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Ferrari-Stallorder 2002: Ein Österreich-Eklat für die Ewigkeit

Ein Grand Prix für die Ewigkeit: Wie die "Schiebung" von Ferrari für Empörung in der Formel 1 sorgte und Michael Schumachers Ausreden kein Gehör fanden

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Ikonischer Funkspruch von Jean Todt: "Let Michael pass for the campionship!" Jetzt durch die Geschichte des Grand Prix von Österreich klicken!
Ikonischer Funkspruch von Jean Todt: "Let Michael pass for the campionship!" Jetzt durch die Geschichte des Grand Prix von Österreich klicken!

(Motorsport-Total.com) - Der Grand Prix von Österreich 2002 auf dem A1-Ring in Spielberg ist eines der unrühmlichsten Kapitel in der Geschichte der Formel 1 und insbesondere des Ferrari-Teams. Schon 2001 schrieben die Scuderia und ein paar wenige Worte von Teamchef Jean Todt am Boxenfunk Geschichte in Spielberg: "Rubens, it's last lap. Let Michael pass for the championship! Let Michael pass for the championship! Rubens, please." Selbst heute weiß jedes auch nur einigermaßen Formel-1-affine Kind, wovon die Rede ist: vom vielleicht ikonischsten Funkspruch der Motorsport-Historie.

Im Jahr 2002 sorgte Ferrari abermals mit derselben Stallorder für noch mehr Aufsehen. Nicht nur, weil man dieselbe Aktion nochmals durchzog, sondern auch, weil es dieses Mal um den Sieg ging. 15 Jahre danach Grund genug, sich dem Rennen in einer Spezialausgabe unserer Serie "Ein Grand Prix für die Ewigkeit" anzunehmen.

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"Schiebung, Schiebung", rufen selbst die hartgesottensten Ferrari-Fans nach dem denkwürdigen Zieleinlauf 2002. Millionen von TV-Zuschauern fühlen sich betrogen, und in Graz wird sogar Anzeige wegen Wettbetrugs eingereicht. Einige Wettbüros beugen sich dem Druck und zahlen Gewinne für einen Sieger Rubens Barrichello aus.

Schon das ganze Wochenende schneller als Schumacher

Der ist eigentlich der würdige Sieger. Der schnellere der beiden Ferrari-Piloten, schon das ganze Wochenende. Im Freitagstraining nimmt er Schumacher 0,030 Sekunden ab, im Warm-up 0,019, im Qualifying sogar 0,622. Auch, weil Schumacher ins T-Car wechseln muss und mit Bremsproblemen zu kämpfen hat. Zwischen die beiden Ferraris qualifiziert sich Ralf Schumacher im Williams.

"Rubens war an jenem Wochenende schneller. Michael war nicht weit weg, aber Rubens war schneller", erinnert sich der damalige Ferrari-Pressesprecher Luca Colajanni im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Vielleicht hat das mit einer zeitlich bewusst gesetzten Moralinjektion zu tun. Bereits am Donnerstag gibt Ferrari vorzeitig die Vertragsverlängerung mit dem Brasilianer bekannt. Öffentlich. Nicht öffentlich ist: Hinter den Kulissen wird beschlossen, dass Schumacher gewinnen soll, wenn Ferrari auf den Positionen eins und zwei liegt. Alle im Team stimmen zu. Auch Barrichello.

Warum wird Barrichello nicht langsamer?

Umso nervöser wird der Ferrari-Kommandostand, als die Nummer "1b" auf die ersten Funksprüche seines Renningenieurs Gabriele Delli Colli, man möge bitte die Positionen tauschen, nicht reagiert. Acht Runden vor Schluss, so lautet zumindest die Ferrari-Version, wird erstmals Kontakt zu Barrichello aufgenommen. Aber in der 65. von 71 Runden hat er immer noch 3,8 Sekunden Vorsprung.

Die Funksprüche werden "immer aufdringlicher", erinnert sich der damalige Ferrari-Teamchef Jean Todt im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. Weil trotz mehrmaliger Anweisungen von Delli Colli und Technikdirektor Ross Brawn auch die letzte Runde mit Barrichello als Führendem beginnt, wenn auch nur noch mit einer Sekunde Vorsprung, sieht sich Todt zu extremen Maßnahmen gezwungen.

"Sie lagen in Führung. Beide wussten, wie das Rennen auszugehen hat. Wir hätten beim letzten Boxenstopp auch etwas vorspielen können. Aber es war ja offensichtlich, dass wir eine Entscheidung getroffen hatten", sagt der Franzose. "Ich selbst redete nie am Boxenfunk. Normalerweise waren das die Renningenieure. Manchmal Ross, wenn es um die Strategie ging. Ich redete nur, wenn die allerhöchste Autorität gefragt war."

Rennleiter Todt: Fast nie selbst am Boxenfunk

Und die "allerhöchste Autorität" war in all den Jahren der goldenen Ferrari-Ära nur sehr selten erforderlich: "Ich glaube, er ist danach nie wieder selbst an den Funk gegangen", meint Colajanni heute über den Funkspruch 2001. Und tatsächlich ist in der TV-Übertragung 2002 kein Funkspruch von Todt an seine Piloten zu hören. Der Franzose schiebt Ross Brawn hingegen handgeschriebene Zettelchen zu, der Brite darf die Nachricht dann an Barrichello überbringen.

Der Brasilianer leistet der Stallorder, wie schon im Jahr zuvor, Folge - allerdings erst in der allerletzten Kurve. Dadurch entsteht das, was der Ex-Ferrari-Teamchef heute immer noch als "peinliche Situation" bezeichnet.

Ein Vorwurf, zu dem sich Barrichello auch 15 Jahre später nicht äußern möchte. Er beantwortet unsere Anfrage höchstpersönlich per E-Mail, stellt aber klar, dass er zu dem Thema keine Interviews geben möchte. Vielleicht werde er eines Tages seine Geschichte erzählen. Vielleicht in seiner Autobiografie.

Podium kostet Ferrari 500.000 US-Dollar

"Für Michael", sagt Todt, "war es besonders peinlich. Er war ein zurückhaltender Charakter. Darum stieg er auch nicht auf das mittlere Treppchen - was er hätte tun sollen, denn er hatte das Rennen gewonnen." Das "Kasperltheater" auf dem Podium hat auch etwas Gutes: Es liefert der FIA eine Angriffsfläche, Ferrari zu bestrafen. Die Stallorder 2002 alleine hätte dafür nicht ausgereicht.

Während die Fans buhen, Barrichello von den Journalisten im Pressezentrum frenetisch bejubelt und Schumacher ausgepfiffen wird, ist Streckensprecher Robert Seeger, ein Urgestein des österreichischen TV-Senders ORF, schon auf dem Heimweg. Um dem Stau zu entgehen. Er sieht in all dem ohnehin keine große Sache: "Ich habe das persönlich nicht als negativ empfunden", argumentiert er anno 2017.

"Man hat in der Formel 1 ein Theater gemacht, aber in anderen Sportarten war es auch immer wieder so, dass die Nummer 1 den Vortritt hatte", verweist er etwa auf die Tour de France. "Viel war dem Umstand geschuldet, dass Schumacher nicht bei allen beliebt war. Ich persönlich mochte ihn, denn in seiner Zeit war er mit Abstand der beste Rennfahrer. Daher habe ich das als Streckensprecher nicht als schlimm empfunden."

Scharfe Kritik der Konkurrenz

Allerdings räumt er ein: "Man hat es ungeschickt gemacht. Barrichello ohne ersichtlichen Grund abbremsen zu lassen, wurde natürlich nicht gut aufgenommen. Ich persönlich habe mich nicht empört. Für mich war das Stallorder. Der, der Weltmeister werden soll, hat teamintern halt den Vortritt."

Die Konkurrenz der Saison 2002 sieht das weniger locker. "Das war das zynischste Ende eines Rennens, das ich je erlebt habe", tobt etwa Williams-Technikchef Patrick Head. "Wenn du so ein überlegenes Auto hast wie Ferrari, hast du eine Verpflichtung, ein Rennen zu bieten. Es gab Zeiten, da war Williams ähnlich überlegen wie Ferrari heute, aber wir haben immer ein Rennen gezeigt. Immer!"

Während der internationalen FIA-Pressekonferenz versucht sich Schumacher zu erklären. Barrichello sei großartig gefahren, er hätte ihn aus eigener Kraft weder ein- noch überholen können. Warum er die Stallorder nicht einfach ignoriert und Barrichello gewinnen lassen hat? "Ich hörte erst ganz kurz vor Schluss am Funk, dass mir Rubens Platz machen würde. (...) Ich erwog kurz, die Entscheidung des Kommandostands zu ignorieren. Ich wollte das alles eigentlich gar nicht."

Villeneuve glaubt Schumacher nicht

Konter von Jacques Villeneuve: "Wenn er so tut, als wäre ihm das alles unangenehm, dann hätte er das ganz einfach verhindern können, indem er Barrichello nicht überholt." Auch Mika Häkkinen gibt seinen Senf ab: "Wenn ich Rubens gewesen wäre, hätte ich Michael nicht überholen lassen." Und Legende Jackie Stewart findet: "Schumacher hätte den Boxenbefehl ignorieren müssen."

Das Verhältnis zwischen Todt und Barrichello ist in Spielberg kurzzeitig angespannt. Langfristig sollte es - zumindest aus Sicht des Ferrari-Teamchefs - nicht leiden: "Es war gut. Ehrlich. Ich habe immer versucht, die Situation eines Fahrers zu verstehen. Aber die Sache war vor dem Rennen abgesprochen. Rubens hat dann etwas versucht, was nicht geplant war."

"Michael hat ihm danach zwei Siege zurückgegeben. Rubens hat sehr gute Arbeit für uns geleistet. Er verbrachte die besten Jahre seiner Karriere bei Ferrari."

Riesenglück bei Horrorcrash

Im Schatten der Stallorder-Affäre ist Spielberg 2002 ein unterhaltsames Rennen. Und eines mit einem kleinen Wunder: Als Nick Heidfelds Sauber beim Anbremsen der Remus-Kurve ausbricht, torpediert er den Jordan von Takuma Sato. Heidfeld steigt unverletzt aus, Sato verbringt eine Nacht im Krankenhaus. Letztendlich kommen beide mit einem blauen Auge davon.

Hinter den Ferraris wird Juan Pablo Montoya vor seinem Williams-Teamkollegen Ralf Schumacher Dritter. Der Kolumbianer wagt mit den konservativ ausgelegten Michelin-Pneus eine kuriose Strategie: ein Tankstopp, aber kein Reifenwechsel. Und Riesenglück, dass er beim Heidfeld-Sato-Crash nicht abgeschossen wird: "Ich kann gar nicht genug betonen, wie viel Dusel ich hatte!" Der Rest des Rennens gerät in Vergessenheit.

Und so sind es die Randnotizen aus Spielberg, die einen 15 Jahre später zum Schmunzeln bringen. Etwa die Nachricht, dass Audi und der Volkswagen-Konzern vor einem Formel-1-Einstieg stehen sollen. Dass 2003 drei Autos pro Team kommen könnten. Und dass Ralf Schumacher während des Wochenendes seine Haarfarbe wechselt: von kurzzeitig blond zurück zu braun ...

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