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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Die Tragödie des Pascal Wehrlein: Wie eines der größten Talente der Formel 1 plötzlich an einem Wendepunkt in seiner Karriere angelangt ist

Liebe Leser,

ich möchte heute mal ganz ehrlich mit Ihnen sein. Wenn wir uns am Sonntagabend im Redaktionskreis überlegen, wen wir im übertragenen Sinn "schlecht schlafen" lassen, dann bevorzugen wir (im Zweifelsfall) prominentere Fahrer. Ganz einfach, weil deren Schicksal unsere Leser mehr interessiert - und wir uns natürlich den Themen ganz besonders widmen wollen, die die meisten Menschen bewegen.

Aber es gibt auch Nächte, da schläft von den Superstars einfach keiner schlecht. Letzte Nacht war so eine: Lewis Hamilton hat in Brasilien nicht nur seine Pflicht erfüllt, sondern gleichzeitig wieder einmal bewiesen, warum er von den meisten Experten als herausragender Fahrer beschrieben wird und Nico Rosberg "nur" als sehr, sehr guter. Rosberg hat mit dem zweiten Platz genau das getan, was er tun musste, um sich für Abu Dhabi einen dicken, fetten Matchball zu sichern. Und Max Verstappen wird nach seiner Galavorstellung schon mit "Magic" Senna verglichen.

Ein Podium, auf dem alle happy sind - in der Formel-1-Saison 2016 keine Selbstverständlichkeit.

So landen wir bei Pascal Wehrlein.

Alle Zeichen standen auf Aufstieg

Es ist noch keine drei Monate her, da galt der 22-jährige (Ex-)DTM-Champion als potenzielles "next big thing" in der Formel 1. Dass er dann und wann im Qualifying gegen Rio Haryanto den Kürzeren zog, wurde zwar bemerkt, ihm aber nicht substanziell angelastet. Mit seinen regelmäßigen Raketenstarts und vor allem dem vermeintlich millionenschweren WM-Punkt in Österreich schien er über jeden Zweifel erhaben. 2017, so lautete der Masterplan, sollte er im Force India sitzen, und 2019 vielleicht Lewis Hamilton oder Nico Rosberg im Silberpfeil beerben.

Aber dann ging Haryanto das Geld aus und es kam Esteban Ocon.


Inside GP Ungarn: Der Aufstieg des Pascal Wehrlein

Pascal Wehrlein fährt 2016 seine erste Formel-1-Saison, mit Manor konnte er in Österreich sogar einen Punkt holen. Der Mercedes-Rookie im Porträt Weitere Formel-1-Videos

Rein nach Zahlen betrachtet spricht im Duell der Mercedes-Junioren eigentlich alles für Wehrlein: 6:2 gewonnene Qualifyings, und wenn beide ins Ziel kamen, stand es nach Rennergebnissen vor Brasilien 3:1 für den Deutschen.

Auf dem Transfermarkt für 2017 kamen zwar erste Zweifel auf, ob in der Hierarchie der Mercedes-Junioren nicht Ocon den Vorzug erhalten könnte, aber das roch nicht nach Drama. Denn Ocon schien bei Renault als junger zweiter Fahrer neben Nico Hülkenberg gesetzt (französischem Pass sei Dank), und Force India würde in dem Fall zweifellos Wehrlein holen, um sich rabattierte Mercedes-Motoren zu sichern. Soweit die graue Theorie.

Großer Verlierer im Transferpoker

Am Donnerstag dann die Hiobsbotschaft: Ocon hatte Renault überraschend abgesagt und schnappte Wehrlein das Force-India-Cockpit weg, Renault gab ebenso überraschend bekannt, doch Jolyon Palmer die Treue zu halten, und Kevin Magnussen kam wie aus dem Nichts bei Haas unter. Mit einem Schlag waren alle halbwegs attraktiven Teams für 2017 besetzt - und Wehrlein der große Verlierer im Transferpoker.

Dass der Schock darüber tief saß, konnte er nicht verbergen. Seine Medientermine am Donnerstag absolvierte er tapfer, aber sichtlich geknickt, während Ocon sein Dauergrinsen nicht mehr in den Griff bekam. Denn abgesehen vom unmittelbar besseren Cockpit für 2017 bedeutet die neue Konstellation vor allem: In der Hierarchie der potenziellen Silberpfeil-Nachfolger hat Ocon Wehrlein überholt.

Pascal Wehrlein

Trauriger Blick: Pascal Wehrlein am Medien-Donnerstag in Sao Paulo Zoom

Im Qualifying am Samstag war Wehrlein um 0,005 Sekunden schneller als sein um zwei Jahre jüngerer Teamkollege. In Ocons Augen vor allem deshalb, weil er ausgerechnet von Wehrlein blockiert wurde. Am Boxenfunk zeigte sich der Gemütszustand der beiden: Während Ocon stoisch durchgab, die Aktion sei "nicht cool" gewesen, erfolgte Wehrleins Verteidigung in hörbar angespanntem Tonfall.

Es heißt, dass sich fahrerische Klasse in Regenrennen am deutlichsten zeigt. So gesehen war Interlagos 2016 ein weiteres Indiz für das, was das Force-India-Management schon vorher zu wissen glaubte: Von zwei außergewöhnlich guten Nachwuchspiloten ist Ocon unterm Strich der hauchdünn bessere.

Ohne Ocon wäre alles anders...

Kaum hatte das Safety-Car das Rennen freigegeben, lag der Franzose auch schon vor Wehrlein - und zwar auf den sensationellen Positionen zehn und zwölf. Während des gesamten Rennens schenkten sie sich nicht viel, aber als es im Finish darum ging, eventuell doch noch Felipe Nasr zu schnappen und dem Manor-Team die rund 40 Millionen Euro für WM-Platz zehn zu retten, war Ocon das heißere Eisen.

Wehrleins Pech ist: Hätten 240 Millionen Indonesier bis August ein paar mehr Spenden-SMS abgeschickt, wäre ihm gestern in Brasilien für eine weitere tolle Talentprobe applaudiert worden, er wäre auf dem Weg zu Force India gewesen und rundum glücklich. Aber im zweiten Manor saß so eben nicht Haryanto, sondern Ocon - der Sargnagel für seine weitere Karriereplanung.

Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass Wehrlein in die Formel 1 gehört, und eigentlich gehört er auch in ein besseres Team als Manor. Aber so, wie die Dinge derzeit stehen, könnte er am Ende bei der Cockpitvergabe sogar komplett leer ausgehen. Denn Manor fehlen im Budget plötzlich 40 Millionen Euro - und muss, um dieses Loch zu stopfen, vielleicht einen Paydriver verpflichten.

Das wäre eine mittlere Tragödie. Hoffentlich eine, die noch abzuwenden ist.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Esteban Gutierrez: Der eigentlich stets knuffige Mexikaner war gar nicht mehr so knuffig, als ihn sein Team wegen eines vermuteten ERS-Problems an die Box beorderte. Gutierrez sagte am Boxenfunk nur "Copy", schleuderte in der Garage aber seine Handschuhe auf die Werkzeugbank und war nur durch körperlichen Einsatz von Günther Steiner zu beruhigen. Der Wutausbruch lag wohl mehr an der kurz zuvor ausgehändigten Haas-Kündigung als am Rennausgang.

Und ob sein morgendlicher Besuch bei den Ex-Kollegen von Sauber zu mehr als einem gesunden Bircher-Müsli geführt hat, ist mehr als fraglich. Marcus Ericsson wird von seinen eigenen Förderern kaum gefeuert werden. Und Felipe Nasr hat Monisha Kaltenborn gerade 40 Millionen gute Gründe geliefert, an ihm festzuhalten...

Christian Nimmervoll

Ihr

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