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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Felipe Massas zweiter Rücktritt war nur eine schlechte Kopie des ersten, und in Brasilien bricht jetzt eine Zeitenwende an, was die Formel 1 betrifft

Liebe Leser,

wahrscheinlich hat Felipe Massa letzte Nacht nicht schlecht geschlafen. Er hatte einen guten allerletzten Heim-Grand-Prix, mit einem großartigen Start (von P9 auf P6), einem gelungenen Überholmanöver gegen Fernando Alonso, mit Nerven aus Stahl im Fotofinish am Ende, und mehr als "Best of the Rest" zu sein ist mit einem Williams momentan eben nicht möglich.

Und trotzdem ist er in meinen Augen der große Verlierer.

Sein (vermeintlicher) Abschied von der Formel 1 vor genau einem Jahr hätte emotionaler nicht sein können. Mit Tränen in den Augen marschierte er nach dem Crash in die Boxengasse, seine Frau Raffaela nahm in liebevoll in den Arm, geschlossene Standing Ovations von den Paulista auf der Haupttribüne, ja sogar die Konkurrenzteams standen respektvoll Spalier.

Schöner hätte er sich sein Goodbye an dem Ort, an dem er als 14-jähriger Pizzabote davon geträumt hatte, eines Tages sein Heimrennen zu gewinnen, nicht wünschen können.

Vor allem: Ende 2016 wollte Massa selbst aufhören. Es war ein Rücktritt zu seinen Bedingungen, er war mit sich im Reinen.

Das ist ein Jahr später anders.

Rücktritt kommt ein Jahr zu spät

Diesmal wollte der 36-Jährige weitermachen - aber man lässt ihn nicht. Es muss ihm wie ein Hohn vorkommen, dass bei Williams Kandidaten wie Robert Kubica (mit schwer lädiertem rechten Arm), Paul di Resta (nur ein mittelmäßig überzeugendes Rennen in den vergangenen vier Jahren) und Daniil Kwjat (bei Red Bull aus dem Kader geschmissen) höher im Kurs stehen.

2016 hätte alles so schön sein können, ein perfektes Ende einer unvollendeten Karriere. Aber Massa erlag im Zuge des überraschenden Rücktritts von Nico Rosberg dem Ruf des Geldes. Jetzt durfte er zwar ein zweites Mal Abschied nehmen, aber das war bei weitem nicht mehr so schön wie beim ersten Mal.

Ja, als sich Söhnchen "Felipinho" am Boxenfunk meldete, war das ein emotionaler Moment. Ja, bei Massa kullerten auch diesmal die Tränen, sogar lang nach dem Rennen im Live-Interview mit den englischen TV-Kollegen. Aber das Goodbye wirkte inszeniert. Wer "The Sixth Sense" gesehen hat, weiß, dass das gute Ende einer großen Story nur einmal gut ist.

Kein neuer Formel-1-Star in Sicht

Mit dem Ende der Ära Massa bricht in Brasilien eine Zeitenwende an, was die Formel 1 betrifft. Das Land hat großartige Jahre erlebt, mit klingenden Namen wie Fittipaldi, Piquet, Senna. Seit 1970 hatte Brasilien immer einen Fahrer in der Königsklasse am Start. 2018 nicht mehr.

Zwar ist Lucas di Grassi Champion in der Formel E, und Bruno Senna hat beim WEC-Saisonfinale in Bahrain die Chance, Langstrecken-Weltmeister in der LMP2-Klasse zu werden. Aber ein brasilianischer Formel-1-Hero ist weit und breit nicht in Sicht.

In der Formel 2 gibt es mit Sette Camara nur einen Brasilianer. Er liegt vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi an zwölfter Stelle der Gesamtwertung. In der GP3 ist nur Bruno Baptista am Start. Er ist derzeit Gesamt-19. Und Pedro Piquet gilt als 14. der Formel-3-EM auch nicht als künftiger Weltmeister. Am ehesten traut man noch Pietro Fittipaldi den Schritt in die Formel 1 zu. Der führt vor den letzten beiden Rennen immerhin die Formel V8 3.5 an.

Diese düstere Perspektive schlägt sich auf das Interesse an der Formel 1 nieder. Es ist bezeichnend, dass nach dem gestrigen Rennen "Senna"-Sprechchöre zu hören waren. Der brasilianische Fan klammert sich an schöne Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen. Gerade mal 140.000 Zuschauer kamen an drei Tagen ins Autodromo Jose Carlos Pace. Erschreckend wenig im Vergleich zum Beispiel zu Mexiko (340.000).

Zukunft des Grand Prix scheint unklar

Kein Wunder, dass der Grand Prix auf der Kippe steht. Eigentlich läuft der Vertrag mit Liberty Media noch bis Ende 2020, und nach jahrelanger Hängepartie wurde zuletzt auch die Renovierung des Paddocks endlich umgesetzt. Aber die Raubüberfälle rund um den Formel-1-Zirkus häufen sich - und gewinnen an Schärfe. Jene Mercedes-Mitarbeiter, die am Freitagabend eine Pistole an der Schläfe hatten, werden sich zweimal überlegen, ob sie noch einmal nach Brasilien reisen.

Kriminalität war im Moloch Sao Paulo, in dem die Reichen und Schönen aus Sicherheitsgründen nur mit dem Helikopter reisen und die Polizei vor Ampeln selbst Schilder aufstellt, man möge in der Dunkelheit auch bei Rot nicht stehen bleiben, um nicht ausgeraubt zu werden, schon immer ein Problem. Aber seit einigen Jahren eskaliert die Situation so weit, dass es für das Formel-1-Personal unzumutbar und lebensgefährlich wird.


Felipe Massa: Rückblick auf seine Karriere

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Das den Banden vorzuwerfen, die keine andere Lebensperspektive sehen, als reiche Europäer auszurauben, wäre zu kurz gedacht. Wo Armut auf explizit zur Schau gestellten Reichtum prallt, ist Kriminalität fast unausweichlich. Das soll die Gangster nicht aus der Verantwortung nehmen. Aber Sao Paulo ist kein Problem von bösen Menschen, sondern eine komplexe soziale Herausforderung.

Diese anzunehmen und zu lösen, ist wahrscheinlich nicht Aufgabe der Formel 1. Aber vielleicht kann sie in den nächsten Jahren zumindest ein bisschen mithelfen.

Übrigens: Am besten geschlafen hat, zumindest laut meinem Kollegen Stefan Ehlen, Daniel Ricciardo. Warum, das können Sie in der Schwesternkolumne auf de.motorsport.com nachlesen!

Christian Nimmervoll

Ihr

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