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Indien: Der schlafende Formel-1-Riese erwacht

22. September 2007 - 09:59 Uhr

Karun Chandhok und Vijay Mallya sind die beiden Schlüsselnamen hinter dem indischen Formel-1-Boom, der gerade im Entstehen ist

Delhi Indien
Indien, der schlafende Riese der Formel 1, wacht langsam auf
© Joachim Holz/Fotolia

(Motorsport-Total.com) - Karun Chandhok ist vielleicht kein angehender Formel-1-Weltmeister, aber am vergangenen Wochenende in Spa-Francorchamps erreichte er mit dem Sieg beim GP2-Sprintrennen in Spa-Francorchamps den bisher größten und wichtigsten Erfolg seiner Karriere. Überhaupt entsteht in Indien gerade so etwas wie ein Formel-1-Boom.

Die vergangenen Tage waren für das asiatische Land in motorsportlicher Hinsicht die wichtigsten in der bisherigen Geschichte: Erst wurde mehr oder weniger offiziell bestätigt, dass ab 2010 ein Grand Prix in Delhi stattfinden wird, dann gab Geschäftsmann Vijay Mallya seinen Einstieg bei Spyker bekannt, wo er schon für 2008 ein Team Indien hochziehen will, und schlussendlich feierte noch Chandhok den GP2-Sieg in Belgien.

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Großes Interesse an Chandhoks Sieg

"Es war gigantisch", erklärte der 23-Jährige bei der Nachbetrachtung seiner Sternstunde. "Ich musste mein Telefon ausschalten, so schlimm war es. Das Interesse in Indien ist so groß, weil unser geplanter Grand Prix durch Mallyas Investment und meinen Sieg mehr Glaubwürdigkeit erhalten hat. Vor zwei Jahren hatten wir Narain (Karthikeyan; Anm. d. Red.) - schon damals gab es einen massiven Hype. Dann verschwand er, aber jetzt kommt er wieder."

Chandhok, übrigens der Sohn des Präsidenten des indischen Automobilverbandes FMSCI, Vicky Chandhok, wird ja derzeit als heißester indischer Anwärter auf ein Formel-1-Cockpit gehandelt. Zwar hat Mallya bereits signalisiert, dass 2008 noch kein Platz für seinen Landsmann sein wird - schon eher für Karthikeyan, aber auch das gilt als unwahrscheinlich -, aber dass er die GP2-Hoffnung mit 2009 im Hinterkopf genau beobachtet, daraus macht er keinen Hehl.

Natürlich wäre der Nachwuchspilot an so einem Angebot interessiert: "Man muss kein Wissenschaftler sein, um sich auszumalen, dass ich so eine Gelegenheit natürlich annehmen würde, aber die Formel 1 ist nicht so einfach wie man glaubt. Es gibt genug andere Leute, die sich um die Cockpits anstellen", so Chandhok. Allerdings hat er es wegen seiner Herkunft ein wenig einfacher als mancher Konkurrenzbewerber, schließlich wollen alle Sponsoren dabei sein, wenn der indische Markt explodiert.

TV bleibt eine große Baustelle

Vijay Mallya
Der Inder Vijay Mallya ist der neue Eigentümer des Formel-1-Teams Spyker
© xpb.cc

Momentan ist dies noch nicht der Fall, auch wenn die Anzeichen ermutigend sind. Aber man darf die Relationen nicht aus den Augen verlieren: Die Formel 1 wird nur über Satellit, nicht terrestrisch übertragen, so dass bei weitem nicht alle Haushalte mit TV-Anschluss auch Zugang zu den Übertragungen haben. Und davon, dass indische Sender für die Rechte an der Formel 1 viel Geld auf den Tisch legen, ist man noch meilenweit entfernt.

"Die TV-Sender zeigen lieber eine Wiederholung einer Cricketpartie von 1986 zwischen Indien und Australien als einen Grand Prix", erklärte Chandhok. "Das ist ein Problem. Aber sie wollen auch, dass man ihnen Geld dafür bezahlt, dass sie die Formel 1 übertragen. Sie sagen: 'Warum sollen wir dafür auch noch bezahlen?'" An dieser Einstellung konnten bisher auch Chandhok sen. und Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone nichts ändern.

Doch alle sind sich einig: Sobald Indien wieder einen Fahrer in der Königsklasse des Motorsports hat, wird sich so einiges ändern. Momentan stehen noch andere Sportarten im Vordergrund: "Cricket", so Chandhok jun., "ist bei uns so groß wie Fußball in England. Das ist der Ruin jeder anderen Sportart. Außerdem sehen vielleicht manche Leute die Rennen im Fernsehen, aber den Flug nach Bahrain oder Malaysia kann sich nur die Oberschicht leisten."

Junge Inder wollen wie "Schumi" sein

"Unsere Kids", fuhr er fort, "sehen Michael Schumacher - und alles, was sie wollen, ist in ein Kart steigen und einmal so zu sein wie er. Daher brauchen wir Leute, die in den Kartsport investieren. Nur so bekommen wir die Leute in den Motorsport." Denn ohne junge Kartfahrer, da ist sich Chandhok sicher, wird es auch in Zukunft keine indischen Rennfahrer geben, die für die Formel 1 in Frage kommen könnten - zumindest nicht auf breiter Basis, wie es in europäischen Ländern der Fall ist.

Karun Chandhok
Karun Chandhoks GP2-Sieg in Belgien löste eine Welle der Begeisterung aus
© xpb.cc

"Im Kartsport und den unteren Formelklassen ist die Infrastruktur bei uns sehr schlecht", argumentierte Chandhok. "Wir haben nur zwei Rennstrecken. Wenn ein 15-jähriges Kind in Delhi oder Bombay Rennen fahren will, muss es 2.200 Kilometer quer durch das Land fahren, um daran teilzunehmen - und wieder zurück. Das kann man von Schulkindern nicht erwarten. Geografisch gesehen sind wir so ein großes Land, das ist das Problem."

Dass sich die Formel 1 etwas einfallen lassen wird, um den indischen Markt über kurz oder lang zu erschließen, ist zu erwarten. Schließlich gilt Indien neben China als interessantester Wachstumsmarkt der Welt - mit einem Potenzial von 1,1 Milliarden Menschen und einem Bruttoinlandsprodukt von 630 Milliarden Euro. Bei solchen Zahlen schlackert nämlich selbst ein abgebrühter Milliardär wie Ecclestone noch mit den Ohren...