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Charles Leclerc: Dank Jules Bianchi auf dem Weg zu Ferrari

Der designierte Formel-2-Champion hat seine Karriere auch seinem verstorbenen Sandkasten-Freund zu verdanken - Als Monegasse kein Millionärssöhnchen

Charles Leclerc
Charles Leclerc musste auf dem Weg nach oben zwei Schicksalsschläge verkraften
© LAT

(Motorsport-Total.com) - Er ist 19 Jahre alt, lugt unter einer verwuschelten Lausbuben-Frisur hervor und spricht drei Sprachen fließend: Wäre Ferrari-Junior Charles Leclerc in Insiderkreisen nicht längst ein gefeiertes Talent, würden die meisten den designierten Formel-2-Champion und Formel-1-Testfahrer (er fuhr bei vier Freien Trainings 2016 für Haas und war bei Tests zweimal für die Scuderia im Einsatz) für einen Pennäler halten, der aus Versehen in das Paddock abgebogen ist.

Dabei hat der Monegasse in seinem jungen Leben eine Menge durchgemacht, als er Kumpel Jules Bianchi und seinen Vater verlor. 'Motorsport-Total.com' sagt er, warum ihn Schicksalsschläge stärker gemacht haben. Und Leclerc räumt mit dem Mythos auf, dass er als Kind aus dem Fürstentum der finanziellen Probleme junger Rennfahrer ledig wäre. Das komplette Gegenteil war der Fall.

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Frage: "Charles, wo haben Sie mit Ihrer Karriere angefangen und wo wollen Sie noch hin?"
Charles Leclerc: "Ich habe im Alter von viereinhalb Jahren in Brignoles (eine Örtchen an der Cote d'Azur; Anm. d. Red.) angefangen. Es war fußläufig von Zuhause. Damals habe ich meinem Vater erzählt, dass ich krank wäre und nicht zur Schule könnte. Sein bester Freund war der Papa von Jules Bianchi. Unsere Familien waren sehr eng miteinander. Also haben wir zu aufgemacht zu ihrer Kartstrecke und ich bin zum ersten Mal gefahren."

"Dann ging alles ganz schnell. Auf dem Heimweg habe ich gesagt, dass ich Rennen fahren wollte, wenn ich älter bin. Seit diesem Tag tue ich es - bis 2013 im Kartsport. Schon seit 2011 - dem letzten Jahr, in dem ich überhaupt mit unserem Budget ausgekommen bin - stehe ich bei Nicolas (Todt, der Sohn des FIA-Präsidenten Jean; Anm. d. Red.) unter Vertrag. Er hat es mir möglich gemacht, überhaupt im Motorsport aktiv zu sein, denn der Sport ist extrem teuer. Seit 2014 bin ich Formel Renault, Formel 3, GP2 und Formel 2 gefahren. Seit zwei Jahren werde ich von Ferrari gefördert."

Frage: "Sie kommen aus Monaco. Da müssen Ihre Eltern doch Multimillionäre sein!"
Leclerc: "Meine Großeltern waren große Plastikproduzenten in Monaco. Sie waren relativ wohlhabend. Aber 2010 gab es eine Krise. Es war nicht mehr so einfach wie vorher. Die Menschen in Monaco, die so reich sind, sind die Ausländer, die zuziehen. Die wirklichen Monegassen sind nicht so vermögend, wie alle denken. Wir leben nicht in einem Armenhaus, aber Motorsport war nach 2010 zu teuer für uns."

Frage: "Ohne die Unterstützung der Bianchi-Familie wären Sie also nicht da, wo Sie jetzt sind?"
Leclerc: "Definitiv. Dass Nicolas sich meiner angenommen hat, was größtenteils Jules zu verdanken, der ihn dazu gebracht hat. Als drohte, dass ich aufhören muss, hat Nicolas mir finanziell geholfen."

Frage: "Wie hart hat Sie und Ihre Karriere also die Tragödie um Jules Bianchi getroffen?"
Leclerc: "Es war sehr schwierig. Ich kannte ihn seit meiner Geburt. Erst war es ein Schock. Ich war damals beim Saisonfinale in Jerez (der Formel Renault; Anm. d. Red.) und es fiel mir schwer, mich auf das Rennen zu konzentrieren. Dann galt es, eineinhalb Jahre zu warten, aber auch viel zu hoffen. Leider ist es nicht so geendet, wie wir es uns alle gewünscht hätten. Es war sehr schwierig, aber ich musste weitermachen und um seiner Willen gute Ergebnisse einfahren. Ich möchte ihn so gut wie möglich in Erinnerung behalten."

Frage: "Dann gab es in diesem Jahr einen weiteren Schicksalsschlag. Ich spreche über Ihren Vater ..."
Leclerc: "Klar, das war ebenfalls extrem schwierig. Mein Vater war meine engste Bezugsperson. Auch für meine Karriere. Er war immer wichtig, wenn es darum ging, Entscheidungen zu treffen. Er hat mir stets extrem geholfen. Und natürlich war er mein Vater! Ich liebte ihn mehr als jeden anderen. Ihn zu verlieren war so hart. Aber ich sehe das wie Jules: Mein Vater war mein größter Fan und hätte nicht gewollt, dass ich mich hängen lasse. Ich hatte nie Zweifel daran, nach Baku (zu den Formel-2-Rennen, die er auf Rang eins und zwei beendete) zu fahren und so stark wie möglich aufzutrumpfen."

Frage: "Ihr Vater war auch Rennfahrer?"
Leclerc: "Ja, erst ist Formel 3 gefahren. Er musste aber aus finanziellen Gründen aufhören. Es war vor meiner Geburt. Ich bin nicht Rennfahrer geworden, um ihm nachzueifern, sondern weil ich im Kart immer ein breites Grinsen auf dem Gesicht hatte. Es ging mir um Leidenschaft und den Genuss, das zu tun, was ich tue."

Frage: "Sie sind auf dem besten Wege, die Formel 2 zu gewinnen. Sie dürfen in diesem Falle nicht mehr antreten. Wo geht es dann für Sie hin?"
Leclerc: "Dann hoffe ich auf den Schritt in die Formel 1. Ich habe Nicolas und Ferrari an meiner Seite. Sie wägen die Optionen für meine Zukunft ab. Ich kann mich auf das Fahren konzentrieren."

Frage: "Könnte Ihnen Saubers neuer Ferrari-Deal eine Hilfe sein?"
Leclerc: "Klar. Zwei Cockpits mehr sind frei verglichen damit, wie es mit Honda gewesen wäre. Das ist natürlich positiv. Aber ohne gute Ergebnisse in der Formel 2 habe ich auch keine Chance."

Frage: "Und wenn Sie den Titel nicht holen?"
Leclerc: "Ich tue mein Bestes! Wenn es nicht klappt, überlege ich mir, ob ich zurückkomme. Aber ein Platz in der Formel 1 wäre das Optimum."

Frage: "Was ist Ihre große Stärke?"
Leclerc: "Vor zehn Jahren war ich mental sehr schwach. Ich war damals sehr emotional. Ist etwas schiefgelaufen, habe ich mich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Jetzt ist es eine Stärke. Daran habe ich gearbeitet. Ich habe erkannt, dass es im Leben wichtigere Dinge gibt als Motorsport. Es hat meinen Blick auf die Sache verändert."

Frage: "Sie haben Jules und Ihren Vater als Vorbilder beschrieben. Wen im Formel-1-Paddock bewundern Sie noch?"
Leclerc: "Ich habe ihn nie kennengelernt, aber ... Ayrton Senna. Mein Vater war ein großer Fan und hat mir die Faszination vermittelt. Ich interessiere mich sehr für sein Lebenswerk."

Frage: "Und von den aktuellen Fahrern?"
Leclerc: "Lewis (Hamilton; Anm. d. Red.) beeindruckt mich mit seinem Tempo auf einer Runde und nicht nur in diesem Bereich. Aber als ich zehn oder elf Jahre alt war, habe ich beschlossen, nur der Beste meiner Altersklasse sein zu wollen und ausschließlich an mir zu arbeiten. Mir wurde damals klar, dass zwei Fahrer nie die Gleichen sein würden. Ich bewundere, was Lewis in der Formel 1 tut und was Fernando (Alonso; Anm. d. Red.) getan hat. Trotzdem habe ich keine Vorbilder."

Frage: "Womit würden Sie ihr Geld verdienen, wenn Sie kein Rennfahrer wären?"
Leclerc: "Als Autoingenieur. Als ich kurz davor war, den Helm wegen der finanziellen Probleme an den Nagel hängen zu müssen, war ich noch jung, aber wollte schon ein Studium beginnen."

Frage: "Monaco liegt unweit der französisch-italienischen Grenze. War das eine Hilfe für die Zusammenarbeit mit den Italienern?"
Leclerc: "Als Kind habe ich viel mit Italienern zu tun gehabt. 99 Prozent der Kartteams kommen aus Italien. Als Jules Ferrari-Nachwuchsfahrer wurde, hat er viel mit den Chefs über mich gesprochen, was mir eine Hilfe war. Das war nützlicher als die räumliche Nähe zu Italien."

Frage: "Es gibt Ferrari-Fahrer und solche, die einen Ferrari fahren. Wie wollen Sie die Scuderia abseits der Strecke von sich überzeugen?"
Leclerc: "Was die Dinge außerhalb des Autos betrifft, haben sie sich nie über mich beklagt. Ich bleibe ich selbst. Es ist ein Traum, Ferrari-Fahrer zu werden."

Frage: "Warum sprechen Sie eigentlich so gut Englisch?"
Leclerc: (lacht) "Dass ich drei Jahre lang eine englische Freundin hatte, könnte geholfen haben."

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