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Inga on Tour in der Türkei

21. August 2006 - 15:43 Uhr

'F1Total.com'-Reporterin Inga Stracke blickt auf den Großen Preis der Türkei, der am Wochenende zum erst zweiten Mal stattfinden wird

Inga Stracke
Die Formel-1-Premiere in der Türkei habe ich 2005 auch kulturell genossen
© F1Total.com

(Motorsport-Total.com) - Merhaba liebe Formel 1 Fans!

Ich liebe diese Stadt, auch wenn ich ganz ehrlich zugeben muss, dass ich vergangenes Jahr doch sehr skeptisch war, als es zum ersten Türkei-Grand-Prix ging. Doch die Herzlichkeit der Menschen, ihre Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft haben mich führwahr zum Istanbul-Fan gemacht!

In meinem kleinen - finanziell günstigen - und geografisch noch günstigeren Hotel in einer Seitenstraße am 'Taksim'-Platz wurde ich erst mal richtig freundlich begrüßt. Das Zimmer war zwar schlicht, aber mit kleinem Balkon und Blick auf den Bosporus - sensationell.

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Istanbul
Blick aus dem Hotelzimmer auf den Bosporus
© F1Total.com

Und dann die türkische Küche: wunderbar. Überall gibt es kleine Restaurants. Auch hier, die Kellner stets mit einem Lächeln. Bisweilen räumen sie auch mal die halbe Terrasse inklusive Pflanzen um, nur damit man noch einen gemütlichen Platz hat und gerne wieder kommt. Nur Döner-Buden? Von wegen! Jede Menge kleine, feine Vorspeisenteller machen das Abendessen zum Genuss!

Und damit der Premieren-Besuch eines des türkischen Restaurants nicht zur stundenlangen Menükarten-Lesaktion gerät, hier ein paar Tipps, super leckere Gerichte auf die ich mich freue: karides güvec (mit Käse überbackener Krabbentopf mit Pilzen und Tomaten), köfte (Hackfleischbällchen mit Beilage), lakerda (in Salz eingelegter Thunfisch), pacanga böregi (Blätterteigtaschen mit einer Füllung aus luftgetrocknetem Schinken), sigara böregi (das gleiche, aber mit Schafskäse und Petersilie gefüllt), und vieles mehr!

Istanbul
Na ja, so viel türkisches Eis wollte ich dann auch nicht probieren...
© F1Total.com

Nicht fehlen darf dazu natürlich der berühmt berüchtigte Raki (48-protzentiger Anisschnaps), den man einfach mit Wasser verdünnt. Aufgepasst: Nicht mit dem Wasser sparen, und am besten vor dem Schlafen gehen noch eine Kopfschmerztablette nehmen oder parat legen... ist besser.

Wem es vor der Nachtruhe aber noch nach einem Nachtisch gelüstet, dem sei Baklava - nicht mit der Pilotenhaube Balaclava zu verwechseln - empfohlen. Das ist hauchdünner, mit Pistazien oder Walnüssen gefüllter und in Zuckersirup getränkter Blätterteig und richtig gut! Dazu gibt's traditionell Mokka sade (ungezuckert), orta (mittelsüß) oder sekeri (süß).Tagsüber, quasi "auf die Hand" kann man überall in der Stadt große Sesamringe kaufen.

Ein weiteres Highlight sind die kleinen Bars auf den Hausdächern! Überall in der Stadt - man muss es nur wissen - befinden sich in den Dachgärten der Wohnhäuser kleine Bars (teilweise mit DJ), wo sich die "Locals" treffen, wo man als "Tourist" aber auch mit Freude willkommen geheißen wird.

Istanbul
Abends ist die Stimmung in Istanbul traumhaft schön
© F1Total.com

Mein Lieblingsclub ist das 'Shiva', ebenfalls in der Stadtmitte an der Fußgängerzone, eine Bar/Disco über mehrere Etagen, jede mit eigenem DJ und anderer Musikrichtung. Und oben auf dem Dach - gleichzeitig auch der Stimmungsgipfel - gibt's eine ziemlich coole Bar.

Herrlich auch: die kleinen Märkte in den Seitengassen. Man sollte es auf keinen Fall versäumen, sich ein "türkisches Auge" (Bonkuk) in irgendeiner Form mitzunehmen. Die Legende erzählt von der heiligen Fatma, die zu ihrer Zeit als einzige blaue Augen hatte, die von jedem mit vollem Neid bewundert wurden. Durch die bösen Blicke der Neider erblindete eines Ihrer Augen. Das "Blaue Auge", meist aus Glas als Anhänger, schützt seinen Besitzer, so heißt es, vor dem bösen Blick, der durch übel wollende Neid entsteht. Ach ja, und wer dachte, Teppich ist gleich Teppich, dem sei gesagt, ein Teppich ist geknüpft, die gewebte Variante heißt Kelim!

Sightseeing pur - damit kann man in Istanbul Tage und Wochen verbringen. 3.000 Moscheen, hunderte Paläste, Kirchen - alleine 131 Moscheen und über 200 andere Bauwerke stammen aus der Hand des Meisterarchitekten Sinan!

Eine Moschee in Istanbul
In Istanbul gibt es unzählig viele Moscheen
© F1Total.com

Istanbul hat heute drei Zentren. Das historische ist Sultanahmet, westlich des goldenen Horns: hier steht die Hagia Sophia (ursprünglich als Kirche gebaut, die vier Minarette wurden zu osmanischen Zeiten angebaut) und die blaue Moschee mit ihren sechs Minaretten. Der Topkapi Palast ist der Jahrhunderte alter Sultanssitz mit seinem sagenumwobenen Harem unweit davon, der große Basar, das Hippodrom, die unterirdischen Wasserzisternen - hier kann man gleich mal mehrere Tage einplanen...

Am meisten los ist im europäischen Teil östlich des goldenen Horns, zwischen 'Tünel'-Platz und 'Levent'. In der 'Istiklal Caddesi', der Fußgängerzone findet man praktisch alles: kleine Seitegassen mit "fliegenden Händlern", elegante Boutiquen, Eisdielen und eine nostalgische Zahnradbahn. Diese fährt die Steile Steigung zwischen Goldenem Horn und Tünel-Platz so rasch und gleichzeitig wackelig, dass mir vergangenes Jahr beim Aussteigen richtig schwindelig war...das könnte aber auch an unserem "freundlichen Reiseführer" gelegen haben, der so viel zu Stadt und Geschichte erzählte, dass ich kaum noch folgen konnte... Die besten Wohngegenden sind im asiatischen Teil, Üsküdar. Es ist das größte muslimische Viertel Istanbuls.

Istanbul
Der Trip mit der Fähre über den Bosporus lohnt sich
© F1Total.com

Wunderschön, ist es auch, einfach mal mit der Fähre über den Bosporus zu fahren. Ich habe das vergangenes Jahr auf dem Rückweg von der Rennstrecke mal gemacht und mir damit sicher auch ordentlich Zeit gespart. Der Stau auf der Brücke, die sozusagen das Nadelöhr auf dem Weg von Asien nach Europa und umgekehrt ist, ist legendär und einfach unglaublich! Wie es früher war mag man sich kaum vorstellen, die Hängebrücke wurde nämlich erst 1973 zum 50. Jahrestag der türkischen Republik gebaut!

Romanistische Legenden ranken sich um den Leanderturm auf einer kleinen Insel nahe der asiatischen Seite: nach türkischer Sage ließ ihn ein Sultan - leider ohne Erfolg - im 18 Jahrhundert bauen, um seine Tochter vor den Schlangenbissen zu retten, die ihr ein Wahrsager prophezeit hatte. In der griechischen Version ließ Hero den Turm im Andenken an ihren Liebhaber Leander bauen, der jeden Abend den Fluss zu ihr durchschwamm und dabei eines Abends ertrank...

130 Kilometer Istanbul, teils in Europa, teils in Asien: Moderne Shopping Malls neben jahrhundertealten Basaren, kunstvoll verzierte Tore, Discos und Mädels in Miniröcken neben Moscheen und schwarz verschleierten Frauen - ich glaube das ist eine weltweit einzigartiges Zusammenspiel zwischen Orient und Okzident, West und Ost. Griechen, Römer, Perser, Kreuzritter, Tartaren und Türken habe die Stadt im Laufe der Jahrhunderte erobert und geprägt.

Fußgängerzone von Istanbul
Der Großteil der türkischen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre
© F1Total.com

Noch Mitte der 60er-Jahre lebten hier nur 2,5 Millionen Menschen, heute sind es über 12 Millionen (60 Prozent unter 30!), und das Chaos muss man einfach mit Geduld ertragen! Wenn man von einem der sieben Hügel, auf denen Istanbul gebaut wurde, herunter schaut, fragt man sich schon, ob man gerade auf den Bosporus, das Maramameer oder das goldene Horn schaut!

Doch egal, wo man hinschaut, hier "schwitzt der Boden Geschichte": Am Goldenen Horn (auf der europäischen Seite) wurde die Stadt 700 v.C. als Siedlung Byzanz gegründet. 324 gründete dann der römische Kaiser Konstantin genau dort die Stadt "Konstantinopel", sozusagen als "neues Rom". 1471 wurde dann nach dem Sieg der Osmanen über das oströmische Reich aus Konstantinopel Istanbul. Übrigens: Für viele hier ist Istanbul die heimliche Hauptstadt, sie haben den Spruch geprägt: "das schönste an Ankara ist der abendliche Rückflug nach Istanbul..."

Noch ein Buchtipp: Der türkische Author Orhan Parmuk. Nicht einfach zu lesen, aber interessant, zum Beispiele die Geschichte(n) des Bosporus, und was sich wohl alles auf seinem Grund angesammelt hat...Verlorenes, Dinge die verschwinden mussten etc...

Und was ich mir vorgenommen habe: den ägyptischen Basar zu besuchen und vor allem, die Yeabatan Sarayi! Das sind die alten unterirdischen Wasserzisternen gegenüber der Hagia Sophia. Naja, wenn ich es schaffe, denn leider sind wir ja nicht zum Spaß hier...

So, also, ich freue mich auf die Istanbul-Woche - dieser Grand Prix ist wirklich eine Reise wert, weil man Sightseeing, wunderbar mit Formel 1 verbinden kann.

In diesem Sinne, auf Wiedersehen und bis bald, Allaha ismarladik, Yakinda görüsmek üzere

Eure Inga Stracke von der Strecke