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Briatore: "Wenn man nichts ändert, hört das Siegen auf"

22. Mai 2006 - 11:53 Uhr

Teamchef Flavio Briatore über Renaults Vision von einer billigeren Formel 1, die Fahrerkandidaten für kommende Saison und seine persönliche Zukunft

Flavio Briatore
Flavio Briatore könnte am Jahresende als Teamchef von Renault zurücktreten
© Renault

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Flavio, Renault hat sich in Barcelona über 2008 hinaus der Formel 1 verpflichtet. Wie wichtig war dieser Schritt?"
Flavio Briatore: "Dadurch wird die Botschaft vermittelt, dass Renault stark ist und in der Formel 1 bleibt. Das war wichtig für unsere Leute inner- und außerhalb des Unternehmens. Herr Ghosn hat seit seiner Ankunft im Vorjahr immer gesagt, dass wir in der Formel 1 bleiben werden, solange die Resultate in einem vertretbaren Verhältnis zum getätigten Investment sind. Es gab dennoch viele Gerüchte um unsere Zukunft. Daher war es wichtig, ein starkes Zeichen auszuschicken und zu zeigen, dass Renault engagiert ist."

Frage: "Du sprichst sehr offen über die Notwendigkeit, ab 2008 die Kosten zu senken. Kannst du deine Vision genauer erklären?"
Briatore: "Alle müssen kosteneffizienter werden. Ob das nun Honda, Toyota, Renault oder Ferrari ist - wir alle sind hier, um eine gute Show und ein Rennen zu bieten, nicht einen teuren Entwicklungskampf zwischen den einzelnen Herstellern. Ich denke, dass wir für weniger Geld eine Show bieten können, die genauso gut ist."

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Formel 1 ist 250 Mal teurer als die GP2

Frage: "Du redest viel über die Show und eine Senkung der Kosten. Warum glaubst du, dass das funktionieren würde?"
Briatore: "Ich schaue mir die Rennwochenenden an. Wir haben die Formel 1 und die GP2, die beide eine tolle Show bieten. Den schnellsten Fahrer in der GP2 trennen vielleicht sieben oder acht Sekunden pro Runde vom langsamsten in der Formel 1, aber ein Team gibt zwei Millionen Dollar aus, das andere eine halbe Milliarde. Da kann doch etwas nicht ganz stimmen, nicht wahr?"

"Wir müssen die Formel 1 auf andere Art und Weise betrachten."
Flavio Briatore

Frage: "Was wäre also die Lösung?"
Briatore: "Wir müssen die Formel 1 auf andere Art und Weise betrachten. Wir müssen uns um den Event kümmern, das Publikum respektieren und ihnen das Produkt geben, das sie sich wünschen - nicht das, von dem die Ingenieure denken, dass wir es haben sollten."

Frage: "Du sprichst von drastischen Kostensenkungen. Wo könnte man konkret sparen?"
Briatore: "Das große Thema hinsichtlich der Kosten ist die technische Seite des Sports. Es gibt Potenzial für eine drastische Senkung der Kosten im Motorenbereich, aber auch in anderen Bereichen wie zum Beispiel bei den Testfahrten. Die Leute scheinen aber nicht zu verstehen, dass uns die Zeit davonläuft. Wir reden und reden, aber die Regeln für 2008 stehen schon fest. Sie können nur noch mit einem einstimmigen Beschluss geändert werden, was anscheinend niemand begreifen will. Uns bleibt nur noch ein Monat, um die technische Situation auszusortieren."

Frage: "Natürlich wird darüber spekuliert, dass dein Drank zur Kostensenkung auch damit zusammenhängt, dass du von Renault unter Druck gesetzt wirst, dein Budget zu reduzieren..."
Briatore: "Renault möchte ein gesundes und konkurrenzfähiges Team. Es gibt diese Gerüchte, dass Renault kein Geld hat oder es nicht ausgeben will. Da muss man nur die Bilanz von Renault/Nissan in die Hand nehmen, denn dann sieht man, dass wir keine Geldprobleme haben. Das ist nicht das Thema. Was wir haben, ist eine Vision für die Formel 1: effizienter zu sein und die Resultate und das Investment in einem vernünftigen Verhältnis zu halten. Wir sehen keinen Sinn darin, mit einem Haufen Blankoschecks Formel 1 zu machen, sondern die Herausforderung ist, mit Effizienz zu gewinnen."

Frage: "Viele argumentieren, dass die Technologie auf einem hohen Niveau gehalten werden muss. Was sagst du dazu?"
Briatore: "Wenn sich jemand über eine Beschneidung der Technologie beschweren sollte, dann Renault. Wir gewinnen, haben also eine siegreiche Technologie. Warum sollten wir diesen Vorteil wegwerfen? All diese anderen Leute reden über Technologie, haben aber noch nie ein Rennen oder seit Jahren keinen WM-Titel mehr gewonnen. Tatsache ist, dass die Teams, die die Formel 1 in den vergangenen sechs Jahren dominiert haben, sich einig sind. Renault stimmt Ferrari zu, will die gleiche Show für geringere Kosten. Es ist eine einfache Vision: die Formel 1 zu einem Zentrum des Profits zu machen, nicht zu einem für Verluste."

Für Briatore ist die Show wichtiger als Technologie

Frage: "Es heißt, dass die Technologie ein fundamentaler Aspekt der Faszination der Formel 1 ist..."
Briatore: "Natürlich, das stimmt, aber auch mit geringeren Kosten werden wir immer noch ein hohes Level an Technologie haben. Aber was generiert wohl mehr Interesse: die Entwicklung einer Doppelkupplung, die wir vor der Öffentlichkeit verstecken, oder Sylvester Stallone vor allen TV-Kameras auf der Startaufstellung? Wir müssen die Menschen unterhalten und verstehen, dass die Formel 1 ein Event ist. Wir Hersteller sind hier, um unser Image zu pflegen und die Unternehmenskommunikation zu verbessern. Wir wollen neue Märkte erobern und Botschafter sein, um ein Produkt zu verkaufen. Ich denke, dass die Formel 1 langsam ihren Horizont erweitern muss und sich nicht nur um die Technologie Sorgen machen sollte."

"Ich muss sicherstellen, dass wir ein gesundes und konkurrenzfähiges Team für die Zukunft haben."
Flavio Briatore

Frage: "Hast du dich hinsichtlich deiner eigenen Zukunft schon entschieden?"
Briatore: "Das ist für mich momentan nicht relevant. Unabhängig davon, was ich in Zukunft machen werde, muss ich jetzt einen bestmöglichen Job für meinen derzeitigen Arbeitgeber, Renault, erledigen. Ich muss sicherstellen, dass wir ein gesundes und konkurrenzfähiges Team für die Zukunft haben. Das hat Priorität."

Frage: "Nächstes Jahr muss Renault ohne Fernando Alonso auskommen. Ist das ein großer Verlust?"
Briatore: "Natürlich, aber andererseits ist er jung, hat mit dem Team viel gewonnen und war immerhin fünf Jahre lang hier. Er wollte eine neue Herausforderung und frische Motivation. Wenn er mit mir gesprochen hätte, hätte ich ihm eine andere Empfehlung für seine Zukunft gegeben. Vielleicht ist es unterm Strich aber eine positive Veränderung für das Team, denn man rutscht in einen Zyklus hinein, aber wenn man nichts ändert, dann hört das Siegen irgendwann auf. Das ist Benetton vor zehn Jahren passiert, Ferrari im Vorjahr - und vielleicht wäre es Renault nicht anders ergangen. Jetzt haben wir eine neue Motivation für 2007: sicherzustellen, dass Renault McLaren und Alonso schlagen wird."

Frage: "Wann werdet ihr eure Fahrerkombination für 2007 bekannt geben?"
Briatore: "Die Situation ist unverändert. In unserem Auto könnten heutzutage drei oder vier Fahrer Rennen gewinnen: Michael Schumacher, Alonso, Räikkönen und Fisichella, der bewiesen hat, dass er Rennen gewinnen kann. Für die Zukunft gibt es auch Fahrer wie Hamilton oder Kovalainen, die Weltmeisterschaften gewinnen könnten. Unsere Aufgabe ist es, ein Auto zu haben, welches diese Fahrer anlockt. Dafür müssen wir schneller sein als die Konkurrenz. Darauf liegt unser Hauptaugenmerk - und im Moment machen wir unsere Sache gut."