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Offener Brief: McLaren-Mercedes schlägt zurück

01. August 2007 - 20:52 Uhr

In einem Brief an den italienischen Automobilverband legt McLaren-Teamchef Ron Dennis erstmals seine Sicht der Spionageaffäre im Detail offen

Ron Dennis
Ron Dennis schließt sich nun auch den Briefeschreibern in der Formel 1 an
© xpb.cc

(Motorsport-Total.com) - Nach dem Freispruch des McLaren-Mercedes-Teams durch das World Council der FIA am vergangenen Donnerstag in Paris kam wieder frischer Wind in die Spionageaffäre um die Silberpfeile und Ferrari. Vor allem aus Italien mehrten sich die Stimmen, wonach das Urteil ungerecht sei und McLaren-Mercedes bestraft werden müsse.

In diesem Zusammenhang verfasste Luigi Macaluso, der Präsident des italienischen Automobilverbandes ACI-CSAI, einen Brief an FIA-Präsident Max Mosley, indem er - zusammengefasst gesagt - eine härtere Strafe für McLaren-Mercedes forderte. Es liege nämlich ein klarer Verstoß gegen Artikel 151c des International Sporting Codes vor. Mosley reagierte und kündigte eine Untersuchung in zweiter Instanz durch das internationale Berufungsgericht der FIA an.

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Dennis reagiert auf bisherigen Briefverkehr

McLaren reagierte auf diese Entwicklung zunächst mit einer Pressemitteilung, in der das Einschalten des Berufungsgerichts durch Mosley als Kleinbeigeben vor dem medialen Druck bezeichnet wurde. Nun veröffentlichte der Rennstall mit Sitz im britischen Woking außerdem einen auf heute datierten Brief von Teamchef Ron Dennis an Macaluso, in dem die gesamte Spionageaffäre erstmals detailliert aus Silberpfeil-Sicht dargestellt wird.

Dennis begann sein fünfseitiges Schreiben mit dem Hinweis, dass er es sehr bedaure, nicht die Gelegenheit gehabt zu haben, im Briefwechsel zwischen Macaluso und Mosley die McLaren-Seite einzubringen - die FIA hat den Schriftverkehr ohne sein Wissen veröffentlicht. Insofern ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der heutige Dennis-Brief auf der Internetseite von McLaren-Mercedes online gestellt wurde, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen.

Zunächst betonte Dennis neuerlich, sein Team habe in der laufenden Untersuchung mit der FIA und Ferrari "voll kooperiert", auch im Rahmen des Hearings vor dem World Council vergangene Woche. Anschließend ging er auf verschiedene Vorfälle ein, die zum Teil bereits bekannt sind, zum Teil zumindest für die breite Öffentlichkeit neues Wissen zur Spionageaffäre darstellen. Diese seine Darstellung beruhe erwiesenermaßen auf Fakten.

Beginn der Affäre im März 2007

Der erste solche Vorfall ist das Verpfeifen des Ferrari-Teams bei der FIA im März 2007, also zu Beginn der laufenden Weltmeisterschaft. Ferrari hatte sich bekanntlich darüber beschwert, dass vom eigenen Mitarbeiter Nigel Stepney Informationen über den flexiblen Unterboden des F2007 und über einen angeblich illegalen Heckflügelseparator zu McLaren-Chefdesigner Mike Coughlan getragen wurden. Dieser leitete die Informationen ans McLaren-Team weiter, dieses wiederum an die FIA.

"Im Interesse des Sports hat McLaren entschieden, nicht gegen das Resultat zu protestieren, auch wenn auf der Hand liegt, dass Ferrari einen illegalen Wettbewerbsvorteil hatte."
Ron Dennis

Während der Heckflügelseparator von der FIA als legal eingestuft wurde, wurde der Unterboden des Ferrari verboten. Dennis dazu: "Ferrari fuhr die Autos mit diesen illegalen Teilen beim Grand Prix von Australien, den sie gewonnen haben. Im Interesse des Sports hat McLaren entschieden, nicht gegen das Resultat zu protestieren, auch wenn auf der Hand liegt, dass Ferrari einen illegalen Wettbewerbsvorteil hatte."

"Ferrari zog den Unterboden erst zurück, als dieser von der FIA endgültig als illegal eingestuft wurde. Hätte Herr Stepney nicht die Aufmerksamkeit von McLaren auf dieses illegale Teil gezogen und McLaren folglich jene der FIA, hätte Grund zur Annahme bestanden, dass Ferrari mit einem illegalen Auto weitergemacht hätte", schilderte der 60-Jährige den Vorfall beim Australien-Grand-Prix, als Stepney erstmals zu Coughlan Kontakt aufnahm.

Dennis will Verpetzen fördern

Dass der Name Stepney in diesem Zusammenhang von McLaren nicht genannt wurde, habe nichts mit der Spionageaffäre zu tun, sondern mit sportlicher Integrität, so Dennis: "Er hat sich mit seinem Verpetzen angemessen und im Interesse des Sports verhalten. Kein Team kann von seinen Angestellten Stillschweigen erwarten, wenn diese vermuten - in diesem Fall zurecht -, dass ihr Arbeitgeber gegen die Regeln des Sports verstößt."

"Ich hielt es nicht für korrekt, den Namen des Verpetzers gegenüber Ferrari zu nennen, denn es kann nicht im Interesse der Formel 1 sein, dass die Teammitglieder das Gefühl haben, sie können nicht über illegale Aktivitäten sprechen, weil sie befürchten müssen, dass ihr Name dem Arbeitgeber genannt wird. Es ist im Interesse der Formel 1, dass Verpetzen ermutigt wird. Wenn die Angestellten befürchten, dass sie verraten werden, werden sie nicht verpetzen", schrieb der Brite.

McLaren habe zu jenem Zeitpunkt von Kontakten zwischen Coughlan und Stepney gewusst, Coughlan wurde jedoch von Teammanager Jonathan Neale aufgefordert, diese abzubrechen. Außerdem wurde etwas später eine Firewall installiert, damit Stepney keine E-Mails mehr an Coughlan schicken kann. Außerdem wurde Coughlan Ende April gebeten, Stepney in Barcelona persönlich zu sagen, er habe jedwede Kontaktaufnahme zu unterlassen.

Hausdurchsuchung bei Coughlan erfolgreich

Nach diesem Treffen zwischen Coughlan und Stepney hat McLaren laut Dennis bis zum Publikwerden der Spionagevorwürfe am 3. Juli nichts mehr von bedenklichen Kontakten gehört. Gleich am 3. Juli wurde von Ferrari bei Coughlan eine Hausdurchsuchung durchgeführt, bei der 780 Seiten Ferrari-Material auf zwei CD-Roms sichergestellt wurden. Bei einer Durchsuchung der McLaren-Fabrik in Woking wurde jedoch nichts gefunden.

"Herr Coughlan sagt, dass er die Dokumente in der Arbeit nicht verwendet hat und dass niemand sonst bei McLaren davon wusste, dass er sie in Besitz hatte."
Ron Dennis

Dennis gab in seinem Schreiben zu, dass der Informationsaustausch zwischen Coughlan und Stepney wie in den Medien dargestellt stattgefunden hat. Aber: "Herr Coughlan sagt, dass er die Dokumente in der Arbeit nicht verwendet hat und dass niemand sonst bei McLaren davon wusste, dass er sie in Besitz hatte." Ferrari habe "ohne gerechtfertigte Begründung" das Gegenteil behauptet, zum Teil über eine Schmutzkübelkampagne, für die die italienischen Medien mit Informationen gefüttert wurden.

Ungerechtfertigte Behauptungen von Ferrari

"Ferrari hat ohne gerechtfertigte Begründung behauptet", fuhr Dennis in seinem Schreiben fort, "dass anderen McLaren-Mitarbeitern bewusst war, was Herr Coughlan getan hatte, und dass die Dokumente von McLaren verwendet wurden. Ferrari hat keinerlei Beweise für diese falschen Behauptungen und konnte dem World Council auch keine Beweise vorlegen. Das World Council hat derartige Anschuldigungen daher zurecht zurückgewiesen."

Darüber hinaus ging Dennis auf zwei bekannt gewordene Zwischenfälle ein, in denen Coughlan "einzelne Seiten" des 780 Seiten starken Ferrari-Dossiers Neale und dem Ingenieur Graham Taylor gezeigt hat. Dies sei zwar tatsächlich passiert, aber weder Neale noch Taylor wussten über die Herkunft der ihnen gezeigten Skizzen Bescheid und schenkten diesen Vorfällen daher auch keine weitere Beachtung mehr.

Der McLaren-Teamchef betonte ferner, man habe ausreichend bewiesen - zur Zufriedenheit des World Councils -, dass keinerlei Ferrari-Elemente am McLaren-Mercedes MP4-22 zu finden seien. Dies könne er nach eingehenden Untersuchungen mit Bestimmtheit sagen. Vielmehr sei das Motiv des Informationstransfers wohl gewesen, dass Coughlan mit Stepney zu Honda wechseln wollte. Ein Treffen der beiden mit Honda-Teamchef Nick Fry hat bekanntlich Anfang Mai stattgefunden.

Ferrari hatte Gelegenheit zur Präsentation

Dennis wies in seinem Schreiben außerdem Macalusos Vorwurf zurück, wonach Ferrari vor dem World Council keine Gelegenheit gehabt hätte, die Ferrari-Seite zu präsentieren. Der FIA-Präsident habe den Ferrari-Anwälten im Gegenteil "einige Male" Gelegenheit dazu gegeben, inklusive eines Schlussplädoyers, dass protokollarisch gar nicht vorgesehen war, sondern das sich Ferrari per Einspruch erkämpfte.

"McLarens Reputation wurde durch inkorrekte Presseberichte aus Italien und grob irreführende Kommentare von Ferrari ungerechtfertigt in Mitleidenschaft gezogen."
Ron Dennis

Was ihn am meisten schmerzt: "McLarens Reputation wurde durch inkorrekte Presseberichte aus Italien und grob irreführende Kommentare von Ferrari ungerechtfertigt in Mitleidenschaft gezogen. (...) Wir glauben, dass die Ferrari-Pressemitteilungen, die Lecks in Richtung italienische Presse und die jüngsten Ereignisse dem Ansehen des Sports und dem von McLaren schaden. Die Weltmeisterschaft sollte auf der Strecke, nicht im Gerichtssaal oder in der Presse entschieden werden."

Ferner kündigte Dennis an, dass McLaren seine Sicht der Dinge natürlich auch beim Hearing des Berufungsgerichts der FIA vortragen wird, obwohl er diese zweite Instanz an und für sich für überflüssig hält: "Wir glauben fest daran, dass McLaren nichts Unrechtes getan hat. Es ist unser Glaube, dass sich die Gerechtigkeit durchsetzen und dass McLaren nicht bestraft wird", schrieb der 60-Jährige abschließend.

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