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Leben aus dem Koffer, Schrauben aus der Kiste

15. April 2010 - 10:20 Uhr

Schanghai ist das letzte der vier Überseerennen am Saisonbeginn, die die Teams vor besondere logistische Herausforderungen stellen

Renault-Fabrik in Enstone
Workshop in Enstone: Formel-1-Logistik ist ein sehr komplexes Thema
© Renault

(Motorsport-Total.com) - Die Montageplätze in Enstone, an denen sonst im Wochenrhythmus die Formel-1-Boliden zerlegt und wieder aufgebaut werden, liegen schon ziemlich lange verlassen da - genauer gesagt seit fünf Wochen. Denn so lang dauert die Welttournee des Renault-Teams zu Beginn der diesjährigen Saison nun schon an. Das Tourleben zwischen Arabien, Australien und Asien klingt vielleicht nach Glamour und Abenteuer, ist aber vor allem eines: harte Arbeit. Die beiden Renault R30 ohne die gewohnte Werkstatteinrichtung in optimalem Zustand zu halten, ist eine echte Herausforderung. Wie gelingt es, die Hightech-Rennwagen sozusagen "aus dem Koffer" einsatzbereit zu machen?

Wichtigste Voraussetzung dafür ist zunächst einmal, dass die per Luftfracht zwischen den Kontinenten verschickten Container des Teams pünktlich an den Rennstrecken eintreffen. Während die eigentlichen Chassis tatsächlich ohne Zwischenhalt in Enstone nonstop unterwegs sind, geht ein beträchtlicher Teil der sonstigen Komponenten nach den Übersee-Grands-Prix zurück in den Workshop. Nach dem Lauf in Sepang belief sich diese Sendung auf über eine Tonne Luftfracht. Der Inhalt: Karosserieteile und Aufhängungskomponenten, die eine gründliche Überholung nötig hatten.

Prüfung der Komponenten in der Fabrik

"Alle wesentlichen Baugruppen der Autos haben einen definierten Konstruktions- und einen Wartungszyklus", erklärt James Allison, Technischer Direktor des Renault-Teams. "Wenn eine Komponente ihr Wartungsintervall erreicht hat, bauen wir sie aus und schicken sie zur Prüfung ins Werk. Wenn das bedeutet, sie ans andere Ende der Welt zu verfrachten, dann machen wir das eben. Das gilt beispielsweise für die aus Kohlefaser gefertigten Teile der Radaufhängungen, die nach jedem Grand Prix genau untersucht werden müssen, damit wir jede Schwachstelle und sich andeutende Schäden entdecken."

Diese Rücksendungen stellen oft genug eine ernste logistische Herausforderung dar. Wenn das Zeitfenster mit der regulären Luftfracht nicht reicht, nimmt nicht selten ein Teammitglied die Teile als Handgepäck auf einem Linienflug mit. Diese Lösung war zum Beispiel der einzige Weg, um zwischen den im Wochenabstand aufeinanderfolgenden Läufen in Australien und Malaysia die Komponenten innerhalb einer Woche nach Enstone zu schaffen, sie dort zu warten und wieder rechtzeitig nach Sepang auszufliegen.

Die Checks finden jedoch nicht bloß zuhause in Enstone statt. Bei jedem Rennen ist ein Experte für zerstörungsfreie Materialprüfung vor Ort, der ein kritisches Auge auf die betreffenden Teile wirft. "An vielen der Verbundstoff-Bauteile können wir durch Ultraschallprüfung etwaige Schwachstellen aufdecken", erklärt der Leitende Chefingenieur Alan Permane. "Wenn wir etwa einen neuen Frontflügel einsetzen, dann suchen wir mit dieser Technik an den kritischen Stellen nach Belastungsbrüchen. Das geschieht nach jeder Installationsrunde und nach jedem Run. Damit können wir weitgehend sicher sein, dass alles so gut hält, wie es soll."

Komplikationen mit dem Überrollbügel

Formel-1-Container
In solchen Containern wird das Material der Teams um die Welt geschickt
© xpb.cc

Zudem muss das Team auch in der Lage sein, mit unerwarteten Stolperfallen fertig zu werden. In Melbourne etwa war der Überrollbügel an Vitaly Petrovs Auto beschädigt worden, als das liegen gebliebene Auto mit dem Kran geborgen wurde. In solchen Fällen kann nur der heimatliche Workshop helfen. Das Konstruktionsteam in Enstone produzierte einen passenden Reparaturkit, der umgehend nach Sepang geflogen und rechtzeitig montiert wurde. Ohne die Fähigkeit, schnell zu reagieren, hätte Petrovs Start in Sepang auf der Kippe gestanden.

Während die meisten Komponenten also auch unter schwierigsten Bedingungen gewartet oder ausgetauscht werden, bleibt die optische Auffrischung der Fahrzeuge während der Überseerennen auf der Strecke. Lackierarbeiten werden in dieser Zeit als unnötiger Luxus gesehen, deshalb tragen beim China-Grand-Prix beide Renault R30 auch die eine oder andere Narbe von überstandenen Zweikämpfen - nichts Gravierendes, bloß ein paar abgesplitterte Lackstellen hier und da. Schon kommende Woche jedoch erhalten beide Boliden gleich nach ihrer Rückkehr nach England eine frische Farbschicht, um für den Start in die Europasaison auch äußerlich in Topform zu sein.

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