprint von null auf 100 km/h in 3,5 Sekunden, also um fast zwei Sekunden schneller als ein BMW M3 Coupe - und das bei gerade mal 140 PS bei 9.000 Umdrehungen pro Minute. Der FB02 wiegt allerdings auch nur 465, der M3 stattliche 1.655 Kilogramm.

Am Vorabend gibt's die Theorie-Einweisung, die für die hauptberuflichen Motorsport-Journalisten unter uns (unter anderem Felix Görner von RTL und Gregor Messer von Motorsport aktuell) mehrheitlich wohl nicht allzu viel Neues zutage bringt. Aber selbst die hartgesottensten Möchtegern-Racer in der Gruppe werden innerlich zu kleinen Kindern, als es dann am nächsten Morgen endlich mit der Praxis losgeht: Anreise mit dem Bus zur Rennstrecke, Enthaftungserklärung unterschreiben, Overall, Handschuhe, Schuhe, Balaclava und Helm abholen - und dann endlich ab in die Garage.

Kleine Anflüge von Klaustrophobie

Erste Lektion beim Einsteigen: Ich muss dringend wieder mehr Tennis spielen! Vor zwölf Jahren brachte ich gefühlte 20 Kilogramm weniger auf die Waage, und so fühlt sich der Formel BMW schon bei der ersten Sitzprobe enger und ungemütlicher an als der Formel Renault. Besonders irritierend sind die hochgezogenen Cockpitwände samt innerer Schutzverkleidung, durch die ein erwachsener Mann nur passt, wenn er die Schultern beim Aussteigen quer zur Fahrtrichtung stellt.

"Jetzt wird mir klar, warum Allan McNish und Co. so kleingewachsen sind."
Christian Nimmervoll

Mir stellt sich die Frage: Wie soll man aus diesem Ding binnen fünf Sekunden herauskommen? Dafür erschließt sich mir etwas anderes: Jetzt wird mir klar, warum Allan McNish und Co. so kleingewachsen sind, dass sie schon ein etwas heftigerer Windstoß umpusten würde...

Die Eindrücke nach ein paar Minuten im Cockpit: Man hat aufgrund der beschränkten Länge der Fahrerzelle das Gefühl, als würde man nur nach unten blicken können - man kennt das vom Herrenfriseur, wenn er den Kopf sanft nach vorne drückt, um den Nacken besser ausrasieren zu können.

Augen zu und durch!

Sicht in den Rückspiegeln: gegen null. Schulterblick, wie man ihn von der Autobahn kennt: unmöglich. Da und dort zwickt's ein bisschen, und in Sachen Komfort wünsche ich mir spätestens jetzt doch den M3, aber ich komme gut an die Pedale, ans Lenkrad und die sequentielle Schaltung heran - also Augen zu, klaustrophobisches Gefühl verdrängen und durch!

"Hinterher frage ich mich: Was soll daran so schwierig sein?"
Christian Nimmervoll

Endlich wird der Motor angelassen, und jetzt heißt es Nerven zeigen: Man hat uns in der Einweisung darauf vorbereitet, dass man das normalerweise in Motorrädern verbaute Triebwerk mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit beim ersten Mal abwürgen würde. Passiert mir nicht, und passiert auch keinem anderen aus unserer Motorsport-Gruppe.

Hinterher frage ich mich: Was soll daran so schwierig sein? Und weil es den Kollegen genauso geht, wird die Übung "Shift and Brake" (immer wieder durch die Boxengasse fahren, hoch- und runterschalten sowie bremsen) nach ein paar Durchläufen vorzeitig abgebrochen. Endlich geht es auf die Strecke.

Je langsamer, desto schwieriger

Der Instruktor gibt anfangs ein ziemlich einschläferndes Tempo vor, trotzdem gelingt es mir irgendwie, mich in einer Linkskurve zu drehen. Kann doch wohl nicht wahr sein, bei der Geschwindigkeit! Später wird mir klar: Je langsamer man ein Formelauto bewegt, desto wahrscheinlicher ein solches Missgeschick.

Mit kalten Reifen und vor Überschreiten der Geschwindigkeits-Schwelle, an der die Aerodynamik zu wirken beginnt, reicht schon ein ungeübtes Zucken am Gaspedal ausgangs einer Kurve, um das Heck zu verlieren. Ich mache noch das Beste draus und denke mir: Jetzt kannst du das Ding ebenso gut selbst wenden - und schwupps, einen gekonnten 180-Grad-Turn später kann's weitergehen. "Mist", denke ich mir. "Den Dreher haben alle gesehen, das aber nicht!"

So langsam fühle ich mich mit dem Handling wohler, die Sitzposition ist beim Fahren selbst überhaupt kein Thema mehr - vielleicht eher Verdrängung, weil alle anderen Eindrücke einen überwältigen. Bei Kurve 7 der normalen Strecke fahren wir nicht ins enge Infield, sondern durch eine Schikane direkt zur Zielkurve.

Das "Popometer" kickt langsam ein

In der Schikane merke ich zum ersten Mal: "Aha, so fängst du die Kiste also ab, wenn sie ins Rutschen kommt." Alles noch bei Tempo Hausfrau, vom Instruktor vorgegeben, und völlig easy. Aber man bekommt ein Gefühl dafür - das berühmte "Popometer", wie "Strietzel" Stuck sagen würde -, wie sich ein Formelauto von einer geschlossenen Limousine unterscheidet. Natürlich kein Vergleich.

Im Laufe des Tages trauen uns die Herren Instruktoren immer mehr zu, und am Nachmittag dürfen wir dann endlich völlig frei fahren. Jetzt wird's wirklich lustig: Zwar ist mir immer noch ein Rätsel, wie die erste Kurve Vollgas im sechsten Gang gehen soll (mich erwischt's einmal sogar noch im fünften, als die Reifen am Beginn eines Stints kalt sind), aber so langsam habe ich das Gefühl, das Geheimnis des FB02 Schritt für Schritt zu entschlüsseln.

"Aha, diese Kurve geht also auch im vierten Gang, aha, hier kannst du ja noch viel später bremsen." Ich ärgere mich, dass keine Rundenzeiten gestoppt werden, denn in den letzten zwei, drei Runden des Tages habe ich das Gefühl, mich jedes Mal um mindestens ein bis zwei Sekunden zu steigern - und da geht noch viel, viel, viel mehr!

Freude am Fahren

Ich steige jetzt schon in der letzten Kurve wieder aufs Gas, werde etwas mutiger beim Überfahren der Randsteine, sodass das innere Rad manchmal schon ein bisschen Wiese abbekommt - zentimetergenaue Präzision muss in der Phase nicht das Erste sein, was man lernt, wenn es noch um die Basics geht. Ich habe Spaß daran, in der Schikane immer ein bisschen rutschen zu lassen, auch wenn ich natürlich genau weiß, dass das nicht schnell ist, sondern Zeit kostet. Aber es macht Laune.

Beim Runterschalten vor den langsameren Kurven geht's inzwischen nur noch klack, klack, klack und zeitgleich auf die Bremse - ein Prozess, den ich vom ersten bis zum letzten Stint des Tages um gefühlte 400 Prozent Zeit und 1.000 Prozent Vertrauen verbessert habe. Aber bevor es richtig interessant wird, ist die Session leider zu Ende.

Viel zu wenig Zeit, um wirklich zu pushen

Gut eine Stunde im Auto, davon 20 Minuten vergeudete Anfängerübungen, sind doch ein bisschen dünn, um als Formel-Quereinsteiger ernsthafte Erfahrungen zu sammeln. Man kennt das vielleicht von einer neuen Kartbahn: Man braucht erstmal eine Weile, um sich die Streckenführung einzuprägen und sich ans Kart zu gewöhnen, aber wenn man dann einmal "im Tunnel" ist, geht's mit jeder Runde schneller. Ich persönlich liebe das und könnte auf jeder Kartbahn stundenlang gegen die Uhr fahren, immer auf der Suche nach einer Steigerung. Die findet man dann auch meistens.

Mir ist also klar, dass sich hier noch einiges an Zeit herausholen lässt, aber als die Herren Instruktoren meinen, dass die "echten" Formel-BMW-Fahrer um geschätzte 15 Sekunden schneller sind, bin ich schon beeindruckt. Andererseits: Ich hätte gern mal einen ganzen Tag lang Zeit, mich an die Limits ranzutasten, und würde dann gern am Abend die Rundenzeiten vergleichen. Mein Bauchgefühl sagt mir: Klar würde man da nicht mitfahren können - das sind schließlich alles keine Nasenbohrer. Aber auf die Knochen blamieren würde man sich mit ein bisschen Übung auch nicht.

Denn mit seinen knuddeligen 140 PS kommt einem der FB02 nach spätestens einer halben Stunde nicht mehr wie ein gefährliches Biest vor, sondern bestenfalls wie ein überdimensioniertes Go-Kart - aber mal ganz ehrlich: Kartfahren ist, so finde ich, ohnehin die schönste und reinste Form des Motorsports.

Höchstleistungs-Werte nicht das Beeindruckende

Formel BMW bedeutet maximal 230 km/h Spitze, aber das haben die Autos, die uns in Valencia zur Verfügung standen, nicht ganz erreicht. Auf der Start- und Zielgeraden wird einem fast langweilig, weil man so viel Zeit hat - der Flugzeug-Effekt des In-den-Sitz-gedrückt-werdens fehlt ein bisschen. Aber in den Kurven macht das richtig Laune und auch ein bisschen süchtig. Das Schöne daran: Man setzt sich in den Formel BMW rein und kann auch ohne Weltmeister-Gen sofort ein bisschen Spaß haben.

"Wie man 750 PS in so filigranen Fahrzeugen bändigen soll, ist mir ein völliges Rätsel."
Christian Nimmervoll

Gleichzeitig ist mir klar, dass die Formel BMW nichts, aber rein gar nichts mit der Formel 1 zu tun hat. Wie man 750 PS in so filigranen Fahrzeugen bändigen soll, ist mir ein völliges Rätsel - und würde ich gern selbst ausprobieren, no na.

Diesen Selbstversuch ist mir Richard Hammond vom BBC-TV-Format Top Gear schon voraus, und Hammond ist wahrlich kein Nasenbohrer, was das Fahren mit verschiedenen topmotorisierten Autos angeht. Trotzdem war sein Auftritt in Silverstone (allerdings nur oberflächlich betrachtet) ziemlich peinlich. Das holt einen nach einem Tag im Formel BMW, nach dem man glaubt, man habe sich gar nicht so dumm angestellt, sehr schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück...

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