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Interview: Die Frau mit dem Diktiergerät

Sabine Kehm erinnert sich an 13 Jahre an Michael Schumachers Seite und verrät zum Beispiel, wie sie ihrem Schützling bei TV-Interviews geheime Signale gegeben hat

Sabine Kehm und Michael Schumacher
Michael Schumachers medialer Schatten: Kein Interview ohne Sabine Kehm...
© xpbimages.com

(Motorsport-Total.com) - Sie kennen sie wahrscheinlich als die Frau mit dem Diktiergerät: Wann immer Michael Schumacher bei 'RTL' im Gespräch mit Kai Ebel über den Bildschirm flimmerte, konnte man im Hintergrund eine reingesteckte Frauenhand mit Diktiergerät sehen. Diese gehörte zu Sabine Kehm, der Medienbetreuerin und seit dem Comeback auch Managerin des Formel-1-Superstars.

Da Schumacher selbst seine Interviews sehr selektiv auswählt, fragten wir für unseren Jahresrückblick alternativ jene Frau an, die den siebenmaligen Weltmeister seit 1999 - mit Ausnahme vielleicht von Ehefrau Corinna - am nächsten und intensivsten erlebt hat. Kehm erzählt von ihren Anfängen als Journalistin, als sie Michael Schumacher noch gar nicht kannte und gerade mal drei Grands Prix im Fernsehen gesehen hatte, aber nach Hockenheim geschickt wurde, weil keiner der Kollegen wollte.

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Und sie schildert zum ersten Mal aus ihrer Sicht, wie es ist, wenn unzählige Medienanfragen gehandhabt werden müssen und man sich mit dem Chef im Schlepptau durch Menschenmengen kämpft. "Ich war der Filter und auch ein bisschen der Prellbock", sagt sie in einem Interview, nach dem sie viele Journalisten-Kollegen vielleicht etwas besser verstehen werden...

Zeitungsredaktion: Niemand wollte Formel 1 machen

Frage: "Frau Kehm, können Sie sich noch erinnern, wie und wann Sie zum ersten Mal den Namen Michael Schumacher gehört haben?"
Sabine Kehm: "Ich war Sportjournalistin. Mein Arbeitgeber Die Welt wollte zum ersten Mal seit gefühlten 1.000 Jahren wieder jemanden zu einem Formel-1-Rennen schicken, was den Herren in der Redaktion schwer fiel, denn zur damaligen Zeit war die Formel 1 in Deutschland ein No-Go-Thema."

Michael Schumacher
Sabine Kehm stand bei TV-Interviews immer an Michael Schumachers Seite
© xpb.cc

"Die Welt war eigentlich immer ein Medium, das sich vom Motorsport ferngehalten hatte, weil sie es als Sponsorensport mit Durchgeknallten betrachtete, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um es drastisch zu sagen. Dann gab's aber eben plötzlich diesen Michael Schumacher, der schon zwei, drei Rennen gewonnen hatte und nach seinen Siegen in den ersten Saisonrennen 1994 plötzlich mitten im WM-Kampf war."

"Das stellte Die Welt vor das Problem, dass sie plötzlich das Gefühl hatte, diesen Sport nicht mehr ignorieren zu können. Keiner der etablierten Kollegen wollte das machen - da sieht man mal, wie sich die Zeiten ändern! Ich wurde dann ausgewählt, zum Deutschland-Grand-Prix zu fahren."

Frage: "In welchem Jahr war das?"
Kehm: "1994, im ersten Jahr, als Michael um die WM kämpfte. Ich hätte eigentlich nach Imola fahren sollen, aber das wurde Gott sei Dank kurzfristig abgesagt. Ich sage deswegen Gott sei Dank, weil ich dann bei meinem ersten Formel-1-Rennen gleich zwei Tote zu beklagen gehabt hätte - und ich glaube, dann hätte ich nicht weitergemacht mit der Formel 1."

Thema Formel 1 war nicht unumstritten

Frage: "Das heißt, die Formel 1 war damals nach diesen Todesfällen in Imola ein sehr unpopuläres Thema, das niemand so recht wollte. Ich erinnere mich noch gut an die legendäre TV-Sendung 'Der heiße Stuhl' mit Niki Lauda, in der sehr hitzig und emotional darüber diskutiert wurde, die Formel 1 zu verbieten."
Kehm: "Und nicht nur wegen der Todesfälle. Michael hatte seine ersten Siege 1992 und 1993 gefeiert, aber die Formel 1 wurde von vielen Zeitungen damals nicht als echter Sport anerkannt. Es gab eine große öffentliche Diskussion darüber."

Frage: "Wenn keiner der etablierten Kollegen zur Formel 1 wollte, warum Sie?"
Kehm: "Ich war Jungredakteurin und hatte deswegen Lust, ein Thema besetzen zu dürfen, in dem eben noch keiner der etablierten Kollegen fest drinsaß. Aber ich muss auch gestehen, dass ich damals wirklich wenig Ahnung davon hatte. Zum ersten Rennen in Hockenheim 1994 bin ich mit großen Manschetten gefahren, weil ich nicht wusste, wie man mich dort aufnehmen würde. Ich war relativ jung und eine Frau, was damals im Sport noch nicht ganz so verbreitet war."

"Aber ich habe schon nach einer halben Stunde gesehen, dass das ein tolles journalistisches Feld ist, an dem ich extrem interessiert war - weniger an der Technik, schon immer mehr an den Menschen. Ich hatte den Eindruck, da ist ein kleines Fahrerlager voller sehr interessanter Charaktere - und dadurch auch voller Geschichten."

Schumacher noch nie zuvor gesehen

Frage: "Kannten Sie Michael davor schon?"
Kehm: "Das war das erste Mal, dass ich mit Michael in Berührung kam, denn die Geschichte an diesem Wochenende war natürlich Michael Schumacher. Aber ich kannte ihn gar nicht und ging völlig neutral und vorurteilsfrei an diesen Sport ran."

Frage: "Wie viele Formel-1-Rennen hatten Sie denn damals schon gesehen, live vor Ort beziehungsweise im Fernsehen?"
Kehm: "Live vor Ort noch gar keins, da war Hockenheim mein allererstes Formel-1-Rennen. Im Fernsehen Pi mal Daumen - damals gab's nicht viel Fernseh-Berichterstattung über die Formel 1 - vielleicht drei."

"Ich war kein Motorsport-Afficionado, wie man so schön sagt, sondern ich war eine Sportjournalistin."
Sabine Kehm

"Ich war kein Motorsport-Afficionado, wie man so schön sagt, sondern ich war eine Sportjournalistin und hatte ein großes Herz für Sport aller Arten. Deswegen hat mich das interessiert, aber es war jetzt nicht eine meiner Kernsportarten. Hauptsächlich habe ich über Tennis und Fußball geschrieben. Fußball war sowieso groß, Tennis durch Becker und Graf damals auch."

Frage: "Wie kam es zur ersten persönlichen Begegnung mit Michael? Können Sie sich daran noch erinnern?"
Kehm: "Ja, daran kann ich mich natürlich erinnern. Es gab damals - wie auch heute noch - diese Mediensessions, also Runden, bei denen man sich mit den Fahrern zusammensetzen konnte. Das waren ganz klassisch die ersten Begegnungen, die ich mit ihm hatte: Ich saß bei diesen Medienrunden wie alle anderen Kollegen auch. Ich habe mir den Mann angeguckt wie alle anderen Kollegen auch - und die meisten Kollegen, die heute noch dort sitzen, saßen damals mit an dem Tisch."

Nie geplant, in den PR-Bereich zu wechseln

Frage: "Schien es Ihnen damals schon vorstellbar, dass Sie mit diesem Mann eines Tages auf einer anderen Ebene zusammenarbeiten würden?"
Kehm: "Nein. Das war nie mein Ziel, auf die Idee bin ich überhaupt nie gekommen. Ich war sehr ambitioniert als Sportjournalistin, Journalistin generell - ich konnte mir nicht vorstellen, etwas anderes zu machen."

"Ich weiß das noch wie heute: Es war in Mugello bei einem Test. Wir saßen beim Essen und fingen an, dieses Interview zu machen."
Sabine Kehm

Frage: "In welchem Zusammenhang hatten Sie dann zum ersten Mal intensiver Kontakt mit ihm?"
Kehm: "Die erste Situation, bei der ich näher drankam, war bei einem großen Interview - das allererste, das ich für Die Welt mit ihm gemacht habe. Ich weiß das noch wie heute: Es war in Mugello bei einem Test. Wir saßen beim Essen und fingen an, dieses Interview zu machen."

"Mitten in einem seiner Sätze ging die Tür auf und einer von Michaels Ingenieuren kam herein. Er sagte: 'Sorry, ich muss kurz unterbrechen. Michael, wir haben hier Daten, die können wir nicht zuordnen. Wir sind uns nicht sicher, wie die zustande gekommen sind. Wir brauchen dich noch einmal für drei Runden, damit wir diese Daten verstehen.' Er stand auf, zog den Overall wieder zu, lief runter, drehte diese drei Runden und kam wieder in den Raum, in dem wir für das Interview saßen. Er setzte sich hin, machte den Overall wieder auf und sprach den Satz zu Ende."

Beeindruckt bei Interview in Mugello

"Das war das erste Mal, dass ich dachte, 'Wow!', denn da hat man seine extreme Konzentrationsfähigkeit gesehen. Ich hatte damals das Gefühl, er hat das Interview mehr im Griff als ich. Beim zweiten Interview, das ich mit ihm hatte, war ich dementsprechend besonders gut vorbereitet."

"Ich glaube auch - ohne mit ihm jemals darüber gesprochen zu haben -, dass das einer der Momente war, wo er auf mich anders aufmerksam wurde. Dieses zweite Interview war lang, weil plötzlich sein Auto kaputt ging - das waren noch die Zeiten, in denen das beim Testen häufiger passierte. Es wurde ein richtiger Schlagabtausch, eben weil ich gut 'bewaffnet' war. Das ist ihm aufgefallen, vermute ich."

Frage: "Wie fand dann der erste Kontakt statt, um Sie als Medienbetreuerin an Bord zu holen? War das ein Telefonat, war es ein persönliches Gespräch, kam es ganz plötzlich oder kündigte es sich an?"
Kehm: "Da kann ich vielleicht mit einer Mär aufräumen, die sich schon lange hält, nämlich dass ich deswegen gefragt wurde, ob ich den Job mache, weil ich einen besonders tollen Artikel über Michael geschrieben hatte, der Corinna aufgefallen sein soll."

"Diese Version habe ich schon zwei-, dreimal gelesen. Das letzte Mal, als ich in einem Interview mit einem Journalisten darüber gesprochen habe, habe ich ihm erzählt, dass es so überhaupt nicht war, dass das völlig falsch ist. Er hat es aber trotzdem so geschrieben, weil diese Geschichte so toll klang. Aber sie stimmt trotzdem nicht."

Kooperation ab Ende 1999

Frage: "Also, wie war es dann wirklich?"
Kehm: "Im Zuge von Michaels Beinbruch in Silverstone 1999 gab es eine sehr hysterische Phase. Die deutschen und italienischen Medien haben nach Informationen gelechzt, und da gab es relativ unschöne Szenen bei Ferrari wegen der italienischen Medien. In dem Zusammenhang war Heiner Buchinger, mein damaliger Vorgänger, nicht mehr zu halten."

"Ich wurde dann von Willi Weber angerufen, der logischerweise nicht gleich mit der Kirche ins Dorf fallen wollte, der aber den klaren Auftrag hatte, mir für Michael diesen Job anzubieten. Erst hat er so getan, als ob es der Job für Ralf sei - vielleicht weil er Angst hatte, dass ich das als Geschichte machen würde. Ich war eine sehr überzeugte Journalistin und habe am Anfang gesagt, ich möchte das nicht machen."

Sabine Kehm, Willi Weber, Corinna Schumacher und Balbir Singh
Das Team Schumacher: Sabine Kehm, Willi Weber, Corinna und Balbir Singh
© xpbimages.com

"Aber im Laufe des Gesprächs wurde mir klar, wir reden überhaupt nicht über Ralf, sondern wenn, dann über Michael. Willi hat dann immer wieder gesagt, ich soll es mir wenigstens überlegen, und das habe ich dann tatsächlich getan, obwohl ich eigentlich nie auf die PR-Seite wechseln wollte. Aber als Journalist will man immer wissen, wie es hinter den Kulissen zugeht, und hier war die Chance, die Wirklichkeit zu sehen. Das war Ende 1999."

"Michaels erstes Rennen nach seinem Beinbruch war Malaysia. Ich stand im Fahrerlager mit ein paar Kollegen zusammen, da kam er aus einem Ingenieursmeeting auf uns zu und hat sich zu uns gestellt. Ich weiß noch, dass ich damals dachte: 'Das ist aber sehr ungewöhnlich, dass er sich mitten ins Fahrerlager reinstellt.'"

Von Michael und Corinna erstmal abgecheckt

"Es dauerte auch original nur fünf Minuten, weil wie immer so viele Fotografen ankamen, dass man nicht mehr reden konnte. Ein paar Minuten später kam seine Frau Corinna und stellte sich auch dazu. Ich fand es nett, dass die alle plötzlich angeregt mit mir plaudern wollen, aber wahrscheinlich wollten sie mir ein bisschen auf den Zahn fühlen, ohne dass ich das merkte."

Michael Schumacher mit Medienbetreuerin Sabine Kehm
Sabine Kehm auf dem Weg zur Arbeit: Mit dem Chef auf dem Motorroller...
© xpb.cc

Frage: "Haben Sie diese Entscheidung irgendwann in all den Jahren bereut?"
Kehm: "Ich habe es nie bedauert. Schon alleine die Tatsache, wie lange wir zusammenarbeiten, zeigt das eigentlich. Michael hat mich immer respektvoll behandelt. Aber sagen wir mal so: Ich war wirklich eine sehr überzeugte Journalistin und habe am Anfang schon überlegt, ob ich wieder in den Journalismus zurückgehen soll. Das war die ersten zwei, drei Jahre schwierig, aber dann wurden meine Aufgaben immer mehr und vielfältiger. Ich war ab einem gewissen Punkt so stark eingebunden, dass der Job immer interessanter wurde."

Frage: "Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Michael in all den Jahren verändert?"
Kehm: "Natürlich hat sich das Verhältnis entwickelt, natürlich ist es von einem reinen Arbeitsverhältnis mehr zu einem freundschaftlichen Verhältnis geworden. Ich habe aber schon nach wie vor ein Arbeitsverhältnis mit ihm. Es ist nicht so, dass wir als Freunde zusammensitzen und an diversen Sachen basteln. Wir arbeiten zusammen, er ist mein Chef - und auf privater Ebene ein Freund. Wir bemühen uns auch, das so beizubehalten."

Journalistische Vergangenheit hilft

"Ich glaube, dass es ein großer Vorteil ist, wenn man neutral auf Dinge schauen kann und nicht nur aus freundschaftlicher Sicht. Ich glaube, es war gut, dass ich immer versucht habe, diesen journalistischen Blick nicht zu verlieren, um beurteilen zu können, wie die Journalisten und die Öffentlichkeit etwas einschätzen."

"Es gibt natürlich auch Momente, wo wir nicht einer Meinung sind. Das Gute an Michael ist - obwohl er sich wahrscheinlich leisten könnte, das nicht zu machen -, dass er sehr gern die Meinung von anderen Leuten einholt. Ob er der dann immer folgt, steht auf einem zweiten Blatt, auch wenn er das überdurchschnittlich häufig tut. Aber er hat ganz klar den Ansatz, zu sagen: 'Das ist der Bereich, in dem kennst du dich besser aus, und wenn du der Meinung bist, es ist besser so, dann machen wir es so.' Das betrifft nicht nur die Ingenieure, das betrifft eben auch meine Arbeit."

"Das habe ich immer sehr geschätzt, dass er nicht beratungsresistent ist wie manche andere, die vielleicht vom Status her vergleichbar sind. Michael hört sich die Meinung von Leuten sehr genau an und wählt dann seinen Weg. Es gab in all den Jahren durchaus auch Friktionen, aber ich halte es für gut, dass er diesen Friktionen nicht aus dem Weg geht."

Frage: "Eine schwierige Situation, wenn Sie anderer Meinung waren als Michael, der letztendlich Ihr Chef war. Gab es trotzdem Momente, in denen Sie ihm Ihre Meinung gegeigt haben?"
Kehm: "Es gab natürlich Meinungsverschiedenheiten über bestimmte Ansätze oder Wege, die man gehen sollte. Aber Meinungsverschiedenheit meine ich im wörtlichen Sinn: unterschiedliche Ansichten im Zuge einer Diskussion."

Situation hätte beinahe zur Trennung geführt

"Wir haben uns nie laut gestritten oder so, das ist nicht sein Stil, und meiner, nebenbei, auch nicht. Michael hört sich alles an, fragt sehr gezielt nach - und wenn er dann das Gefühl hat, ein Ansatz ist fundiert und wurde genau durchdacht, dann akzeptiert er eine andere Meinung ohne Probleme. Es gab nur eine einzige Situation, die ein bisschen heftiger war."

"Es war eine Situation, wo wir dann auch wirklich gesagt haben, vielleicht arbeiten wir nicht mehr zusammen."
Sabine Kehm

"Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich das nicht näher ausführen möchte, aber es war eine Situation, wo wir dann auch wirklich gesagt haben, vielleicht arbeiten wir nicht mehr zusammen. Dann kam er von sich aus wieder auf mich zu und hat das grandios gelöst. Davon war ich sehr beeindruckt, denn das hätte er nicht machen müssen. Diese Situation hat uns fast noch mehr zusammengeschweißt."

Frage: "Das kennt man ja auch aus tragischen Familiensituationen, in denen die Familienmitglieder noch enger zusammenrücken. Der Vergleich ist drastisch, aber grundsätzlich ist das Prinzip das gleiche, nicht wahr?"
Kehm: "Genau, wobei das natürlich wirklich ein zu drastisches Beispiel ist."

Frage: "Können Sie diese kritische Situation in Ihrem Verhältnis zumindest zeitlich ungefähr zuordnen?"
Kehm: "Das war so nach zwei, drei Jahren, anfangs des Jahres, relativ am Anfang der Ferrari-Zeit."

Fast täglich Kontakt zum Chef

Frage: "Inzwischen ist seine aktive Formel-1-Karriere beendet. Wie oft haben Sie seit dem Saisonfinale in Sao Paulo persönlich mit Michael gesprochen?"
Kehm: "In der Woche nach Sao Paulo war er mit Corinna eine Woche in den USA, bei einer Reining-Show in Oklahoma. Seit der ersten Dezember-Woche ist er wieder da, und seither habe ich ihn fast jeden Tag gesehen. Er ist häufig zu Meetings im Büro, weil noch viele Sachen zu klären sind. Dann gab es Weihnachtsfeiern und Sponsorentermine, wie zum Beispiel in Le Castellet der Tag beim Motorradfahren, oder das Race of Champions."

"Bis Weihnachten ist es relativ busy, aber im nächsten Jahr versuchen wir, den Januar und den Februar möglichst frei zu halten."
Sabine Kehm

"Bis Weihnachten ist es relativ busy, aber im nächsten Jahr, das stimmt, versuchen wir den Januar und den Februar möglichst frei zu halten - wobei das auch nicht ganz geht. Wir haben jetzt schon drei Sponsorentermine in dieser Zeit, aber ansonsten versuchen wir, diese Zeit nicht so vollzustopfen. Schließlich soll er nach dem Karriereende auch mal runterkommen können."

Frage: "Dabei hätte man erwartet, dass er nach einer so langen Karriere jetzt erst mal ein paar Wochen die Beine hochlegt und gar nichts macht."
Kehm: "Das kann er ja gar nicht. Wir können die ganzen Partnerschaften, die wir haben, nicht für ein halbes Jahr auf Eis legen. Und daran hat er auch Spaß."

"Michael ist jemand, der Sponsoren eher als Partner versteht. Wenn er eine solche Partnerschaft eingeht, bringt er sich auch gerne ein. Er ist da oft sehr kreativ und hat gute Ideen, muss ich sagen. Er genießt es, Input zu geben. Zum Beispiel die Audemars-Piguet-Uhr: Der Designer war sehr oft bei uns im Büro, wir haben sehr oft mit ihm darüber geredet. Michael ist da sehr engagiert."

Keine großen Projekte mehr?

Frage: "Natürlich werden Sie nicht verraten, wie seine Zukunftsplanung aussieht, aber ist schon eine Entscheidung gefallen, was er jetzt machen wird?"
Kehm: "Ich glaube, da ist die Erwartungshaltung falsch. Michael möchte nicht mit der Formel 1 aufhören, um sich 24/7 mit einem anderen Thema zu beschäftigen. Er sagt ja, er will diese Energien nicht mehr aufbringen, also wird er sich nicht direkt ins nächste große Ding stürzen, etwa eine Saison in einer anderen Motorsport-Serie. Das kommt für ihn nicht in Frage."

"Er hat nicht vor, zurückzutreten und dann übergangslos das nächste große Ding anzugehen. Ob er sich jemals wieder zeitlich so engagieren wird wie jetzt in einer Formel-1-Saison, die ja doch sehr zeitintensiv ist, halte ich für sehr fraglich. Er wird ganz andere Sachen machen, sich in Projekte einbringen, neue Felder eruieren. Wir sind mit diversen Leuten in Gespräch, und das wird sich mit Sicherheit Anfang nächsten Jahres intensivieren."

"Ob diese Projekte dann umgesetzt werden oder nicht, muss man sehen. Aber jetzt ist schlichtweg auch mehr Zeit dafür da. Es war ja so, dass in den vergangenen drei Jahren sehr viel auch recht eingedampft war. Im Oktober und November war ich zum Beispiel wegen der Formel-1-Rennen keine sechs Tage im Büro. Da kommt man nicht dazu, neue Ideen zu entwickeln."

Frage: "Michael wird es jetzt vermutlich erst einmal genießen, nicht mehr in der Öffentlichkeit exponiert zu sein, aber können Sie sich vorstellen, dass ihm diese Öffentlichkeit irgendwann zu fehlen beginnen wird?"
Kehm: "Ganz persönlich ist er ein Typ, dem das nicht fehlen würde, denke ich. Aber von seinem Arbeitsethos und auch von seiner professionellen und effizienten Einstellung und Intelligenz heraus weiß er, dass es nicht sinnvoll ist, sich auf Dauer komplett aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Gerade im Hinblick auf seine Partner. Er ist sich natürlich seiner Medienwirksamkeit bewusst."

Warum Kehm ein "Verhinderer" sein musste

Frage: "Viele unserer Leser kennen Sie vor allem als die Frau im Hintergrund bei den TV-Interviews, die Frau mit dem Diktiergerät. Von vielen Journalisten wurden Sie als Verhinderer gesehen, obwohl Sie davor mal selbst Journalistin waren. War es schwierig, sich mit dieser Rolle anzufreunden?"
Kehm: "Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass das ganz viele Leute so sehen. Ich schäme mich auch nicht dafür, zuzugeben, dass ein großer Teil des Jobs genau das war: Ich war der Filter und auch ein bisschen der Prellbock."

"Bei so großem medialen Interesse ist das unabdingbar und gar nicht anders machbar, wie auch Britta (Roeske, Medienbetreuerin von Sebastian Vettel; Anm. d. Red.) seit ein paar Jahren sieht. Wir dürfen nicht vergessen, dass Michael Schumacher gerade während der Ferrari-Jahre eigentlich das einzige Thema in der Formel 1 war. Heute gibt es mehrere Weltmeister im Feld, damals drehte sich alles immer nur um ihn."

"Ein Mann, der über so viele Jahre in Folge immer im WM-Kampf war - das gab und gibt es in keinem anderen Bereich im Sport. Medial hat sich wirklich alles an ihm aufgezogen. Da ist es nicht zu schaffen, es allen recht zu machen, und man darf auch nicht unterschätzen, was das mental bedeutet. Da ist diese permanente Aufmerksamkeit, die auf einem ruht - alle Augen, immer, und alles immer nur auf einem. Das ist wirklich extrem anstrengend, auch körperlich."

Prellbock, damit Schumacher seine Ruhe hat

"In der Formel 1 sind an einem Wochenende vielleicht 400 Journalisten akkreditiert, und alle wollten etwas von diesem einen Menschen. Dieses Missverhältnis kannst du nicht auflösen. Mein Job war dann auch oft, dafür zu sorgen, dass er seinen Job so ungestört wie möglich ausführen kann. Jede Ablenkung ist ja ein Stören der Konzentration, und wenn du im WM-Kampf bist, musst du eben Prioritäten setzen."

Frage: "Können Sie konkret aus Ihrer Sicht beschreiben, was das Anstrengende daran war?"
Kehm: "Ein Beispiel: Mein allererster Event, als ich mit Michael arbeitete, waren die Skitage in Madonna di Campiglio. Ich weiß noch, dass ich damals auch körperlich extrem angestrengt war, weil ich die ganze Zeit das Gefühl hatte, ich muss rennen, ich muss mich verteidigen, ich muss schubsen. Ich wurde ständig geschubst und musste mich immer durch irgendwelche Menschenmengen wühlen, die mich alle anstarrten, aber eigentlich nicht mich meinten - das bedeutet, für den, den sie meinten, muss das noch viel intensiver sein. Das darf man absolut nicht unterschätzen."

"Ein anderer Teil meines Jobs war, die PR im Sinne von Imagebildung aufzumachen. Ich kann total nachvollziehen, dass einige Journalisten extrem unzufrieden mit mir waren, aber andere dafür vielleicht weniger. Ich wollte auch dafür sorgen, dass Michael in Medien vorkommt, die nicht so Formel-1-lastig sind, was damals noch keineswegs normal war. Für das große Ganze war es damals vielleicht in vielen Punkten wichtiger, in meinungsbildenden Medien vorzukommen und nicht hauptsächlich in Fachmedien. Es gibt da wie immer manchmal widersprüchliche Interessen."

Schumacher und die Bild-Zeitung

"Ich hatte die Diskussion früher oft mit der Bild-Zeitung, weil sie sehr unzufrieden waren, dass sie nicht so an ihn rankamen. Da musste ich sagen: 'Unabhängig davon, dass wir uns persönlich gut verstehen, arbeiten wir für verschiedene Leute.'"

Frage: "Hatten Sie da auch einen Code mit Michael vereinbart, dass Sie ihm bestimmte Zeichen geben, wenn er im Interview etwas sagt, was zu seinem Nachteil ausgelegt werden könnte?"
Kehm: "Ja, natürlich! Der Grund, weswegen ich in den letzten drei Jahren, als ich eigentlich schon längst das komplette Management übernommen hatte, immer noch in diesen Runden dabei war, war der, dass Michael sagte: 'Du, ich will eigentlich schon, dass du mich da vorher kurz briefst. Ich bin es gewohnt, dich dabei zu haben.'"

"Das Gute ist ja als ehemaliger Journalist, dass ich nach einem Rennen sagen konnte: 'Pass mal auf, das große Thema ist das, und pass auf in die Richtung, sonst wird dir dieses daraus gestrickt.' Natürlich habe ich das gemacht, das ist auch mein Job. Das sind Dinge wie Blicke, oder vielleicht bewegt man den Kopf so und so, oder macht mit den Füßen gerne mal Dinge. Das weiß er schon zu deuten."

Frage: "Ich möchte beim Bild der Frau mit dem Diktiergerät im Hintergrund bei den Interviews bleiben, denn so sind Sie unseren Lesern am besten bekannt. Damals war das noch recht unüblich. Wie kam es dazu, dass Sie das so professionalisiert haben?"
Kehm: "Ich muss manchmal lachen, wenn ich heute alle PR-Leute mit diesen Mikrofonen dastehen sehe. Ich weiß gar nicht, ob ich das geprägt habe oder ob es das vorher schon gab."

Aufzeichnen für die italienischen Journalisten

"Mir ging's dabei immer um zwei Sachen. Als ich noch selbst Journalist und Michael schon bei Ferrari und ein Riesenthema war, kam ich als Printjournalist nicht so gut ran an Zitate von Michael. Genauso ging es auch den italienischen Medien, die täglich große Mengen über Ferrari berichten müssen - für die war jeder Satz extrem wertvoll. Ich konnte deren Nöte sehr gut verstehen."

"Als ich anfing, für Michael zu arbeiten, war das Erste, woran ich dachte, dass ich versuchen muss, denen so viel Information zu geben, damit sie es sich nicht selbst aus den Fingern saugen. Also war mein Service, sich hinterher mit ihnen zusammenzusetzen und ihnen alles zu übersetzen, was Michael auch deutschen Medien sagte, denn dann haben sie viel Stoff und fühlen sich nicht schlechter behandelt als die deutschen Medien."

"Eher nur der zweite Vorteil des Mitschneidens war, dass ich jederzeit belegen konnte, was Michael wirklich gesagt hatte."
Sabine Kehm

"Eher nur der zweite Vorteil des Mitschneidens war, dass ich jederzeit belegen konnte, was Michael wirklich gesagt hatte. Gerade weil er der mediale Mittelpunkt war und viele seiner Sätze und Ausdrücke auf die Goldwaage gelegt und eben auch zuweilen falsch zitiert wurden. Da konnte ich dann eingreifen."

Frage: "Vor jeder Saison gibt es in der Formel 1 bei allen Akteuren einen gewissen Grundoptimismus, aber wie war die Stimmung bei Michael vor seiner letzten Saison? Hat er wirklich daran geglaubt, dass das Jahr 2012 endlich der Durchbruch mit Mercedes gelingen kann?"
Kehm: "Man lässt sich ja über den Winter permanent updaten, wie die Windkanaldaten sind oder die ganzen Simulationsdaten. Und eigentlich waren die Daten recht ermutigend. Wir waren im letzten Winter schon in dem Glauben, dass mit dem Auto ein guter Schritt gemacht werden könnte. Die Ergebnisse der ersten Rennen bis Valencia haben das ja auch bestätigt."

Echte Freude über Rosbergs ersten Sieg

Frage: "Michael hat sich sehr für Mercedes engagiert und hatte zwei relativ erfolglose Jahre. Dann passiert Schanghai und Nico Rosberg gewinnt das erste Rennen für das Team. Natürlich hat Michael gesagt, dass er sich für das Team freut, aber es wäre für einen Sportler mehr als nachvollziehbar, wenn ihm das in einer kleinen Ecke seines Herzens auch ein bisschen wehgetan hat."
Kehm: "Man muss die Gesamtsituation sehen. Es war ja schon das dritte Jahr, davor die beiden Jahre waren recht mühsam und langwierig."

"Klar ist auch, dass er lieber das Rennen gewonnen hätte, das darf man offen sagen."
Sabine Kehm

"Daher hungerten alle im Team nach einem Erfolgserlebnis, und da war Michaels Freude für das ganze Team, dass endlich mal dieser Pflock gesetzt wurde, sehr genuin. Aber klar ist auch, dass er lieber das Rennen gewonnen hätte, das darf man offen sagen. Was schade war: dass es ziemlich sicher ein Doppelsieg geworden wäre, wenn dieser Fehler beim Boxenstopp nicht passiert wäre, denn das Auto war an diesem Wochenende einfach perfekt. Michael hätte zu dem Zeitpunkt auch der zweite Platz sehr gut getan."

Frage: "Was war denn im letzten Formel-1-Jahr der emotionale Höhepunkt?"
Kehm: "Wenn man es überhaupt so nennen möchte, war das die Pole in Monaco - eher als das Podium in Valencia. Gleichzeitig war es aber auch fast der emotionale Tiefpunkt, weil Michael diese Strafe hatte und dadurch die Pole nicht nutzen konnte."

Monaco: Chance auf den Sieg war da

"Wir wissen ja beide, was passiert, wenn man in Monaco von der Pole startet und so viel Erfahrung hat wie Michael, a) generell und b) in Monaco. Er hätte er das Rennen gewinnen können, wenn das Auto durchgehalten hätte. Dadurch war die Freude zwar groß, aber gleichzeitig extrem getrübt. Das Valencia-Podium war auch schön, aber weniger aus eigenen Mitteln herausgefahren. Darum war die Pole die größere Bestätigung."

Corinna Schumacher und Sabine Kehm
Sabine Kehm im Gespräch mit Corinna Schumacher, der anderen starken Frau
© xpb.cc

Frage: "Michael fuhr die letzten Jahre seiner Karriere für Mercedes, hatte aber seine größten Erfolge auf Ferrari. Wie groß war die Verbundenheit der Marke Mercedes gegenüber?"
Kehm: "Man kann diese Phasen nicht miteinander vergleichen - es sind andere Zeiten, andere Welten, andere Geschichten. Ferrari war eine ungewöhnlich lange und extrem erfolgreiche Zeit."

"Am Anfang war sie schwierig, was die Freude sogar noch erhöht hat. Wenn man das so drehen kann und daraus eine solche Erfolgsstory macht, mit gleichzeitig so viel Harmonie, dann ist das eine ganz außergewöhnliche Geschichte. Das war Michael immer bewusst, und die tiefe Bindung zu Ferrari wird immer bestehen bleiben."

"Gleichzeitig gab es aber auch immer eine Bindung zu Mercedes, einfach durch die frühen Jahre, seine Anfänge. Man darf nicht vergessen, wo Michael herkommt. Der erste bezahlte Vertrag, den er als Fahrer hatte, war mit Mercedes. Für jemanden, der aus doch recht schwierigen Verhältnissen stammt, war das ein wichtiger Meilenstein."

Geschichtsbücher: Eher Ferrari als Mercedes

Frage: "Glauben Sie, dass ihn die Motorsport-Geschichte in 15 Jahren trotzdem als Ferrari-Fahrer ausweisen wird?"
Kehm: "Ich bin überzeugt, dass man im Rückblick, historisch gesehen, hauptsächlich von Ferrari reden wird. Das war eine einmalige Sache. Das ist Teil der Motorsport-Geschichte, das kann man nicht wegreden. 14 Jahre Ferrari, elf Jahre als Fahrer - das ist schon allein von der Dauer wahnsinnig lang. Rekordergebnisse, Formel 1 in allen Wohnstuben - das war alles in Rot."

Sabine Kehm und Niki Lauda
Sabine Kehm im Gespräch mit Niki Lauda nach dessen Wechsel zu Mercedes
© xpbimages.com

"In den Mercedes-Jahren gab es leider keine Erfolge zu bejubeln. Aber wie gesagt: Die Mercedes-Verbindung ist ebenfalls sehr genuin und fußt eher auf den Anfängen. Das wiederum ist ein Stück deutscher Motorsport-Geschichte."

Frage: "Ein wichtiger Teil seiner Karriere ist auch der schwere Motorrad-Unfall in Cartagena. Waren Sie damals an der Strecke?"
Kehm: "Ich war damals nicht dabei, es war nur ein Test. Der erste Anruf war - wie so oft - von einem Journalisten. Der zweite Anruf war von unserem Physiotherapeuten, der dabei war."

Frage: "Sie hatten zu dem Zeitpunkt vermutlich schon eine engere freundschaftliche Beziehung zu Michael. Wenn man dann so einen Anruf erhält, hat man da Angst um einen Freund?"
Kehm: "Natürlich kriegt man da erstmal Angst, denn die Journalisten schildern es meist noch besorgniserregender, als es eh schon ist. Natürlich denkt man da: 'Um Gottes willen!'"

Große Angst beim vermeintlich letzten Rennen

"Ich muss auch ehrlich gestehen, dass ich bei Michaels letztem Ferrari-Rennen in Brasilien 2006 irgendwie Angst hatte, weil ich dachte: 'Mann, jetzt ist bis auf diesen einen Beinbruch alles so gut über die Bühne gegangen - hoffentlich passiert nichts mehr!' Das ist wie das Syndrom bei der letzten Abfahrt im Skifahren."

"Das war damals in Cartagena auch so. Ich hatte dann gleich die Verbindung zu unserem Physio und zu unserem Arzt, insofern war ich immer relativ gut auf dem Laufenden. Michael ist dann ja auch nach Hause geflogen, und ich dachte, dass es nicht so schlimm ist, wenn man ihn fliegen lässt."

Frage: "Wie sind denn in so einer Situation rein professionell die Abläufe, sprich worum hatten Sie sich zu kümmern, wen mussten Sie anrufen? Was waren Ihre ersten Handlungen, nachdem Sie davon wussten?"
Kehm: "In erster Linie versucht man, wenn man nicht vor Ort ist, sich schnellstmöglich und bestmöglich zu informieren. Ich habe mit Corinna telefoniert, mit dem Chef des Motorrad-Teams, mit unserem Physiotherapeuten und mit den Leuten von Schuberth, um mir selbst ein möglichst gutes Bild davon zu machen, was wirklich passiert ist, sodass man dann weiß, wie man nach draußen treten kann."

"Das Problem ist wirklich oft... Vielleicht kann ich es anders erklären: Vor vielen Jahren hatte Michael mal einen Unfall in Monza beim Test. Das war ein relativ schwerer Unfall auf einer Hochgeschwindigkeits-Strecke. Über eine Agentur wurde gemeldet: 'Michael Schumacher bei Testfahrten in Monza verunglückt.' Das war das Wort, das damals gewählt wurde, und das löste schlimmste Assoziationen und große Hektik aus."

Monza-Unfall 2004: Medien kaum zu bremsen

"Ich war bei diesem Test, und es war auch wirklich ein heftiger Abflug. Michael lag ein paar Minuten neben dem Auto und hat sich erstmal gesammelt. Aber dann wurde er zurückgebracht und saß hinter mir im Motorhome beim Essen. Er war völlig okay. Ich hatte aufgeregte Anrufe, wirklich aus der ganzen Welt, und alle meinten, dass sie ein TV-Team schicken würden für ihre Sondersendungen. Ich habe nur gesagt: 'Moment, es ist gar nicht so schlimm, wie es geschildert wird.'"

"Was ich damit sagen will: Oft wirkt es viel schlimmer, als es wirklich ist. Das meine ich nicht verharmlosend, sondern zur Beschreibung dessen, dass da so ein Aufgeregtheits-Ball ins Rollen kommt. Deswegen versucht man, wenn man selbst nicht vor Ort ist, sich zunächst mal ein realistisches Bild zu machen, um dann angemessen reagieren zu können - ich kann ja auch nicht so tun, als wäre gar nichts passiert. Und dann versucht man, die Aufregung ein bisschen zu bremsen."

"Ich habe auch noch in einer Zeit gearbeitet, als man zwar schon Handys hatte, aber noch nicht Twitter."
Sabine Kehm

Frage: "Wie lange dauert es denn bei solchen Unfällen zwischen dem Zeitpunkt des Unfalls und dem Zeitpunkt, an dem der erste Journalist bei Ihnen anruft? Nicht zuletzt durch das Internet, Twitter und Co. ist da ja alles rasend schnell geworden."
Kehm: "In letzter Zeit ist das wirklich extrem geworden. Ich habe auch noch in einer Zeit gearbeitet, als man zwar schon Handys hatte, aber noch nicht Twitter."

"In den Zeiten, in denen es Handys gab, würde ich sagen: Es dauerte vielleicht eine halbe Stunde. In Zeiten von Twitter und Facebook passiert das teilweise fast 1:1. Das macht es relativ schwierig, weil man ja erst selbst Informationen sammeln muss, aber gleichzeitig schon Anrufe bekommt. Man weiß dann nicht, was man den Leuten sagen kann, und die denken dann natürlich alle, dass man sie abledern will."

"Aber häufig hat das damit zu tun, dass man selbst noch gar keine komplette Übersicht und Kontrolle hat, um valide Sachen weiterzugeben. Die Journalisten sind da manchmal zu ungeduldig und verstehen oft nicht, dass man sich selbst erstmal auf einen professionellen Stand der Dinge bringen muss."

Der verlorene Fußballprofi?

Frage: "Ganz anderes Thema zum Schluss: Sie haben beschrieben, wie gut sich Michael auf verschiedene Dinge einstellen kann, und er hat ja teilweise in der dritten Schweizer Liga Fußball gespielt. Glauben Sie, dass er auch Fußballprofi werden hätte können?"
Kehm: "Dafür spielt er nicht gut genug Fußball, mit Verlaub. Er spielt supergut Fußball auf einem Amateurlevel, aber ein Fußballprofi? Nein."

"Alles, was Michael macht, macht er mit extrem viel Einsatz, mit extrem viel Akribie."
Sabine Kehm

"Klar, wenn er mit drei oder vier Jahren angefangen hätte, wie er das im Kart getan hat, dann vielleicht, aber da bin ich jetzt nicht Biomechaniker genug, um zu bewerten, ob diese Richtung möglich gewesen wäre. Sagen wir lieber so: Alles, was Michael macht - und das ist etwas, was ich sehr bewundernswert finde -, macht er mit extrem viel Einsatz, mit extrem viel Akribie. Gleichzeitig macht es ihm extrem viel Spaß, und durch diesen Spaß kommt dieses unglaubliche Interesse, das er dann entwickelt."

"Dann stellt er so viele gute Fragen, und durch diese Fragen kommt er schnell an den Kern der Dinge. Jemand, der sich so mit Themen auseinandersetzt, will und wird alles auf einem sehr hohen Level machen. Ich sehe es am Reining-Reiten, das er anfangs Corinna zuliebe ein paar Mal gemacht hat. Mittlerweile ist er richtig gut darin! Alles, was er macht, macht er mit diesem extremen Einsatz, diesem extremen Interesse und dieser hohen Intelligenz. Deswegen ist er darin auch gut."

Frage: "Noch eine allerletzte Frage: Wo werden Sie den Formel-1-Saisonauftakt 2013 verfolgen und werden Sie dann neben Michael sitzen?"
Kehm: "Das kann ich heute beim besten Willen noch nicht sagen."

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