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Formel-1-Countdown 2008: Ferrari

11. März 2008 - 23:07 Uhr

Unsere Experten analysieren: Warum Weltmeister Kimi Räikkönen im zweiten Ferrari-Jahr Topfavorit ist und wie sie den F2008 einschätzen

Felipe Massa und Kimi Räikkönen
Ferraris neue Helden: Felipe Massa und Kimi Räikkönen mit ihrem Arbeitsgerät
© Ferrari

(Motorsport-Total.com) - Am 16. März beginnt mit dem Grand Prix von Australien in Melbourne die neue Formel-1-Saison. 'Motorsport-Total.com' veröffentlicht aus diesem Anlass jeden Tag einen Artikel aus der Countdown-Reihe - zu den fünf deutschen Stammfahrern und den elf Teams. Heute: Ferrari.

Das traditionsreichste Team im Grand-Prix-Sport - Ferrari ist als einziger Rennstall seit Beginn der Formel-1-Weltmeisterschaft im Jahr 1950 dabei - geht als erklärter Topfavorit in die neue Saison. Vor der Ära Michael Schumacher mussten die Italiener 21 Jahre auf einen WM-Triumph warten (seit Jody Scheckter 1979), aber nach dem Rücktritt des siebenfachen Champions holte Kimi Räikkönen die Krone gleich im ersten Jahr nach Maranello zurück.

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Hat es Räikkönen im zweiten Jahr noch leichter?

Ferraris WM-Jubel
Mit seinem WM-Titel ist Kimi Räikkönen in die Herzen der Ferraristi gefahren
© xpb.cc

Im Regelfall zählt der amtierende Weltmeister immer zu den Favoriten für die nächste Saison, und das ist auch bei Räikkönen so. Der finnische "Iceman" hatte 2007 eigentlich keine perfekten Voraussetzungen, weil er neu ins Team kam und mit seiner kühlen Art die südländischen Herzen in Italien nicht so sehr im Sturm erobern konnte wie der ebenfalls südländische Felipe Massa, aber er ist trotzdem Weltmeister geworden. Wer soll ihn also im zweiten Jahr bei Ferrari stoppen?

"Kimi wird es leichter haben, weil er sich etabliert hat im Team", glaubt 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer. "2007 hat er sich am Anfang ein bisschen schwer getan, weil das Team vielleicht ein bisschen mehr hinter Massa gestanden ist, der ja ein Zögling von Michael Schumacher ist. Die Todt-Connection darf man auch nicht vergessen. Das wird in diesem Jahr nicht mehr passieren - außer natürlich, ein voll motivierter Massa will beweisen, dass er zu Unrecht geschlagen wurde."

Todt-Connection? Zur Erklärung: Massa wird seit einigen Jahren von Nicolas Todt gemanagt, dem Sohn von Ex-Ferrari-Teamchef Jean Todt. Todt Sr. ist zwar aus der ersten Reihe zurückgetreten und in Maranello offiziell nur noch als Generaldirektor tätig (Rennleiter ist Stefano Domenicali), aber dass sein Einfluss deshalb geringer geworden ist, glaubt niemand. Nur: Todt Sr. ist natürlich weiterhin erfolgsorientiert - nur weil sein Sohn Massa managt, wird der nicht bevorzugt.

Jetzt lieben die Italiener auch Räikkönen

Kimi Räikkönen
Entschlossen: Kimi Räikkönen will seinen WM-Titel erfolgreich verteidigen
© Ferrari

"Kimi", ist auch unser zweiter Countdown-Experte, Sven Heidfeld, überzeugt, "wird aus dem Titel eine noch größere Motivation ziehen, denn man holt aus jedem Sieg etwas raus. Und er hat jetzt die italienischen Fans hinter sich. Viele von denen haben anfangs Felipe näher gestanden, weil der mit seiner brasilianischen Mentalität eher zu ihnen passt, aber das Land liebt natürlich den, der gewinnt. Kimi ist durch den Titel vielleicht nicht noch stärker geworden, aber ist er ist noch motivierter."

Räikkönen noch motivierter, Massa auch im Jahr eins nach Schumacher nicht die Nummer eins im Team, als er sich diesen Status unbedingt sichern wollte - besteht da die Gefahr, dass der sensible Brasilianer psychologisch einknicken könnte? "Es ist für den zweiten Mann immer schwierig. Wenn man sich mit der Situation dann abfindet, ist das natürlich schlecht - das wäre der Untergang", so Heidfeld. "Aber ich glaube, Felipe macht das nicht und geht motiviert in die Saison."

Massa und das Barrichello-Syndrom

Felipe Massa
Jahr der Entscheidung für Felipe Massa: Nur Nummer zwei oder doch ein Winner?
© Ferrari

Ein bisschen erinnert die Situation aber an seinen Landsmann Rubens Barrichello, der Schumacher 2000 anfangs auch noch zugesetzt, aber irgendwann resigniert hat. Daher vermutet Surer: "Ich wüsste nicht, warum Massa besser werden sollte. Seine Schwäche ist die Konstanz: An manchen Tagen ist er überragend, dann aber wieder nicht. Das war schon früher bei Sauber so - und es würde mich wundern, wenn er das jetzt ablegen könnte."

Wichtig wird für Massa der Saisonstart, denn wenn er von Anfang an das Nachsehen gegenüber Räikkönen hat, wird sich das Team möglicherweise früher hinter dem Finnen positionieren, als es umgekehrt der Fall wäre - Räikkönen hat den Bonus des Weltmeisters. Sollte Massa aber von Anfang an so mithalten, wie er es 2007 bis zur entscheidenden Nullrunde in Monza getan hat, dann könnte es in diesem Jahr mit ein bisschen Glück anders laufen.

All das ist aber momentan reine Spekulation. Keine Spekulation ist: Ferrari hat wieder ein Siegerauto! Der F2008 war vor allem bei den Wintertestfahrten in Bahrain, wo ansonsten nur Toyota anwesend war, mehr als beeindruckend, fuhr auch in Barcelona die beste Zeit des gesamten Winters. Dabei glauben viele Experten, dass die Stärke des Boliden weniger die eine schnelle Runde im Qualifying ist als vielmehr die Renndistanz.

F2008 vor allem im Renntrimm beeindruckend

Kimi Räikkönen
Beim Wintertest in Bahrain schockierte Ferrari die Konkurrenz in Europa
© Ferrari

Ex-Ferrari-Weltmeister Niki Lauda sieht die Roten zwar nicht mehr einsam in ihrer eigenen Liga fahren wie noch vor ein paar Wochen, aber er schätzt den Vorsprung im Renntrimm immer noch auf drei Zehntelsekunden pro Runde ein. Und auch die 'Motorsport-Total.com'-Experten sehen Räikkönen und Massa in der Favoritenrolle - gerade beim ersten Rennen am kommenden Wochenende, denn in Melbourne ist Ferrari schon im Vorjahr Kreise um alle anderen gefahren.

"Der Ferrari war vergangenes Jahr das überlegene Auto - man denke nur an das Saisonfinale in Interlagos", erinnert Surer an einige der Rennen, in denen McLaren-Mercedes nicht den Funken einer Chance hatte. "Es hat für sie nur ein paar Rennen gegeben, wo kleine Nuancen mit Reifen und Asphalt nicht zusammengepasst haben, aber das Auto an sich war überlegen. Wir sehen im Moment das, was wir schon beim letzten Rennen 2007 in Interlagos gesehen haben."

Damit ist auch die Befürchtung vom Tisch, wonach Ferrari nach den Umbruch nach der Schumacher-Ära nicht verkraftet haben könnte. Mit dem Deutschen verließ nämlich auch Strategiegenie Ross Brawn das Team, Stardesigner Rory Byrne trat deutlich kürzer und ist nur noch als Berater tätig - und sogar Teamchef Todt hat sich von der vordersten Front zurückgezogen. Aber der Plan, aus den eigenen Reihen neue Führungsfiguren hervorzubringen, ist voll aufgegangen.

Fließender Übergang in allen Bereichen

Stefano Domenicali, Luca di Montezemolo und Jean Todt
Hofübergabe: Stefano Domenicali mit Luca di Montezemolo und Jean Todt
© Ferrari

Todt hat sein Amt an Stefano Domenicali übergeben, der davor viele Jahre lang lernen konnte, welchen Job er einmal machen muss, und genau der gleiche Vorgang passierte auf Designebene mit Byrne und Aldo Costa. Strategisch hat nun Luca Baldisseri das Sagen - alles Leute, die nicht abgeworben, sondern selbst großgezogen wurden. Aber wer nur von den Besten lernt, der gehört irgendwann eben auch selbst dazu.

Insofern sieht es Surer auch nicht so, dass sich die neuen Leute jetzt erstmals voll beweisen müssen, weil sie 2007 noch von den Nachwehen der Schumacher-Ära zehren können - sondern er sieht gar keine Revolution in Maranello: "Ferrari arbeitet nur auf einer gesunden Basis weiter", analysiert er. "Auch das Auto ist ja nicht komplett neu, sondern es wurde nur feingetunt - zum Beispiel haben sie den Radstand um ein paar Millimeter kürzer gemacht. Aber sie haben nichts neu erfunden."

Schwächen ausgemerzt, Stärken beibehalten

Michael Schumacher
Michael Schumacher setzt sich nur noch gelegentlich zum Testen in den Ferrari
© xpb.cc

Das war auch gar nicht notwendig: Der Vorgänger des F2008, der F2007, war ohne Zweifel das beste Auto seiner Generation - mit einigen wenigen Schwächen. Diese wurden ausgemerzt. Der Radstand spielt dabei eine entscheidende Rolle: Für den F2007 wurde er massiv verlängert, was grundsätzlich goldrichtig war, aber auf langsamen Strecken wie zum Beispiel in Monaco war man gegen McLaren-Mercedes im Nachteil. Also ist man nun ein paar Millimeter zurückgegangen.

Heidfeld nickt zustimmend: "Insgesamt glaube ich, Ferrari ist sehr gut. Sie haben die Schwachstellen des vergangenen Jahres ausgemerzt und die Stärken weiter verfeinert. Sie haben einen kleinen Vorsprung, aber es sind wahrscheinlich drei Teams vorne", so die Analyse des Deutschen. Und: "Anmerken muss man natürlich noch, dass sie den Abgang von Michael Schumacher und anderen wichtigen Leuten gut verkraftet haben."

Die Achillesferse des F2008 war die Standfestigkeit. Zwar war der Ferrari mit einer Ausfallsrate von weniger als zehn Prozent das zweitzuverlässigste Auto der Saison, was die Zielankünfte betrifft, aber da sind ja die technischen Probleme im Training und Qualifying nicht eingerechnet. Dass Räikkönen und Massa auch in diesem Winter wieder einige Male stehen geblieben sind, ist der Strohhalm, an den sich die Konkurrenz am meisten klammert...

Saisonstatistik 2007:

Team:

Konstrukteurswertung: 1. (204 Punkte)
Siege: 9
Pole-Positions: 9
Schnellste Rennrunden: 12
Podestplätze: 22
Ausfallsrate: 8,824 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 3,882 (2.)
Bisherige Testkilometer 2008 mit neuem Auto: 13.358 (2.)

Kimi Räikkönen (Startnummer 1):

Fahrerwertung: 1. (110 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 3,529
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 11,765 Prozent (6.)
Bisherige Testkilometer 2008: 5.839 (4.)

Felipe Massa (Startnummer 2):

Fahrerwertung: 4. (94 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 4,235
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 5,882 Prozent (2.)
Bisherige Testkilometer 2008: 5.396 (10.)

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